Patricia - Teil 3

Patricia hatte nichts anzuziehen. In solchen Augenblicken wünschte sie sich, ein Junge zu sein. Jeans, Hemd, Jacke, Schuhe mussten nur sauber sein. Sie als Frau hingegen musste es zustande bringen, eine harmonische Komposition zu erschaffen, die angenehm für das Auge des Betrachters, aber nicht um einen Deut sexy sein würde. Einerseits trafen sie sich zu einer kleinen Feier, andererseits war der Anlass durchaus nicht erfreulich. Heute wollte sie keinen Männern imponieren, es genügte, wenn sie passabel aussah, sehr passabel allerdings.

   Sie entschied sich für dezente Blautöne, eine Satinhose und ein Oberteil mit dezentem Ausschnitt. Dazu eine beinahe unsichtbare Kette, das war alles. Der mannshohe Spiegel in ihrem Zimmer zeigte sich zufrieden mit ihr. Okay, so konnte sie unter Menschen gehen.

   Ihr nächster Weg führte ins Wohnzimmer, wo Annegret, ihre Mutter seit Stunden vor der Glotze saß. Gab es eine Zeit am Nachmittag, zu der keine Soap lief? Anscheinend nicht, denn sie verbrachte fast ihre gesamte Freizeit mit diesen Episodengeschichten. Nichts anderes schien sie zu kümmern, sie verbrachte ihr halbes Leben mit diesen Serien. Annegret wusste mehr über diese Kunstfiguren als über die Menschen im Real Live, was manchmal auch für ihre Tochter zu gelten schien.

   Patricias Mutter sah nicht vom Bildschirm, als sie eintrat.

   “Mum?”

   “Ja, Liebes?”

   “Hast du mein Handy gefunden?”

   Annegret sah in ihre Richtung und lächelte schief. “Oh, ich weiß nicht mehr, wohin ich es gelegt habe. Wo soll ich suchen?”

   Für einen Augenblick wusste Patricia nicht, was sie dazu sagen sollte. Immerhin hatte ihre Mutter das Teil verbummelt. Erst ihr eigenes, dann ihres. Wohin verschwanden die Dinge nur immer? Erst Annegrets Armbanduhr, jetzt beide Handys. Patricia schluckte einen Riesenbrocken hinunter uns warf einen Blick in die Runde. Eigentlich hatte sie jetzt keine Lust, auf allen Vieren herumzukrabbeln und unter den Sofas nachzusehen, aber es blieb ihr nicht über. Sie brauchte ihr Handy, ohne ging gar nichts. Während sie suchte, ließ sich Annegret nicht stören. Anstatt zu helfen, versorgte sie ihre Tochter mit den neuesten Neuigkeiten aus der wunderbaren Welt der Soaps. Werner hatte doch tatsächlich mit Hannah angebandelt, aber wahrscheinlich nur, um seinem Freund eins auszuwischen. Er war nicht mehr grün mit Günther und die beiden redeten ja schon seit einer Woche nicht mehr miteinander. Außerdem spann die Chefin wieder ein Komplott gegen die Heldin der Geschichte, was äußerst spannend war. Chefin hatte ein Auge auf ihren Freund geworfen und suchte nach einem Grund, sie aus dem Betrieb zu scheuchen. Die wackere Heldin aber machte unerwartet Überstunden, um den Schaden wieder gut zu machen, das arme Mädchen. Dabei glaubte sie wirklich, sie hätte etwas falsch gemacht, dabei war sie hintergangen worden. Hach, wie schrecklich diese Chefin war.

   In Wahrheit war die Chefin die gute Seele hinter den Kulissen, dass wusste Annegret aus einem der vielen Serienheftchen, die sie zur Nacht las. Ja, hinter den Kulissen lief aber auch nicht alles glatt. Sie hatte den Eindruck, der schwule Kellner sollte aus den Show gemobbt werden. Schon lag ein Drehbuch vor, nach dem er bei einem Autounfall ums Leben kommen sollte. Das gefiel Annegret überhaupt nicht. Lieber sollte man einen Liebhaber für ihn einbauen, das wäre doch süß. Er könnte sich natürlich auch in Markus verlieben, der nicht schwul war und Homosexuelle nicht ausstehen konnte. Die beiden könnten platonische Freunde werden Markus könnte seinen Homophobie überwinden. Annegret hatte selbst eine Idee für ein Drehbuch. Dabei würde der schwule Kellern Markus das Leben retten und die beiden würden dicke Freunde.

   “Wäre das nicht toll?” fragte sie.

   “Was?” Patricia sah gerade unter den beiden Sesseln nach. “Ich weiß nicht. Mich interessieren diese Geschichten nicht. Willst du nicht lieber mal wieder unter Leute gehen und eigene Freunde haben?”

   Annegret griff nach der Zigarettenschachtel und klopfte einen Stängel heraus. Sie entzündete ihn und sog gierig.

   “Was soll ich unter Leuten? Wie lange ist das nun her? Schon vier Jahre. Denkst du, er wird jemals zurückkommen?”

   Himmel, dachte Patricia. Nein, ihr Vater würde nicht zurückkommen. Er hatte sich ins Nirgendwo verdrückt, ohne weitere Angaben. Niemand wusste, wo er sich aufhielt. Vor vier Jahren verschwand er spurlos, schrieb noch einen letzten Brief aus Berlin. Er habe seine große Liebe gefunden und wollte mit seinem alten Leben abschließen. Einfach abgehauen war er und nachdem dies geschehen war, zog Annegret sich in diese Traumwelt zurück. Vier Jahre war sie nicht mehr vor der Tür gewesen, außer zum Arbeiten.

   “Verdammt noch mal!” entfuhr es Patricia.

   Sie stand auf und wedelte mit einer Rechnung, die sie unter einem Sessel gefunden hatte. “Die sollte doch schon längst beglichen sein.”

   “Was ist das?” fragte Annegret mit zusammengekniffenen Augen.

   “Das ist eine Mahnung, du weißt genau, was das ist.” Patricia klang wieder sehr streng. Immerzu bekamen sie Ärger, weil ihre Mutter nachlässig war. “Die werden uns anzeigen, wenn wir die Rechnung nicht sofort begleichen. Es ist schon die zweite Mahnung.” Sie legte das Blatt auf den Wohnzimmertisch. “Unterschreib es wenigstens, damit ich es einwerfen kann.”

   Annegret nickte schuldbewusst. Auch sie wollte nicht schon wieder vor dem Amtsgericht landen. Sie steckte die Hand zischen zwei Sofakissen und stocherte ein wenig. Da war doch etwas. Plötzlich zog sie Patricia Handy hervor.

   “Sieh an”, sagte Annegret und lächelte fröhlich.

   “Sieh an”, wiederholte Patricia und rupfte das Teil aus ihrer Hand.

   Annegret suchte weiter und fand einen abgekauten Kuli. Sie unterschrieb zittrig und überreichte den Schein ihrer Tochter.

   “Danke. Haben wir die Handwerker auch schon bezahlt?”

   “Ja.”

   “Sicher?”

   “Aber ja.”

   “Na wenigstens.”

   Patricia ging noch einmal die Liste in ihrem Kopf durch. Was konnte ihre Mutter sonst noch vergessen haben? Bis auf diese eine waren sämtliche Rechnungen beglichen.

   “Hast du den Wagen schon abgeholt? Der Mechaniker hat gestern angerufen.”  

   Annegret antwortete mit einem überraschten Augenausdruck.

   “Also nicht. Das müssen wir morgen unbedingt machen, sonst berechnen die uns noch was für den Stellplatz. Ab heute parken wir offiziell privat auf dem Betriebsgelände, das mögen die vielleicht nicht. Ich erinnere dich heut Abend noch einmal und morgen erledigen wir das dann.”

   “Ja, gut. Erinnere mich, das ist gut. Gehst du noch einkaufen? Ich brauche Shampoo. Orange-Mango, du weißt schon. Die anderen ziepen so.”

   Patricia stemmte die Fäuste in ihre Hüften. “Nein, ich gehe heute nicht mehr einkaufen. Einkaufen ist morgen. Ich treffe mich mit meinen Freunden im Blue Dream.”

   Annegret blinzelte. “Warst du nich eben schon mit deinen Freuden zusammen?”

   “Das war die Beerdigung, jetzt treffen wir uns und quatschen ein bisschen. Wir müssen das ganze erst mal verarbeiten.”

   “Oh, ja, die Beerdigung.” Annegret lächelte. “War es denn schön?”

   Schön? Was sollte dass denn heißen? Ferien waren schön oder Erdebeerkuchen. Schön, na ja.

   “Es war eine würdige Veranstaltung”, antwortete sie. “Freya hat eine sehr gute Rede gehalten und auch Torbens Vater. Danach hatte sie einen kleinen Nervenzusammenbruch, aber es geht wohl schon wieder.”

   “Oh, das kann ich mir gut vorstellen. Maike hatte einen Nervenzusammenbruch, als ihr Mann beerdigt wurde. Das war auch sehr anrührend. Tatsächlich aber ist ihr Mann gar nicht tot, er ist mit ihrer besten Freundin nach Amerika abgehauen. Sie wird es sicher bald herausfinden, er hat nämlich einen Brief im Büro liegen lassen.”

   Für einen Augenblick sah Patricia ihre Mutter an. Ihr fiel nichts mehr ein zu dieser Frau, sie wusste nich, was sie mit ihr anstellen sollte. Vielleicht half ein weiteres Gespräch, aber sie hatten schon so viele. Patricia würde mit ihr zu einem Therapeuten gehen, aber das wollte sie nicht. Als sie ihrer Mutter dies vorschlug, brach sie in Tränen aus und jammerte, sie wolle Vater zurück haben. Er würde nicht zurück kommen, warum fand sie sich damit nicht endlich ab? Patricia hatte ihren Erzeuger längst in den Wind geschrieben und sich darüber hinaus fest vorgenommen, niemals von einem Kerl abhängig zu sein, nicht finanziell und vor allem nicht emotional. An die große Liebe glaubte sie nur unter bestimmten Bedingungen. Sie würde einen anständigen Mann finden und ihn unter keinen Umständen heiraten, da er sich dann wahrscheinlich in ein Arschloch verwandeln würde. Sie wollte einen für immer, was sie nicht wollte, war, sklavisch gebunden zu sein. Ihre Liebe würde sie ihrem Kind schenken, denn sie wollte unbedingt eines. Nicht jetzt natürlich, aber irgendwann.

   Patricia löste den Blick von ihrer Mutter und seufzte.

   “Ich gehe mich schminken, dann verschwinde ich”, sagte sie, indem sie das Wohnzimmer verließ. Ihr Weg führte zurück ins Badezimmer. Ein Blick in den Spiegel verriet, dass sie nicht viel geschlafen hatte. Der Gedanke an die Beerdingung hatte sie erst spät in der Nacht zur Ruhe kommen lassen. Torben war vielleicht so ein Mann gewesen, mit dem man durchs Leben gehen würde. Freya glaubte daran und Patricia hielt es für möglich.

   Sie musste sich abschminken, bevor sie neu auflegte. Sie griff in den Behälter mit den Wattebauschen und begann. Patricia achtet stets darauf, ihr natürliche Schönheit zu unterstreichen und nichts künstlich oder übertrieben wirken zu lassen. Die meisten Mädchen benutzten entweder nur Wasser oder sie übertrieben es so sehr, dass es billig wirkte. Kriegsbemalung war definitiv Out. Sie wirkte nie billig. Auch nun verzichtet sie eher, als dass sie auftrug. Weniger war mehr, vor allem, wenn man niemanden kennen lernen wollte. Es sollte ein ruhiger Abend in einem netten Club werden. Sie würden plaudern und der alten Zeiten gedenken. Einmal mehr stiftete Torben die Gemeinschaft, das würden sie alle zu würdigen wissen. Ein Abend in seinem Namen und seinem Angedenken sollte es werden. Eigentlich war es ein Grund zur Trauer, trotzdem freute sie sich darauf. Man konnte sich keine besseren Freunde wünschen, dachte sie. Freya, Momo und Tom gehörten zu den einzigen Menschen, denen sie wirklich vertraute. Vertrauen bedeutete viel in ihrem Leben.

   Während sie neu auflegte, drang ein gurgelndes Geräusch aus dem Abfluss. Oh, nein. Die Handwerker waren doch gerade erst im Haus gewesen, es sollte alles in Ordnung sein. Das Geräusch wurde lauter, dann riss es plötzlich ab. Patricia beugte sich vor und sah in den Abfluss. Zum Glück roch es nicht verdächtig, das fehlte noch. Sie wartete jeden Augenblick darauf, dass Wasser nach oben spülte, aber nicht dergleichen geschah. Stattdessen erklang ein Geräusch, als würde Metall über Stein schaben. Stein oder Keramik. Das Geräusch schien aus dem Inneren des Becken zu kommen. Patricias Blick wanderte aufwärts zur Armatur. Der Wasserkran bewegte sich. Sie wich zurück und starrte das Teil an. Nicht nur der Kran bewegte sich, die ganze Installation samt Griff ruckte hin und her. Sie bewegte sich in der Keramikpassung. Fast schien es so, als rühre jemand an ihr, doch das war absolut ausgeschlossen. Was aber würde dieses Metallding sich bewegen lassen?

   Es knallte laut und Patricia entging dem Angriff nur um Haaresbreite, indem sie sich zur Seite drehte. Der Wasserdruck sprengte die Armatur aus der Fassung. Das Metallding flog in die Dusche und zersplitterte eine Kachel. Aus dem Loch im Becken spritzte es bis an die Decke. Patricia sprang zum Haupthahn und drehte diesen zu. Die Fontäne erstarb.

   Sie sah sich das Loch im Becken und das in der Kachel an. Dann hob sie eine Augenbraue und sagte etwas, das jeder andere an ihrer Stelle auch gesagt hätte: “Interessant.”

   Mist. Hatten die Handwerker irgendwie Mist gebaut, das war doch nicht normal. Konnte sich ein solch hoher Druck überhaupt aufbauen, dass es die Armatur aus der Fassung riss? Himmel, das durfte doch nicht wahr sein. Ob das die Hausratsversicherung abdeckte? Und würde ihr jemand glauben, was sich soeben zugetragen hatte? Das alles schien ihr doch mehr als unwahrscheinlich. Würden dann nicht ständig solche Dinge geschehen, wenn der Wasserdruck so hoch war? Kaum.

   Wieder erklang jenes gluggerndes Geräusch, doch diesmal hinter ihr. Auf dem Absatz fuhr sie herum und sah, wie Wasser durch den Abfluss in die Wanne strömte. Es kam so schnell, das die Wanne in wenigen Augenblicken überlaufen würde. Wieder langte sie nach dem Haupthahn, nur um zu finden, dass sie tatsächlich abgedreht hatte. Sie drehte mit aller Kraft, aber weiter ging es nicht. Das Wasser derweil quoll weiter hervor und das so schnell, als hielte jemand 20 Gartenschläuche in die Wanne. Patricia riss die Augen auf. Das würde eine
Katastrophe geben.

   Da das Wasser nicht auf diese Weise gestoppt werden konnte, musst der Haupthahn im Keller abgedreht werden. Sie musste den Hausmeister alarmieren. Gut das ihr Handy eben wieder aufgetaucht war. Sie holte die Nummer aus dem Speicher und wählte sie. Als sie die Tasten drückte, geschah etwas wirklich Erstaunliches. Eine Bodenkachel begann zu wackeln. Sie bewegte sie um einen Zentimeter aufwärts, dann wurde sie durch einen feinen Wasserstrahl in mehrere Teile zerrissen. Der Strahl schoss senkrecht aufwärts und zerfetze Patricias Handy. Das Handy schien regelrecht zu platzen, mit solch hohem Druck durchschlug der Strahl das Teil. Für einen Moment regnete es Metall- und Plastikteile. Patricia wich einen Schritt zurück und starrte auf die zerstört Kachel zu ihren Füßen. Eine weitere Kachel begann zu zittern, diesmal die, auf der sie stand. Sie hüpfte rückwärts und stieß mit dem Rücken gegen das Fenster. Ein zweiter Wasserstrahl schoss in die Höhe und ließ Mörtel aus der Decke rieseln. Staub breitete sich im ganzen Badezimmer aus.

   Auf der gegenüber liegenden Seite neben der Tür platzte die Tapete auf und ein dritter nadelfeiner Strahl schoss quer durch den Raum. Einen Augenblick darauf trat fünf Zentimeter daneben noch ein Strahl heraus und dann noch einer. Es wurden immer mehr und sie kamen immer näher. Patricia glaubte nicht, was hier vor sich ging. Es konnte einfach nicht wahr sein.

   Der Heißwasserboiler riss es aus den Dübeln. Der Plastikkasten flog in hohem Bogen an Patricias Gesicht vorbei und krachte gegen die Wand. Das verdammte Teil landete auf ihren Füßen, aber sie schrie nicht. Die Schmerzen waren nicht so schlimm, außerdem würde nur ein Weichei schreien.

   Nun aber schoss ein dicker Wasserstrahl aus der Wand, an der eben noch der Boiler hing. Der Strahl trat mit ungeheuerem Druck hervor und explodierte auf der anderen Wand. Es spritzte in alle Richtungen und die vielen feinen Tröpfen verbreiteten sich durch das ganze Badezimmer. Wie dichter Nebel füllten sie den Raum, Patricia atmete sie. Während dies geschah, platzten immer neue, nadelfeine Strahlen aus der Wand. Es wurden immer mehr, indem sie langsam näher kamen.

   Patricia begab sich auf die Knie, um unter den feinen Strahlen hindurchzukrabbeln. Dies gelang problemlos, doch in der Mitte des Badezimmers schoss das Wasser aus der Leitung im Boden. Sie machte sich ganz schmal und krabbelte daran vorbei. Immer weiter ging es, bis sie schließlich die Tür erreichte. Ihre Hand tastete hinauf zur Klinke, dann zog sie sie auf. Auf diese weise rettete sie sich in die Diele. Dort erhob sie sich und starrte ins Badezimmer zurück. Die Wasserstrahlen waren verschwunden, nichts regte sich mehr. Patricia atmete heftig, indem sie gegen die Wand lehnte.

   In diesem Augenblick kam Annegret hinzu. Sie wunderte sich über den Lärm. Nach einem Blick auf das Schlachtfeld erschrak sie. Oh, Himmel. Was war denn hier geschehen?

   “An deiner Stelle würde ich das Bad jetzt nicht betreten”, sagte Patricia.

   Die Türklocke ging. Es war Freya, die sich Sorgen machte. Ihr Verdacht also bestätigte
sich, Patricia schwebte in Gefahr. Nun schien alles in Ordnung zu sein, doch das Bad sah schrecklich aus. Dreimal vergewisserte sich Freya, ob mit Patricia alles in Ordnung sei, doch die hatte sich nicht einmal richtig aufgeregt. Sie war die kühle Blonde. Patricia wunderte sich nur darüber, das Leitungen aus Metall durch Wasser durchlöchert werden konnten. Genau genommen hielt sie es für unmöglich. Selbstverständlich konnten sie an bestimmten Stellen durchgerostet sein, doch nicht an so vielen gleichzeitig. Außerdem würde sie annehmen, dass es durch ein Leck nur tropfen sollte und nicht derart spritzen. Das Ganze schien ihr mehr als merkwürdig.

   “Was ist nur geschehen?” fragte Freya.

   “Ich weiß auch nicht so recht.” Patricia zuckte die Schultern. “Vielleicht ist der Geist
des Wasser wütend auf mich.”

   “Geist des Wassers?” wiederholte Freya. “Meinst du das wirklich?”

   Patricia warf ihr einen schmalen Blick zu. Natürlich glaubte sie das nicht. Sie glaubte, was sie sah, nicht mehr und nicht weniger. Selbstverständlich gab es keine Geister, nicht in diesem Haus und nirgendwo. Für einen Augenblick machte es den Anschein, als hätte das Wasser seinen eigenen Willen, aber eben nur für einen Augenblick. Der Mensch war ein sinnsuchendes Wesen, also versuchte er, allem eine Absicht zu unterstellen. Patricia würde sich nicht auf irgendwelche mystische Spekulationen einlassen. Trotzdem war es mehr als nur unwahrscheinlich, dass einem der Heißwasserboiler entgegenkam, weil vielleicht etwas Überdruck in den Rohren herrschte.

   “Müssen wir jetzt die Handwerker rufen?” fragte Annegret in die Stille.

   Freya und Patricia warfen sich eine bestimmten Blick zu.

   “Ja, Mutter, das müssen wir wohl.”

   “Dann ziehe ich mich schnell um, man will ja keinen schlechten Eindruck machen.”

   Mit diesen Worten verschwand sie in ihrem Schlafzimmer. Nachdem die Tür sich geschlossen
hatte, verdrehte Patricia die Augen. Freya wollte etwas sagen, doch Pattie brachte sie mit der erhobenen Hand zum Schweigen.

   “Komm bloß nicht auf die Idee, unsere kleine Feier abzusagen. Ich werde heute Abend, also in wenigen Minuten Spaß haben und zwar viel Spaß. Das hier…” Sie nickte ins Badezimmer. “…hat sich erst einmal nicht zugetragen. Klar? Wir werden Spaß haben und uns entspannen. Wir trinken und wir rauchen und wir machen uns keine Gedanken. Ich rufe jetzt den Hausmeister an und erkläre ihm, was geschehen ist. Er wird es mir nicht glauben, deshalb erkläre ich es ihm noch mal. Danach wird er irgendeinen Notdienst anrufen und dann haben wir eben die Handwerker im Haus.”

   Sie tat, was sie sagte. Zuerst rief sie den Hausmeister über das Festnetz an und nachdem er gekommen war, um sich den ‘kleinen Wasserschaden’ anzuschauen, erklärte sie ihm zweimal, was sich zugetragen hatte. Der guter Mann glaubte es tatsächlich nicht, aber als er den Zustand des Bades sah, zog er die Stirn kraus. Es sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Kacheln waren aufgeplatzt und der Boiler lag neben dem Becken. Sehen heißt glauben, also tat er seinen Teil. Der Hausmeister versprach, dass gleich morgen die Handwerker kämen, um die Rohre zu begutachten. Heute jedenfalls konnten sie das Bad nicht mehr benutzen.

   Unglaublich, sagte er. So etwas hätte er in seinen 23 Jahren als Hausmeister noch nie gesehen. Ja, unglaublich.

31.8.10 13:46

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen