Krimi - Teil4

Sie betraten den hell erleuchteten Konsumtempel. Zwischen Glasvitrinen und Regalen tummelten sich Kaufwütige jeden Alters. Die drei fuhren in die zweite Etage und beschlagnahmten eine Umkleidekabine für eine Dreiviertelstunde. Ohne Unterlass und mit wachsender Begeisterung baggerten Nadine und Vibke Hosen, Hemden, Pullover und Schuhe heran. Viggo verrichtete Schwerstarbeit. Wegen seiner Farbblindheit konnte er über die Komposition der Kleidungsstücke nicht recht entscheiden, also überließ er alles den beiden. Vibke kommentierte seine gefühlten 137536 probierten Outfits mit ‘schreckliöses Hemd’ , ‘öntsötzliche Schuhe’ oder ‘terriöser Pullover’. Nach einer halben oder vielleicht doch einer dreiviertel Ewigkeit waren die beiden zufrieden und er völlig erledigt. Wie hielten Frauen das nur aus, fragte er sich.

Mit ganz und gar nicht jetihafter Kleidung verließ ein neu gemachter Mann die Galeria. Viggo empfand, dass dies seine ersten Schritte in ein neues Leben waren. Er fühlte sich auf eine ganz andere Weise frei.

Der Prediger verabschiedete sie mit giftigen Kommentaren über die Frevler des Glaubens, als sie das Kaufhaus verließen.

Die Fahrt durch die Karlsstadt geriet zur Party. Vibke drehte das Radio laut, und alle sangen zu ‘Life is Life’. Sie kurbelten die Fenster herunter und ließen den belebenden Frühlingsatem herein. Einige Passanten drehten sich nach den dreien um. Sie lachten und hatte Spaß. Nach einer Weile fragte Viggo an Vibke gewandt:

“Was würdest du tun, wenn du ein Vogel wärst?”

“Ich würde über allem fliegen und alles vergessen.”

“Was würdest du vergessen wollen?”

“All die fiesen Sachen.”

Viggo kramte in seinem Seesack. “Wusstest du, dass Fische fliegen?”

“Fische fliegen doch nicht”, meinte Vibke. “Sie schwimmen.”

“Nein”, erwiderte Viggo. “Menschen schwimmen. Fischen fliegen durchs Wasser.”

Er angelte den Glasstein heraus und legte ihn in Vibkes Hände.

“Für mich?”

“Für dich.”

“In echt?”

“In echt.”

“Danke.”

“Gerne. Es ist ein Schmetterlingsfisch. Diese Fischen haben ein Erinnerungs-
vermögen von nur drei Sekunden.”

“In echt?”

“In echt. In völlig echt.”

Nadine parkte den Wagen vor einem dreistöckigen Wohnhaus. Als sie ausstiegen, überkam Viggo ein starkes Dejà vu. Tatsächlich war ihm diese Gegend gänzlich unbekannt. War dies eine Erinnerung aus seinem alten Leben? Es fiel ihm schwer, das zu glauben.

Sie stiegen die wurmstichige Holztreppe mit dem wackeligen Geländer hinauf und betraten eine aparte vier Zimmer Wohnung. Apart war das richtige und unrichtige Wort, dachte Viggo. Das Wohnzimmer war apart arrangiert und roch ganz unapart wie ein kalter Ascher. Auf dem aparten Teppich gab es unaparte Brandflecken. Desgleichen hatten Zigarettenkippen Spuren auf der aparten Sitzgruppe hinterlassen. Auf dem aparten Glastisch stand wiederum unapart eine halbvolle Wodkaflasche. Die freundlichen großen Fenster waren unfreundlich verhangen. Es
gab eine Regalwand mit einer teuer aussehenden HiFi-Anlage und großen Boxen, die aber ansonsten fast leer war. Viggo wurde kalt. Nadine steckte sich die nächste Camel an und ging Richtung Küche. “Kakao?” fragte sie. Eine lange und eine kurze Nase nickten. Nadine fischte drei Tassen aus dem Geschirrstapel in der Spüle und wusch sie mit den Händen unter kaltem Wasser aus. Dann setzte sie die Milch auf. Vibke unterdessen rannte auf ihr Zimmer und kam mit einem verschnürten Schuhkarton zurück. In ihm befanden sich kindliche Fragmente erblühender und gestorbener Träume: Vogelfedern, Sammelbilder japanischer Vogelzeichnungen, die kunstvolle Zinkminiatur eines Trauerschnäppers, Klicker und ein Dixi-Bildband über Pferde. Behutsam legte sie den Schmetterlingsfisch zu ihrer Sammlung.

Sie tranken ihren Instantkakao und sprachen über all die verrückten Dinge, die sie als Vögel tun würden. Über den Wolken fliegen und Sonne tanken, Möwen rupfen, Bonzen auf ihre Wohlstandskarossen scheißen oder einfach über allem stehen. Am besten auf der Spitze des Rheinturms. Von dort mussten die Menschen wie Stecknadelköpfe und die Autos wie Streichholzschachteln aussehen. Als Fische hingegen würde Viggo Korallengärtner sein wollen. Nadine würde im Fahrtwasser der Titanic schwimmen und Vibke würde auf keinen Fall Würmer essen. Auf gar keinen Fall! Gegen halb acht war das Thema restlos ausgereizt und Viggo verschwand im Badezimmer. Ein japanisches Onsen Bad sollte gegen den Jetigeruch helfen. Es war sein erstes Bad seit eineinhalb Jahren. Nach dreißig Minuten stieg er aus der fettigen Brühe und trocknete sich ab. Er hatte das Gefühl, seine alte Haut in der Wanne abgewaschen zu haben. Er schlüpfte in seine neue Haut und sah lange in den Spiegel. Wer war dieser Mann, der ihn da anblickte? Wozu war er fähig, was wollte er? Wofür würde er Leben? Bisher hatte er im Dunkeln herumgestochert, war einen Pfad ohne Ziel gegangen. Nun aber konnte er eine Figur aus dem Marmor hauen, die vielleicht bereits existierte. Würde er sich finden oder erfinden müssen? Vielleicht beides?

Er strich sein Haar glatt und fand trotz intensiver Suche keine grauen Strähnen. Bei dem Gedanken an seine neu entdeckte Eitelkeit musste er lächeln.

Viggo kehrte ins Wohnzimmer zurück. Vibke lag bäuchlings und mit aufgestellten und überkreuzten Unterschenkeln vor der Glotze und sah dem plapperndem Schwammkopf zu. Ihre Mutter saß rauchend auf dem Sofa und führte die Wodkaflasche an die Lippen. Sie sah abwesend aus.

“Wie lange geht das schon so?” fragte er.

Nadine sah ihn verwirrt an, dann verstand sie. “Seit dieser kaputte Typ alles zerstört hat.”

“Der Mann vom Bahnhofsparkplatz?”

Sie nickte. “Zu Beginn hat er mich auf Rosen gebettet, wie man so sagt.”

“Ein altes Lied.”

“Ich glaube, er ist daran zerbrochen, dass ich ihn nicht brauchte, sondern wollte. Er hatte nie Macht über mich, verstehst du? Er brauchte mich, und ich wollte ihn. Bin ich etwa schuld? Er hasst mich, weil er mich braucht, aber nicht kontrollieren kann. Nach der Scheidung trank er noch mehr und ist, soweit ich weiß, regelrecht im Dreck versunken. Er lebt nur noch für den Alkohol und für gelegentliche Abstecher ins Bordell.”

“Es ist gut, von jemandem gewollt zu werden, der einen nicht braucht”, sagte Viggo.

“Jörn hatte Angst vor dem Alleinesein. Jetzt ist er es. Ich habe ihn an dem Tag vor die Tür gesetzt, an dem er sich das einzige Mal an der Kleinen vergriffen hat. Seitdem gibt es einen Feind in unserem Leben.”

“Das allein ist aber nicht der Grund für Bruder Jack Daniels.”

“Nein, es gibt noch einen anderen. Ich bin niemals irgendwo angekommen.”

“Nicht angekommen? Vielleicht gehst du in die falsche Richtung?”

“Ich gehe nirgendwo mehr hin. Ich habe keine Kraft mehr.” Sie beförderte den Rest der Flasche in ihren Schlund. Als die Türklingel ging, zuckte sie zusammen. Vibke verdrehte die Augen und klemmte den Schuhkarton unter den Arm. Sie warf Viggo einen beleidigten Blick zu und verschwand wortlos auf ihr Zimmer.

“Ich fürchte, du musst jetzt gehen, Viggo”, sagte Nadine und zerquetschte die Kippe im Aschenbecher. “Ich muss arbeiten. Wenn du möchtest, kannst du nachher wiederkommen. In einer halben Stunde. Du kannst auf dem Sofa übernachten.”

Er lächelte. “Setzt du so viel Vertrauen in einen Fremden?”

“In diesem Fall schon.”

Viggo erhob sich und ging zur Wohnungstür. Er zog sie auf und sah einen älteren Herrn im maßgeschneiderten Anzug. Er reichte Viggo bis zur Schulter, hatte eine glänzende Dreiviertelglatze und buschige Augenbrauen. Ein Schlips in schwarz-rot-gold rundete das Bild ab. Sie grüßten sich, einer knapper als der andere.

“Hallo H.”, sagte Nadine und lächelte den Biedermann an. Ihr Blick war schal. Er trat ein und die Tür fiel ins Schloss. Viggo stand allein im Treppenhaus und atmete die staubige Luft. Er stieg die knarzenden Stufen hinab und trat vor´s Haus. Leichter Nieselregen setzte ein und versah Auto und Asphalt mit einem Film in dem sich das silberne Licht der Laternen spiegelte. Er schloss seine Augen und hielt die Tränen zurück. Was würde aus einem Mädchen wie Vibke werden? Würde sie dem Sog, den ihre Mutter erzeugte, entkommen können? Warum hatte ihn das Schicksal nur ausgerechnet an dieses Ufer gespült?

Eine Faust explodierte in Viggos Gesicht. Er taumelte seitwärts und ging beinahe zu Boden. Vor ihm stand eine Frau in Nadines Alter. Sie atmete schwer, war offenkundig außer sich. Blanker Hass stierte aus ihrem Blick.

“Was sollte das?” stöhnte Viggo und hielt sich die blutende Nase.

Die Frau griff ihm an die Kehle und presste ihn gegen den kalten Stein der Häuserfassade. “Wenn es etwas gibt, das Nadine jetzt nicht gebrauchen kann, dann ist das ein Mann, der ihn den Rest ihrer Lebenskraft aussaugt, Freundchen”, zischte sie. “Ich rate dir also, dich aus ihrem Leben herauszuhalten. Mach es wie die Stinktiere - verdufte!”

“Sie missverstehen das vollkommen”, würgte er. “Ich bin nicht ihr Freund.”
“Es ist mir gleich, wer du bist. Sie hatte genug Ärger mit euch Typen. Sie braucht dich nicht. Sie vögelt dieses andere Monster, um ihre Tochter durchzubringen. Noch einen Kerl verkraftet sie nicht.”

Viggo tastete unter ihre Hand und löste den Griff etwas. “Ich habe eher den Eindruck, dass ich ihr helfe.”

“Am Anfang ist das immer so, aber dann lasst ihr Schweine eure Maske fallen. Nadine braucht keine Hilfe von einem sprechenden Vibrator”, grunzte sie. “Wenn ich dich noch einmal hier erwische, dann trete ich dir die Eier in deine
Eingeweide.” Damit ließ sie ihn los.

Nachbarn sind etwas wunderbares, dachte Viggo, als sie im Haus verschwand. Er rieb sich die Kehle. Merkwürdigerweise war ihm der Gedanke peinlich, möglicherweise beobachtet worden zu sein. Keine Schwäche zeigen zu wollen, schien eine seiner Schwächen zu sein. Er griff nach seinem Seesack und überquerte die Straße. An der nächsten Ecke gab es eine Pizzeria. Mit dem Gedanken an eine baldige Unterstützung durch das Sozialamt betrat er den gedrungenen Laden und bestellte eine Pizza Artichocci. Er musste die Bestellung zweimal wiederholen, so sehr zitterte seine Stimme. Er war kein Freund von Gewalttätigkeiten, aber dass ihm nach einem solchen Erlebnis die Knie zittern würden, damit hatte er nicht gerechnet. Wahrscheinlich hatte er nicht das Zeug zum Helden. Er verdrückte das Wagenrad und kippte eine überteuerte Coke hinterher. Zweitklassige Pizza, erstklassige Preise, dachte Viggo und lächelte sparsam.

“Aaaaah”, machte der Pizzabäcker. “`abe ich eine Lächeln auf Ihre Gesichte gezauber´?”

“So ist es”, erwiderte Viggo. Er zahlte mit seinem Herzblut. Sechs Euro achtzig. Dann verabschiedete er sich höflich und beschloss, die verbleibenden zehn Minuten auf einem nahe gelegenen Spielplatz zu verbringen. Er setzte sich auf eine der viel zu kleinen Schaukeln und hielt sich an den Kettenseilen fest. Zum ersten Mal in seinem neuen Leben saß er auf einer. Seltsamerweise hatte es nichts Aufregendes. Er war wohl schon zu alt für das erste Mal. Plötzlich bemerkte er, wie kalt die Sitzfläche war. Er wärmte sie und sie kühlte ihn aus. Seufzend rutschte er von der Schaukel. In einiger Entfernung verließ der Biedermann Nadines Haus und stieg in einen schwarzen Mercedes. Viggo setzte sich in Bewegung und trat kurz darauf vor die Haustür. Als er den Knopf drücken wollte, hielt er inne. Ob Nadine ihn jetzt wirklich ertragen konnte? Das ‘Under the bridge Hotel’ hatte immer ein Zimmer frei. Nach kurzem Überlegen überwand er sich und drückte die Klingel.

Die Wohnungstür stand offen, als er das Plateau betrat. Er zog die Tür leise hinter sich ins Schloss und ging ins Wohnzimmer. Nadine saß auf der Couch und steckte sich eine Zigarette an. Viggo setzte sich in einen Sessel und atmete hörbar aus.

“Für einen normalen Job bin ich zu kaputt”, murmelte sie. “Er versorgt mich mit allem.”

“Ich maße mir kein Urteil an”, sagte er.

Sie stand auf. Ihre Bewegungen schienen müde. “Ich bringe die Kleine ins Bett.” Mit der Lulle im Mundwinkel verschwand sie in der Diele. Viggo sah ihr nach und steckte die gefalteten Hände zwischen die Oberschenkel. Er beobachtete wie ihre Rauchfahne träge zur Decke stieg und sich auflöste. Nach drei Minuten kam sie zurück und lächelte. “Sie schläft.”

“Wie lange soll das noch so weitergehen?” fragte Viggo unversehens.

“Wenn du ein Problem mit meiner Lebensführung hast, kannst du gerne die Klinke von außen putzen.”

“Viggo erhob abwehrend die Hände und sagte: ”Glaubst du, sie wird es später einmal besser haben als du?”

“Absolut. Sie wird eine Ausbildung machen und sich ihren Kerl sehr sorgfältig aussuchen. Dafür werde ich eigenhändig sorgen. Kannst du massieren?”
Viggo nickte und erhob sich. Sie legte sich bäuchlings auf die Couch, und er setzte sich neben sie. Viggo tastete nach ihrem Trapezmuskel und drückte die Daumen in ihr dünnes Fleisch. Sie atmete lange und tief aus.

“Was, wenn sich deine depressive Stimmung in ihre kleine Seele einfrisst, wenn sie an deinem Leid verzweifelt und selbst diesen Weg einschlägt?” fragte er.

“Wird Sie nicht.”

“Was macht Sie so sicher?” Viggo arbeitete sich den Latissimus herunter. Sie stöhnte leise.

“Weil sie nicht wie ich ist. Sie ist lebensbejahend und aufgeschlossen. Sie geht gerne zur Schule und hat viele Freundinnen.”

“Ich fühle eine tiefe Traurigkeit in ihr. Sie trägt eine tiefe seelische Wunde.” Seine Finger pflügten durch die Schultermuskulatur.

“Sie ist härter, als sie aussieht.”

“Das glaube ich nicht. Sie hat ein gekränktes Herz.”

“Mit ihrem Herzen ist alles in Ordnung. Ich kenne sie.” Sie griff nach seiner Hand, zog sie an ihr Gesicht und küsste die Handinnenfläche. Dann drehte sie sich auf den Rücken.

“Du glaubst, meine Berührung könnte dich von den Kotspuren reinigen, die dieses Monster auf dir hinterlassen hat?” fragte er kühl.
Sie zuckte zusammen und ließ seine Hand durch ihre Finger gleiten. “Entschuldige.”

Viggo strich ihr über das Gesicht und ihre Augen schlossen sich. Er legte ihr die Hand auf die Stirn und streichelte ihr über das wirre Haar. So saß er eine Viertelstunde da, bis sie schließlich einschlief. Im Schlafzimmer fand er ihre Bettwäsche und deckte sie zu. Er löschte das Licht, legte sich in seinem Schlafsack neben ihr Bett und schlief auf der Stelle ein.

25.8.10 12:36

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen