Garagen Fight - Teil 13

Lucy brachte sich mit einem Sprung hinter den Porsche GTI in Deckung, als die UV-Projektile den Wagen regelrecht durchsiebten. Glas splitterte und die Reifen platzten. Sie kauerte sich hinter den Motorblock und zog ihre beiden Magnum. Dann wartete, bis sie das tückische Zischen der Schalldämpfer nicht mehr hörte, und lauschte. Offenbar rechneten die Männer nicht damit, dass sie diesen Angriff überlebt haben könnte, denn sie begaben sich ihrerseits nicht in Deckung. Lucy hörte nicht, dass sie sich bewegten. Wahrscheinlich wussten sie nicht, dass Uzi-Munition niemals einen Motorblock durchschlagen konnte. Ihre 45er vermochten dies, aber kein solch kleines Kaliber. Für einen Augenblick wartete sie, dann erschien ihr Kopf seitlich neben der Kühlerhaube. Sie zielte und schoss zweimal. Zwei Männer gingen zu Boden und rührten sich nicht mehr.

   “In Deckung!” schrie einer von ihnen.

   Die Männer liefen und schossen gleichzeitig, doch Lucy hockte schon wieder hinter dem schrottreifen Porsche. Schon jetzt schien der Wagen mehr aus Löchern zu bestehen, als aus Kunstfaser, trotzdem drang keine Kugel zu ihr. Nachdem die Salve beendet war, ging das Licht aus. Plötzlich wurde es stockduster und Lucy nahm ihre Umgebung rot und blau wahr.

   “Das hilft nicht besonders, die haben thermooptische Linsen”, flüsterte Lucy.

   “Nicht motzen, ich bin noch nicht fertig”, erwiderte Thorgart.

   Gerade hatte es dies gesagt, da sprangen sämtliche Sprinkler an und dichter Regen fiel. Die Sicht war nun auf wenige Meter beschränkt in der Dunkelheit und das Wasser kühlte die Lufttemperatur schnell ab, so dass alles in verschiedenen Blautönen erschien. Die Männer, die sich mittlerweile überall verteilt hatten, begannen, sich Kommandos zurufen. Lucy nutzte ihre Verwirrung und lief geduckt vom Porsche hinter den silbernen SLR-McLaren. Dort hielt sie inne und lauschte. Das Plätschern des Wassers machte es unmöglich, die Schritte der Männer zu hören.

   “Wie gut kennst du dich da unten wirklich aus?” wollte Thorgart wissen.

   “Blind”, gab sie zurück.

   “Gut. Die Kameras haben ein Nachtsichtfunktion, ich kann sie sehen. Zwei von ihnen versteckten sich zu beiden Seiten hinter dem Enzo.”

   Lucy richtete sich hinter dem McLaren auf und schoss blind in eine bestimmte Richtung. Im Mündungsfeuer blitzte der Enzo kurz auf. Die ersten beiden Kugeln durchschlugen nutzlos sein Seitenfenster, doch dann konnte Lucy sauber zielen. Die dritte Kugel schlug in den Tank und der Wagen explodierte im Heck. Die Explosion war so kraftvoll, dass beide Männer in ihr verschwanden. Als der Flammenball sich aufgelöst hatte und nur noch das brennende Chassis zu sehen war, lagen sie regungslos am Boden. Lucy ging wieder in Deckung. Da die Männer nun wussten, wo sie sich aufhielt, eröffneten sie das Feuer, doch wieder konnten die Projektile den Motorblock nicht durchschlagen.

   “Guter Schuss. Jetzt der Rolce Royce. Schieß genau durch das Heck”, sagte Thorgart.

   Lucy bewegte sich hockend auf den vorderen Rand der Karosse zu und sah um die Ecke. Im flackernden Licht sah sie den Royce und schoss zwei mal durch das Heck. Eine Sekunde darauf meldete Thorgart, der Mann sei zu Boden gegangen. Nachdem dies geschehen war, erkannten die Männer endlich, dass Lucy einen Weg gefunden hatten, sie ausfindig zu machen. Ihre Reaktion bestand darin, sich selbst in Bewegung zu setzen und nach der Unsterblichen zu suchen. Geduckt schlichen sie zwischen den Autos entlang und hielten Ausschau. Auch Lucy blieb in Bewegung.

   “Himmel, was ist denn das?” sagte Thorgart plötzlich.

   “Was denn?”

   “Da steht ein englischer Doppeldeckerbus in der Garage. Einer dieser Typen befindet sich
auf dem oberen Stockwerk. Er hält nach dir Ausschau und spricht über sein Headset mit seinen Kollegen.”

   Lucy wusste genau, wo sich der Bus befand, doch bis dorthin war es ein ganzes Stück. Sie musste sich auf der freien Fläche zwischen zwei Wagenreihen bewegen, von einer Reihe zur anderen. Sie holte tief Luft und lief los. Als sie von einer Reihe zur anderen wechselte, erklang das Zischen eines Schalldämpfers. Gerade noch gelang es ihr, zwischen einem Maserati 3200 GTA und einem Bentley in Deckung zu gehen. Die Salve durchsiebte beide Autos und Lucy fühlte einen stechenden Schmerz in ihrem linken Unterschenkel. Ein Projektil durchdrang ihre Wade und trat auf der anderen Seite wieder aus. Sie biss die Zähne zusammen und kauerte sich hinter den Bentley. Am Tage würde es eine Weile dauern, bis sich diese Wunde wieder geschlossen hatte und sie würde Blut verlieren.

   “Vorsicht, der Typ hat einen kleinen Granatwerfer”, rief Thorgart.

   Lucy sprang auf und rannte weiter, aus dieser Zeile und auf den nächsten Zwischenraum. Gerade hatte sie ihn erreicht, da explodierte der Bentley und ein Durchwelle schleuderte sie auf die Motorhaube eines Porsche Carrera GT. Sie rutsche ab und blieb neben dem Wagen liegen. Mühsam richtete sie sich auf und blickte in den Nebel aus Wasser. Keiner der Männer war zu sehen.

   “Jetzt kommen mehrere auf dich zu”, sagte Thorgart.

   “Ich sehe nichts”, erwiderte sie.

   “Okay, beweg dich weiter zum Bus hin, ich gebe dir Anweisungen.”

   Lucy tat, was er sagte. Sie passierte den Porsche und kam wieder auf eine der Straßen zwischen den Autoreihen. Sie ging weiter vor, bis keine der beiden Reihen mehr zu sehen war. Insgesamt gab es zwölf dieser Reihen, die sie von einem Ende der Garage zur anderen erstreckten.

   “Das RX7-Cabrio”, sagte Thorgart.

   Lucy fuhr herum und feuerte beide Magnum ab. Die Schüsse krachten, aber sie konnte nicht sehen, ob sie getroffen hatte.

   “Sehr gut, einer weniger”, meldete Thorgart.

   Lucy ging weiter, bis sie wieder eine der Reihen erreichte. Dort ging sie zwischen einem Rover und einem McLaren entlang.

   “Der silberne Bentley”, sagte Thorgart.

   Lucy richtete die 45er aus und schoss. Sie vernahm einen Schrei und ein Körper fiel schwer zu Boden.

   “Nummer sieben. Bleiben drei”, meldete der Werwolf.

   Lucy ging weiter zu der letzten Reihe in der Garage. Hier standen die großen Fahrzeuge. Von hinten näherte sie sich jenem Zugwagen, der vor einen Anhänger mit einem Schnellboot gekoppelt war. Vor dort konnte sie den London Bus leicht erreichen. Für einen Augenblick hielt sie inne und sah auf die LCD-Anzeigen auf ihren Magnum. Die Magazine waren nur zur Hälfte leer, noch musste sie nicht nachladen.

   “Zwei sind dir noch auf den Fersen. Sie bewegen sich gerade durch die Reihe, die deiner am nächsten ist. Da steht eine Hummer-Limousine”, sagte Thorgart.

   Lucy richtete die 45er aus und schoss blind in die Richtung, in der sie das Heck des Hummer vermutete. Den Mann traf sie dabei nicht, doch nachdem sie acht Kugel abgeschossen hatte, explodierte der Tank des Hummers und verschlang ihn in einem Feuerball. Das Donnergrollen übertönte jedes andere Geräusch.

   “Verrätst du mir, warum die Autos nicht in die Luft fliegen, wenn sie auf dich schießen?” fragte Thorgart einige Sekunden darauf.

   “Weil diese Komiker keine Explosivgeschosse verwenden. Früher haben sie uns auf Scheiterhaufen verbrannt, da dachte ich, diese Munition sei eine gute Revanche dafür. Gewöhnlich Kugeln setzten einen Tank nicht in Brand.”

   Geduckt lief sie weiter, bis sie unbemerkt den Doppeldeckerbus erreicht hatte. Es war ein ganz altes Modell aus den Anfangstagen der Londoner Busse. Die obere Etage besaß kein Dach. Sie stieg von hinten ein und lief zwischen den Sitzreihen bis ganz nach vorne. Wahrscheinlich lauerte der Mann nun genau über ihr. Da er die Garage von oben im Blick haben wollte, musste er an der vorderen Absperrung sitzen. Lucy irrte sich nicht. Durch die dünnen Planken erblickte sie seine elektromagnetische Aura. Er kniete auf dem Boden und richtete seine Uzi in die Richtung, aus der er sie vermutete. Sie richtet die Magnums nach oben und riss die Abzüge durch. Viermal krachte es, dann sackte der Mann in sich zusammen.

   “Du hast den Letzten aufmerksam gemacht. Er nähert sich dem Bus. In seinem Rücken befindet sich der Ferrari Scuderia”, meldete Thorgart.

   Lucy befand sich im Fahrerhäuschen des Busses und zielte durch die Frontscheibe. Wieder krachten die Magnums, Glas splitterte und ein weiterer Schrei erklang. Sie drückte zwei Knöpfe und die Magazine fielen zu Boden. Dann zog sie den Pullover über den Gürtel und nahm zwei neue Magazine heraus und schlug sie in die Schächte. Mit einem metallischen Geräusch schnappten die Schlitten ein.

   “Du hast sie alle erwischt”, sagte Thorgart.

   Lucy wollte den Bus wieder verlassen, doch da vernahm sie das Röhren einer schweren Maschine. Dem Sound zu urteilen handelte es sich um ein PS-starkes Straßenbike. Der Motor klang wie ein Raubtier, dass zum Sprung ansetzte. Jemand näherte sich langsam ihrer Position.

   “Da ist noch jemand”, stellte Lucy fest.

   “Ja, ich sehe sie. Es ist eine Frau, was für ein Schrank. Sie trägt eine seltsame optische Hilfe, eine Art Brille, die aus einem schmalen Plastikgehäuse mit einem durchgehenden Schlitz besteht”, meldete Thorgart.

   “Ein Ultravisier”, sagte Lucy und ging in die Hocke.

   “Ein was?”

   “Ein Ultravisier sendet Ultraschallwellen aus und stellt die Umgebung dreidimensional dar. Sie kann mich sehen.”

   Eine Weile verging, dann stoppte der Motor. Lucy lauschte auf die Schritte der Frau, doch das Plätschern des Wassers war zu laut. Thorgart schien das Problem zu begreifen, denn er stellte die Sprinkler wieder ab. Nachdem dies geschehen war, meldete er sich wieder: “Sie hat einen Grantwerfer mit Schnappvisier. Ich glaube, sie weiß nicht, wo du bist, sie zielt in die falsche Richtung. Sie trifft das Schnellboot, wie es aussieht.”

   “Wo genau steht sie?” fragte Lucy.

   “Genau in der Mitte einer Straße, zwischen dem London Taxi und Ferrari Scuderia auf der anderen Seite.”

   Lucy blieb in der Hocke und drehte sich etwas. In dem Augenblick, wenn sie sich zeigten, musste sie schießen. Möglicherweise blieb ihr nur diese eine Gelegenheit. Am besten wäre es, abzuwarten, bis sie geschossen hatte und nachladen oder die Waffen wechseln musste. Mit den 45ern in den Händen verharrte sie.

   Lucy erwartete eine Explosion, doch nichts dergleichen geschah. Dafür hörte sie ein Zischen aus der Richtung des Scuderias und kurz darauf ein metallenes Geräusch vom Schnellboot her. Es klang, als würde die Granate gegen die Wand geprallt und auf den Boden gefallen sein. Zwei Sekunden darauf kam es doch zu einer Explosion, doch sie klang dumpf und wurde von einen lauten Fauchen begleitet. Rauch breitete sich aus und ehe Lucy sich in Sicherheit bringen konnte, quoll er zu ihr und drang in den Bus. Der beißende Gestank breitete sich in aus und ließ sie husten. Knoblauchessenz. Die Wirkung trat sehr schnell ein, offenbar war der Wirkstoff hoch konzentriert. Lucys Augen brannten und binnen weniger Sekunden konnte sich nichts mehr sehen. Ihr Husten und Keuchen verriet sie.

   Ihr blieb nichts, als den Rückzug anzutreten. Blind tastete sie sich an einer Sitzreihe entlang, bis sie den hinteren Ausgang erreicht hatte. Dort stolperte sie die Treppe hinab und kamen auf allen Vieren außerhalb des Busses auf. Mühsam rappelte sie sich hoch und ging dorthin, wo sie die Wand vermutete. Tatsächlich fanden ihre ausgestreckten Hände, in ihnen noch immer die 45er, die Wand. Sie hielt inne und erinnerte sich, in welche Richtung sie nun gehen musste. Nach links, dort irgendwo befand sich der Ausgang. Indem sie vorwärts tastete, zwang sie sich, schneller zu gehen. Hinter ihr näherten sich derweil schwere Schritte, die den Anschein erweckten, als wüsste die Person, zu welchem Punkt sie zusteuern musste. Der Nebel konnte die Frau nicht verwirren, da sie wie eine Fledermaus sah.

   Lucy ging schnell weiter, doch ihre Schritte waren unsicher und zu langsam. Die Frau holte schnell auf und als ihre Schritte sehr nahe schienen, schien Lucy die Flucht als gescheitert. Sie hielt inne, dreht sich um und schoss blind um sich. In alle Richtungen schoss sie, bis beide Magazine leer waren, doch die Frau gab keinen Laut von sich. Auch vernahm Lucy nicht das Geräusch eines Körpers, der zu Boden ging. Nach der Salve herrschte wieder Stille. Sie griff an ihren Gürtel und tastete nach einem neuen Magazin. Während sie so tat, erklangen jene Schritte wieder. Schnell kamen sie näher und dann explodierte eine Faust in Lucys Gesicht. Sie taumelte und ging zu Boden. Die Magnums rutschten über den Boden außer Reichweite. Dann folgte ein furchtbarere Tritt mit einer Stahlkappe und Lucy wurde gegen die Wand getrieben. Dort blieb sie liegen und schnappte nach Luft.

   Jemand setzte ihr den Stiefel auf die Brust und drückte sie zu Boden. Dann fühlte sie, wie ein Sonnenstrahl knapp unter ihre Schulter durch die Kleidung fuhr und ihr Fleisch verbrannte. Sie schrie und der Schmerz ließ erst nach, als der gesamte Arm abgetrennt war und zu Staub zerfallen war. Dann spürte Lucy den Lauf einer Waffe auf ihrer Stirn.

   “Wie viele Vampire gibt es noch in diesem Drecksloch?” fragte MP.

   Lucy hatte dazu nichts zu sagen. Die Unbekannte würde sie umbringen, sowie sie die Antwort erhielte. Lucy versuchte, ihr Gesicht auszumachen, doch ihre Augen waren bereits zugeschwollen, so dass sie nur Umrisse erkennen konnte. Allerdings brauchte sie nicht zu sehen, um zu wissen, wen sie vor sich hatte. Meredith Pershaws Ruf eilte ihr voraus. Sie verwendete Waffen, die UV-Strahlen aussandten und zum Beispiel einen Arm abtrennen konnten.

   “Antworte mir gefälligst oder ich brenne dir dein Hirn heraus”, zischte MP.

   Lucy schwieg beharrlich. Anstatt sich mit einer Antwort zu beschäftigen, führte sie ihre Zunge in den linken, oberen Bereich ihres Rachen, an dem sich eigentlich die drei hinteren Backzähne befinden sollten. Bei ihr aber befand sich dort eine in den Kiefer operierte Krone, welche die fehlenden Zähne perfekt und gefühlsecht nachbildete. Die Zähne waren miteinander verbunden und bildeten das Gehäuse für einen Fengzhen, eine Waffe chinesischer Meuchelmörder. Dabei handelte es sich um eine überaus spitze Giftnadel, die in einem Plastikröhrchen steckte. Durch eine bestimmte Blastechnik war es möglich, diese Nadel tief in die Haut zu treiben.

   “Du verdammtes Biest hast meine ganze Truppe ausgelöscht”, sagte die Vampirjägerin. “Sprich mit mir, sonst werde ich dir Arme und Beine abtrennen und den ekelhaften Rest in Scheiben brennen. Wie viele Vampire leben in diesem Loch?”

   Lucy erkannte nicht viel, doch was sie sah, ließ darauf schließen, dass MP ihr Visier abgenommen hatte. Das schien logisch, denn auf einem Ultraschallbild ließ sich nicht erkennen, ob sie in Lucy das richtige Opfer gefunden hatte. MP machte mit Vorlieb Jagd auf bedeutende Vampire, also suchte sie nach jemandem. Da sie schon einmal hier war, wollte sie jeden Blutsauger erledigen, das entsprach  ihrem Ruf als gnadenlose Jägerin. Lucy lächelte innerlich. Auf eine Weise waren sie sich ähnlich, sie und MP.

   “Du stirbst auf die eine oder andere Weise, die Frage ist nur, wie groß der Schmerz sein wird. Wenn du klug bist, sagst du mir, was ich wissen will, dann erspare ich dir das Schlimmste”, sagte MP.

   Lucy drückte das Röhrchen zwischen ihren Lippen nach draußen und zielte, so gut es eben ging. Dann spie sie die Fengzhen aus. MP schrie und griff sich ins Gesicht. Dabei ließ sie ihre beiden UV-Projektoren fallen, indem sie rückwärts taumelte. Lucy drückte sich an der Wand nach oben und stand auf wackeligen Beinen. Dann plötzlich flog die Tür zur Garage geräuschvoll auf und ein zorniges Knurren erklang. Thorgart näherte sich in seine wahren Gestalt.

   Lucy konnte nicht sehen, was nun vor sich ging, doch nach wenigen Sekunden hörte sie den Werwolf in ihrer Nähe und fühlte seinen Atem über ihrem Gesicht. Thorgart verwandelte sich zurück und sprach zu ihr. Aus seiner Stimme klang aufrichtige Besorgnis. Er hielt ihre Wangen in beiden Händen und sagte, alles würde gut werden. Sekunden darauf dröhnte MP’s Motorrad und die Reifen quietschten. Zum ersten Mal in ihrer Karriere floh die Vampirjägerin.

   Nachdem das Geräusch ihrer Maschine verklungen war, näherte sich Thorgart Lucy. Er näherte sich ihr auf eine Weise, die sich ein Werwolf einem Vampir gegenüber gewöhnlich nicht herausnehmen durfte. Wie selbstverständlich griff er ihr mit einem Arm unter die Achseln und die Kniekehlen und hob sie hoch. Plötzlich fand sie sich ein gutes Stück über dem Boden in seinen Armen wieder. Er trug sie zur Tür hinüber. Lucy brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, was sich Thorgart herausnahm.

   “Lass mich sofort runter”, zischte sie.

   “Du bist verwundet”, gab er zurück. Ohne mit der Wimper zu zucken, trug er sie durch den engen Betongang Richtung Empfangshalle.

   “Lass mich gefälligst runter, ich kann selbst laufen. Es gehört sich nicht für einen Vampir, jemandes Hilfe in Anspruch zu nehmen, das widerspricht unserer Philosophie. Ich kann selbst laufen, lass mich los.”

   “Kommt nicht in Frage, schließlich hast du einen Arm verloren”, entgegnete er.

   “Vergiss den Arm, der wächst in einer halben Stunde wieder nach, das kitzelt höchstens ein bisschen. Wenn mich die anderen so sehen, verliere ich mein Gesicht.”

   “Keine Chance.”

   Lucy beschwerte sich noch die ganze Zeit über, doch Thorgart ließ sich nicht erweichen. Er trug sie bis ins Treppenhaus und ins zweite Stockwerk hinauf. Dort brachte er sie in sein Gästezimmer und legte sie auf das Bett. Auf dem Weg begegnete ihnen niemand, die Explosion hatte niemanden aus dem Schlaf gerissen. Vampire schliefen sprichwörtlich wie die Toten und kein Diener würde es jemals wagen, einen von ihnen aufzuwecken. MP würde heute nicht mehr zurückkehren, so waren sie keiner unmittelbaren Gefahr ausgesetzt. Thorgart legte Lucy behutsam auf das Bett und setzte sich neben sie. Dann legte er ihr die Hand auf das Sonnengeflecht und verharrte in dieser Weise.

   “Was tust du da?” fragte sie.

   Thorgart musste lächeln. “Ihr Vampire solltet euch weniger damit beschäftigen, unwahrscheinliche Geschichten über uns zu erfinden und euch stattdessen mit uns bekannt machen. Werwölfe sind nicht alle geistlose Tiere, wie ihr immer sagt. Tatsächlich sind wir der Natur verbundene Wesen und einige von uns sind darüber hinaus Schamanen. Ich wurde von einem Schamanen unterwiesen und weiß viel über die geheimen Künste. Im Sonnengeflecht befindet sich der Sitz deiner Seele, ich kann sie beruhigen, indem ich die Hand auflege. Am besten, du entspannst dich und atmest tief ein und aus.”

   Lucy seufzte. Sie würde ihn nicht abhalten können, das hörte sie am Klang seiner Stimme, also ließ sie sich darauf ein. Sie begann, tief und ruhig zu atmen. Nach einer Weile schloss sie die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Lucy war permanent unentspannt, ihre Natur als Jägerin ließ sie stets wachsam sein. Nun aber beruhigte sie sich tatsächlich ein wenig, als sie Thorgarts wärmende Hand auf ihrem Bauch fühlte. Dann legte der Werwolf seine andere Hand auf ihren Bauchnabel und auch dort breitete sich seine Wärme aus. Mehr und mehr entspannte sie sich, denn die Wärme spülte schnell durch ihren ganzen Körper. Das war ungewöhnlich, denn ein Vampir verspürte keine Wärme, außer der des Blutes, doch im Augenblick wollte sie über diesen Umstand nicht nachdenken. Eigentlich war es spektakulär, was gerade geschah, denn Thorgart vermochte, sie ohne Blut zu wärmen, Lucy aber dachte nicht weiter darüber nach und ließ sich in eine lange vermisste Ruhe sinken.

   “Es gibt einen Laut, der das Unterbewusstsein stimuliert”, sagte Thorgart nach einer Weile. Seine Stimme klang beruhigend und ganz ebenmäßig. “Jeder Ton stimuliert das Unterbewusstsein, aber bestimmte Töne haben bestimmte Wirkungen. Schamanen brummen, um Menschen zu beruhigen. Ich werde jetzt etwas für dich brummen.”

   Bei diesem Gedanken musste Lucy innerlich lächeln. Der Werwolf wollte für sie brummen, so etwas hatte sie noch nie erlebt, geschweige denn davon gehört. Tatsächlich begann er, ein leises Brummen anzustimmen, welches sich zu ihrer Überraschung beruhigend auf sie auswirkte. Nach nur wenigen Sekunden entspannte sie sich. Das Geräusch schien sich in ihrem Körper zu verfangen und ihn in Schwingung zu versetzen. Nicht als bloße Ahnung fühlte sie es, sondern ganz konkret, wie man ein Geräusch in seinem Bauch fühlen konnte. Immer weiter breitete es sich aus und ergriff bald ihren ganzen Körper. Gleichzeitig wurde sie immer ruhiger. Etwas in ihr schien in den Schlaf gebrummt zu werden und sie entschleunigte ihren Geist zunehmend. Da sie die Augen geschlossen hielt, füllte sie bald eine sanfte Müdigkeit aus. Nach und nach nahm sie nichts mehr wahr, als jene Müdigkeit und alle anderen Eindrücke ihrer geschärften Sinne verstummten. Ihr Körper wurde schwerelos, bis sie ihn gar nicht mehr fühlte und schließlich vergaß sie ihn ganz. Vollkommen Geist wurde sie durch das Brummen, welches zu dem einzigen Laut in ihrem Kopf geworden war. Nichts anderes mehr schien zu existieren, nur dieses wundervolle Geräusch, dass eine Stelle tief in ihr berührte und sie ruhiger und ruhiger werden ließ.

   Eine wohltuende, alles ausfüllende Leere breitete sich in ihr aus, bis sie so erleichtert war, dass kein Kummer mehr in ihr wohnte. Ganz im Augenblick verharrend endeten ihre Gedanken, ihre Gefühle und ihre Erinnerungen. Ebenso verschwand das Bewusstsein für den Augenblick, sie wusste nicht mehr, wer sie war und wo sie sich befand. Dieser Zustand nahm ihr gesamtes Wesen ein und sie wurde zu diesem Zustand selbst. Nichts mehr existierte, außer dem Summen und einem Geist, der von allem befreit war. Nicht nur befreit, sondern in einem Zustand, der sie nicht ahnen ließ, dass es noch etwas anderes gab, als das Schweben in einem zeitlosen Raum, der sich endlos erstreckte. Nur jenes Brummen füllte diesen Raum, alles andere existierte nicht mehr.

   Lucy dachte nicht mehr, erinnerte sich nicht mehr und fühlte nichts als ihre bloße Existenz, losgelöst von aller Körperlichkeit. Es gab keine Bedürfnisse mehr, kein Wollen und kein Verlangen. Keine Ziele mehr, keine Vergangenheit, keine Zukunft. Keine Zeit mehr, nur noch Zustand. Eine vollkommene Existenz, ein ganzheitliches Wesen ohne Zwänge und Notwenigkeiten. Auf ihre wahre Existenz reduziert schwebte sie durch einen Raum ohne Grenzen, um nichts weiter als sich selbst zu sein. Sie fühlte, was sie nie zuvor erfahren hatte, war zum ersten Male eine unverfälschte Existenz, die ganz bei sich und sie selbst ist. Die war eine Ewigkeit, die selbst Unsterbliche nicht erfahren konnten. Nur das Brummen durchdrang sie und begleitet sie durch diesen Raum. Sie existierte nicht mehr, sie wurde zur Existenz.

18.5.10 19:32

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