Beschworen - Teil 2

Freya musterte den jungen Mann und wunderte sich. Sie glaubte, Torbens Freunde alle zu kennen, doch ihn kannte sie nicht. Unbedingt würde sie sich an ihn erinnern, denn er machte einen interessanten Eindruck. Um einen Kopf größer als sie war er und athletisch. Nicht zu muskulös, aber kräftig. Geräteturner vielleicht, dachte Freya, oder Kampfsportler? Sein blonder Wuschelkopf ließ ihn noch jugendlich erscheinen, aber die blaugrünen Augen waren die eines erfahrenen Mannes. Die Züge waren weich, wenn auch in diesem Augenblick angespannt und ernst. Es hatte den Anschein, als hätte auch er einen Freund verloren. Außerdem schien er Freya zu kennen, denn er begrüßte sie mit ihrem Namen.

   “Du kennst mich nicht, aber ich habe schon viel von dir gehört, Freya”, sprach er mit sonorer Stimme. “Mein Name ist Alexander Krusche, ich war mit Torben befreundet. Ich möchte dir mein aufrichtiges Beileid ausdrücken, aus Torbens Erzählungen weiß ich, was er dir bedeutete.”

   “So?” Freya lächelte unverbindlich. “Ich dachte, ich kenne alle seine Freunde.”

   “Nun, wir waren mehr als nur Freunde. Man könnte uns als Brüder bezeichnen, Brüder im Geiste.”

   “Umso erstaunlicher.”

   Alexander nickte und lächelte mit seinen vollen Lippen. Sein Lächeln strahlte Wärme aus und Zuversicht.

    “Torben und ich kannten uns schon seit frühester Kindheit”, sagte er. “Wir sind wie Brüder aufgewachsen, wir wussten alles voneinander, auch die Dinge, von denen sonst niemand wusste. Das war, bevor er in diese Gegend zog und dich kennen lernte. Ich wohne in Berlin, aber trotzdem standen wir in stetigem Kontakt. Er vertraute mir als Bruder und so weiß ich alles über sein Leben, auch über dich. Wir hatten keine Geheimnisse voreinander.”

   “Mir gegenüber hat er dich niemals erwähnt.”

   “Nein, sicher nicht. Sicher weißt du auch nicht, dass wir beide die ersten zehn Jahre unseres Lebens nicht in diesem Land verbracht haben. Es gehört zu einer Vergangenheit, die er lieber vergessen wollte. Natürlich hat er dir nichts darüber verraten. Er kam erst als Elfjähriger nach Deutschland. Frag seinen Vater, er weiß es selbstverständlich, aber auch er
spricht nicht gerne darüber. Niemand erinnert sich gerne an diese Zeit.”

   Freya konnte nicht glauben, dass Torben jemals ein Geheimnis vor ihr gehabt hatte. Diesen angeblichen Freund hatte er niemals erwähnt und auch wusste sie nichts davon, dass er im Ausland aufgewachsen war. Sie hatte immer das Gegenteil angenommen, obwohl sie ihn natürlich nie ausdrücklich gefragt hatte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie tatsächlich nichts über seine früheste Kindheit wusste. Soweit sie sich erinnerte, sprach er nicht darüber. Freya hielt dies immer für das typisch männliche Verhalten. Männer in seinem Alter wollten für diejenigen gehalten werden, die sie augenblicklich waren und nicht mit dem Jungen von einst verglichen werden. Freya hatte angenommen, es sei ihm peinlich, also fragte sie ihn nicht weiter. Nun fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie kannte wirklich nicht ein einziges Kindheitsfoto von ihm, obwohl sie ihn mit Sicherheit danach gefragt hatte.

   “Wo genau ist er denn aufgewachsen?” fragte sie.

   “In Huaxi, das ist ein kleiner Ort in China. Ja, dort sind er und ich aufgewachsen. Bis dahin war es unsere Heimat.”

   Unglaublich. Freya zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Was würde Torben dazu bringen, ihr ausgerechnet das zu verschweigen? Wovor hatte er Angst? Sie wusste nicht einmal, dass er Chinesisch sprach.

   “Er sprach Chinesisch?” vergewisserte sie sich.

   “Das muss dich nicht erstaunen”, antwortete Alexander. “Niemand erinnert sich gerne an diese Zeit zurück. Ich weiß, er hat es verdrängt, wollte es am liebsten vergessen. Wir sprachen oft darüber. Ich sagte ihm, er kann nicht ewig davonlaufen vor seinen Erinnerungen, aber nicht einmal mit mir wollte er darüber sprechen. Wenn ich davon anfing, wechselte er stets das Thema. Es gibt Menschen, die ein Geheimnis so tief in sich vergraben können, dass sie es vergessen. Nun, sie vergessen es beinahe, würde ich sagen.”

   “So?”

   Freya war vollkommen ratlos. Das war das Letzte, womit sie gerechnet hatte. Was immer hier geschah, Zufall hatte nichts damit zu tun.

   “Manchmal erinnere ich mich gerne an diese Zeit. Wir sind durch die Wälder gezogen und haben am Fluss gespielt. Den Bewohnern dieses Dorfes galten wir immer als die langnasigen Riesen, das war schon witzig. Sie behandelten uns wie die Ihren, es gab keine Diskriminierung. Wir waren ja selbst halbe Chinesen. Ich erinnere mich, wir haben Rotz und Wasser geheult, als wir nach Deutschland mussten. Das war ganz schrecklich, aber zumindest hatten wir unsere Freundschaft.”

   Freya nickte den Kopf seitlich ein und fragte mit den Augen. Ihre Frage war offensichtlich, sie musste sie nicht aussprechen.

   “Oh, natürlich”, sagte er. “Ich bin sonst nicht so unhöflich, aber es ist ja auch ein verschreckender Anlass. Meine Erinnerungen überwältigen mich, jetzt, da er nicht mehr ist. Für mich ist wirklich ein Bruder gegangen, ich hoffe du verstehst das.”

   “Sicher.”

   “Natürlich tauche ich nicht zufällig hier auf und spreche dich an. Genau genommen handele ich nach Torbens Willen. Er hatte nie Geheimnisse vor dir, was sein Leben in Deutschland anging, aber er besaß eine Vergangenheit. Ich weiß, er würde wollen, dass du jetzt davon erfährst. Es gab noch eine andere Seite an ihm, die du kennen lernen solltest.” Er lächelte verlegen. “Jetzt denkst du, dass dies kaum sein kann, denn in diesem Falle hätte er bereits mit dir darüber gesprochen, aber ganz so einfach ist es leider nicht. Du wirst verstehen, wenn du mir erlaubst, dir alles zu erklären. Es ist sonst nicht meine Art, aber würdest du mir etwas von deiner kostbaren Zeit schenken, damit wir in Ruhe über alles sprechen können? Ich weiß, du bist auf Urlaub hier. Wir müssen ein Gespräch unter vier Augen führen.”

   Freya forschte dem jungen Mann durch die Züge. Er schien vertrauenswürdig, trotzdem sie nichts über ihn wusste. Zumindest hatte Torben ihm vertraut, das zumindest sprach für ihn. Irgendetwas in Freya sagte ihr, sie könne ihm vertrauen. Wieder brach der alte Streit aus. Natürlich kannst du ihm vertrauen, sagte ihr Herz. Du bist wohl verrückt, antwortete ihr Verstand. Konnte sie sich mit einem wildfremden Mann treffen, um über Dinge zu reden, die sie beunruhigten? Wenn er nicht nur diese großen Augen hätte, diese vollen Lippen, den großen Mund und dieses wuschelige blonde Haar mit dem Braunstich. Tadellos weiß war sein Lächeln, die Finger schlank und lang, wie die eines Künstlers. Die Fingernägel kurz geschnitten und gepflegt. Er roch so gut, nicht nach dem schrecklichen Zeug aus den Supermarktregalen.

   Freya wurde schlecht. Sie hatte das Empfinden, sich übergeben zu müssen. Erst wankte sie leicht, dann heftiger.

   “Was ist dir?” fragte Momo und griff nach ihr.

   Freya konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Momo und Tom stützten ihre Schultern und führten sie zu einer verschneiten Sitzbank. Alexander lief voraus und wischte den Schnee mit seinem Schal beiseite. Freya setzte sich und für einen Augenblick wurde ihr schwarz vor Augen.

   “Das sieht mir nach einem Schock aus”, stellte Patricia sachlich fest.

   “Und ich dachte, sie hat die Schweinegrippe”, schnappte Tom und warf ihr einen giftigen Blick zu.

   Momo setzte sich neben Freya und legte einen Arm um ihre Schulter. Sie erschrak. Von einem Augenblick auf den nächsten war jegliche Farbe aus Freyas Gesicht gewichen. Ihre Augen schienen dunkel unterhöhlt und die Lippen dünn. Sie atmete schnell und flach.

   “Sag doch was”, sprach Momo.

   Freya wusste selbst nicht, was mit ihr geschah. In ihr geriet alles durcheinander, plötzlich geriet sie vollkommen aus der Fassung. Sie wusste nicht mehr, was sie empfand, aber es herrschte ein so großen Chaos in ihr, dass ihr davon schlecht wurde. Sie schmeckte Galle und schluckte sie wieder herunter. Das verstärkte die Übelkeit noch. Was war nur los mit ihr? Das Ganze überstieg offensichtlich ihre Kräfte, sie hatte sich womöglich überschätzt.

   “Ganz ruhig atmen. Das wird schon wieder”, sagte Momo.

   Freya richtete den Oberkörper auf und atmete, so tief sie konnte, doch das Rauschen in ihrem Kopf wollte nicht verschwinden. Sie fühlte sich, als würde ihr Kopf hin und her gerissen und ihr wurde ganz schwindelig davon. Gleichzeitig war ihr Magen wie aufgewühlt, jeden Augenblick würde sie ausspeien. Das Blut wich aus ihrem Kopf und wieder wurde ihr schwarz vor Augen.

   “Legt sie hin”, sagte Patricia.

   Momo und Tom legten sie auf die Bank. Aleksander zog seine Jacke aus, damit sie ihren Kopf nicht auf das kalte Holz legen musste. Danach setzte er sich ans andere Ende der Bank und legte ihre Unterschenkel auf seine Beine. Freya schloss die Augen und versuchte, an nichts mehr zu denken. Momo beugte sich zu ihr hinab und berührte ihre Stirn sanft mit der Hand.

   “Es wird alles gut”, sagte sie.

   Die Trauergäste in ihrer Nähe wurde aufmerksam. Aus ihren Blicken sprach großes Mitleid, jeder vermeinte, Freya zu verstehen. Während sie zu verstehen glaubten, war Freya nicht ganz sicher, warum sie nun auf dem Rücken lag und sich schrecklich fühlte. Sie hatte nicht an einen zweiten Zusammenbruch geglaubt, denn der erste lag schon einige Tage hinter ihr. Paps rief sie in Amerika an und eröffnete ihr die schreckliche Geschichte. Damals war sie in Tränen ausgebrochen und nicht mehr ansprechbar. Was sie nun aber empfand, war etwas ganz Anderes. Damals war der Schmerz eindeutig und klar umrissen. Nun aber wusste sie nicht, was dieses Chaos in ihr verursachte. Es war, als würden zwei Seiten ihrer selbst aufeinander treffen. Zwei Seiten, die unvereinbar waren, sich vollkommen ausschlossen. Das erinnerte sie an den Physikunterricht. Was geschah, wenn zwei unwiderstehliche Objekte mit beinahe Lichtgeschwindigkeit aufeinander trafen? Einige behauptete, es entstünde ein schwarzes Loch. Irgendetwas in ihr war aneinandergeprallt und ein solches Loch zog sie in sein Inneres. Sie fühlte sich vollkommen verwirrt und durchgeschüttelt.

   Nach einer halben Ewigkeit, tatsächlich waren es zehn Minuten, verschwand das Schwindelgefühl wieder und das Blut kehrte in ihr Gesicht zurück. Es ging so schnell, wie es bekommen war. Tief und regelmäßig sog sie die winterlich kalte Luft ein und fühlte sich mehr und mehr befreit. Die Kühle schien ihren Kopf zu klären und sie fühlte sich besser.

   Momo lächelte erleichtert. “Geht es wieder?”

   Freya nickte. Sie hob ihre Beine von Alexanders Oberschenkel und setzte sich aufrecht. Der Schwindel kam nicht zurück. Der Sturm war vorüber, doch nun fühlte sie sich leer und verwirrt.

   “Was war denn los?” wollte Patricia wissen.

   “Kein Ahnung. Mir wurde plötzlich schlecht.”

   Tatsächlich gab es weit mehr darüber zu sagen, doch Freya fand keine Worte. Sie konnte nicht sagen, was soeben geschehen war. Möglicherweise war es nur ein Schwächeanfall. Möglichweise war es mehr. Sie beschloss, sich später darüber Gedanken zu machen.

   Alexander sah ernsthaft besorgt aus. Er beobachtete sie ganz genau. Freya hatte das Gefühl, er studierte ihr Gesicht, so stark war den Ausdruck in seinen Augen. Sah er etwas, von dem sie nichts wusste? Beinahe kam es ihr so vor. Trotzdem er sie so ansah, fühlte es sich nicht unangenehm an. Es war angenehm, obwohl sie nicht verstand warum.

   Er zog eine Visitenkarte aus seiner Jackentasche und überreicht sie ihr. Das Ding bestand aus weißen Plastik und sein Name war in silbernen Buchstaben eingestanzt. Tatsächlich, er stammte aus Berlin. Auf der Rückseite stand eine Einladung zu einem Cafe in dieser Stadt. Sogar Freyas Name war eingetragen. Hiermit lud er höflichst Freya Arntardt zu einem Treffer unter vier Augen ein, stand da. Morgen zehn Uhr im Cafe Pino Freya hob eine Augenbraue, was nicht vielen Männer gelang.

   “Ich denke, meine Anwesenheit ist jetzt nur störend”, sagte Alexander.

   Er verabschiede sich bei jeden. Freya schüttelte er die Hand. Dabei griff er bestimmt, doch nicht zu feste zu, noch schüttelte er sie wie ein Schimpanse. Zum Abschluss deutete er eine Verbeugung an, dann wandte er sich zu gehen. Freya und ihre der Freunde sahen ihm nach. Er verließ den Friedhof durch den Torbogen und stieg in einen blauen Smart mit einem Delfingraffiti auf der Tür. Der Wagen sah gebraucht aus, wahrscheinlich hatte er ihn sich mühsam zusammengespart, dachte Freya. Ihrer Ansicht nach war er Student oder so etwas. Das passt am ehesten zu ihm, fand sie. Man würde ihn fragen müssen.

   “Was war das denn für einer?” fragte Tom, nachdem der Smart aus dem Sichtfeld verschwunden war.

   “Jonny Depp”, kam es verzückt aus Momo. “Ein blonder Depp. Niedlich.”

   “Genau, niedlich.” Patricia stand auf Muskelprotze, die nach Schmutz rochen und nicht zur Pediküre gingen. “Warum sollte ausgerechnet ein Mann niedlich sein? Der Typ sah aus wie ein Modell, der zerbricht ja, wenn man ihn richtig ran nimmt.”

   Momo sah ihre Freundin aus großen Augen an. Einmal mehr konnte sie nicht fassen, was die kühle Blonde da von sich gab. Das Fashionvictim hatte gesprochen. Vielleicht lag es daran, dass sie schon so viele Freunde hatte.

   “Du klingst wie ein Kerl”, befand Momo. “Hast du jemanden, der dir die Sprüche schriebt oder denkst du dir das alles selbst aus?”

   “Ich halte mir meinen Ex in einem Käfig. Er muss das alles schreiben, sonst kriegt er
keine Bananen.”

   Momo warf Patricia einen schmalen Blick zu. In diesem Augenblick trat Roland, Torbens Vater zu der Gruppe. Er hatte versprochen, Freya nach Hause zu fahren, soweit alles vorüber war. Eigentlich stünde nun noch das gemeinsame Essen auf dem Plan, doch er hatte gesehen, wie sie zusammengebrochen war. Nun erbot er sich, sie allein nach Hause zu fahren, während die anderen Gäste in den Gasthof vorgingen. Freya nahm dieses Angebot gerne an. Sie versprach ihren Freunden, dass sie heute Abend zu ihrem Treffen kommen würde und verabschiedete sich.

   Durch die halbe Stadt fuhren sie in Rolands kleinem Audi. Während der Fahrt kamen Freyas Kräfte zurück. Was immer sie eben getroffen hatte, es war verschwunden. Nach der Hälfte der Strecke fühlte sie sich wieder stark genug, weiter an der Trauerfeier teilzunehmen, aber das ging jetzt natürlich nicht mehr. Für einen Augenblick überlegte sie, ob sie Roland vielleicht auf Torbens frühe Jugend ansprechen sollte, aber sie entschied sich dagegen. Da er sich nie dazu geäußert hatte, würde er wohl auch jetzt nichts dazu sagen. Auch wollte sie ihn nicht verärgern, da es sich doch um ein Geheimnis zu handeln schien. Lieber lehnte sie sich still im Sitz zurück und schloss die Augen. Das bisschen Stille tat ihr gut.

   Freya lebte allein mit ihrem Paps in einem Reihenhaus mit großzügigen Wohnungen. Fitz betrieb ein Fanartikelgeschäft in der Innenstadt und sie lebten ganz auskömmlich davon. Mum war gestorben, als sie noch ein ganz kleines Kind war. Verschwommen erinnerte sie sich an eine wunderschöne Frau, die sich zu ihr beugte und lächelte. Mit dreißig erlag sie einem schweren Krebsleiden. Freya vermisste sie und sie vermisste sie nicht. Ihr Paps hatte alle Aufgaben in der Erziehung übernommen. Er konnte die Mutter nicht vollständig ersetzen, aber beinahe. Mo gab sich alle erdenkliche Mühe und Freya dankte es ihm, indem sie seine männliche Psyche nicht zu sehr strapazierte. Zu Hause war sie ein braves Mädchen, so brav es eben ging in diesem Alter. Sie bewunderte Paps, denn er brachte das Geld nach Hause, kaufte ein, kochte und hatte auch noch Zeit für sie. Im Gegenzug hielt sie ihre Zimmer in Ordnung und half in der Küche.

   Heute allerdings war alles anders. Als sie die Wohnung betrat, lag Fitz in seinem abgedunkelten Schlafzimmer und schnarchte durch die geschlossene Tür. Es hatte ihn schlimm erwischt, hoffentlich war es nicht die Schweinegrippe. Nun, jedenfalls schlief er und Freya schlich durch die Diele, um ihn nicht zu wecken. Warum ihn sein eigenes Schnarchen nicht weckte, blieb auf ewig sein Geheimnis.

   Sie verschwand auf ihr Zimmer und drehte leise Musik auf. Dann legte sie sich auf ihr Bett und schloss die Augen. Zu Revolverheld zu träumen fiel ihr leicht, aber eigentlich wollte sie an gar nichts denken. ‘Ich werde die Welt verändern’, kam es durch die Lautsprecher. Freya atmete tief ein und aus. Ganz bewusst rief sie sich in Erinnerung, wie glücklich sie sich schätzen konnte. Andere an ihrer Stelle standen ohne die wärmende Obhut durch den tollsten Vater der Welt da, ohne die Unterstützung dreier weltbester Freunde und ohne das Wissen, je geliebt worden zu sein. Wie wunderbar ihre Freunde reagiert hatten. Momo war gefühlsbetont wie immer, sie war die größte Stütze. Tom gab ihr das Gefühl, gemeinsam um Torben trauern zu können, denn die beiden Männer waren immer dicke. Patricia gab sich kühl wie üblich, doch allein ihre Anwesenheit bedeutet eine große Sicherheit. Sie war keine Frau großer Worte, aber man konnte sich immer auf sie verlassen. Sie war sehr erwachsen für ihr Alter, erwachsener als alle anderen.

   Freya rief sich die Gesichter ihrer Freunde ins Gedächtnis, das beruhigte sie etwas. Sie war nicht allein auf der Welt, das war jetzt das Wichtigste. Genau genommen lebte sie in zwei Familien, das war ein großes Glück. Nie zuvor hatte sie soviel Zuneigung empfangen, wie in diesen Stunden. Sie wollte unbedingt die nächsten beiden Tagen nur mit ihren Freunden verbringen, um möglichst viel Wärme zu tanken. Ihren amerikanischen Mitschülern hatte sie nichts davon erzählt und das wollte sie auch nicht.

   Fünf Stunden darauf erinnerte sie sich nicht mehr daran, eingeschlafen zu sein und war ein wenig verwirrt im bekleideten Zustand in ihrem Bett zu erwachen. Ihr erster Blick ging zur Uhr über der Tür. Spät war es geworden, jeden Augenblick würde Patricias anrufen, um ihren Treffpunkt durchzugeben. Freya erschrak. Vielleicht hatte sie schon angerufen und sie hatte nicht abgehoben. Sofort griff sie in ihre Hosentasche und holte das Handy heraus. Sie hatte auf dem Ding geschlafen, jetzt tat es etwas weh. Stell dich nicht so an, ermahnte sie sich. Sie wählte die Nummer und wartete ungeduldig. Ganze zwanzig Male ließ sie es klingeln, doch es ging niemand ran. Das war wirklich ungewöhnlich. Patricias Handy lag immer in ihrer Reichweite, egal, wo sie sich befand. Sie stieg nicht einmal ins Bad, ohne das ihr Handy auf einem Stuhl neben der Wanne stand.

   Einerseits konnte dies bedeuten, dass sie noch gar nicht das Haus verlassen hatte, doch andererseits konnte auch etwas geschehen sein. Je länger Freya darüber nachdachte, desto stärker wurde das Gefühl der Beunruhigung. Patricia war immer erreichbar, wirklich immer. Nun aber klingelte es bereits zum 30. Mal. Natürlich konnte alles Mögliche geschehen sein. Vielleicht war das Gerät defekt oder sie hatte es irgendwo liegen lassen. Es gab dutzende Möglichkeiten, trotzdem war Freya davon überzeugt, es müsse etwas Schlimmes geschehen sein. Woher sie dieses Wissen nahm, konnte sie nicht erklären, aber in diesem Augenblick bestand kein Zweifel für sie.

   Freya rollte sich aus dem Bett und nahm die Jacke von der Stuhllehne. Sie zog sie im Hinausgehen an. In der Diele hörte sie Geräusche aus der Küche. Fitz war wach, er drückte Apfelsinen aus.

   “Du kommst gerade richtig”, rief er. “Hier ist ein frisch gepresstes Glas Gesundheit für die beste Tochter der Welt.”

   Freya fühlte sich schuldig, bevor sie etwas gesagt hatte. Sie steckte den Kopf durch den Rahmen und sprach: “Oh, das ist so lieb von dir, aber ich muss ganz schnell weg. Habe wirklich nicht eine Sekunde Zeit.”

   Fitz drehte sich zu ihr um und legte die Stirn in Falten. “Ist irgendetwas geschehen?”

   “Nein. Ich habe es nur eilig. Eine Verabredung.”

   Fitz nickte den Kopf seitlich ein. “Wer ist die Person, dass du sie nicht für zehn Sekunden warten lassen könntest? Ist Jesus in der Nachbarschaft eingezogen?”

   Freya lächelte verlegen. “Nein, nicht Jesus.” Als ob sie sich für Jesus so abhetzen würde. “Ich erkläre es dir später, Paps. Muss jetzt los.”

   “Aber…”

   Fitz blieb mit einem Glas in jeder Hand zurück. Seine Tochter ließ ihn einfach stehen, die junge Dame. Das gehörte sich eigentlich nicht. Nun, er nahm es mit Fassung, ihr Glas würde er kühl stellen.

   Freya unterdessen nahm drei Stufen auf einmal auf dem Weg nach unten. Ihr Rad stand in einem Käfig vor dem Haus, bis zu Patricias Wohnung würde sie weniger als fünf Minuten benötigen. Während sie das Rad aus dem Ständer befreite, wurde ihre Vorahnung immer schlimmer und auch greifbarer. Entweder, sie litt noch immer unter einem Schock und bildete sich etwas ein oder Patricia schwebt in höchster Gefahr. Mit diesem Gedanken schwang sie sich in den Sattel und fuhr los, so schnell sie konnte.

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Beschworen -Fantasy

Der Schnee fiel in besonders dicken Flocken an diesem Morgen. Das watteweiche Weiß bedeckte die Grabsteine um einen Fingerhoch. Auf den Wegen hatte sich alles in braunen Schlamm verwandelt, denn zu dieser Beerdigung erschienen über 60 Menschen. Sie sammelten sich auf einem Feld aus Stühlen, welche vor einem Podest mit Mikrofon aufgereiht waren. Das Podest stand gleich neben einem frisch ausgehobenem Grab, auf der anderen Seite stand ein weißer Sarg mit silbernen Ornamenten.

   Die meisten Trauergäste waren Jugendliche im Alter von sechzehn Jahren. Sie alle trugen schwarz, wenn auch keine Anzüge oder Kleider wie die Erwachsenen. Heute verabschiedeten sie einen von ihnen, einen Freund und Kumpel. Es entsprach dem Wesen des Verstorbenen, sich schnell anzufreunden und danach beliebt zu bleiben. Alle mochten ihn, deswegen hatten sie sich heute versammelt.

   Für Freya Arntardt war es mehr als nur Freundschaft gewesen, sie und der Verstorbene waren seit über zwei Jahren zusammen gewesen und eigentlich hatte er sie nie wirklich verlassen. Das Schicksal vermochte ihre Gefühle in keiner Weise verändert, doch nun war alles mit Schmerzen und Trauer verbunden. Eigentlich war es ein kleines Wunder, dass sie auch an dieser Zeremonie teilhaben konnte, denn sie besuchte für ein Jahr eine High School in den USA. Als beste ihres Jahrgangs und wegen ihrer hervorragenden Englischkenntnisse bekam sie dieses Angebot und natürlich hatte sie nicht nein gesagt. Mittlerweile konnte sie sich vorstellen, irgendwann einmal jenseits des großen Teichs zu leben, doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. Bislang wusste sie nicht einmal, was sie überhaupt studieren sollte. Im Augenblick stand ihr der Sinn auch nicht nach solchen Fragen, sie war ganz im Hier und Jetzt. Mit einer Mischung aus Schmerz und Verzweiflung betrachtete sie den Sarg.

   Freya hatte sich angeboten, die Eröffnungsrede zu halten. Das war ungewöhnlich im Sinne der Tradition, aber der Vater des Verstorbenen verstand sie. Er ließ ihr den Vortritt, weil sie seine große Liebe war. Freya und der Vater kannten und verstanden sich gut und nun verband sie dasselbe Schicksal.

    Drei altbekannte Gesichter holten Freya aus ihren Gedanken. Es waren ihre besten Klassenkameraden, Momo, Tom und Patricia. Nach so vielen Wochen trafen sie sich wieder. Momo schloss Freya sogleich in die Arme und drückte sie. Das Mädchen mit den beiden roten Pferdeschwänzen war wie eine Schwester für sie. Die beiden kannten sich schon seit der Grundschule und waren unzertrennlich. Als kleine Kinder hatten sie sich geschworen, sich nie aus den Augen zu verlieren und die Zeichen standen gut, dass dies nie geschehen würde. Eine bessere Freundin konnte Freya sich nicht wünschen.

   Natürlich war Tom gekommen, der übergewichtige Tom mit dem sonnigen Gemüt, der Liedermacher und Dichter, der sie in der fünften Klasse ein Jahr lang mit geschriebenen Liebesschwüren überhäuft hatte. Der junge Mann war ohne Zweifel recht reif für sein Alter, aber bei den Mädchen hatte er kein Glück. Eigentlich war er der perfekte Freund, aber er sah aus wie ein Troll. Ein ganzes Jahr lang hatte sie sich seiner sanften Gewalt widersetzen müssen. Er gab nicht so schnell auf, das musste man ihm lassen. Heute sah er betrübt aus. Auch er hatte einen guten Freund verloren. Tatsächlich wollte er es noch immer nicht wahrhaben. Der Verstorbene schien immer so lebendig, er konnte einfach nicht tot sein. Es würde Wochen brauchen, damit Tom es wirklich realisiert hatte.

   Patricia trug ein umfunktioniertes Abendkleid, sehr dezent und schwarz natürlich. Sie war die einzige, die sich beinfrei zeigte bei diesen Temperaturen. Das Mädchen ging nicht einmal ungeschminkt zum Mülleiner, aber sie hatte durchaus Geschmack. Nie übertrieb sie es und schon gar nicht zu diesem Anlass. Sie schaute bitter, als sie Freya an sich drückte. Auch sie hatte einen Freund und wundervollen Menschen verloren. Da sie ein sehr realistischer und nüchterner Mensch war, hatte sie sich bereits mit den Fakten abgefunden. Trotzdem wollte sie jeden Augenblick laut schreien, so sehr tat es weh. Nach außen ließ sie sich nichts anmerken, das entsprach nicht ihrer Art. Sie blieb immer stark und unerschütterlich, so war sie. Patricia, die Superfrau.

   “Schön, dass du kommen durftest”, sagte Tom und versuchte ein Lächeln.

   “Ja, die amerikanischen Lehrer sind ziemlich streng, jedenfalls meine”, erwiderte Freya. “In diesem Fall hatten sie aber Verständnis und ich durfte fliegen.”

   “Wie lange wirst du bleiben?” wollte Momo wissen.

   “Leider nur zwei Tage. Übermorgen geht mein Flug. Mein Paps hat das alles bezahlt, die Schule übernimmt nur zwei Flüge.”

   “Wo ist er überhaupt?” Tom sah sich demonstrativ um.

   “Er hat die Grippe und kann hier nicht ein Stunde lang im Kalten sitzen”, erklärte Freya. “Er wollte unbedingt, ich musste ihn beknieen, im Bett zu bleiben. Paps mochte ihn sehr und wäre gern gekommen.”

   “Besser, er schont sich”, sagte Momo. “Soweit ich sehe, ist sonst jeder hier. Man wünscht sich einen fröhlichen Anlass zu solch einer Versammlung, aber nun kommen wir so zusammen.”

   “Schon wieder etwas, was wir ihm verdanken”, fügte Tom hinzu. “Er bringt die Leute zusammen und lässt sie alle dasselbe Gefühl teilen. Typisch für ihn.”

   Anika wechselte das Thema und sprach so nüchtern, wie sie es vermochte: “Wenn du morgen hier bist, müssen wir unbedingt etwas unternehmen. Morgen ist Donnerstag, vielleicht sollten wir die Stadt erobern. Ich habe einen neuen Club entdeckt. Eigentlich ist es ein alter, aber die neuen Besitzer haben ihn herausgeputzt. Früher war’s ein Technoschuppen, aber jetzt kann man sich sogar unterhalten. Die Tanzfläche haben sie verkleinert und du kannst überall sitzen. Sehr lauschig.”

    “Keine schlechte Idee”, fand Momo. “Passt auch am Besten zur allgemeinen Stimmung. Mir ist nicht nach Tanzen, aber ein bisschen Abwechslung wäre schon schön.”

   “Warum gehen wir nicht heute?” fragte Tom.

   Momo warf ihm einen strafenden Blick zu. Warum ausgerechnet heute? Heute war die Beerdigung und Freya wäre wahrscheinlich zu gar nichts mehr in der Lage für den Rest des Tages.

   “Von mir aus heute”, sagte Freya wider erwarten. “Abwechselung ist jetzt genau das Richtige. Bis zum Abend geht es mit besser, bestimmt. Du rufst uns also an?”

   Patricia nickte. Sie war das Organisationstalent der Gruppe, ohne sie ging gar nichts. Sie musste einen Timer gegessen haben oder so, denn sie vergaß nie etwas.

   “Ich rufe euch an und dann feiern wir ein bisschen”, sagt sie. “Ganz still und nur unter uns. Wir quatschen ein bisschen, du hast bestimmt eine Menge zu berichten.”

   Freya musste lächeln. Ja, das hatte sie. Amerika war eine ganz andere Welt. Nun war allerdings nicht der richtige Zeitpunkt dazu, außerdem nahmen die Trauergäste gerade Platz und die Gespräche verebbten. Freya entschuldigte sich bei ihren Freunden und ging zum Sprecherpult hinüber. Merkwürdigerweise empfand sie kein Lampenfieber, da sie nun vor so vielen Leuten sprechen musste. Irgendwie kannte sie jeden hier, zumindest auf den ersten Blick. Die meisten waren aus ihrer und der Parallelklasse. Vom Podest aus war es ziemlich beeindruckend, wie viele Freunde er gehabt hatte. Nun saßen sie alle vor seinem Grab und richteten die Blicke auf Freya. Jeder wusste um ihre Beziehung und welch große Rolle sie im Leben des anderen geführt hatten.

   Freya trat vor das Mikrofon und räusperte sich. Dann zog sie einen Bogen Papier aus der Jackentasche, entfaltete ihn und verlas ihre kleine Rede: “Wenn Menschen in meinem Alter vom Tod sprechen, verbinden sie damit kein bestimmtes Ereignis, noch glauben sie ein solches Ereignis stünde in einem Zusammenhang zu ihrem eigene Leben. Zu sehr empfinden wir uns lebendig und es scheint das Natürlichste der Welt, dass es immer so weiter geht. Auch nimmt niemand an, er könnte einen Freund verlieren, da diese alle genau so empfinden. Das Leben scheint kein Ende zu haben, dabei liegt der Tod bereits in der Wiege.

   Vor vier Tagen haben wir schmerzhaft erfahren, wie zerbrechlich jeder von uns ist und wie schnell das Ende eintreten kann. Ein lieber Mensch ist von uns gegangen und hat tiefe Wunden und Abgründe hinter lassen. Torben war ein Sohn, ein Freund und Schulkamerad.” Sie schluckte einmal kräftig. “Er war ein gemochter und geliebter Mensch. Für mich war er wie der erste Strahl der Sonne nach einer dunklen Nacht. Wann immer er erschien, füllte er den Raum mit dem Licht seines Lächelns und seines Herzens. Mein Mond gehörte zu seiner Sonne, dass bedeutete er für mich.”

    Momo tupfte die Tränen mit einem Taschentuch ab. Sie war die emotionalste Person, die man sich nur vorstellen konnte.

    Freya unterdessen fuhr fort: “Es ist wahr, dass wir nicht schätzen, was wir haben, bis wir es verlieren. Ebenso trifft aber zu, dass wir nicht wissen, wen wir vermissen, bis wir ihnen begegnen. Glück und Liebe hält uns am Leben, diese Dinge helfen uns, Prüfungen zu bestehen, um menschlich zu bleiben und Träume zu verwirklichen. Damit beschenken uns unsere Lieben, auch, wenn wir sie schmerzlich vermissen. Ihr Tod kann uns anspornen, das Leben nicht zu vergeuden, es nicht dem Alltag zu verkaufen oder der Lieblosigkeit. Wir alle sind aufgefordert, gestärkt aus diesem Drama hervorzugehen, denn genau das hätte Torben gewollt.” Freya lächelte unsicher. “Ich selbst leide sehr unter diesem Verlust, aber meine Freunde sind bei mir und auch mein Vater. Ein Stück meines Herzens wird heute begraben, doch das Stück, welches ich im Austausch erhielt, wird niemals sterben, solange ich lebe. Nichts kann sterben, was nicht vergessen wird. Seine Lieben werden ihn nie vergessen und auch seine Träume und Ideale nicht. Es sind jene Ideale, für die er sterben musste. Stehen wir zu seinen Werten und vergessen nicht, was er für uns alle getan hat. Menschen wie er sind selten und wertvoll.” Sie musste für einen Augenblick inne halten. Der Klos in ihrem Hals wollte nicht ohne weiteres verschwinden. Dann sprach sie weiter: “In Torbens Gegenwart war mir, als sei alles möglich. Ich dachte, unsterblich zu sein und jeder Augenblick war unendlich und kostbar. Das ist, was ich von ihm behalten werde. Das Gefühl von Schwerelosigkeit, das Gefühl, fliegen zu können, alles überwinden und meistern zu können. In seiner Gegenwart war alles wie in einem glücklichen Traum, der nie enden würde. Durch ihn habe ich mich selbst schätzen gelernt und das Leben zu lieben. Ich liebe ihn immer noch, weil er nie wirklich gegangen ist. Für mich, so wie für seine Lieben wird er immer in dieser Erinnerung verweilen.”

   Freya faltet das Blatt zusammen und verließ das Podest. Auf dem Weg zurück kam ihr Torbens Vater entgegen. Er hielt inne und drückte sie an seine Brust. Er strich ihr übers Haar und bedankte sich aufrichtig. Freya konnte nicht antworten. Sie nickte und setzte den Weg fort. Ihr Platz war zwischen Momo und Tom. Momo streichelte ihren Rücken, als sie sich setzte.

   “Das war toll”, flüsterte Tom.

   Torbens Vater begann mit seiner Rede, aber Freya konnte nicht mehr bewusst zuhören. Sie fühlte sich vollkommen aufgewühlt und körperlich verausgabt. Ihre Worte hatten sie alle Kraft gekostet. Es waren mehr die Erinnerungen als die Worte. Ausgesprochen wirkten die Realität viel wirklicher als nur als blankes Wissen. Der Gebrauch von Sprache formt Bewusstsein, sagte Paps immer. Er war Schriftsteller und sprach ständig davon. Worte lassen uns die Dinge erst richtig erleben, sie waren wie eine Verkörperlichung unserer Gefühle. Er hatte wohl Recht, denn in diesem Augenblick konnte Freya die Tränen kaum zurückhalten. Sie bebte vor Schmerz.

   Ihre Gedanken fanden Torben, sein Gesicht, seine Statur, seine Hände. Sie hörte seine Stimme und roch seinen Körper. Wie gern sie ihn gerochen hatte, nichts war damit vergleichbar. Sein Geruch war die intensivste Erinnerung, weil er so unsagbar gut schmeckte. In diesem Augenblick lag ihr sein Geschmack auf der Zunge. Nichts ließ sie mehr erinnern als das.

   Seine Finger auf ihrem Körper, wie sie brennende Spuren hinterließen, seine Haut auf der ihren, seine Lippen. Sanft, aber kraftvoll war er, bestimmt und zärtlich. Freya glaubte, ihn an sich zu spüren und schloss die Augen. Eine einzelne Träne rann ihre Wange hinab und schmeckte salzig. In ihrer Erinnerung entstanden Bilder. Warum sie ausgerechnet an den letzten Rummel denken musste, wusste sie nicht, aber sie erinnerte sich an sein komisches Gesicht, als er von einem Karussell stieg, auf das sie sich nicht getraut hatte. Er tat, als wäre er vollkommen mitgenommen und schwankte wie ein Betrunkener. Sein Gesicht sah zum Quietschen aus, als er so tat. Er konnte sie zum Lachen bringen, beinahe auf Knopfdruck.

   Er überredete sie sogar zum einer Fahrt im Rotor. Als der Boden unter ihren Füßen verschwand und sie an der Wand klebten, blieb sie still hängen, doch er drehte sich kopfüber und winkte ihr vergnügt. Er drehte sich um die eigen Achse und blieb auf dem Kopf stehen. Das bereitet ihm wirklich Freude. Alle verrückten Dinge bereiteten ihm Freude. Er war selbst ein bisschen verrückt, aber nie zu sehr.

   Aus welchem Grund auch immer, in diesem Augenblick erinnerte sich Freya, wie sie eine Wette gegen ihn verloren hatte. Er behauptete, eine riesige Zuckerwatte in einem Haps zu verschlingen und sie hielt das für vollkommen unmöglich. Nachdem sie den Wetteinsatz klargemacht hatten, knüllte er die Watte zusammen und stopfte sich die Kugel in den Mund. Er schluckte das Ding wirklich mit einem Haps und sie fühlte sich ein wenig verschaukelt. Den Wetteinsatz schuldete sie ihm immer noch, dachte sie nun. Nie waren sie gemeinsam geflogen. Drachen fliegen wollte er mit ihr, obwohl sie unter Höhenangst litt. Im Tandem Drachenfliegen, das war sein Traum. Irgendwo in den Bergen, weitab der Städte mit nichts als der Natur um sich herum. Den Wind im Haar und das Gefühl grenzenloser Freiheit. ‘Du hast doch Flügel’, hatte er gesagt, ‘da musst du mich durch die Gegend fliegen’. Tatsächlich war er nie geflogen, nicht einmal in einem Flugzeug. Es war einer jener Träume, die er sich nicht mehr erfüllen konnte.

   Für eine Weile fühlte sie ihren Körper nicht mehr und gleichzeitig wurde ihr schrecklich kalt. Von einem Augenblick auf den anderen bibberte sie am ganzen Leib. Die Kälte kam von innen und drang nach außen. Fast dachte sie, die anderen müssten es bemerken, so stark war dieses Gefühl. Obwohl sie mitten unter Menschen saß, fühlte sie sich plötzlich einsam. Wie von aller Welt verlassen fühlte sie sich, wie allein auf einer Eisscholle in einem endlosen Meer. Keine Lichter mehr, an denen sie sich orientieren konnte, nicht einmal die Sterne schienen.

   Was würde nun werden? Was blieb ihr? Sie hatte verlernt, nur für sich selbst zu leben, denn in den letzten beiden Jahren hatte sie alles mit ihm geteilt. Selbst in ihrem High School Jahr standen sie in ständigem Kontakt. Wann immer sie etwas erlebte oder erreichte, freute sie sich darauf, es ihm mitzuteilen. Dies zu tun bereitete ihr mehr Vergnügen als die Sache selbst. Wenn ihr etwas gelang, war sie erst dann zufrieden mit sich, wenn sie sah, wie stolz er auf sie war. Dafür hatte sie die letzten beiden Jahre gelebt. Er war ihre Triebfeder und eine Quelle, aus der sie unerschöpflich schöpfen konnte. Sie gaben einander die Lust zu Leben. Auf diese Weise war jeder noch so unbedeutender Tag ein vollkommener Tag mit einem perfekten Sonnenaufgang und einem grandiosen Sonnenuntergang.

   Nun fühlte sie sich dieser Quelle beraubt und sie fror nicht wegen der eisigen Temperaturen. Was würde nun werden? Konnte sie überhaupt so weiterleben? Natürlich, sagte ihr Verstand. Unmöglich, sagte ihr Herz. Das sich die beiden quasi nie einig waren, daran hatte sie sich mittlerweile gewöhnt, aber diesmal war der Unterschied schon ziemlich groß. Sie wusste nicht, ob sie sich morgen vor einen Zug werfen oder ihre Trauer doch irgendwie bewältigen würde. Was sie genau zu wissen glaubte, war, dass sie sich nie wieder verlieben konnte. Das schien ihr ein für allemal vorbei zu sein. Niemand vermochte Torben zu ersetzen, wirklich niemand. Sie konnte nur hoffen, es irgendwann ertragen zu lernen. Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man, aber in diesem Augenblick schienen diese Worte blanker Hohn.

   Freya bemerkte nicht, wie die Zeit verging und mit einem Mal war die Zeremonie vorüber. Vier Männer, welche die ganze Zeit nahebei gestanden hatten, ergriffen den Sarg und trugen ihn über das Grab. An Seilen ließen sie ihn hinab, langsam und behutsam. Betäubt beobachtet Freya, wie er aus ihrem Sichtfeld verschwand. Sie ließen ihn immer weiter hinab, bis er schließlich in der Grube lag, dann warfen sie die Seile hinab. Es war das Schlimmste, was sie je gesehen hatte. Entsetzlich, nun wurde seine endgültiges Verschwinden für alle sichtbar. Beinahe wäre sie aufgesprungen und hätte den Sarg wieder nach oben geholt. Wie konnten sie Torben das nur antun?

   Die Trauergemeinde erhob sich und begab sich zum letzten Akt der Zeremonie. Freya stand ebenfalls auf und stellte sich in die Reihe. Eine halbe Ewigkeit, in der die Zeit stillzustehen schien, verging, bis auch sie vor die Grube trat, sich nach der kleinen Schaufel bückte und eine Handvoll Erde hinab warf. Nie wieder würde sie ihm so nahe sein, wie in diesem Augenblick, dachte sie. Für sie war es, als würden sie ihn lebendig begraben.

   Momo tippt auf ihre Schulter. Freya stand schon seit einer Weile dort und die Leute wunderten sich. Nach einem letzten Blick wandte sich Freya ab und kehrte der Grube den Rücken zu. Sie sah nicht zurück, sondern gesellte sich zu Tom und Patricia, der bereits auf sie warteten.

   “Alles in Ordnung?” fragte er.

   “Nein.”

   “Ja, das ist nicht zu übersehen.” Tom kratzte sich mit alle zehn Fingern den Hinterkopf, ein Zeichen seiner Ratlosigkeit, für ihn eine typische Geste. “Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es gibt keine Worte, die den Schmerz lindern. Worte können am Schicksal wenig ändern.”

   “Worte können an allem wenig ändern”, fügte Patricia hinzu. Sie wirkt nun viel kühler als zuvor. Wie üblich erweckte sie den Anschein, über allem zu stehen, unnahbar zu sein.

   “Es hilft schon, dass ihr bei mir seid”, sagte Freya und lächelte dankbar.

   Tom trat einen Stein durch die Luft. “Ich bin so wütend. Wenn es nach mir ginge, würden solche Leute den Rest ihrer Tage im Gefängnis verbringen. Das ist einfach nicht gerecht, dass die jetzt auf freiem Fuß sind.”

   “Weiß die Polizei immer noch nichts?” fragte Freya. Sie war gestern erst gelandet und nicht auf dem Laufenden.

   Tom schüttelte den Kopf. “Nein, nichts. Sicher ist nur, dass jemand in das Jugendzentrum eingebrochen ist und alles kurz und klein geschlagen hat. Wer immer es war, sie hinterließen Nazischmierereien auf den Wänden. In diesem Treff kamen ja all die ausländischen Kinder zusammen, das weißt du ja. Torben gab ihnen Deutschunterricht. Ja, die Polizei tappt im Dunkeln. Der Treff ist noch geschlossen, ist ja alles verwüstet dort.”

   Freya war nicht sicher, ob sie diesen Ort jemals wieder besuchen würde. Vielleicht würde es helfen, vielleicht aber nur schaden. Für einen Augenblick kam ihr der Gedanke, sie könne dort etwas entdecken, was der Polizei entgangen wäre, was zur Ergreifung der Täter führen konnte. Eigentlich war das vollkommener Unsinn, aber sie hatte das Gefühl, irgendetwas unternehmen zu müssen.

   Momo kam zurück und gesellte sich zu den anderen. Sie sah richtig geschafft aus. Unter dem dezenten Rouge steckte eine Wasserleiche. Die ganze Zeit schien sie am Rande eines Nervenzusammenbruchs zu stehen. Freya legte einen Arm um sie. Für eine Weile blieben sie so stehen.

   Der Unbekannte löste sich aus der Trauergemeinde, ein neunzehnjähriger Mann, der der Feierlichkeit angemessen schwarz gekleidet war. Er trat zu den Freunden und sprach Freya an. Diese hatte eigentlich keine Lust, ausgerechnet jetzt eine neue Bekanntschaft zu schließen, doch diese würde ihr Leben verändern.

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Zeitreisekrimi - Teil 9 von 9

Der Düsseldorfer Nordfriedhof schlief unter einer Decke aus Schnee und die grauen Bäume reckten ihre kahlen Finger dürr in den verhangenen Himmel. Ein bitterer Wind heulte, schnitt Viggo kalt in die Augen. Er blinzelte und erkannte eine geduckte, hagere Gestalt, die vor einem Grab stand. Viggo trat näher und sah Saphirs Gesicht. Es war eine Persönlichkeitsruine. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und die Wangenknochen traten dreieckig hervor. Sie war ein Wrack.

“Guten Abend”, sagte er mit ruhiger Stimme.

Sie zog an ihrer Zigarette und blies den Rauch durch die Nase aus. “Kennen wir uns?”

“Ich kannte Ihre Mutter.”

“Tatsache?”

“Was ist geschehen?”

“Was meinen Sie?”

“Ihre Mutter. Ich meine, wie ist sie verstorben?”

Sie sah ihn nicht an. “Ist zugedröhnt gefahren. Der Wagen hat sich dreimal überschlagen. War sofort tot.”

“Ein Unfall also”, murmelte Viggo.

“Türlich. Was dacht’n Sie denn?”

Er ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er weiter sprach: “Darf ich fragen, ob Sie Heinz Ruppert kennen?”

“Bin ich ein Auskunft… Auskunftsbüro, oder was?”

“Bitte, es ist wichtig.”

“Wen? Ruppert? Kenn ich nich.”

“Ist er denn nicht Oberbürgermeister?”

“Weiß nich wovon Sie reden. Der Obi heißt Schneider jedenfalls. Sind wohl nich von hier.”

“Nicht wirklich. Erinnern Sie sich an einen Düsseldorfer Politiker, der durch einen Sexskandal stürzte?”

Sie warf die Lulle in den Schneematsch. “Ach der. Ruppert hieß der? Ja, der ist bekannt.”

“Sie müssten etwas darüber wissen. Ihre Mutter kannte ihn.”

“Ich erinnere mich nicht mehr richtig. Meine Birne ist Matsche. Da war irgendwas mit mein Vater.”

Viggo atmete hörbar aus. “Bei der Leiche Ihres Vaters wurde eine Videokassette gefunden, die Ruppert den Job gekostet hat, war es nicht so?”

“Jaja, irgendwie so. Ich glaube, sie haben Kinderpornos auf seinem Rechner gefunden oder so. Er musste ins Kittchen oder was. Ich weiß nich mehr. Mein Erzeuger hatte was mit dem zu tun.”

Viggo sah auf den schmucklosen Grabstein zu ihren Füßen. “Arbeiten Sie noch immer im Red 69?”

“Bist’n Freier oder was?”

“Sicher nicht. Hat Sie niemand vor dem Straßenstrich gewarnt?”

Sie sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an. “Wer bist’n du?”

Viggo entschied, dass ihm die Konsequenzen seines Handelns in dieser Zeitperiode egal sein konnten. Er konnte sich ebenso zum Idioten machen. “Wenn ich schlafe, kommt es vor, dass ich durch die Zeit reise. Dabei treffe ich immer wieder auf Sie. Ich kenne Sie als siebenjähriges Mädchen, als 22jährige und als… wie alt mögen Sie jetzt sein? 40? Sie sehen jedenfalls aus wie 55. Wie dem auch sei, tatsächlich sitze ich gerade mit Ihnen und Ihrer Mutter in dem roten Toyota.”

“Bleib mir vom Hals, du Irrer!” sagte Saphir und wandte sich zu gehen.

“Hast du den Schmetterlingsfisch noch?” rief er ihr nach.

Sie erstarrte. “Woher weißt du davon?”

“Erinnerst du dich nicht? Ich sagte, dass Fische durchs Wasser fliegen.”

“Ich erinnere mich an fast gar nichts mehr. Der Stoff nimmt mir meine Erinnerung, verstehst du, was ich meine? Ich erinnere mich nicht.”

“Es bedeutet, dass es immer eine zweite Chance gibt”, sagte Viggo.

Sie warf ihm einen zornigen Blick zu, als hätte er etwas Unverschämtes gesagt. “Nicht immer, Alter”, erwiderte sie und verschwand in den Schneewehen wie hinter einem Vorhang.

*****

Nadine rüttelte Viggo wach. “Ist alles in Ordnung?” Er starrte sie an. Wortlos griff er nach einem verschlissenen Notizblock in der Ablage und begann zu schreiben.

“Ist jetzt alles wieder gut mit dir, Mama?” fragte Vibke besorgt.

“Alles ist gut, mein Liebling”, erwiderte Nadine und steckte sich eine Camel in den Mundwinkel.

Als sie schließlich vor Nadines Wohnung hielten, faltete Viggo den beschriebenen Zettel zusammen und reichte ihn Nadine mit der Bitte, ihn später erst zu lesen. Danach öffnete er die Beifahrertür.

“Du kommst nicht wieder, oder?” fragte sie.

Viggo schüttelte den Kopf entschieden. “Ich muss etwas beweisen.”

Sie schluckte. “Möchtest du nicht trotzdem noch nach oben kommen? Du willst doch nicht ohne deinen Seesack verschwinden?”

“Behalte ihn. Ich brauche ihn nicht mehr”, sagte Viggo. Er warf einen Blick auf Vibke, die ihn mit großen Augen ansah, beugte sich nach hinten und strich ihr über den Kopf. Dann stieg er aus.

Viggo streunte ziellos durch Düsseldorf. Er passierte die Kreuzkirche, den Rochusmarkt, den Tausendfüßler. Der Abend senkte sich wie ein samtener Schleier über die Stadt. Eine tiefe Ruhe ergriff ihn und zog ihn weiter in die Arme einer Heimat, die er nie wirklich kennen lernen würde.

Vibke öffnete ihren Schuhkarton und wühlte den Glasstein hervor. Sie saß zu Nadines Füßen vor der Couch. Nadine entfaltete unterdessen den Zettel und las: ‘Ich weiß nicht, wie ich dies sagen soll, ohne völlig verrückt zu klingen. Es begann alles vor 18 Monaten. Damals hatte ich einen wirklich seltsamen Traum…’

Auf der Königsallee ging er die hell erleuchteten Schaufenster entlang. Aus dem Eingang des Maredo drang der Geruch gebratenen Fleisches. Ein paar Leute standen vor einem Zeitungskiosk.

‘Ich habe das Leben deiner Tochter gesehen und es ist genauso wüst und vergoren wie deines. Sie quält sich jeden Tag durch ein Leben, das ihr keinen Halt und keine Perspektive bietet.’

Vor einem Schuhgeschäft entstand ein Tumult. Ein offenbar betrunkener bJugendlicher schlug wie wild um sich und wurde nur mit Mühen von zwei Polizisten in Zaum gehalten. Viggo trat näher an die Menschentraube.

‘Morgen wirst du betrunken Auto fahren, einen Unfall haben und sterben. Deine Tochter verliert nach diesem Ereignis ihr Urvertrauen und ebenso den Glauben an sich selbst. In den folgenden Jahren wird in sich zusammenbrechen. Vibke braucht ihre Mutter mehr, als die Luft zum Atmen und sie vermisst dich so sehr.’

Der randalierende Jugendliche beruhigte sich scheinbar wieder. Dann plötzlich zog
er einen kleinen Revolver aus der Jackentasche und riss den Arm hoch. “Bullenschwein!” Viggo reagierte, ohne nachzudenken. Er stieß den Polizisten zur Seite und in diesem Augenblick fiel der Schuss. Die Kugel schlug in Viggos alter Kopfwunde ein und sein Blut spritzte auf den Gehweg. Viggo stürzte und blieb auf dem Rücken liegen. Mit aufgerissenen Augen sah er eine Schar aufgescheuchter Tauben, die durch den Nachthimmel im Juni schwirrten.

‘Wenn du mir nicht glauben kannst, dann schau dir morgen die Lokalprogramme im Fernsehen an. Heute Abend werde ich irgendwo in Düsseldorf erschossen. Ich weiß nicht von wem und warum, aber das Ende dieser Geschichte scheint gewiss.’

Eine alles verschlingende Schwärze griff nach Viggo. Ob sterben wie träumen sein würde?

*****

Das Schneewehen hatten wieder eingesetzt und Viggo war, als stünde er in einem Ballen aus Zuckerwatte. Er fror ohne seine Jacke. Der Taxistand zu seiner Linken war nach wie vor verlassen und auf der gegenüberliegenden Seite glomm kaum zu erkennen die rote Leuchtreklame des Red 69.

Ein brandneuer, blauer Beetle kämpfte sich durch den Schneematsch. Der Wagen hielt genau neben ihm. Vibke Hess bediente den automatischen Fensterheber und musterte ihn. Sie hatte die leuchtenden, hellwachen Augen aus Kindertagen. Ihr leicht gebräunter Teint war unverbraucht, das Gesicht unaufdringlich, beinahe unsichtbar geschminkt.

“Sagen Sie, kennen wir uns?” rief sie aus dem Fenster.

“Aus einem anderen Leben vielleicht”, erwiderte Viggo.

Sie erschrak. “Sie bluten ja. Ist alles in Ordnung?”

“Ich lebe noch, wie es scheint.”

“Ich komme am Marienhospital vorbei. Möchten Sie nicht reinhüpfen?”

Viggo lächelte tief und warm und stieg ein.

“Wo haben Sie denn Ihre Jacke, wenn ich fragen darf? Draußen frieren ja die Klöthen.”

“Ich habe Sie verloren.”

Sie fuhr vorsichtig an. “Sind Sie sicher, dass wir uns nicht kennen? Sie kommen mir wahnsinnig bekannt vor. Also, halten Sie das jetzt bitte nicht für, also, naja Sie wissen schon.”

“Ich verstehe schon. Ich nicht Tarzan, du nicht Jane.”

Sie lachte.

“Sind Sie auf dem Weg zur Arbeit?” fragte Viggo.

Sie nickte aufgeregt. “Ja, heute ist meine erste Vernissage.”

“Sie malen?”

“Seit ich sieben bin”, erwiderte sie nicht ohne Stolz. “Ich male und meine Mutter regelt das Geschäftliche. Heute sind eine Menge potenzieller Käufer eingeladen.”

“Was malen Sie?”

“Vielleicht möchten Sie mal hereinschauen?”

“Nein”, sagte Viggo. “Ich fürchte, mir wird die Zeit knapp.”

Der Wagen fuhr über eine breite Hauptstraße. Viggo erkannte die Stelle wieder. Für ein paar Augenblicke verschwanden die Lichter der Stadt in den Schneewehen und sie waren ganz für sich.

“Es wird alles gut”, sagte Vibke voller Zuversicht und zwinkerte ihm zu.

“Nein”, erwiderte Viggo. “Das ist es bereits.”

In diesem Moment wurde er vor Vibkes Augen transparent und löste sich in einen Schleier aus Licht auf.

ENDE

29.8.10 17:56, kommentieren

Krimi - Teil 8 von 9

Viggo klappte das Notebook zu. “Wie kann er es riskieren, seine Untaten auf Festplatte zu bannen?”

“Weißt du, was Männer mit klein geratenen Genitalien mitunter tun?”

Er sah sie ratlos an.

“Sie hängen sie aus dem Fenster. Und mein Vater hatte das kleinste Ego, dass du dir vorstellen kannst.”

Die Eingangstür splitterte auf und schwere Tritte hämmerten über den Boden. Viggo und Saphir schraken hoch. Ruppert hatte ihnen seine Doggen auf den Hals gehetzt. Sie liefen zur Terrassentür. Viggo wandte den Kopf und erkannte die drei Schläger aus dem Van. Sie waren sichtlich gealtert, aber nicht minder gefährlich. Ihr Anführer hielt eine 45er Manhunter in der Faust. Als Viggo in den Garten hinausrannte, riss er das Monster hoch und zog den Abzug durch. Die Kugeln sprengten Fetzen aus der Glastür.

Sie liefen über die Anlage, vorbei an den beschnittenen Birnbäumen, bis sie an eine übermannshohe Backsteinmauer gelangten. Während sich Saphir an dem mit Sicherheit verschlossenen Gartentor zu schaffen machte, hob Viggo eine Holzleiter vom Boden und lehnte sie an die Mauer. Er rief ihr zu und sie kletterte geschwind wie eine Katze die Sprossen hinauf. Der Schläger mit den Kohlblattohren lief in den Garten und richtete die 45er mit beiden Händen aus. Er zielte sorgfältig, doch die Waffe erzeugte einen mächtigen Rückschlag. Das Projektil fetzte Mörtel aus dem Mauerwerk. Viggo blies sich den Staub aus dem Gesicht und nahm die letzte Sprossen. Dann sprangen die beiden auf der anderen Seite herunter und rannten einen Streuweg zwischen Gartenmauern und Schrebergärten entlang. Hinter ihnen fluchten ihre Verfolger. Viggo und Saphir gelangten auf eine geschwungene Straße mit modernen Einfamilienhäusern. Eine zwanzigköpfige Hochzeitsgesellschaft tummelte sich auf dem Bordstein und verabschiedete ein Männerpärchen. Die Leute standen Spalier, lachten und warfen Konfetti. Am Ende der zwei Mann Parade wartete ein weißer Mercedes mit laufendem Motor. Viggo riss die Fahrertür auf und sprang hinein. Saphir hüpfte auf die Rückbank. Die Partygäste bemerkten sie erst, als die Reifen des Wagens quietschend durchdrehten. Die beiden frisch verheirateten  blieb stehen und das Lächeln verschwand von ihren Gesichtern. Viggo steuerte das Geschoss die Straße entlang und war beinahe hinter der nächsten Biegung verschwunden, als die Schläger das Feuer eröffneten. Sie schossen durch die Partymenge hindurch. Die Leute spritzten schreiend auseinander. Einige warfen sich zu Boden, während die Kugeln das Heck des Wagens zerrissen und die Blinker zerstörten. Viggo zog das Steuer herum und das Fahrwerk schlug hart auf dem Bordstein auf. Er lenkte den Mercedes so dicht es eben ging an der Häuserecke vorbei und preschte zurück auf den Ring. Plötzlich sprang das Heck einer Polizeistreife ins Bild. Die S-Klasse rammte den zarten Volkswagen von der Straße und hämmerte ihn quer in ein parkendes Auto. Viggo bremste abrupt und stemmte sich gegen das Lenkrad. “Nicht zu fassen. Die Polizei ist zur Stelle, bevor man sie braucht”, nuschelte er mehr zu sich selbst, nachdem die drei verkeilten Fahrzeuge zum Stillstand gekommen waren. Zwei Beamte, ein Mann und eine Frau, die Viggo seltsam bekannt vorkamen, stiegen aus. Sie waren leichenblass. Der Polizist trat an sein Fenster und leuchtete mit einer Stabtaschenlampe in den Innenraum. “Ist alles in Ordnung? Ist jemand verletzt?” fragte der Mann. Seine Stimme zitterte etwas.

“Ich lebe noch”, murmelte Viggo.

“Bei Ihnen auch alles in Ordnung, junge Frau?” Er beleuchtete die Rückbank. Die Antwort bestand aus einem bebendem Stöhnen. Viggo zuckte herum. Saphir lag seitlich auf der Bank. Zwischen ihren vor den Bauch gepressten Fingern quoll Blut. Viggo schrie auf und streckte sich zu ihr hinüber. Sie zitterte am ganzen Körper. Hilflos blickte sie an ihm herauf. “Siehst du?” sagte sie mit einer hauchdünnen Stimme. “Ich kann nichts richtig machen.”

Die Polizistin rannte zu der demolierten Streife und griff nach dem Funkgerät.

“Es tut fast gar nicht weh. Komisch, oder?” flüsterte Saphir. Sie hustete und hellroter Schaum trat aus ihrem Mundwinkel. Die Kugeln hatten den Bauchraum und die Lunge durchschlagen. Viggo nahm ihr Gesicht in beide Hände.

“Kann ich jetzt endlich vergessen?” fragte sie.

“Das darfst du nicht”, beschwor er sie. “Vergessen ist wie sterben.”

“Sterben ist wie vergessen. Ich möchte endlich vergessen. Verstehst du das?”

Er nickte.

“Ich möchte vergessen und noch einmal von vorne anfangen”, sagte sie. “Hilfst du mir dabei?”

Sie verzahnten die Finger ineinander.

“Du bekommst deine zweite Chance, die steht jedem zu. Ich verspreche es.”

Saphir starrte ihn an, dann durch ihn hindurch. Sie öffnet ihren Mund, atmete ein, als wolle sie etwas sagen und sank in sich zusammen. Ihr Blick brach. Viggo zog sie an sich und krächzte wie ein verwundetes Tier. Sie glitt ihm durch die Arme, als er transparent wurde und

*****

erwachte.

Die Berber hatten einige Mühe, ihn nach der verabredeten Zeit aufzuwecken. Schließlich gab einer der Männer sich selbst einen Ruck und ihm eine Ohrfeige. Abrupt fand sich Viggo im Düsseldorfer Hofgarten wieder. Vom Teich wehte ein leicht fauliger Geruch herüber und eine Schar Enten stritt sich schnatternd um ein paar Brotkrumen, die ihnen von einem älteren Pärchen zugeworfen wurden.

“Das Zeug wirkt ja Wunder”, meinte ein Bettelbrüder. “Oder hast du eh einen gesegneten Schlaf?”

Viggo antwortete nicht. Hastig warf er einen Blick auf seine Uhr. Dann rappelte er sich auf. Natürlich hatte er das Medikament nicht ausschlafen können. Er fühlte sich, als sei sein Kopf ganz in Watte eingepackt. Alle Geräusche klangen merkwürdig gedämpft und er war völlig ausgetrocknet. Seine Fingerspitzen kribbelten.

Er zahlte die fälligen 20 Euro und bedankte sich. Dann eilte er auf den nahe liegenden Schadowplatz und stieg in eine Bahn. Es vergingen noch einige Minuten, bis er ganz bei sich war.

Während der Fahrt sah er das Leben vorbei gleiten. Zwei Schlipsträger, die sich angeregt unterhielten, eine Dame mit Hund, Radfahrer auf den Gehwegen. Alles floss wie ein Panoptikum der Banalitäten an ihm vorüber. Die Welt - sie wollte nicht stillstehen. Nicht die geringste Kleinigkeit erinnerte daran, dass gerade ein unschuldiges Leben, ein ungelebtes Leben verloschen war. Der Tod hatte etwas entsetzlich triviales. Eine Sitzbank vor ihm unterhielten sich zwei Cracks über das gestrige Playoff der Metrostars. Wie konnte sich der Erdball weiterdrehen, wenn eine ihrer Sonnen untergegangen und für immer erloschen war? Viggo schloss die Augen und besann sich. Nichts war verloren, dachte er. Die Zukunft war ungeschrieben. Als er die Augen aufschlug, war sein Entschluss gefasst. Er stieg aus und ging die zwei Blocks bis zu Hess’ Wohnung. Dessen blauer Audi parkte vor dem Eingang. Viggo drückte die Klingel und bald meldete sich jemand, der offenbar betrunken war.

“Ja?”

“Ich bin’s, Walter”, improvisierte Viggo.

“Welcher Walter?”

“Ich schulde dir noch Geld, Alter. Weißt du nicht mehr?”

“Komm morgen wieder”, schnarrte Hess. “Ich hab jetzt wichtig.”

“Geht klar, Alter”, erwiderte Viggo. “Ach, ich glaube, das ist dein Audi, den sie da gerade zerkratzen. Also diese Jugend von heute. Keinen Respekt vor materiellen Dingen, und so.”

“Watt?” rief Hess. “Dat…Dat is doch…so’n Scheiß!” Es klickte im Lautsprecher. Keine zwanzig Fluchwörter später wurde die Haustür aufgerissen und Hess stürmte zu seiner Potenzprothese. Er trug verschlissene Adidashosen und ein weißes Unterhemd. In einer Hand hielt er den Wohnungsschlüssel, in der anderen einen Schlagring. Panisch umrundete er den Audi und besah jeden Quadratzentimeter Lack. Ob er die alten Kratzer von der neueren unterscheiden konnte, fragte sich Viggo. Und was würde einer wie er mit der latenten Prügelstrafe im Handgelenk nur anfangen?

Viggo schlüpfte durch die sich schließenden Tür und verschwand im Hausflur. ‘Lieber Gott’, dachte er, während er drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppen
hinauf rannte. “Lass ihn genauso dämlich sein, wie er aussieht.’

Die Tür im dritten Stock stand nicht sperrangelweit offen, wie er gehofft hatte. ‘Halleluja’, sprach er laut in Gedanken aus und lächelte sparsam. Für einen Moment hielt er inne. Dann fasste er sich ein Herz und nahm so weit es möglich war Anlauf. ‘Das funktioniert nur in schlechten Actionfilmen’, dachte er, hörte sich aber nicht zu. Wider jeglicher Vernunft stieß er sich von der Wand ab und rannte mit der Schulter voraus gegen die Tür und gegen eben jene Vernunft sprang die Tür auf und Viggo stolperte in die Diele. Auf dem Läufer rutschte er aus, fiel der Länge nach hin und bremste mit dem Gesicht. Hess, der Trottel, hatte in der Hast die Tür nur angelehnt. Halleluja, dachte Viggo und rappelte sich hoch. Seine Nase blutete.

Im Wohnzimmer war eine Bombe eingeschlagen. Überall lagen leere Pizzaschachteln und Chop-Suey Becher herum. Bierflaschen standen kompanieweise in allen vier Zimmerecken; es stank erbärmlich nach Schweiß und Erbrochenem, dass sich in den Teppich eingefressen hatte. Es war eine Gruft. Die Gruft eines längst Begrabenen. Für einen Moment empfand er Mitleid. Neben dem TV-Gerät stand eine nichtdigitale Kamera. Viggo tippte auf die Ausgabetaste und steckte das Band ein. Er kehrte in die Diele zurück und erstarrte. Hess kam geräuschvoll die letzten Stufen herauf und öffnete die Wohnungstür. Viggo wich nach rechts aus und flüchtete ins Badezimmer. Der Raum bot keinen optischen Schutz. Viggo improvisierte, stieg beinahe geräuschlos in die Dusche und zog den Pilzbefallenen Vorhang zu. Hess schloss derweil die Wohnungstür und drehte den Schlüssel zweimal. Er durchquerte mit schweren Schritten die Diele und kurz darauf erklang ein spitzer Schrei aus der Wohnzimmerruine. Eine Schublade wurde aufgezogen, dann schnappte eine metallische Mechanik ein. Hess hatte eine Pistole entsichert. Viggo hörte Hess’ tastende Schritte im Flur. Bald stand er vor dem offenen Eingang zum Badezimmer.

“Ich weiß, wo du steckst”, sagte er und sein ausgestreckter Arm tastete in den Raum. Wie ein suchendes Auge ließ er die Mündung der 38er herumschwenken. Dann sprang er herein und richtete die Waffe in Richtung Toilette, die sich hinter der zugezogenen Dusche befand. Viggo trat aus seinem Versteck hinter Hess hervor und drückte ihm den Duschkopf in den Rücken. Hess erstarrte.

“Ich bin sicher, Sie können sich ausmalen, was eine Pumpgun aus dieser Entfernung mit Ihren Innereien anstellt”, sagte Viggo ruhig. “Werfen Sie die Waffe hinter sich auf den Boden!”

Hess tat wie ihm geheißen und Viggo bückte sich vorsichtig.

“Wenn Sie sich umdrehen, mache ich Sie nass”, drohte Rambo.

“Hab schon verstanden”, stammelte Hess.

Viggo nahm die Pistole vom Boden und sagte: “Schließen Sie die Augen, zählen Sie bis hundert und beten Sie, dass ich bei Null verschwunden bin. Spätestens morgen haben Sie sich bei einem Psychotherapeuten angemeldet. Klar?”

“Klar.”

Viggo warf die Brause zurück in die Dusche und ging langsam rückwärts. Er öffnete die Wohnungstür und verschloss sie von außen. Während er die Stufen hinabhastete, warf er den Schießprügel angewidert von sich. Er hatte kein gutes Gefühl, als er das Haus verließ. Der Gedanke an seinen nahenden Tod wollte ihn nicht loslassen. Wer kam jetzt noch als Mörder in Frage? Die Überfeministin aus dem Erdgeschoß? Rupperts Schergen? Oder doch Jörn Hess?

In diesem Moment hielt der rote Toyota mit quietschenden Reifen. Viggo grinste. Konnte Nadine Gedanken lesen? Er lief über die Straße und sah erleichtert, dass die besorgte Mutter ihre Tochter in der sicheren Wohnung zurückgelassen hatte. Viggo stieg ein und wollte etwas sagen. Dann bemerkte er ihr blau unterlaufendes Auge. Sie sah ihn mit Tränen in den Augen an und sagte: “Sie haben Vibke mitgenommen und wollen sie gegen das Band eintauschen. Wenn du nicht aufgetaucht wärst, hätte ich ihm die Kassette selbst abgenommen. Notfalls mit Gewalt.”

Viggo zog das Band aus der Hosentasche worauf Nadine zittrig lächelte und ihr Handy zückte. Sie tippte eine Nummer, die sie auswendig kannte und wartete. Ein kleine Ewigkeit verstrich. “Ich habe es”, sagte sie schließlich in den Hörer. “Wie geht es meiner Tochter? - Nein, das ist kein Trick. Wohin soll ich das Band bringen? - Ich komme sofort. Tun Sie ihr bitte nichts an.” Sie hängte ein und wandte sich an Viggo: “Sie erwarten uns am Burgplatz.”

Nadine legte den Gang ein und trat das Gaspedal durch. Sie fuhren Richtung Innenstadt. Viggo hatte das Gefühl, ungebremst vor eine Wand zu fahren. Er dachte an seine Todesanzeige. ‘Wenn du es zulässt, kommt das Schicksal zu dir’ hatte einmal ein Berber zu ihm gesagt. ‘Aber wenn du es zulässt, kommt das Schicksal zu dir’ war die Antwort eines anderen Landstreichers gewesen. Viggo konnte nicht entscheiden, welches die bessere Option war. Vielleicht war es am besten, intuitiv zu reagieren.

Endlose fünfzehn Minuten vergingen, bis sie das ‘Hotel an der Oper’ erreichten. Nadine parkte querbeet und sprang aus dem Wagen. Viggo hatte Mühe zu ihr aufzuschließen. Das Schlafmittel zehrte an seinen Kräften. Sie liefen über die Heinrich Heine Allee und die Bolkerstraße hinab. Irgendwo hier hatte Hess seinen Kontrollverlust simuliert. Vor dem ‘Schlüssel’ stand wieder der Prediger auf seiner Seifenkiste. Er hatte beide Arme beschwörend erhoben, als könne er den heiligen Geist mit bloßen Händen greifen. “Denn ergebt ihr euch eurem Schicksal, so ergebt ihr euch Gott. Alles ist vorherbestimmt und liegt in den Händen des Herrn. Eilet nicht vorüber an der frohen Botschaft, gehabt euch stattdessen mit…”

Nadine und Viggo liefen weiter. Der Burgplatz war beinahe menschenleer. Nur ein paar Jugendliche saßen auf den Parkbänken und standen um den runden Brunnen, der seit Jahrzehnten trockengelegt war. Vor den Stufen zum Burgturm erkannte Viggo den schießwütigen Schläger. Er hielt Vibke fest an der Hand. Nadine und Viggo gingen Schulter an Schulter über den Platz und traten auf die große Reliefplatte vor dem Turm. Der Schläger taxierte sie und lächelte schäbig. Er schien sich völlig sicher zu fühlen. Wortlos überreichte Nadine das Band. Dann gab Krummnase Siebenjährige frei und Vibke rannte in die Arme ihrer Mutter.

“Und? Werden Sie mich jetzt erschießen?” fragte Viggo.

“Hier?” Der Schläger war überrascht. “In aller Öffentlichkeit? Dazu müsste ich besoffen oder völlig verrückt sein.”

Der Pistolenschuss hallte von den umgebenden Altstadthäusern. Eine Frau schrie. Die Kugel zerschlug das Brustbein und blieb in der Wirbelsäule stecken. Zitternde Hände tasteten nach dem Blutfleck, der sich schnell auf der Kleidung ausbreitete. Der Schläger schaute Viggo mit glasigen Augen an, dann brach er zusammen. Jörn Hess erschien förmlich aus dem Nichts. Er fuchtelte mit der 38er vor Nadines Nase und keuchte vor Erregung. “Ich sollte dich gleich hier abknallen”, grunzte er. Er stank nach Whiskey. Sein Gesicht war im Wahn verzerrt. Er bückte sich nach der Videokassette und stopfte sie sich hinter den Hosenbund. In diesem Moment nahm er eine Bewegung wahr. Die beiden anderen Schläger rannten hinter dem Burgturm hervor. Sie trugen keine Waffen, aber ihre Gesichter waren hassverzerrt. Hess grinste irre und lief in die entgegen gesetzte Richtung davon. Bald hatte er die Stufen erreicht, die ans Rheinufer führten.

“Tun Sie das nicht”, rief Viggo ihm nach. “Sie werden umkommen.”

Hess hörte nicht und erreichte die Rheinuferpromenade, die Verfolger dicht im Nacken. Er lief einen der Stege hinunter auf einen der Anleger und sprang in die Fluten. Das Wasser riss ihn mit übermenschlicher Kraft mit und er ging fast sofort unter. Die beiden Schläger hielten vor dem Ufer und starrten auf die Wasseroberfläche. Hess war verschwunden.

Viggo, Nadine und Vibke kehrten dem Ufer wortlos den Rücken und durchquerten die Altstadt ohne Eile. Rupperts Häscher verfolgten sie nicht. Sie würden Mühe haben, Hess’ Leiche vor der Wasserschutzpolizei zu finden, dachte Viggo. Nadine versicherte sich gleich sieben Mal, ob Vibke tatsächlich unversehrt sei. Bald reichte es der Kleinen und sie meinte: “Es ist wirklich alles OK. Aber du fragst mir
ein Loch ins Bein, oder wie das heißt.”

Als sie den altersschwachen Toyota erreichten, ließ sich Viggo auf den Beifahrersitz fallen. Er war völlig erschöpft. All die Angst um Vibke und seinen nahenden Tod wichen von ihm und eine tiefe Müdigkeit rollte über ihn hinweg. Das nicht ausgeschwemmte Schlafmittel tat sein Übriges.

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Krimi - Teil 7 von 9

Er erinnerte sich, insgesamt drei Male aufgewacht und wieder eingeschlafen zu sein, bevor er endgültig erwachte. Er öffnete die Augen und sein Blick lag auf den Schmetterlingsfisch. Der Glasstein stand neben einer Flasche Sprudel auf dem Beistelltisch.

“Wenn du wach bist, sag Oink”, sagte Vibke.

Viggo wandte träge den Kopf und sagte: “Schnitzel.”

Die Siebenjährige und ihre Mutter saßen am Fußende seines Bettes.

“Euch ist nichts geschehen?” fragte er.

“Sie haben uns gedroht und ein paar Schubladen durchsucht”, erwiderte Nadine. Sie stand auf und strich ihm über das dunkle Haar. “Es tut mir leid. Das ist alles meine Schuld.”

“Sie sagten, sie kämen wieder.”

“Ich weiß.”

Viggo sah erst Vibke an, dann warf er Nadine einen fragenden Blick zu. Die schaute kleinmütig zurück und sagte mit leiser Stimme: ”Ich gebe ihm das Band. Soll er glücklich werden damit.”

“Die Polizei wäre eine Alternative.”

“Nein, ich will nichts mehr riskieren. Zeig uns lieber mal deine Mumifizierungen!”
Viggo holte seine lädierten Finger mit den weißen Gipsverbänden unter der Decke hervor. Ohne zu zögern zückte Vibke einen schwarzen Filzschreiber und hüpfte heran. “Ich zuerst!” Sogleich machte sie sich über den jungfräulichen Verband her. Sie malte eine Diddlmaus neben einen Snoopy. Es folgte ein Schwammkopf, ein merkwürdiger Fisch und ein plüschiges Etwas mit Glubschaugen. Als ihr der Platz ausging, lief sie um das Bett und bearbeitete den anderen Finger.

“Du kannst ja phänomenal gut Zeichnen”, sagte Viggo. Er war erstaunt. Vibke stieg die Schamesröte ins Gesicht. Sie grinste. Nadine nahm die Verbände in Augenschein und hob eine Braue. “Das wusste ich gar nicht”, murmelte sie.
Mühselig stieg Viggo  aus den Federn und griff nach seiner Hose.

“Du wirst doch jetzt nicht aufstehen wollen?” sagte Nadine.

“Was heißt hier wollen?” fragte er.

“Deine Ärzte hätten sicher etwas dagegen.”

“Die haben natürlich ein Recht auf eine eigene Meinung”, entgegnete Viggo und streifte sich den wunderbar sauberen Pullover über.

“Was zum Teufel soll das?” fragte sie. “Bist du von Sinnen?”

“Das klingt wahrscheinlich verrückt”, begann er. “Ich weiß, dass heute etwas Schlimmes geschehen wird. Etwas, das euch und mich betrifft. Ich werde nicht untätig hier herumliegen und warten, bis es geschieht.”

“Wovon sprichst du?” wollte sie wissen.

Viggo vollführte eine unbestimmte Handbewegung. “Das sehen wir dann.”
Sie verließen das Krankenhaus und fuhren zurück in Nadines Wohnung. Der Anblick des Wohnzimmers war ein Schock. Überall lag Papier verstreut. Der Fernseher war eingeschlagen, die CD-Sammlung im ganzen Zimmer verteilt. Die Plastikhüllen waren allesamt zertreten. Sessel und Couch waren mit rotem Lack verschmiert und an der Wand stand in großen Lettern ‘Schlampe’.

“Das haben diese Barbaren angerichtet?” fragte Viggo.

“Haben sie nicht”, erwiderte Nadine. “Sie haben nur die Schubläden durchsucht. Das war mein Ex.” Ein Schatten lief durch ihr Gesicht. Sie bückte sich zum Fernsehtisch hinab und tastete zwischen der untersten Platte und dem Teppich.

“Er hat das Band geklaut. Dieser Mistkerl hat das Band.”

“Wusste er von der Aufnahme?” wollte Viggo wissen.

“Nein. Er hat wahrscheinlich nur nach Geld gesucht. Ich hätte das Schloss austauschen sollen. Wir müssen das Band unbedingt zurück bekommen.”
Viggo dachte nach. “Ich kümmere mich darum, aber zuerst muss ich etwas überprüfen. In spätestens drei Stunden bin ich zurück. Ihr beiden rührt euch nicht von der Stelle, bitte.”

Nadine sah ihn besorgt an. “Was hast du vor?”

“Wenn ich dir das sage, hältst du mich garantiert für verrückt.”

Viggo verließ im Laufschritt das Haus. Nach einigen Minuten fand er eine Apotheke und erstand dort ein Schlafmittel. Er begab sich in den Düsseldorfer Hofgarten und traf dort die unvermeidlichen Berber an. Einem Grüppchen Obdachloser bot er seine letzten 20 Euro für eine kleine Gefälligkeit. Nachdem er die Tabletten genommen hätte, sollten sie ihn in genau zwei Stunden wecken. Die Brüder schauten irritiert aus der Wäsche, schlugen aber ein.

“Seid keine Unmenschen bitte und schlagt euch nicht mit meinen Sachen in die Büsche”, bat Viggo, als er das Schlafmittel schluckte.

“Für wen hältst du uns?” brüskierte sich einer.

Nach endlosen zwanzig Minuten fühlten sich Viggos Gliedmaßen an, als seien sie mit Blei gefüllte Stoffgliedmaßen. Morpheus empfing ihn mit einem breiten Grinsen.

*****

Er verstofflichte in einem speckigen Sessel in Saphirs Wohnung. Der Fernseher lief und Holde Immerfroh moderierte die Sylvesterausgabe des Mutantenstadls. Aus der Küche drang das Klirren von Geschirr. Kurz darauf betrat Saphir mit einem Teller belegter Brote das Wohnzimmer. Eine fast aufgerauchte Zigarette steckte in ihrem Mundwinkel. Sie erstarrte, als sie Viggo sah und die Brote landeten ausnahmslos mit der belegten Seite auf dem Teppich. Viggo schnellte aus dem Sessel und klaubte die Scheiben vom Boden. “Es tut mir leid”, sagte er. “Normalerweise habe ich nicht diese Wirkung auf Frauen.”

“Was ist mit deinen Fingern?” fragte sie.

“Deine Mutter hat einen Feind, der mich für ihren Verbündeten hält. Erinnerst du dich nicht an einen Krankenhausbesuch?”

“Nee, das ist 15 Jahre her. Weißt du denn, wer dieser Feind ist?”

Viggo nickte. “Konntest du herausfinden, wo dieser Ruppert wohnt?”

“Klar doch. Im Oberkassler Nobelblock am Ring. Und du bist sicher, dass ausgerechnet er meine Mutter umgebracht hat?”

“Ich nehme es an. In ein paar Minuten wissen wir es hoffentlich. Können wir jetzt gleich zu ihm fahren?”

“Jetzt?”

“Jetzt!”


Rupperts Villa bestand vollständig aus weißem Stein und maß drei Stockwerke. Den Eingang flankierten zwei Säulen, auf denen ein dreieckiges Steindach ruhte. Viggo bat Saphir, im Wagen zu warten. Er stieg aus und schritt den Kiesweg zur Pforte entlang. Es war früh am Abend und der Schnee auf den Hecken leuchtete im Licht der Straßenlaternen. Viggo bemerkte, dass er für diese Zeit noch immer keine Jacke hatte. Er drückte den goldenen Klingelknopf und wartete. Nach einer Weile erschien eine sehr weibliche Frau im Türrahmen. Sie sah ihn geringschätzig an. Wie dreist wollte dieses Bettlergesocks noch werden, stand deutlich in ihrem Gesicht geschrieben.

“Sie wünschen?”

“Ich möchte mit ihrem Mann sprechen”, sagte Viggo. Er klang bestimmt.

“Haben Sie einen Termin?” Es war eine rhetorische Frage.

“Richten Sie ihm bitte aus, ich sei ein Bekannter von Frau Hess und es gäbe eine weitere Kopie.”

“Kopie? Wovon?”

“Er weiß schon, was er davon zu halten hat. Rufen Sie ihn bitte? Es eilt.”

Die Tür schloss sich, um zwei Minuten darauf wieder geöffnet zu werden. Nadines Biedermann war in die Jahre gekommen. Seine Geheimratsecken waren ergraut, aber kurz gestutzt. Er sah aus wie ein überalteter Dressman. In seinem Blick lag etwas herablassendes. Über dem Kopf dieses Mannes schien es nur den weiten Himmel und den lieben Gott zu geben. Ruppert wies Viggo wortlos herein und führte ihn in die Bibliothek. Sorgfältig schloss er die Tür hinter sich. Ein paar Atemzüge lang musterten sich die beiden Männer.

“Sie sind Leibolds Sohn, korrekt?” fragte Ruppert.

Viggo bejahte.

“Sie sind ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Ein erstaunliche Ähnlichkeit. Sie sind also hier, um mich erneut zu erpressen? Hat Ihr Vater Sie nicht eines Besseren belehrt? Oder hatte er keine Gelegenheit mehr dazu? Sie sind dabei, seinen Fehler zu wiederholen. Ich dachte, wir hätten uns damals gütlich geeinigt.”
“Gütlich?” schnaubte Viggo. “Soweit ich weiß, haben Sie ihm Ihre Schläger auf den Hals gehetzt.”

Ruppert sah ihn eiskalt an. “Das hat er gesagt? Nun, offensichtlich hat sein Gedächtnis etwas gelitten. Er vergaß, zu erwähnen, dass ich selbst Hand angelegt habe. Es war genau hier in diesem Zimmer. Auch er wollte damals verhandeln, doch am Ende mussten wir ihn hinaustragen.”

Viggo schluckte einen Riesenklos hinunter. “Das ist ein Fehler, den er sicher nicht wiederholen würde.”

“Sicher nicht.”

“Sind Sie gewiss, dass mein Vater Sie erpressen wollte? Vielleicht kam er nur, um einen Frieden auszuhandeln.”

“Wir hatten kein sehr intensives Gespräch. Seine Absichten waren offenkundig.”

“Sie irren sich”, sagte Viggo. “Wie dem auch sei. Was ist mit Frau Hess?”

“Was ist mit ihr?”

“Sie haben sie umgebracht, nehme ich an.”

“Können Sie das beweisen?” Wieder blitzte es überlegen in Rupperts Blick.

“Nein, aber Sie hatten ein starkes Motiv.”

“Welches?”

“Rache.”

Der Oberbürgermeister lachte leise. “Das ist ja grotesk. Wer würde sich an seiner ausrangierten Gespielin rächen? Ich kann nicht beweisen, dass ich sie nicht getötet habe, aber von ihrem Tod habe ich erst durch Sie erfahren. Außerdem gibt es Grenzen, die ich nicht überschreiten würde.”

“Tatsächlich?”

“Tatsächlich. Glauben Sie, ich würde mich den Ermittlungsinstrumentarien einer Mordkommission aussetzen? Die Aufklärungsrate bei Mord liegt in NRW bei über 90%. Ich würde das Schicksal dieser Stadt nur ungern den linken Spinnern überlassen.”

“Sie tun das alles für König und Vaterland? Das glauben Sie wohl selbst nicht.”
Ruppert streckte die Hühnerbrust in die Höhe. “Wollen Sie mit mir über Politik diskutieren?”

“Nicht mit einem Politiker, nein danke. Erzählen Sie mir lieber, wie Sie an das erste Band gekommen sind.”

“Nadine gab es mir aus freien Stücken.”

“Nachdem Sie sie bedroht und meinen Vater misshandelt hatten.”

“Kommen wir zum Geschäftlichen. Was genau wollen Sie?”

Viggo überlegte kurz. Dann grinste er frech. “Ich möchte, dass Sie zu den Grünen konvertieren, Ihre weltliche Habe an die Bedürftigen verteilen und Ihrer Frau einen Monatsvorrat Taschentücher kaufen. Sie wird sie brauchen.”


Viggo hüpfte in den Toyota und schlug die Tür zu.

“Und? Hat er etwas verraten, beziehungsweise sich verraten?” fragte Saphir.

“Ich glaube, er hat sowohl mich, als auch deine Mutter töten lassen. Ich denke, er lügt bezüglich der Videokassette.”

“Welcher Kassette?”

“Das ist eine lange Geschichte und bis zu Hess´ Villa ist es nur ein kurzer Weg. Er wohnte kaum zwei Kilometer entfernt.”

“Du willst das Haus besichtigen?” fragte sie entgeistert.

“Unbedingt.”

Saphir seufzte. “Worauf habe ich mich nur eingelassen?”

“Du hast dich auf gar nichts eingelassen. Deine Geschichte endete, als du sieben warst”, erwiderte er mit ruhiger Stimme.

Sie sah ihn lange aus ihren stahlblauen Augen an. “Verachtest du mich?”

Viggo begegnete ihrem Blick. Hatte er sich nicht deutlich ausgedrückt? Wie tief musste sich der Selbstzweifel eingegraben haben, dass sie in seinen aufrichtigen Worten etwas ironisches vermutete?

“Ich kann mich an dieses Gefühl nicht mehr erinnern”, sagte er. “Aber ich glaube, es gehört zu den herzverschlingenden Empfindungen. Verachtest du dich?”
Saphir steckte sich die Nächste inzwischen die Lippen. “Ich lebe noch, OK?” Sie warf den Motor an und wendete auf die Gegenfahrbahn. Mit nur 20 Stundenkilometern krochen sie über den Kaiser Friedrich Ring. Die Schrebergärtensiedlung lag im Dunkeln, die kahlen Platanen sahen aus wie vegetale Gerippe. Die Lichter der Häuser starrten wie  beleuchtete Augenhöhlen von Totenschädeln in die Nacht. Alles erinnerte sie an den Tod.

“Ich habe ein schlechtes Gefühl, Viggo. Als würde hier alles enden”, sagte Saphir.

“Hoffentlich bist du eine Person ohne jegliche Intuition, aber bei einer Frau habe ich da wenig Hoffnung. Hilft es dir zu reden?”

“Nein. Wahrscheinlich steht schon alles geschrieben.”

“Glaubst du das wirklich, oder ist es nur einfacher auf diese Weise?”

Sie inhalierte tief. “Weiß ich nicht.”

“Vielleicht steht alles geschrieben, aber wie es geschrieben steht entscheidet sich in jedem Augenblick. Macht das Sinn?”

“Nicht wirklich.”

“Vielleicht steht es nur aus einem bestimmten Betrachtungswinkel der Zeit bereits geschrieben. Für jemanden, der alles sieht, ist alles schon geschehen. Für uns aber nicht.”

Saphir zerquetschte die Camel im Ascher. “Das war meine Letzte. Garantiert.”

“Garantiert?”

“Garantiert. Ich habe noch viel vor, Alter.”

“Alter?” Viggo musste lachen. “Un-ver-schämt-heit!”

Sie hielten vor dem Anwesen und stiegen aus. Auf der hölzernen Gartentür protzte eine viel zu großes, goldenes Schild: HESS. Viggo schaute links und rechts den weit geschwungenen Gehweg entlang. Er war menschenleer. Die Leute hockten in ihren Wohlstandshöhlen, bewirteten erlesene Gäste und zählten die letzten Minuten des ausgehenden Jahres. Viggo zählte in Gedanken bis drei, dann stieg er über die hüfthohe Tür in den Vorgarten. Saphir tat es ihm gleich.

“Die Pforte müssen wir gar nicht erst ausprobieren, aber vielleicht steht die Veranda hinter dem Haus offen. Hoffentlich hat der Schuppen überhaupt eine”, sagte Viggo.

Saphir nickte und folgte ihm durch den Garten, der offenbar das ganze Haus einfasste. Sie knickte leicht in den Knien ein, duckte sich und zog den Kopf zwischen die Schultern. Nach ein paar Metern fragte Viggo: “Was tust du da? Wenn uns tatsächlich ein neugieriger Nachbar sieht, sollte er uns nicht für herumschleichende Einbrecher halten.”

Saphir lächelte derangiert und stellte das Ninjagehabe ein. “Ich mal wieder”, nuschelte sie.

Sie gingen zur Rückseite der Villa und fanden die Terrassentür offen. Viggo trat als erster ein und sah sich um. Im Halbdunkel erkannte er einen großzügigen Wohnbereich mit Marmortisch, tiefen Ledersesseln und einem Kamin. Alles wirkte,
als hätte Hess den Raum gerade erst verlassen. Saphir deutete auf einen Laptop, der auf dem breiten Tisch stand. Daneben hatte jemand ein leer getrunkenes Sektglas samt Flasche abgestellt. Mister heftige Aktion ließ es sich gut gehen.

“Wonach suchen wir?” fragte Saphir.

“Ich weiß es selbst noch nicht”, erwiderte er und nahm vor dem Rechner Platz. Er schaltete das Gerät ein und Windows ‘23 begrüßte ihn. Auf dem Desktop fand er einen bestimmten Ordner. ‘Meine Memoaren’ war die Titel. Viggo war beeindruckt. Hess konnte also eine Tastatur bedienen. Großartig. Saphir sah ihm über die Schulter. “Seine Memoiren? Wen würden die wohl interessieren? Die Erinnerungen eines selbstverliebten Antisozialen”, sagte sie.

Viggo öffnete den Ordner. Es war die grauenvoll langweilig geschriebene Geschichte eines Mannes, der seine Profilneurose und seine Affinität für Gewalt mit Mut und Courage verwechselte. In loser Abfolge schilderte Hess die zahllosen Schlägereien, die er siegreich für sich entschieden hatte. Gleichzeitig nölte er wie ein kleines Kind über die Ungerechtigkeit des Lebens und ließ sich in tausend Farben über das für ihn asoziale Geschlecht aus. Für ihn waren Frauen wahrhaftige Teufel. Den krönenden Abschluss bildete die Schilderung seines Rachefeldzugs gegen seine missratene Exgattin. Genüsslich und Detailversessen beschrieb er, wie er im Namen seiner Frau Geld von Ruppert abgriff. Viggo stockte der Atem. Offenbar hatte Hess vorgetäuscht, dass Nadine Oberbürgermeister Ruppert mit immer neuen Kopien erpresste und so ganz bewusst den Mord an ihr provoziert. Ob der Unfall nun echt oder inszeniert war, ging aus dem Geschreibsel nicht hervor.

28.8.10 13:12, kommentieren

Krimi - Teil 6 von 9

Die Neunjährige erschrak und verschwand Richtung Diele. Viggo hörte, wie sie die Tür hinter sich schloss. “Es ist dieser Politiker, nicht wahr?” fragte er.

“Sein Name ist Heinz Ruppert…”

“…und er kandidiert für das Amt des Oberbürgermeisters.”

Sie nickte. “Er hat drei kleine Kinder und eine liebende Ehefrau.”

“Und eine Konkubine”, ergänzte er. “Sein Image ist sein Kapitel und du denkst, du kannst ihm mit jenem Material Geld abpressen.”

Wieder ein Nicken. “Mit dem Geld könnte ich dem Spiel endlich ein Ende bereiten. Er ist ein reicher Industrieller; ihm würde es nicht wehtun.”

“Dazu hat er sicher eine entschieden andere Meinung.”

Sie atmete tief ein. “Zu Beginn wollte er nur Sex. Aber dann… Er ist gefährlich, glaube ich.”

“Was verlangt er?”

Nadine schluckte. “Ich muss mich wie ein kleines Schulmädchen bekleiden. Wir spielen dann, dass er mich überredet, in sein Auto einzusteigen. Danach gibt es immer eine Vergewaltigungsszene und je mehr ich mich sträube, desto geiler wird er. Ich glaube, er hat furchtbare Angst vor Frauen.”

“Wenn das herauskommt, ist er fällig”, meinte Viggo.

“Ich habe eine Videokamera hinter einem der Vorhänge aufgestellt. Heute erzählten ich ihm davon. Er wurde nicht einmal wütend. Ist einfach gegangen.”

“Schick es ihm und such dir einen normalen Job”, sagte er aus einem Impuls heraus.

“Nein”, erwiderte sie entschieden. “Ein Leben lang habe ich unter den Verhaltens-
störungen von Männern geblutet. Jetzt drehe ich den Spieß um. Warum sollten die Kerle unter ihren Fehlern nicht zur Abwechslung selbst leiden?”

“Du meinst wohl eher, dass Drogen Geld kosten, und du in diesem Zustand keiner geregelten Arbeit nachgehen kannst. Ich glaube, du kannst auch aus eigener Kraft aus diesem Loch klettern. Du brauchst diesen Typ nicht.”

“Glaubst du, ich bin schuld? Glaubst du das?” Sie wurde laut.

“Setz einen Privatdetektiv auf deinen Ex an und gehe gerichtlich gegen ihn vor. Mittlerweile gibt es harte Auflagen gegen Stalker. Außerdem kann ich bezeugen, dass er dich geschlagen hat. Parallel schickst du das Band der Polizei. Ruppert wird es nicht wagen, sich an dir zu rächen. Die Behörden wüssten ja, dass du ein mögliches Ziel seines Zorns bist. Mach es öffentlich und du kannst dich in voller Sicht verstecken. Danach beantragst du eine Entziehungskur und beginnst noch einmal von vorne.”

Nadine hörte seine Worte, doch sie hörte durch sie hindurch. Er konnte förmlich sehen, wie sie immer kleiner wurde vor dem Gebirge, dass er vor ihr aufgeschüttet hatte. Sie schien völlig überfordert. “Ich benutze das Geld, um neu zu beginnen”, murmelte sie. “Vibke soll es später einmal besser haben.”


“Das wird sie aber nicht!”

“Wie kommst du darauf?”

“Ich weiß es einfach. Ihr Leben ist genauso kaputt wie deines. Sie wird ebenso selbstzerstörerisch werden wie du.”

Eine Weile schwiegen sie sich an. Es war alles gesagt. Viggo musterte sie unablässig, erkannte aber keinen Kampf in ihrem Gesicht. Sie hatte sich entschieden. Sie hatte sich aufgegeben. Sie wollte nicht um ihr Leben kämpfen - sie wollte das Geld.

“Tust du mir einen Gefallen?” fragte sie. Viggo nickte. “Spiel mit ihr dieses Videospiel, OK? Vibke ist ganz verrückt danach, aber jemand muss ihr die Texte vorlesen. Es ist ein Rollenspiel.”

“Wirklich? Was sieht sie in diesen Spielen?”

“Sie vergisst alles um sich herum, wenn sie Drachen jagt.”

“Verstehe.”

Den Rest des Tages verbrachten sie Chips essend und Cola trinkend und spielten die Geschichte eines ausgestoßenen Drachenjungen, der versuchte, sich einen Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen. Sie schlugen sich mit Schwert und Zauberstab durch die Level, sammelten Freunde und verputzten Feinde. Die Japano Knuddeloptik erfreute auch Viggo auf eine kindliche Weise. Auch er begann, den ganzen Schmutz um sich herum zu vergessen. Er las Vibke die Sprechboxen der Fantasiecharaktere vor und gab jeder Figur eine eigene Stimme. Es war eine groteske Situation. Vibke löste ihren Geist von ihrem Körper, wie nur Kinder es können, Viggos Angst um Familie Hess verlor sich nach und nach in jener Fantasiewelt, und Nadine lag auf der Couch und trank ihren Schmerz zum Teufel.

Zum Mittag bestellten sie sich Pizza und gegen Abend endlich schalteten sie die Spielkonsole ab. Ausgebrannt von einem irreal verbrachten Nachmittag ging die Neunjährige zu Bett. Viggo fühlte sich, als hätte er den ganzen Tag auf Bonbonpapier gekaut. Der Abstecher in jene fremde Welt hatte keinen Geschmack hinterlassen. Er fühlte sich ausgehöhlt.

“Du hast dich entschieden”, sagte er zu Nadine, als sie allein waren. Sie nickte. Viggo rollte seinen Schlafsack vor dem Fernseher aus. Beide schwiegen. Er legte sich hin und starrte an die Decke.

“Möchtest du nicht auf der Couch ratzen?” fragte sie.

“Daran muss ich mich erst gewöhnen, fürchte ich. Fürs erst ist der Teppich weich genug.”

Sie erhob sich, ging zur Tür und hielt im Rahmen inne. “Verachtest du mich, Viggo?” Sie war den Tränen nahe.

Viggo lächelte so freundlich es noch möglich war. “Nein, ich habe vergessen, wie sich Verachtung anfühlt. Ich lebe ohne diesen Gefühlsabfall.”

Sie löschte das Licht und verschwand in Richtung Schlafzimmer. Viggo schloss die Augen und schlief auf der Stelle ein.

*****

Er materialisiert im Inneren eines Wagens. Saphir steuerte den alterschwachen Toyota durch den frühen Nachmittagsverkehr. Sie schrie auf, als er neben ihr erschien.

“Entschuldigung”, sagte er. “Normalerweise klopfe ich vorher an.”

“Oh Mann, das freakt mich wirklich aus.”

“Und mich erst.”

Sie fuhr zurück auf die rechte Fahrbahn. Im Schrecken hatte sie einen Benz mit eingebauter Vorfahrt geschnitten. Es gab ein beschwingtest Hupkonzert. Saphir rollte die Augen und sagte irgendetwas von einer Egoprothese.

“Ich bin auf dem Weg ins Red”, sagte sie. “Warum tauchst du gerade jetzt auf?”

“Ich habe keine Kontrolle über meine Zeitreisen. Er hat wahrscheinlich eine Bedeutung. Glaubst du mir denn mittlerweile?”

“Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich kenne nicht so viele Leute, die sich einfach in Luft auflösen oder aus dem Nichts erscheinen. Und nachdem mir Mutter Tania versicherte, dich ebenso gesehen zu haben, besteht kein Zweifel mehr: Wir sind alle drei verrückt.”

Viggo sah sie an.

“Das war ein Scherz. Ich frage mich nur, warum dich das Schicksal ausgerechnet bei mir abgesetzt hat.”

“Ich habe dir den Schmetterlingsfisch geschenkt.”

“Verstehe ich nicht.”

“Es geht mir genauso. Ich verstehe es auch noch nicht. Nicht vollständig. Was sagt dir der Name Heinz Ruppert?”

“Nichts”, erwiderte sie.

“In dieser Zeit ist er der Oberbürgermeister.”

“Ach der. Der regiert schon ewig. Er hat drei erwachsene Kinder, die auch alle auf wichtig machen. Keine Ahnung. Ich gehe nicht wählen. Ändert sich eh nix.”

“Ich glaube, er hat deine Mutter töten lassen.”
Saphir zuckte zusammen. “Wie kommst du denn darauf?”

“Könntest du herausfinden, wo er wohnt?” fragte Viggo.

“Sicher kann ich”, sagte sie zögerlich. “Du hast meine Frage nicht beantwortet. Meine Mutter starb bei einem Autounfall. Sie war high.”

“Unfälle lassen sich inszenieren. Ich habe keine Beweise, aber einen starken Verdacht. Wenn ich in dieser Zeit mit ihm sprechen könnte, wäre das eine große Hilfe.”

“Ich glaube kaum, dass er dich empfangen würde. Du kennst ihn nicht und siehst aus wie ein Penner.”

“Er wird mich empfangen. Was ist mit deinem Vater? Ich fand seine Adresse im Internet. In dieser Zeit lebt er in einer Villa, oder?”
Saphirs Mine verdüsterte sich. Ihre Augen schienen plötzlich tiefer zu liegen, ihre Wangenknochen traten vor. “Letzte Woche hatte ich Besuch von der Polizei.”

“Er ist tot?” riet Viggo.

“Ja, ertrunken.”

“Ertrunken?” Er wurde hellhörig. “Wie ist das geschehen?”

“Er wurde mit einer Droge vergiftet.”

“Droge? Ist das sicher?”

“Na ja, ich kenne den Befund nicht, geht mich auch nix an, aber er selbst hat angeblich so etwas gesagt. Er nahm einen Kaffee in seiner Stammkneipe auf der Bolkerstraße. Plötzlich verlor er die Kontrolle über sein Handeln und faselte, etwas sei in seinem Kaffee gewesen. Weiß der Teufel was. Jedenfalls prügelte er auf die anderen Gäste ein. Als die Polizei eintraf, nahm er Reißaus. Sie verfolgten ihn bis zum Rheinufer und er sprang.”

Viggo musste tief Luft holen. “Es gibt noch eine schlechte Nachricht. Dein Vater ist freiwillig in den Fluss gesprungen. Er hat diesen Kontrollverlust nur vorgetäuscht. Ich hörte ihn davon sprechen. Er wollte sich von der Polizei jagen lassen und durch den Rhein schwimmen. Für ihn war das eine Art Mutprobe.”
Saphir sah durch die Windschutzscheibe und schwieg. Schneeflocken zerplatzten zu Wassertropfen und liefen zitternd das Glas hinauf. Sie griff ihn die Ablage und steckte sich eine Camel in den Mundwinkel. “Er ist vorsätzlich gesprungen? Das passt zu ihm. Er musste immer beweisen, dass er kein niedere Primat war.”

“Niederer Primat?”

“So nannte er Menschen, die seiner Meinung nach nichts besonderes sind. Mutter erzählte mir, dass er regelmäßig Schlägereien hatte. Er prahlte ständig damit. Der Typ war eine Krankheit. Nichts worauf man stolz sein kann.”
Viggo wedele sich die Schwaden aus dem Gesicht. “Du wärst gerne auf jemanden stolz gewesen.”

“Nee, eigentlich nicht.”

“Du warst stolz, mich zum Freund zu haben.”

“Tatsächlich?” sagte sie, aber es war keine Frage.

“Erscheint dir das heute als Schwäche?”

“Es erscheint mir als Unsinn. Warum sollte ich auf jemanden stolz sein?”

“Um später auch auf dich stolz zu sein.”

“Das funktioniert auch ohne Vorbild”, erwiderte sie.

“Und? Bist du stolz auf dich?” fragte er.

Sie lächelte humorlos, zog an ihrer Zigarette und stieß den Qualm aus. “Sieht es so aus? Ich lebe noch, OK?”

“Ich dachte nur…”, fing Viggo an, als

*****

eine Ladung Wasser ihn aus dem Schlaf riss. Ein bulliger Kerl mit verbogener Nase und Blumenkohlohren warf den Metalleimer klappernd in die Ecke des Van. Viggo strampelte auf dem nassen Holzboden und krachte rückwärts gegen die Wand des Wagens. Drei finstere Gestalten standen vor ihm. Ihr Anführer beugte sich zu ihm herab und entblößte eine unvollständige Zahnreihe. “Du hast einen todtiefen Schlaf, Arschloch. Hast dich zwei Stockwerke tragen lassen, ohne aufzuwachen. Bist du breit oder was?”

“Wer sind Sie?” brachte Viggo hervor.

“Wir sind Beelzebub, Charon und Styx. Du hast etwas, das uns gehört. In eurer Wohnung konnten wir auf die Schnelle nichts finden, also fragen wir nun dich. Du weißt, wovon ich spreche?”  Der Bullige ballte beide Hände zu Fäusten.

Viggo zog die Beine schützend vor den Körper. “Ich habe keine Ahnung, wo…”

Die Faust des Schlägers traf ihn mitten ins Gesicht. “Falsche Antwort, du Wurm. Vielleicht hilft das deinen grauen Zellen auf die Sprünge.” Er nickte dem Schläger zu seiner Rechten zu. Der Mann griff Viggos Hand und spreizte den kleinen Finger ab. Dann packte der Anführer den Finger und brach ihn. Der Schmerz war nicht halb so schlimm, wie Viggo gedacht hätte. Er schrie nicht einmal.

“Na, was ist denn das?” höhnte der bullige Kerl. “Du bist ja ein richtiger Held. Oder bist du auf Droge?” Er trat Viggo mit der Fußspitze in den Magen. “Wo ist es? Spuck’ s aus!”

Viggo rang nach Luft. Das Bild verschwamm vor seinen Augen. “Ich weiß es nicht”, keuchte er. “Ich bin nicht ihr Freund. Ich wohne nur vorübergehend dort.”
Der Schläger griff nach Viggos rechtem Ohr und verdrehte es. “Wusstest  du, dass das Ohr nur an einem kleinen Stück Knorpel hängt? Es abzureißen, stellt wirklich kein großes Problem dar.

“Sie können mich in Stücke reißen, ich habe keine Ahnung”, sagte Viggo.

Der Handlanger wiederholte das Prozedere mit Viggos linker Hand, und Hakennase brach ihm auch den anderen kleinen Finger. Dieses Mal schrie er. Der Schmerz lief den ganzen Arm hinauf.

“Was ist jetzt, Supermann?” schrie der Schläger. “Wird’ s bald?”

“Ich weiß nichts. Was habt ihr mit Nadine und Vibke gemacht, ihr Mistviecher? Habt ihr euch auch an dem Kind vergriffen?”

“Wir sind doch keine Unmenschen”, meinte der Schläger.

“Ich glaube, er weiß wirklich nichts”, meldete sich der Handlanger. Sein Chef nickte und erhob sich. Er schlug gegen die Fahrerkabine und der Van hielt. Die Kerle öffneten die Ladefläche und kippten Viggo auf den Asphalt, so dass er hart aufschlug.

“Wir sprechen uns wieder, Arschgesicht. Bis dahin hattest du besser ein klärendes Gespräch mit deiner Schlampe.”

Die Türen schlugen zu und die Reifen des Wagens drehten durch. Viggo hörte, wie sich der Van entfernte und bald mit dem Geräuschteppich der Stadt verschmolz. Die ganze Zeit über lag er zusammengekrümmt da und hielt die Augen geschlossen. Es wurde still um ihn. Als er sich schließlich umsah, erkannte er, sie hatte ihn in der Nähe des Landtags auf der Uferpromenade abgeladen. Sein Blick glitt den Rheinturm hinauf. Er zählte die senkrecht angebrachten Lichter: 23:31. Das Glucksen und Rauschen des Flusses drang zu ihm, und von der erhöht liegenden Kaipromenade klangen gedämpft Stimmen. Er zog die Beine an den Körper und stemmte sich vom Asphalt. Die Lichter der Häuserfenster von jenseits des Ufers verschwammen, und er brach in den Knien ein. Vorn übergebeugt kniend, presste er die brüllenden Hände vor den Bauch. Die Schmerzen waren kaum zu ertragen. Er konzentrierte sich auf den Klang des Wasser und hoffte, der Schmerz würde in den Fluten versinken. Er hoffte vergeblich. Viggo zwang sich, regelmäßig zu atmen. Dann stand er auf. Der Schwindel spülte erneut durch seinen Kopf, doch diesmal blieb er stehen. Ohne nachzudenken setzte er einen Schritt vor den anderen. Hätte er nachgedacht, wäre er einfach eine der Treppen auf die Kaipromenade hinaufgeklettert. So aber tauchte seine wankende Gestalt bald vor dem Burgplatz auf. Auf den Stufen, die auf den Platz führten, saßen ein paar Jugendliche und schwatzten. Jemand spielte Gitarre. ‘Pain Relief’ von ‘Dodge This!’ . Viggo lächelte schief. Das Leben hatte einen Sinn für Sarkasmus. Die jungen Leute entdeckten die gekrümmt torkelnde Gestalt und gerieten in Aufruhr. Jener Gitarrenspieler lief ihm entgegen und erkannte Viggos Situation. Sofort griff er nach seinem Handy und rief einen Krankenwagen. Viggo nuschelte ein ‘Danke’ und schaffte es irgendwie höflich zu klingen. Er nahm sich vor, von seinem ersten Gehalt als arbeitender Normalbürger ein Mobiltelefon zu erstehen. Die Mullschüssel kam prompter als eine Bullenkarre, stellte Viggo fest. Sie brachten ihn ins Evangelische Krankenhaus in der Stadtmitte. Genau das eine Situation, die Viggo immer vermeiden wollte. Seine Befürchtungen jedoch erwiesen sich als unbegründet. Die Krankenschwestern behandelten ihn nicht wie einen Penner, vielmehr wie einen Menschen. Auch der Umstand, nicht versichert zu sein, stellte sich nicht als Problem dar. Der behandelnde Arzt sagte etwas vom Sozialamt, als er ihm eine schmerzstillende Spritze gab.

“Bevor Sie mich unters Messer schicken, muss ich unbedingt telefonieren. Suchen Sie mir bitte die Nummer von Nadine Hess, Geistenstrasse heraus?” drängte er eine Schwester.

“Ich werde sie für Sie anrufen”, versprach sie.

Man legte ihn auf eine Bahre und fuhr ihn in den Operationssaal. Die Anästhesistin stach eine fette Kanüle in seine Armvene und bald brannte das Betäubungsmittel seinen Arm hinauf. Der letzte Gedanke galt seiner Todesanzeige.

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Krimi - Teil 5

Der Schnee trieb in wattenweichen Schwaden vor dem Red 69. Man konnte kaum drei Meter weit sehen. Viggo betrat das Bordell. Am Empfang erwartete ihn eine
schwarzhäutige Schönheit. Sie lächelte.

“Ich suche Saphir”, sagte er kurz angebunden.

“Saphir ist gerade frei”, zwitscherte die Schwarze. “Sie wartet in der Lounge.” Sie nickte ihm zu und trat voraus durch eine schale Tür. Viggo wollte ihr folgen, doch plötzlich hielt er inne. Hinter dem Empfang hing ein Kalender an der Wand. Das Datum zeigte den 26.11.2019. Er erstarrte.

“Ist alles in Ordnung?” fragte die junge Frau. Viggo nickte geistesabwesend und ging ihr nach. Die Lounge war nichts weiter als ein gedrungener Warteraum für die Frauen. Hier fand die Fleischbeschau statt. Saphir saß alleine an einem der Cocktailtische und starrte vor sich hin. Als Viggo sich zu ihr setzte, wurden ihre Augen groß.

“Mein Gott, ich dachte, Sie seien nur ein Traum”, entfuhr es ihr.

“Das dachte ich auch von Ihnen”, entgegnete er.

“Wie haben Sie das gemacht? Ist das irgend so ein Zaubertrick?”

“Ihr Name ist Vibke. Vibke Hess”, sagte er anstelle einer Antwort.

“Woher wissen Sie das?”

“Erinnern Sie sich, dass Ihnen mein Gesicht bekannt vorkam? Wir kennen uns tatsächlich. Ich bin Viggo Leibold.”
Sie sah ihn aus leeren Augen an. “Der Name sagt mir nichts.”

“Doch, das tut er. Sie haben mich als siebenjähriges Mädchen kennen gelernt. Der Schmetterlingsfisch. Erinnern Sie sich? Sie haben ihn von mir.”
Saphir blitzte ihn zornig an. “Viggo ist tot, Sie Arsch. Er wurde erschossen. Scheren Sie sich raus!”

Viggo trafen diese Worte wie ein Fausthieb. Tod? Wie betäubt sagte er: “Hör mir zu, Vibke. Du hast mich im Alter von sieben Jahren kennen gelernt. Deine Mutter war eine alkoholabhängige Mittzwanzigerin. Ein Meter und siebzig groß, brünett, blaue Augen. Als ich dir den Glasstein gab, hast du ihn in einem Schuhkarton untergebracht. Du sammeltest Federn und Vogelbilder. Außerdem mochtest du diesen Schwammkopftypen aus dem Fernsehen. Ihr hattet einen altersschwachen, roten Toyota und du trugst dein Haar zu einem Zopf zusammengebunden. Kannst du mir sagen, woher ich das alles weiß?

Sie starrte ihn an, sagte jedoch nichts.

“Wie erklärst du dir, dass ich mich in Luft aufgelöst habe?”

Sie schluckte. “Ich brauche etwas Zeit, um darüber nachzudenken. Würden Sie jetzt bitte gehen?”

Viggo nickte und erhob sich. An der schwarzen Schönheit vorbei verließ er den schmuddeligen Laden.

Die Straßenbahnen in dieser Zeit waren alle mit Panoramafenstern ausgestattet. Sie wirkten freundlich. Im Inneren gab es acht große Monitore auf denen Magermodels Konsumartikel anpriesen, die kein vernünftiger Mensch ernsthaft brauchen würde. Nichts Neues also. Im vollständig renovierten Heinrich Heine U-Bahnhof stieg er aus. Die unterirdische Passage wurde von zahlreichen Überwachungskameras flankiert. Im ehemaligen Servicecenter der Rheinbahn war nun ein Internetcafe untergebracht. Er setzte sich vor ein Terminal und warf eine Euromünze in den Automaten. Der Monitor zeigte die Google Homepage. ‘Google - a Division of Microsoft’  las Viggo. Er rief die Sterbeanzeigen der lokalen Zeitungen auf und gab seinen Namen ein. Tatsächlich hatte jemand im Jahre 2008 eine Anzeige geschaltet. Er rief sie auf und starrte auf sein Todesdatum. Übermorgen! Er würde übermorgen sterben. Unter der Anzeige gab es eine Widmung: ‘Der einzige Mann, den ich je liebte - Der einzige Freund, den wir je hatten.’

Viggo starrte unverwandt auf den Monitor. Ihm wurde schwindelig. Wer würde ihn töten wollen? Nadines geistesgestörter Exmann eventuell? Viggo rief das Düsseldorfer Adressverzeichnis auf, gab ‘Jörn Hess’ ein und notierte die Anschrift. In diesem Augenblick sprang unaufgefordert ein Werbefenster auf und das entschlossen dreinschauende Haupt eines Politikers erschien. ‘Zehn Jahre erfolgreiche Politik - Für die Menschen, Für Düsseldorf - Heinz Ruppert’  protzte
eine fette Schrift in deutschen Landesfarben. Viggo kannte diese Person. Es war Nadines Biedermann. In dieser Zeit war er Oberbürgermeister und stand zur Wiederwahl. Viggo fuhr sich durch das dunkle Haar und

*****

erwachte. Die Uhr neben Nadines Bett zeigte halb sieben. Viggo rollte seinen Schlafsack zusammen und schulterte den Seesack.

“Gehst du schon?” fragte Vibke. Sie stand in ihrem Schwammkopf Schlafanzug in der Tür. Wie lange beobachtete sie ihn bereits?

“Ich komme zurück”, entgegnete er.

“Versprichst du’s?”

Viggo nickte und drückte sie. “Ich muss etwas überprüfen.”

“Was denn?”

“Ich will überprüfen, ob sich das Schicksal ändern lässt. Ich muss deinen Vater sprechen.”

“Papa ist ein Pups mit Sahne”, meinte Vibke.

“Ja, ist er. Sprechen muss ich ihn trotzdem.”

Er ging an ihr vorbei in die Diele. Durch die offen stehende Tür sah er, dass Nadine immer noch ihren Rausch ausschlief. Ihre Nase vibrierte leise, als schnuppere sie an einer Blume. Sie sah schön aus, friedlich schlummernd. Er schlich zur Wohnungstür, öffnete und schloss sie so leise es eben ging. Durch das schlecht ausgeleuchtete Treppenhaus eilte Viggo hinab. Im Erdgeschoß platzte ohne Vorwarnung Nadines Nachbarin auf den Flur. Sie stellte sich ihm in den Weg. Breitbeinig und mit durchgedrückter Brust. Die Frau sah aus wie John Wayne auf Koks. Hatte sie nichts besseres zu tun, dachte Viggo.

“Hast du Wichser ein Hörproblem?” giftete sie.

“Mit meinen Ohren ist alles in Ordnung”, gab er zurück. “Aber Sie bräuchten eine Brille.”

Sie riss eine 38er Automatik hervor und presste den Lauf zwischen Viggos Augen.

“Du wirst sie mir nicht zerstören. Es gab schon zu viele Schwänze in ihrem Leben.”

Zu seiner Überraschung blieb er völlig ruhig. Sie trug eine latente Ohrfeige in der Hosentasche, aber einen Mord traute er ihr nicht zu. “Ihr Hass auf Männer ist krankhaft. Sie brauchen einen Therapeuten.”

“Was wir brauchen, ist eine Welt ohne Männer”, zischte sie durch die geschlossenen Zahnreihen. “Ihr führt Kriege, ihr unterdrückt Frauen, ihr erzieht Kinder zu Kriegern. Ihr seid eine Krankheit.”

“Das bestimmt”, erwiderte er lächelnd. “Aber wer von uns ist beängstigender? Sie oder ich? Glauben Sie, ich schleppe eine illegal erstandene Waffe mit mir herum? Ich habe keine Zeit für diesen Mist. Wenn Sie mich erschießen wollen, dann tun Sie es übermorgen. Bis dahin bin ich beschäftigt.” Damit wischte er die Pistole aus seinem Gesicht und verließ das Haus. Die Amazone blieb sprachlos zurück.

Es regnete. Viggo schlüpfte unter seine Plastikkapuze und zog den Kopf zwischen die Schultern. Er trat ins Freie und hielt sogleich erstaunt inne. Vor dem Haus parkte der blaue Audi. Hinter dem Steuer erkannte er Jörn Hess, Vibkes Vater. Als der Mann Viggo sah, startete er den Motor und fuhr los. Viggo lief ihm hinterher und rief: “Warten Sie bitte. Ich muss mit Ihnen sprechen.”

Hess sah ihn mit einer Mischung aus Verachtung und blankem Hass an und beschleunigte mit quietschenden Reifen. Viggo verfolgte den Wagen einige Meter, dann bog der Audi um die Ecke. Ein Radfahrer musste ausweichen, um Viggonicht umzufahren. “Hast wohl Angst vor dem Leben?” rief der Radler.

‘Schrei soviel du willst’, dachte Viggo. ‘Ich sterbe heute ganz sicher nicht.’

Völlig außer Atem nestelte er den Notizzettel aus der Zukunft hervor. Jörn Hess´ Anschrift lag überraschenderweise in Düsseldorfs Großverdienerviertel. Viggo gönnte sich ein Straßenbahnticket und durchquerte die halbe Stadt. Am Kaiser Friedrich Ring, nahe des Rheinufers stand seine Villa mit exklusivem Blick auf die Schrebergartensiedlung zwischen Fahrbahn und Fluss. Diese Gegend wollte so gar
nicht zu einem schrottreifen Audi passen. Viggo trat an die Pforte und musterte das einzige Namensschild: Gerald Schneider - Global Communications Inc.  Viggo
dachte angestrengt nach. Welchem Umstand hatte Hess seinen zukünftigen Reichtum zu verdanken?

Eine halbe Stunde später betrat er wieder das bekannte Internetcafe und fahndete nach Hess´ aktueller Adresse. Er wohnte keine zwei Blocks von Nadines Wohnung entfernt. Erneut bestieg er die Bahn, doch dieses Mal hielt er innere Einkehr. Ganz bewusst lies er das vormittagliche Treiben auf sich wirken. Die Blechlawine auf der langen Überführung, dem Tausendfüßler, die Schlipsträger vor dem Dreischeibenhaus, eine Hochzeitsgesellschaft vor den Kreuzkirche. Er sah den wogenden Menschenmassen auf den Geschäftsstraßen zu und fühlte sich nicht mehr so ganz als Fremdkörper. Würde er noch dazugehören? Zwei Tage waren eine kleine Ewigkeit. Auf der Weißenburgstraße stieg er aus und passierte die Blocks im Kreuzungstakt. Im Eingang zur Nummer 96 endlich fand er Hess´ Klingelschild. Er drückte es lange und wartete. Nach einer Weile drückte er erneut, doch es öffnete niemand. Viggo sah sich ratlos um. Vor einer Kneipe entdeckte er den blauen Audi. ‘Dat Dröppke’ sagte das Schild über dem Eingang. Er fasste sich eine Leber und betrat die schummrige Kaschemme. Es herrschte kaum Betrieb. Die Wirtin schrubbte wie in Zeitlupe ein paar Gläser. In einer Ecke saßen Jörn Hess und ein Saufkumpane. Hess grinste dämlich und hielt offenbar einen Monolog. Als Viggo näher trat, schnappte er dessen bierseliges Gefasel auf:

“Die Leute reden ja wieso schon von mir. Ich ziehe ja wieso schon so heftige Aktionen durch. Das mit der Gaspistole, da hab ich jemanden platt gemacht, obwohl der so ein Dings auf mich gefeuert hat. Hab einfach den Kopf zwischen die Schultern so gezogen und bin einfach in den Mann reingerammt. So richtig schön. Die Leute reden ja wieso schon über mich.” Er nahm einen kräftigen Schluck. “Ich hab ja wieso schon den totalen Ruf. Aber bald werden die Leute von mir sagen: Der Hess zieht ja wieso schon die heftigsten Aktionen durch, aber jetzt ist er völlig durchgeknallt. Jetzt ist er auch noch durch den Rhein geschwommen. Echt, eines Tages sieht man so, wie ich von zwei Bullen verfolgt werde und dann werden die Leute sagen, der Hess ist durch den Rhein geschwommen. Erst all die heftigen Aktionen und jetzt auch noch das.”

Hess´ Saufkumpane zuckte mit den Schultern und grinste zurück. “Das wäre allerdings heftig.”

Viggo trat näher an den Tisch, so dass Hess ihn bemerkte und irritiert blinzelte. “Was willst du denn?”

Viggo setzte sich unaufgefordert. “Wir müssen reden.”

“Wüsste nicht von wegen.”

“Über Ihre Exfrau.”

Hess verzog das Gesicht. “Ich hab nichts mehr zu tun mit der Asozialen.”

“Warum steht sie dann unter Beobachtung?” fragt Viggo.

“Man wird sich doch noch infomieren dürfen.”

“Informieren?”

Hess nickte, zuckte die Schultern und leerte sein Glas.

“Ich habe den Eindruck, dass Sie mich für Nadines neuen Freund halten.”

“Aber nich doch.”

“Ich glaube schon. Als Sie mich heute Morgen vor ihrer Wohnung sahen, wirkten Sie zornig.”

“Hab dich garnich gemerkt.”

“Das denke ich wohl. Ich glaube, Sie sind wütend auf mich.”

“Ich kenne dich doch garnich.”

Hess´ Saufkumpane bewegte seinen Kopf wie bei einem Tennismatch hin und her.

“Ich versichere Ihnen”, fuhr Viggo fort, “es gibt keinen Grund zur Eifersucht. Wir sind kein Paar. Er gibt keine Veranlassung, mich über den Haufen zu schießen.”

“Für die Schlampe würde ich bestimmt keinen abknallen”, meinte Hess. “Die kann
wieso machen, was sie will. Von mir aus kann sie im Puff anfangen, die Möse. Und ihre missratne Brut gleich dazu.”

Viggo explodierte. Er griff über den Tisch und packte ihn am Kragen. Dann zog er ihn zur Hälfte über die Platte, bis er das Gesicht des Mannes dicht vor seinem eigenen hatte. “Sie hat etwas besseres verdient als das. Nadines Abstieg kommt nicht von ungefähr, und ein geisteskranker Stalker trägt sicher nicht zu Vibkes Seelenheil bei.”

“Ey, lass den Mann los”, rief der Saufkumpane.

“Sie möchten Ihrem Freund vielleicht heldenhaft zur Seite stehen?” zischte Viggo in seine Richtung.

“Wat?” meinte der Held und setzte sich wieder.

“Sie werden Nadine und ihre Tochter künftig in Ruhe lassen”, sagte Viggo. Dann gab er Hess einen Schubs und pfefferte ihn gegen seinen Stuhl. Beinahe kippte er hintenüber. Aus Hess´ Gesicht war jede Farbe gewichen.

In diesem Augenblick trat die Wirtin Kaugummi kauend zu ihnen. “Wenn die Herrschaften ihren Testosteronspiegel nicht vor der Tür senken wollen, erlaube ich mir höflichst, die Polizei zu benachrichtigen. Alles realisiert?”

Viggo nickte und zog die Jackenärmel zurecht. “Ich wollte nur ein Autogramm von Batman und Robin, aber die Herrschaften sind unpässlich.” Damit verließ er die Kneipe. Im Hinausgehen zerbiss er einen Fluch zwischen den Zähnen. Wie konnte er nur so dumm sein? Er wollte Hess die Friedenspfeife reichen, stattdessen hatte er sie ihm in den Hintern gerammt. In Gedanken machte er ein zweites Kreuz. Wieder einen Feind hinzugewonnen. Großartig. Eine zerquetschte Spritedose lag auf dem Gehweg und lächelte ihn an. ‘Tritt mich!’ sagte sie. ‘Tritt mich gegen den blauen Beetle!’

‘Ich hasse Gewalt’, entgegnete Viggo und ging an ihr vorüber.

Es war Zeit, in sein provisorisches Heim zurückzukehren. Zwischen Hess’ und Nadines Wohnung lagen nur drei Straßen. Auf dem Weg durchs Haus begegnete
ihm glücklicherweise keine schwer bewaffnete Überfeministin. Erleichtert klingelte er an der Tür. Vibke öffnete ihm mit einem breiten Grinsen. Sie bestand darauf, seine Jacke aufzuhängen, obwohl Viggo sie hochheben musste, damit sie an den Kleiderständer reichte. Danach schien Sie sehr zufrieden mit der vollbrachten Tat.

“Solltest du nicht in der Schule sein?” fragte er. “Es ist doch Freitag.”

Vibke schaute bedröppelt drein. “Mama sagt, ich hätte heute Fieber.”

“Fieber?”

“Ja, sie möchte nicht allein sein. Ich glaube, sie hat Angst.”

“Wo ist sie?”

“Sie ist einkaufen. Nee, zweikaufen.”

“Zweikaufen?”

“Ja, Wodka und Zigaretten.”

Es tat weh, sie Wodka sagen zu hören. Er warf ihr einen Kaugummi zu. “Der knispelt, wenn man darauf kaut.”

“Echt?”

“Echt.”

Sie stopfte sich die Kugel in den Mund und kaute darauf herum, als hätte sie eine faustgroße Kartoffel zwischen den Zähnen. “Mmm, Orange.”

“Nein, Kirsche.”

“Nein, Orange.”

“Nein, Kirsche.”

“Nein, Orange.”

“Ja ja.”

Sie hüpfte durch das Wohnzimmer, schien nach etwas unterhaltsamen zu suchen. Bald entdeckte sie den Anrufbeantworter und tippte darauf herum. Das Gerät sprang an und meldete: ‘Sie haben eine neue Nachricht.’ Vibke tippte auf die Wiedergabetaste. ‘Frau Hess’ begann eine fremde Männerstimme. In ihr schwang etwas Bedrohliches, beinahe Aggressives. ‘Ihr aussichtsloser
Erpressungsversuch kann nur dazu führen, dass ihr familiäres Glück zerstört wird. Senden Sie uns das Material zu und wir sind bereit, die Sache zu vergessen. Wenn Sie nicht kooperieren, wird Ihre Tochter die Leidtragende sein. Desgleichen wird geschehen, sollten Sie die Polizei einbeziehen.’

Viggo und Vibke schauten sich an.

“Wer war der Onkel?”

“Das fragst du besser deine Mutter.”

“Warum ist der so sauer?”

Er zuckte die Schultern. Die Haustür ging und Nadine polterte in die Diele. Sie war beschwipst. Als sie das Wohnzimmer betrat, erwartete sie zwei finster dreinblickende Gestalten. Nadine lächelte derangiert. “Ah, du bist zurück. Ich dachte, du kämst nicht mehr”, sagte sie sichtlich bemüht, ihre Verunsicherung zu kaschieren. “Was ist los? Was seht ihr mich so an?” Sie sah verlegen auf die weiße Plastiktüte, in der sich deutlich drei Flaschen und eine längliche Schachtel abzeichneten. Wortlos stand Viggo auf und spielte ihr den AB vor. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Konsterniert setzte sie sich auf die Couch und starrte den Boden an. “Vibke, geh auf dein Zimmer!”

“Warum?”

“Tu es!”

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