Shu - Teil 9

Shu wickelte seinen langen Leib zu einer Schnecke zusammen und erhob sein Haupt wie eine Schlange, sodass er mit Freya auf Kopfhöhe sprechen konnte. Er lächelte mit scharfen Augen. Dann begann er: “Man kennt mich nicht nur unter dem Namen der Alte Mann sondern auch als den traurigen Drachen. Vor 3500 Jahren wurde ich geboren, aber ich wuchs ohne meine Eltern in der Obhut des gnadenvollen Herrschers Qin Shihuangdi auf. Um meine Einsamkeit nicht vollkommen zu machen, nahm der Meister einen anderen Drachen auf, meine Gefährtin. Auch du hast einen Gefährten verloren, ich vermag es in deinem Blick zu lesen. Ich empfinde deinen Schmerz und teile ihn.” Shu neigte den Kopf seitlich hustete ein paar Flammen, dann ging es weiter: “Verzeih, ich bin nicht unhöflich, es ist meine Krankheit. Nun, was wollte ich sagen? Oooh, Karma, ja. Karma spielt eine wichtige Rolle im Leben eines jeden Menschen. Karma bedeutet, ‘Was ich hier zu tun bin’. In diesem Land nennt man es Schicksal. Dein Karma bietet dir einen Weg durch ein stürmisches Meer, den du entweder gehen wirst oder nicht. Es kommt darauf an, ob du dein Schicksal annehmen wirst oder es von dir weist. Welchen Weg du wählst, liegt ganz bei dir, niemand kann für dich entscheiden. Entweder du begreifst dein Karma als Gefängnis und entfliehst oder du verstehst es als Angebot, welches du ergreifst. Wozu also bist du hier, womit möchtest du deinem Leben Sinn geben, ist die entscheidende Frage. Hast du sie dir schon jemals gestellt?”

   Freya nickte. Sie hatte sie sich gestellt, war aber zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Mit erst sechzehn Jahren standen ihr noch alle Wege offen. Genau genommen wusste sie nicht einmal, welchen Beruf sie ergreifen wollte. Berufen fühlte sie sich eigentlich zu gar nichts. Nie hatte sie von irgendeiner Beschäftigung gehört, von der sie augenblicklich wusste, das sie sie für den Rest ihres Lebens ausfüllen wollte. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt irgendetwas über eine solch lange Zeit tun wollte.

   “Ich sehe, du hast noch keine Antwort gefunden”, las Shu aus ihren Zügen. “Das kann bedeuten, du kennst dich noch nicht gut genug oder aber es bedeutet, du nichts gefunden hast, für das du leben würdest. In deinem Blick sehe ich, dass dein Karma weit stärker ist als das anderer Menschen. Dies kann nur einer bedeuten. Auf deinem Weg wirst du etwas finden, für das es sich nicht nur zu leben sondern auch zu sterben lohnt.”

   “Was kann das sein?” fragte Freya.

   “Das weißt di nicht?” Shu schnüffelte an Freya. “Nein, tatsächlich, du weißt es nicht. Nun gut, siehe in dich und stelle dir selbst die Frage. Wofür würdest du dein Leben geben?”

   “Für meinen Vater würde ich sterben und für meine Freunde”, entgegnete Freya. Sie sprach mit großer Gewissheit. “Und für Torben wäre ich gestorben, vor allem für ihn.”

   “Nun, du hast verstanden, was von Bedeutung ist im Leben”, stellte Shu fest. “Nichts desto trotz beschränkt sich deine Sicht auf die deinem Herzen sichtbare Wirklichkeit, also die Menschen, die du liebst. Gleichwohl sehe ich dein Karma als so groß an, dass sie die ganze Welt umfasst.”

   Alexander merkte auf: “Dann ist sie es wirklich?”

   Shu nickte. “Der Glanz um ihre Gestalt strahlt so hell, dass meine alten, müden Augen es nur schlecht ertragen, obgleich er schöner ist als alles, was ich bislang erblickte. Sie ist es, kein Zweifel. Sie ist die Auserwählte, geboren zu einem Zeitpunkt, da die Welt ihrer Bedarf.” Der Drachen bewegte sein Gesicht ganz nahe vor das ihre und sah ihr geradewegs ins Gesicht. “Furchtbare Zeiten werfen ihre Schatten und die Menschen sind nicht mehr wie der Grashalm, der sie einst waren. Wenn der Sturm weht, beugt sich der Weise wie ein Grashalm im Wind, wenn er nicht zerbrechen will. Der Sturm kommt, doch diese Welt ist nicht mehr biegsam wie zu Beginn aller Zeiten. Die Weisheit vergangener Tage ist vergessen. Alles, was du Zivilisation nennst, wird in diesem Sturm untergehen, alle, die du liebst, werden sterben, wenn du es nicht verhinderst. Großes Unheil, davon spreche wir hier.” Shu nahm Abstand von Freyas Gesicht und spie Flammen in den Raum. Er spie sie so, dass sie den Anschein erweckte, als würden sie einen unsichtbaren Holzstamm in Flammen setzen. Als er das Drachenmaul schloss, erstarben die Flammen nicht sondern blieben bestehen. Gleichwohl bildete der ‘Stamm’ Arme und Beine aus und verwandelte sich zu einem Menschen. Bald zogen sich die Flammen fast vollständig zurück, sodass nur die Silhouette des Menschen übrig blieb. Innerhalb der Silhouette entstanden sieben senkrecht übereinander durch den Körper reichende Feuerwirbel, vom Hüftboden bis zur Stirn. Die Flammen glommen in Freyas Augen.

   “In China ist seit langer Zeit bekannt”, hob Shu an, “dass der Mensch seine Kraft aus sieben Quellen bezieht und jede dieser Quellen einem Element verbunden ist. In Tibet heißen sie die Chakren wie auch in Indien. Hierdurch fließt die Kraft eines Menschen und verteilt sich wie durch Blutbahnen durch seinen gesamten Körper und sogar darüber hinaus.”

   Auf diesen Worte hin wuchsen feine Flammenlinien aus den Chakren und verästelten sich in den gesamten Körper. Die Verästelungen überschritten die Körpergrenzen jedoch nicht.

   “Was du hier siehst, ist der Geistkörper, der jedem Menschen inne wohnt oder wie es die Europäer nennen, der feinstoffliche Körper. Er besteht aus feinen Energiebahnen und kleinen und großen Wirbeln. Die sieben großen Wirbel sind die Chakren und sie stellen die menschliche Verbindung zu den sieben Elementen dar. Die vier Wirbel unterhalb des Sonnengeflechts sind in aufsteigender Reihenfolge den Elementen Erde, Wasser, Feuer und Wind verbunden. Diese vier Elemente sind ein Teil von dir und genauso real wie deine Gedanken. Darüber liegt das Chakra, welches dich mit dem Äther verbindet, ein weiteres Element. Das Kopf- und das Stirnchakra stellte deine Verbindung zum Geist dar und dem Universum selbst.”

   Shu nieste ganz fürchterlich und setzte einen Bonsai in Brand.

   “Oh”, entfuhr es ihm.

   Alexander schippte mit den Fingern und die Flammen erstarben.

   “Danke, mein Freund.” Shu räusperte sich. “Nun, wo war ich stehen geblieben? Oh, die Chakren. Nun die Macht eines Zhishi fließt ihm durch die Kenntnis der Chakren und ihrer Verbindung zu ihm zu. Zhishi und Tianshi erlernen meditative Disziplinen, die sie in der Lage versetzen, ihre Energien außerhalb ihres Körpers wirken zu lassen.” Die Energielinien in der flammenden Gestalt traten zu allen Seiten über die Hautgrenze ins Freie. Am stärksten waren jene Linien, die aus den Fingern stießen. Sie reichten am Weitesten. “Die Tianshi sind begabt, aber sie wurden durch keinen Meister unterrichtet. Sie vermögen eines dieser neumodischen Automobile durch die Luft zu werfen, aber nicht viel mehr. Zhishi hingegen vermögen unglaubliche Dinge. Ihnen unterstehen die Elemente in einer Weise, die bereits Weltreiche erschütterte. Kennst du die Geschichte von der chinesischen Armee, die in der Steppe Ostchinas einfach von der Bildfläche verschwand?”

   Freya schüttelte den Kopf.

   “Nun, wie verschwindet eine ganze Armee?” Shu schüttelte sich. “20000 Mann mit Pferden und Kanonen? Hunderte Planwagen und ein Tross aus 7500 Männern und Frauen? Sie wurden sprichwörtlich von der Erde verschluckt. Ein Zhishi öffnete die Erde und beseitigte diese Bedrohung. Dies ist die Macht, die den wenigen Auserwählten zuteil wird. Damals in den alten Tagen unterstanden alle Zhishi Chinas Herrschern. Nur äußerst selten wurden sie eingesetzt und immer im Geheimen.” Der Drachen holte tief Luft, bevor er mit beschwörenden Stimme weiter sprach. “Die Engel, Tianshi müssen ernst genommen werden, die Zhishi sollte man fürchten, doch die Meisterzhishi können eine Bedrohung für die gesamte Welt sein. Nur einmal in 1000 Jahren werden die Meisterzhishi geboren. Zwei werden geboren, ein Mann und eine Frau. Es sind immer zwei, zwei zu einer Zeit. Du, Freya bist der weibliche Anteil dieser Verbindung, dein Yang aber ist ein mächtiger und einflussreicher Mann, der weiß, das seine Zeit nun gekommen ist. Er wird die Welt verändern und sein allumfassendes Kaiserreich ausrufen. Die Welt hat kein Glück mit ihm, denn er ist wie jeder andere, der glaubt, die Welt verändern zu müssen, von dem Gedanken beseelt, dass, um das Neue zu schaffen, das Alte zunächst vernichtet werden muss. Er sieht sich in der Pflicht, die bestehenden Gesellschaften aufzulösen, um ein Weltreich unter seiner Herrschaft zu schaffen. Er träumt den Traum der Macht, einen alten und törichten Traum.”

   Freya hatte das Gefühl, sich setzen zu müssen. Das alles überstieg ihre Vorstellungskraft.

   “Unser Feind beherrscht genau wie du alle sieben Elemente, nicht nur eines, so wie Tianshi oder gewöhnliche Zhishi. Auch unser lieber Freund zu deiner Seite beherrscht allein das Feuer, nichts weiter.” Shu lächelte. “Er ist mein Meisterschüler, aber wahre Meister sind wir beide nicht. Du aber bist anders, junge Freya. Ich sehe deine Chakren, wie sie in alle Richtungen ausstrahlen, selbst in deinem gegenwärtigen Zustand schon. Unser Feind fürchtete dich zurecht und schickt seine Diener, dich zu töten.”

   Freya musst an ihre Freunde denken. Ob auch sie in diese Geschichte hineingezogen würden? Nun bereute sie es, die drei um Hilfe gebeten zu haben. Ob ihr Karma dem ihrem ähnelte? Ob sie Teil ihrer Geschichte waren?

   “Erzähle mir von diesem Feind, meinem Ebenbild”, sagte Freya.

   Shu schüttelte den Kopf in einer Weise, in der ein Pferd die Mähne schüttelte.

   “Chao Yong kam in einem winzigen Dorf in chinesischen Nirgendwo zur Welt”, hob er an. “Seine Mutter war eine Unehrenhafte, die durch der Dorfvorsteher, also dem Bürgermeister ihrer Ehre beraubt wurde. In den ländlichen Gegenden halten es  die Menschen manchmal nicht mit den Errungenschaften des modernen Humanismus und geben einer vergewaltigten Frau eher die Schuld als dem Täter. Chaos Mutter war eine solche Person, denn sie ging mit dem Kind einer solchen Schandtat schwanger. Unter normalen Umständen hätten die konservative Bürger dieses Dorfes verlangt, dass sie das Kind abtreibt, doch sie wollten das Kind haben, da sie seine Unschuld erkannte. Sie bekam den Jungen ohne ärztlichen Beistand ganz allein in einer Hütte am Rande des Dorfes. Der Junge war gesund, aber sein ganzes Leben lang sollte er als Bastard gelten. Der Dorfvorsteher erreichte sogar, dass die Mutter in eine schäbige Hütte außerhalb des Dorfes ziehen musste. Hätte sie ihn den Vater ihres gemeinsamen Kindes genannt, es hätte ihr Todesurteil bedeutet. Sie wäre bei einem bedauerlichen Unfall ums Leben gekommen und niemand hätte Fragen gestellt. Auch heute gibt es in den ländlichen Gegenden Menschen, die den chinesischen Philosophen bei ihrem Ruf nach Menschlichkeit kein Gehör schenken. Sie leben im Mittelalter und wissen es nicht besser.”

   “Das ist schrecklich”, sagte Freya.

   “Chao wuchs als Außenseiter aus, er musste sich auslachen lassen und wurde von Gleichaltrigen verprügelt. Nach den alten Vorstellungen gilt das Leben eines Bastards nichts, es wiegt weniger als das eines Ochsen. Mit diesem Wissen, nichts als Abfall zu sein, wuchs er am Rande der Gesellschaft auf. Er machte sich Tiere zu Freunden, denn sie zeigten keine Scheu vor ihm. Da er im Wald lebte, fand er immer neue Freunde. Du kannst dir diesen zarten Jungen als kleinen, naturverbundenen Menschen vorstellen, der sich nach und nach von den Menschen entfremdete. Ist es nicht auch so, dass Tiere sich oft menschlicher verhalten als die selbst ernannte Krone der Schöpfung?”

   “Ja.” Das war Freya auch schon aufgefallen.

   “Obwohl er von den Menschen verachtet wurde, wuchs er im Paradies auf”, fuhr Shu fort. “Seine Mutter hatte er allein für sich und die Tiere waren seine Freunde. Er besaß mehr Freunde als jeder andere Junge in seinem Alter und diese nahmen ihn, wie er war. Die Jahre verstrichen und Chao wuchs zu einem stattlichen,  jungen Mann heran. Er besuchte nie eine Schule, trotzdem ihn eine überaus hohe Intelligenz auszeichnete. Seine Mutter lehrte ihn Schrift und Sprache, Rechnen und die chinesische Kultur. Von ihr erfuhr er auch, wie grausam die Menschen sein konnten, wie herzlos.

   In der Zeit, als er erwachsen wurde, hatte ein Bauer Mitleid mit ihm und ließ ihn auf seinem Feld arbeiten. Chao war ein harter Arbeiter und als die anderen Bauern von seinem Fleiß erfuhren, wollten sie ihn alle haben. Er war recht beliebt, solange es um die Arbeit ging, zu Festen jedoch wurde er nie eingeladen.

   Das alles ertrug er klaglos, doch eines Tages kam seine Mutter nicht vom Feld zurück und er machte sich Sorgen. Sie konnte nicht zurückkommen, denn sie lag im Wald neben einem Pfad, nackt und mit aufgeschnittener Kehle. Chao fand einen Basthut neben ihrer Leiche, einen Basthut mit dem Zeichen einer angesehenen Familie im Dorf. Der Jüngste dieser Familie strich häufig mit seiner Bande durch den Wald, um seiner Mutter nachzustellen. Sie verhöhnten sie als Schlampe und kündigten mehrfach an, sie sich vorzunehmen, wenn sie nicht aufpassen würde. Sie waren in seinem Alter und Chao wollte sie lehren, so mit seiner Mutter zu sprechen, doch sie hielt ihn davon ab. Er sollte sich nicht wegen ihr schlagen.

   Nun lag ihre Leiche zu seinen Füßen und er hielt diesen Hut in den Händen. Das war der Augenblick, in dem seine Kräfte zum Vorschein kamen. Für einen Zhishi ist es von äußerster Wichtigkeit, womit er seine Kräfte verbindet. Die meisten verbinden sie mit der reinen Kunst im Umgang mit diesen Kräften, doch er verband nichts als unbändigen Zorn damit.

   Es geschahen schreckliche Dinge in diesem Dorf in jener Nacht. Der Fluss trat über die Ufer und wütete mit solcher Wucht, das sich das Wasser in einem Trichter aufrichtete und das ganz Dorf in die Höhe riss. Dann tat sich der Boden auf und das Dorf verschwand in der Tiefe. Alle Dörfler starben. Heute kündet allein ein trichterförmiger See von dieser Nacht. Am Grunde liegen die Trümmer von etwa zweihundert Häusern und eine beachtliche Anzahl menschlicher Knochen.

   Chao verschwand von der Bildfläche und tauchte Jahre darauf als erfolgreicher Geschäftmann wieder auf. Mit einer bestimmten Verbundenheit zum Element Erde lassen sich Bodenschätze leicht ermitteln. Die Fähigkeiten der Tianshi reichen dazu nicht aus und ein vorbildlicher Zhishi würde sich nie persönlich bereichern, doch er hatte keine Hemmungen. Er verfolgte einen Plan.

   Dieser Junge kam aus einem chinesischen Dorf im Nirgendwo, lebte mit Tieren zusammen ganz in Frieden und dann kommt er in unsere Realität, in der das Töten und Sterben an der Tagesordnung ist. Er sah viele Jungen, die ihre Mütter verloren hatten und viele, viele Grausamkeiten. Es muss ein regelrechter Schock gewesen sein, mit der modernen Welt konfrontiert zu werden. Stell dir ein unbedarftes Kind vor, dass die Augen öffnet und sie nicht mehr zu schließen vermag. Er litt unter dem, was er sah und dieses Leid verwandelte ihn in einen Fanatiker. Chao hält sich für den Auserwählten, er will die Menschheit ihrer Macht berauben und sie unter seiner Führung zum Frieden führen.”

   “Hierzu allerdings muss er erst die bestehenden Mächte zerschlagen, was einen weltweiten Krieg bedeutet”, fügte Alexander hinzu.

   Freya warf die Stirn in Falten. “So weit würde er gehen?” Ihr wurde kalt.

   “Er wird alles unternehmen, um die Herrscher der Welt zu stürzen”, sagte Shu. “Er wird die Welt in einen Krieg ziehen, wie es noch nie einen gegeben hat. In ihm wird die Menschheit einen Feind erleben, dem sie nicht gewachsen ist. Er und seine Diener sind zu allem bereit, sie sind vollkommen fanatisch.”

   “Das Problem mit diesen Leuten ist, dass sie glauben, die einzige Wahrheit zu besitzen”, merkte Alexander an. “Solche Menschen handeln oft kopflos und blind. Sie sind gefährlich, auch wenn sie nur das Beste wollen. Chao Yong sieht nur das Paradies, wie er es sich vorstellt und er glaubt, jedes Opfer ist gerechtfertigt, dieses Ziel zu erreichen. Das macht ihn so gefährlich, er denkt nicht mehr richtig.”

   Freya atmete hörbar aus. Es klang wie ein tiefes Seufzen.

   “Du fragst dich, wie du diesem Monster entgegentreten kannst”, erriet Alexander ganz richtig. “Deine Kräfte sind nicht geringer als seine, aber du bist viel jünger und verfügst über keinerlei Erfahrung. Deshalb ist es von größter Bedeutung, dass du dich nach China begibst und dich von Meister Guo Tao unterweisen lässt. Er ist der letzte der großen Meister, die starke Welle, was sei Name bedeutet. Zu ihm wirst du dich begeben, wenn du die Karma annimmst.”

   Freya wunderte sich über sich selbst. Obwohl ihr Weltbild zutiefst erschüttert  wurde, blieb sie ganz ruhig. Sie hatte immer gedacht, ihr würde schwindelig werden, wenn ihr jemand verriete, das es noch eine andere Wirklichkeit hinter der offensichtlichen gäbe, doch sie nahm es einfach hin und stellte ihre nächste Frage.

   “Wann soll dieser Krieg den beginnen?”

   “Die Vorbereitungen haben bereits begonnen”, erklärte Shu. “Chao rekrutiert Tianshi in großer Anzahl. Die meisten von ihnen sehen den Krieg als unausweichlich, also stellen sie sich auf die eine oder andere Seite. Auch wir werben um die jungen Leute. Es wird zu einer Schlacht kommen, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat. Allein, unsere Bemühungen werden kein wünschenswertes Ergebnis zeitigen, wenn wir nicht auch deine Unterstützung erhalten. Chao wird die bestehenden Zivilisationen vernichten, um sich zu dem zu erheben, was er für einen wohlwollenden Diktator hält. In seiner Vorstellung muss die Menschheit gereinigt werden, wenn nötig mit Gewalt. Er ist der mächtigste Menschen auf dieser Welt, er wird auch die westliche Welt mit Leichtigkeit unterwerfen.”

   Freyas Stirn lag in tiefen Falten. Langsam wurde ihr klar, wie groß die Bedrohung war. Was vermochte ein Mann, der als Jugendlicher ein ganzes Dorf in einem Orkan verschlang, als Erwachsener zu tun? Den Gewalten der Natur waren die Menschen nach wie vor hilflos ausgesetzt, wie sich immer wieder zeigte.

   “Wenn das so ist, möchte ich mit der Ausbildung sofort beginnen”, sagte Freya fest entschlossen.

   “Gut.” Shu nickte und schloss die Augen für einen Augenblick. “Dann begib dich zum Flughafen, dort wartet der Flieger auf dich. Meister Guo Tao erwartete dich in seinem Palast. Ich gebe dir Alexander an die Seite, er beschützt dich mit seinem Leben.”

   Alexander lächelte und verbeugte sich vor Shu.

   “Durch mich hast du erfahren, wer du bist, Freya”, sagte der Drachen. “Durch Meister Tao wirst du zu einer Zhishi. Er wird deine Kräfte erwecken und formen. Unbedingtes Vertrauen in deinen Meister ist hierzu vonnöten, du darfst keinen Zweifel an der Richtigkeit seines Unterrichts hegen. Vergiss das nicht, es ist nicht chinesisch, seinen Lehrer anzuzweifeln, ohne einen Grund hierfür zu haben. Auch wenn seine Lehren dir zunächst nicht einleuchten, musste du sie befolgen. Am Ende wird alles Sinn ergeben, denn er ist die Sonne unter den Meistern.”

   “Ich werde mich bemühen”, sagte Freya.

   Shu nickte. “Diese Unterredung ist beendet, alles wurde gesagt. Alexander weicht dir nicht mehr von der Seite, bis deine Mission beendet ist. Sein Feuer wird dich beschützen auf deiner Reise. Wenn das Schicksal euch gesonnen ist, trefft ihr morgen in China ein, ohne auf einen feindlichen Tianshi gestoßen zu sein. Seid auf der Hut.”

   Damit begab sich Shu wieder auf alle Viere und tapste zurück hinter sein Gebirge. Dort wartete eine wärmende Decke auf ihn. Freya öffnete den Mund, um sich zu bedanken, doch Alexander ergriff ihre Hand und drückte sanft zu.

   “Er ist den ihm bestimmten Weg gegangen, deswegen besteht kein Grund, sich zu bedanken”, flüsterte er in ihr Ohr. “Du würdest ihn beleidigen.”

   Freya verstand nicht gleich, doch dann nickte sie. Auch sie würde ihren Weg gehen.

6.9.10 15:21

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