Enthüllungen - Teil 7

Am nächsten Morgen trafen sich Freya und Alexander im Cafe Pino. Freya ahnte nicht, dass dieses Cafe jenem Jugendtreff genau gegenüber lag, in dem Torben so gerne aushalf. Zunächst hielt sie dies für eine Geschmacklosigkeit, doch dann dachte sie, es könnte mehr dahinter stecken. Alexander wartete schon auf sie, obwohl sie fünf Minuten vor der Zeit war. Er saß an einem Fensterplatz im Cafe und winkte die Bedienung in der Sekunde zu sich, als Freya den Raum betrat. Freya glaubte, er habe den Italiener bestochen, denn der freundlichen junge Mann half ihr aus der Jacke und bedankte sich für den unerwarteten Sonnenschein in seinem Cafe.

   Freya setzte sich.

   “Schön, dass du kommen konntest”, sagte Alexander und dann an den freundlichen Italiener gewandt: “Einen Cappuccino für die Dame und einen Doppio für mich bitte.”

   Cappuccino, woher wusste er das? Konnte er Gedanken lesen? Draußen war es furchtbar kalt, selbst für diese Jahreszeit. Ein Cappuccino war jetzt genau das Richtige.

   “Wie geht es dir, Freya?”

   Sie lächelte. Es war schön, dass er nachfragte. “Schon viel besser. Wieder erwarten habe ich gut geschlafen. Ich musste nicht träumen, was ein Glück. Wahrscheinlich war alles etwas viel für mich. Ich bin eben nicht aus Stahl.”

   “Unsere Gefühle machen uns stark. Je schwächer du bist, desto stärker kannst du auch sein.” Alexander lächelte mit seinen vollem Lippen. “Ich glaube, ich muss mich entschuldigen. Mein Auftreten gestern war ein wenig forsch und auch der Zeitpunkt war nicht günstig gewählt. Ich wollte dich auf keinen Fall belästigen.”

   Freya winkte ab. “Es war keine Belästigung. Ich war nur etwas überrascht, von dir über Torben zu erfahren. Ich dachte, er hätte keine Geheimnisse vor mir.”

   “Nun, er schrieb mir häufig, wie sehr er dich liebte und wie sehr er es bedauere, dich nicht in alles einweihen zu können. Er wollte gewiss keine Geheimnisse vor dir haben, aber in erster Linie dachte er an deine Sicherheit. Torben glaubte, dass du nicht wissen solltest, was sich damals in China zugetragen hat.”

   Der liebenswürdige Kellner brachte den Cappuccino für die Damen und den Doppio für den Herrn. Freya bedankte sich und sogar ihr strahlendes Lächeln kam zurück. Es wärmte das Herz des Kellners, das konnte sie in seinem Gesicht lesen.

   Nachdem der Mann gegangen war, fuhr Torben fort: “Nun, da er tot ist, ändert sich alles. Es beginnt eine Zeit des Umbruchs für jeden für uns. Es hat etwas begonnen, dessen Ausgang nicht abzusehen ist.”

   Freya legte ihren Kopf seitlich. “Wie kommt es, dass die Menschen in letzter Zeit nur in Rätseln zu mir sprechen?”

   “Menschen? Wen hast du getroffen?”

   “Sie nannten sich Amyrthil, eine Chinesin in meinem Alter.”

   “Oh, sie.” Alexander riss das Briefchen auf und ließ den Zucker in seinen Doppio rieseln. “Ich dachte, ich finde dich vor ihr. Nun, unser Meister entsandte zwei Diener, dich zu finden. Ich bin nur einer von ihnen. Wir haben dich gesucht und wir haben dich gefunden, würde ich sagen.”

   “Wer seid ihr?”

   “Lass mich nicht in Rätseln antworten. Warum glaubst du, hat sich Amyrthil sich dir gegenüber nicht deutlich erklärt?”

   Freya zog die Stirn kraus. Warum nicht?

   “Weil du aufstehen und gehen würdest, verriete dir jemand die Wahrheit. Du würdest es schlicht nicht glauben. Um es zu verstehen, müsstest du chinesisch denken und bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Da im Augenblick die unseligen Kommunisten in diesem Land herrschen, weißt du nicht einmal, was es überhaupt bedeutet, chinesisch zu denken. Es ist ein sehr altes Land mit einer 7000jährigen Kultur. 7000 Jahren - in dieser Zeit könnte Deutschland 36 Mal gegründet werden und untergehen.”

    “Ich verstehe, aber ist es wirklich so unglaublich?”

   Alexander nickte. “Es existieren Dinge in dieser Welt, die sich mit dem europäischen Verstand nicht begreifen lassen. Hier ist alles so rational und bar jeder Wunderhaftigkeit. Hinter dieser Wahrheit existiert noch eine andere Welt, weit jenseits deines Vorstellungsvermögens.”

   “Klingt interessant.”

   “Es ist nicht gesagt, dass du bereit bist für diese Welt, aber ich denke, du solltest selbst entscheiden, ob sie zu deiner Realität gehören sollte oder nicht. Vor daher möchte ich dir erst einen Eindruck geben von dem, was geschehen ist. Ich meine, was mit Torben geschehen ist.”

   “Was ist geschehen?”

   Alexander deutete mit dem Kopf durch das Fenster auf das gegenüber liegende Gebäude. “Sehen heißt glauben. Ich möchte dir etwas zeigen.”

   Freya forschte dem jungen Mann durch die Züge. Irgendetwas an ihm schien vertraut. Er wirkte wie ein alter Bekannter auf sie, sie empfand, ihm vertrauen zu können.

   “Okay”, sagte sie. “Warum erzählst du mir nicht etwas über dich? Was machst du so?”

   Alexander lächelte verlegen. “Oh, es gibt nichts, womit ich mich brüsten könnte. Ich studiere Pädagogik in Berlin, zweites Semester. Auf dem Gymnasium wurde es mir schnell langweilig, da habe ich zwei Klassen übersprungen. Danach war ich mir nicht sicher, was ich studieren sollte. Geschichte interessiert mich sehr, aber die ist schon ziemlich trocken. Lieber möchte ich mit Kindern arbeiten. Eigentlich mache ich das schon.”

   “Tatsächlich?”

   “Ja, im Internet stieß ich auf ein paar Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren, die dort ihre Phantasiegeschichten bloggen. Ich schreibe selbst und gebe den jungen Leuten ein paar Tipps, wie ihre Texte besser funktionieren. Das macht wirklich Spaß, etwas an junge Menschen weiterzugeben. Mädchen sind toll.”

   “Und was schreibst du selbst?”

   “Ich schreibe über meine Kindheit, nichts Besonderes. Meine Mutter verstarb, als ich neun war und mein Vater hatte mit sich selbst Probleme. Sagen wir einfach, ich war froh, als ich auf eigene Beinen stand. Mit sechzehn bin ich von zu Hause in eine WG gezogen. Mein Vater dachte, ich könnte noch nicht auf eigenen Beinen stehen, aber es ging alles gut. Ich fand Freunde, die auch heute noch meine Freunde sind. Darauf folgte eine unglückliche Liebe und ein Ende mit Schrecken. Ich war für klare Verhältnisse, sie weniger. Im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass sie ihren Spaß daran hatte, sich umwerben zu lassen. Ich verdanke ihr einige schlaflose Nächte, außerdem habe ich mittlerweile viel Übung im Verfassen von Liebesgedichten.”

   “Das tut mir leid für dich”, sagte Freya.

   “Nun, das Ganze ist schon zwei Jahre Geschichte und seitdem übe ich mich in Enthaltsamkeit. Frauen bergen immer ein bestimmtes Risiko, denke ich, und ein gebranntes Kind scheut das Feuer.” Er nahm einen Schluck. “Nun, soviel zu meinem Leben an der Oberfläche. Hinter der bürgerlichen Fassade steckt noch eine andere Person. Du wirst das alles sehr merkwürdig finden.”

   Freya war ganz Ohr.

   “Darf ich dir etwas zeigen?” fragte er.

   “Sicher.”

   Alexander bat sie, auszutrinken, dann winkte er den freundlichen Italiener herbei und bezahlte für sie beide. Das Trinkgeld fiel recht üppig aus, der Mann bedankte sich. Danach verließen sie das Pino und traten auf die Straße. Freya fröstelte es. War es in diesen wenigen Minuten etwa kälter geworden?

   Er führte sie über die Straße, bis sie vor der verschlossenen Tür des Jugendtreffs standen. Freya fühlte sich nicht wohl an diesem Ort. Sie war nicht sicher, ob sie jemals wieder den Ort sehen wollte, an dem Torben ermordet worden war. Sie wusste überhaupt nicht, was sie davon halten sollte.

   “Du bist verunsichert”, stellte Alexander fest. “Wir müssen das nicht tun, aber es würde mir umständliche Erklärungen ersparen. Du glaubst mir nicht, wenn du dir das nicht anschaust. Ich verlange viel von dir, aber es gibt keine andere Möglichkeit.”

   “So? Meinst du?”

   “Wir müssen deinen störrischen, europäischen Verstand erst überzeugen. Es reicht nicht, dass du es verstehst, du musste es auch glauben. Außerdem ist es ein Teil deiner Geschichte, ich finde, du solltest es sehen.”

   “Okay.” Freya nickte den Kopf. Irgendetwas ließ sie vertrauen. Vielleicht lag es an seiner angenehm sonoren Stimme. “Dann gehen wir. Wie kommen wir hinein?”

   Alexander langte in die Jackentasche und zeigte einen Schlüssel zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann zerriss er die Polizeibanderole mit der Aufschrift ‘Betreten verboten’ und drehte den Schlüssel im Schloss. Die Tür öffnete sich und ging als Erster hinein.

   Drinnen war es dunkel, jemand hatte die Fenster von innen mit Pappe verklebt. Es musste die Polizei gewesen sein, denn normalerweise kam das nicht vor. Alexander drückte den Lichtschalter und zwei von eigentlich fünf Deckenlampen flackerten. Es waren jene, die nicht zerstört worden waren.

   Auf den Eingang zur Straße folgte gleich der Gemeinderaum. Freya hatte viel Zeit hier verbracht, aber was sie nun erblickte, hatte nichts mehr mit dem Ort gemein, den sie in Erinnerung hatte. Ungläubig ging ihr Blick durch den Raum, von einer Seite zur anderen.

   “Was ist hier geschehen?” flüsterte sie.

   “Mach dir selbst ein Bild. Was denkst du, ist hier geschehen?”

   Freya tat einen vorsichtigen Schritt auf die hölzernen Dielen und durchquerte den Raum langsam, indem sie sich zu allen Seiten umsah. Offensichtlich hatte ein Kampf stattgefunden, aber es konnte unter Umständen auch eine Schlacht gewesen sein. Kein Möbel stand mehr an seinem Platz, alles, sogar die schweren Schränke mit den Büchern und Bildbänder lagen kreuz und quer auf dem Boden verteilt. Freya musste über sie steigen, während sie voranging. Sogar der Billardtisch lag auf dem Kopf. Genau genommen steckte er zu einem Drittel in den Dielen und ragte quer in die Höhe. Einige der Kugeln lagen auf dem Boden verstreut, andere steckten in den Wänden. Sie steckten beinahe vollkommen im Mauerwerk, nur zu einem Drittel schauten sie noch heraus.

   Von den Kugeln in der Wand wanderte Freyas Blick zur Decke. In der Mitte klaffte ein Loch von einem Meter Durchmesser. Das herausgerissene Stück lag allerdings nicht unter dem Loch sondern in einer Ecke. Dabei handelte es sich nicht um Trümmer sondern um einen kompakten Block Beton. Er war mit solcher Wucht in der Ecke eingeschlagen, dass ein Stück Mauer herausgerissen worden war.

   Das Loch in der Decke war nicht der einzige Schaden am Mauerwerk. Alle vier Wände trugen Löcher und Risse, manche mehr als zehn Zentimeter tief. Auch im Boden gab es solche Risse. Von einer bestimmten Stelle klafften vier lange Risse quer durch den Raum, die den Anschein erweckten, als hätte jemand die vier Forken einer stählernen Rechen durch den Beton gezogen. Auch diese Risse gingen sehr tief.

   Langsam schritt Freya weiter und erreichte die Mitte des Gemeinderaumes. Hier stand ein Stuhl oder das, was davon übrig geblieben war. Das Plastik und selbst das Metallgestell waren zu einem seltsamen Klumpen geschmolzen. Man konnte erkennen, das es sich um einen Stuhl handelte, aber mit dem ursprünglichen Möbel hatte dieses Gebilde nichts mehr gemein. Das Metall der Beine war zu Pfützen geschmolzen und klebten auf dem Boden.

   Freya gelangte zum hinteren Teil des Raumes, dort wo sich früher eine kleine Theke befunden hatte. Hier gab es Wasser und Limonade für die Migrantenkinder und deren Freunde. Torben hatte oft hier gestanden und Kuchen auf viele kleine Teller verteilt. Nun war quasi nichts mehr übrig von dieser Theke: Es war, als hätte man sie aus dem Boden gerissen und fortgeworfen. Neben dem Eingang lag ein Haufe verschmorter Bretter, die wahrscheinlich die Theke gewesen sein mussten. Jemand hatte sie quer durch den Raum geworfen.

   Hinter der Theke befand sich ein verspiegeltes Regal, in dem Gläser und Teller standen und lagen, doch nun war nichts mehr davon übrig. Anstelle der Küchenwaren lag überall farbiger Staub auf den Regalböden verstreut. Selbst der Spiegel war verschwunden, dafür glitzerte ein Teil des Staubes merkwürdig. Freya tauchte einen Finger in die Häufchen. Es fühlte sich wie Mehl an.

   “Vorsicht”, sagte Alexander. “Das ist Glasstaub.”

   Freya zog den Finger wieder hervor und pustete ihn sauber.

   “Wie kann so etwas geschehen?” fragte sie.

   “Was denkst du?”

   Sie warf die Stirn in Falten. “Schall. Ein Geräusch könnte Glas zerstäuben.”

   “Sehr gut.” Alexander trat neben sie. “Du begreifst schnell. Genau so habe ich dich mir vorgestellt. Genau so hat er dich mir beschrieben.”

   Torben! Freya sah auf das Chaos vor sich und fühlte ihre heiße Tränen. Was immer hier gewütet hatte, Torben war dabei umgekommen Es musste schrecklich gewesen sein. Freya musste schlucken.

   “Es waren keine Rechtsradikalen”, sagte sie.

   “Nein. Das ist nur die offizielle Version für die Medien. Die Polizei braucht eine Version, um alles zu erklären. Die wirklichen Täter haben ein paar Symbole an den Wänden hinterlassen, um es ihnen leicht zu machen.”

   “Wer sind diese Leute?”

   Alexander lehnte sich gegen das Regal und stellte ein Knie auf. Dabei steckte er seine Hände in die Hosentaschen. Erst sah er zu Boden, dann zur anderen Seite des Raumes. Damit erweckte er den Eindruck, in weite Ferne zu blicken.

   “Ja, wer sind diese Leute? Vor 3500 Jahren errichtete Qin Shihuangdi das damals größte Reich der Welt. Im Gegensatz zu nahezu allen seinen Nachfolgern wollte er die Leibeigenschaft abschaffen, Sklaven befreien und ein Recht einsetzen, das für alle gleichermaßen Gültigkeit hatte. Die damaligen chinesischen Herrscher schlossen sich zu einer schlagfertigen Allianz zusammen, um ihn aufzuhalten. Es gab mehrere Schlachten, bei denen Qin einer mehrfachen Übermacht gegenüber stand. Bei einer der entscheidenden Schlachten lag das Truppenverhältnis bei sieben zu ein, aber trotzdem vermochte er, den Feind zu besiegen. Die Schlachten verliefen alle unter den schlechtesten Vorzeichen, doch immer ging er als Sieger hervor. Nachdem der letzte der aristokratischen Herrscher niedergeworfen war, entstanden Mythen, die seine unglaublichen Siege erklären sollten. Soldaten berichteten von einer Handvoll Krieger, die ganze Battalione vernichteten. Ihnen wurden mystische Kräfte nachgesagt, die sie aus den Geheimnissen der Natur ableiteten. Man sagte, sie verfügen über uraltes Wissen über die Beschaffenheit der Natur und können mit ihr kommunizieren und sie nach ihrem Willen verändern. Qin selbst stritt die Existenz einer Spezialeinheit in seinem Heer stets ab, nach seinen Worten gab es keine mystischen Krieger in seinen Reihen. Mehr noch, es bezweifelte, dass das Mystische unser Leben beeinflussen konnte, er galt als steinharter Realist.”

   “Die Natur beeinflussen”, wiederholte Freya. “Ist das der Zeitpunkt, an dem ich den Kopf schütteln und gehen sollte?”

   “Nein, nicht jetzt schon. Das hier ist nur ein kleiner Vorgeschmack.” Er deutete auf den Ausgang zur Küche. “Du musst wissen, dies ist nicht einfach nur ein Jugendtreff. Sind dir jemals die merkwürdige Besucher aufgefallen? Unsereins kleidet sich mitunter seltsam.”

   “Nein, mir ist niemand aufgefallen.”

   “Nun, womit der Europäer nicht rechnet, das sieht er nicht.” Alexander lächelte dünn. “Tatsächlich ist diese Einrichtung ein verborgener Zugang zu einer ganz anderen Welt, die sprichwörtlich unter dieser sichtbaren Welt liegt. Wir sollten ihr einen Besuch abstatten, dann kannst du mit dem Kopf schütteln.”

   Freya seufzte.

   “Es wird nicht schlimm”, sagte Alexander.

   Er winkte ihr zu und führte sie in die Küche. Der Kampf hatte ausschließlich im Gemeinderaum stattgefunden, hier war nichts zu Bruch gegangen. Alexander trat vor den Kühlschrank und öffnete ihn. Dann griff er hinein und tastete nach einem versteckten Schalter. Sekunden darauf erklang ein Geräusch, als würde Stein über Stein schleifen. Freya sah um sich, sie erwartete, dass ein Stück der Mauer im Boden verschwinden würde. Zu ihrer Überraschung geschah nichts dergleichen, obgleich sie das Geräusch recht genau lokalisieren konnte. Es schien von zwischen der Anrichte und einem schmalen Schrank zu kommen. Sie nahm den Bereich in Augenschein, doch nichts schien sich verändert zu haben.

  Alexander unterdessen warf die Kühlschranktür zu und kam zu ihr herüber. Er lächelte ihr zu und ging mitten durch den Wandabschnitt hindurch. Freya riss die Augen auf. Sollte eine normale Holographie nicht merkwürdige Lichtbrechungen erzeugen und irgendwie zittern? Die Wand sah vollkommen echt aus. Sie streckte die Hand aus und griff hinter die Tapete ins Leere.

   “Es ist ungefährlich”, kam es von der anderen Seite.

   Freya atmete einmal kräftig ein, dann trat auch sie durch die Wand. Sie kam unversehrt auf der anderen Seite an. Hier führte ein langer Gang aus Stein um wenigstens 100 Meter in das Erdereich. Der Gang fiel leicht ab, sodass man sich am Ende ungefähr im dritten Untergeschoss befinden würde. Er wurde von blauen Neolichtern an der Decke erhellt. Alexander lächelte Freya zu und ging voraus. Sie folgte ihm nach kurzem Zögern.

   “Das Orb liegt genau in der Mitte dieses Blocks, es führen insgesamt vier Wege von der Straße dorthin, von jeder Seite einer. Es ist ein Treff für Leute wie mich”, erklärte er.

   Sie gingen den Gang hinab, was endlos lange erschien. Einhundert Meter konnten eine große Entfernung sein, wenn man nicht wusste, was einem am Ende erwartete. Tatsächlich erwartete sie eine schwere Metalltür, die mit chinesischen Schriftzeichen beschrieben waren. Was von oben nicht zu erkennen war, war eine kleine Nische mit einem Tisch und einem bulligen Mann mit Glatze, der dahinter saß.

   “Hi”, sagte Alexander.

   Der Glatzkopf griff wortlos unter den Tisch und holte einen chinesischen Fächer hervor. Er klappte ihn auf und Freya erkannte eine Szene am Fluss. Eine nackte Chinesin saß mit dem Rücken zum Betrachter und kämmte ihr wundervoll langes Haar. Ein Reh sah ihr dabei zu. Alexander schnippte mit den Fingern und augenblicklich stand der Fächer in Flammen. Der Glatzkopf klappte ihn zusammen und wedelte mit ihm, bis die Flammen erloschen. Dann gab er ein Brummen von sich und nickte in Richtung Tür.

   “Danke”, sagte Alexander und verbeugte sich.

   Die Tür war durch zwei wuchtige Hebel gesichert, die links und rechts von einem Gelenk in der Mitte der Tür nach oben zeigten. Alexander ergriff sie gleichzeitig und bewegte sie in zwei Halbkreisen nach unten. Der Mechanismus schnappt mit einem metallischen Krachen ein, dann teilte sich die Tür in der Mitte und die beiden Hälften verschwanden links und rechts in der Wand.

   Wummernde Housemusik kam wie eine Welle über sie und rührte pulsierend in ihren Mägen. Alexander lächelte breit. Endlich zu Hause. Freya war nicht nach Lächeln, denn sie konnte kaum glauben, was sie sah. In der Mitte einer riesigen Höhle schwebte eine 40 Meter durchmessende, silbern polierte Kugel wie auf einem Magnetfeld. Offenbar herrschte an jeden Punkt dieser Kugel eine Anziehungskraft zur Mitte der Kugel, sodass man sich überall auf ihr frei bewegen konnte. Das Orb war eine Art runder Club mit Tanzfläche, eine kreisförmigen Bar und einem Loungebereich mit gemütlichen Stühlen und Tischen. Die Leute standen auf dem Kopf oder sie standen im rechten Winkel von den Seiten ab. Sie tanzten oder standen beieinander und plauderten. Ein DJ mit Irokesenfrisur und den unvermeidlichen Kopfhörern stand vor seinen Turntables und bewegte den Kopf rhythmisch.

   Über allem lag ein angenehmes Stimmengetümmel, die Musik schluckte nicht alles. Bei den Gästen schien es sich um ganz normale Leute zu handeln, wobei einige wie Mangafiguren aussahen. Die Mädchen waren wie japanische Girlies gekleidet, die Jungen steckten in schwarzen Anzügen. Überhaupt handelte es sich beinahe ausschließlich um junge Menschen, kaum jemand war älter als 30.

   “Das ist einer meiner Lieblingsclubs”, sagte Alexander. “In Berlin haben wir auch einen Orb, aber der ist viel größer und die Atmosphäre ist etwas unpersönlich. Ich liebe diesen kleinen, kuscheligen Clubs.”

   Klein kam Freya diese Kugel nicht gerade vor, aber Alexander war wohl Anderes gewohnt. Er nickte ihr zu. Von ihrer Position führte eine metallene Brücke bis zu der Kugel. Bevor man die Kugel betrat, wirkte noch die Erdanziehung, auf der Kugel selbst herrschten andere Gesetze. Alexander ging voraus.

4.9.10 13:19

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