Ho - Teil 6

Momo hatte sich so sehr auf ein warmes Bad gefreut, nun aber war sie enttäuscht. Nach dem Erlebnis im Blue Dream wollte sie sich lieber nicht mit Wasser bedecken. Als sie die Wohnung betrat, hörte sie Stimmen aus dem Fernseher. Mutter und Vater saßen bei einem Film zusammen. Momo schlich an die Tür und warf einen Blick ins Wohnzimmer. Die beiden saßen brav nebeneinander auf der Couch, aßen Chips und tranken Weißwein. Die Knutscherei hatten sie sich für später aufgehoben, also konnte Momo ruhig eintreten.

   “Hallo”, sagte sie.

   Zuerst bekam Mutter einen Kuss auf die Wange, dann der Vater.

   “Du bist früh zurück. War es nicht schön?” erkundigte sich Markus.

   “Doch, wohl.”

   “Aber?” fragte Anika.

   “Nichts aber. Es war sehr schön, aber wir hatten schnell keine Lust mehr.”

   Momo hasste den Gedanken, Torbens Beerdigung vorzuschieben, aber in dieser Situation fiel ihr nichts Anderes ein. Sie schnappte Markus ein Chips aus der Schale und machte sich in ihr Zimmer auf.

   “Na, na, na”, sagte der Vater.

   “Ja, ja, ja”, kam es aus der Diele.

   Momo lächelte. Endlich war sie wieder zu Hause, der einzige Ort auf der Welt, an dem sie sich wirklich sicher fühlte. Alle Gefahren und Schrecken lagen weit hinter der Wohnungstür, der Haustür sogar. Hier war alles ruhig und friedlich. In ihrem Zimmer war es am Friedlichsten. Sie stellte das Licht an und griff nach der Fernbedienung für die Anlage. Sekunden darauf klang eine sanfte, männliche Stimme durch den Raum. Momo liebte Live Musik. Ein junger Sänger und seine Gitarre. Von einem Augenblick auf den anderen fühlte sie sich gut.

   Was würde sie mit dem Rest des Abends anfangen? Sie war ein Kind des neuen Jahrtausends, also setzte sie sich vor ihren Rechner. Eigentlich war ihr nicht nach einem Chat, sie wollte lieber surfen. Das Internet barg die absonderlichsten Dinge, man konnte jeden Tag etwas Neues entdecken. Ihre allerneueste Entdeckung bestand in einem Spiel, dem Spiel des Lebens. Das wollte sie gestern schon ausprobieren, aber nun hatte sie die Gelegenheit.

   Sie lud das Spiel und entschied sich, ihren Lebensweg als Frau zu beginnen. Ziel war es, möglichst alt zu werden. Jede Katastrophe kostete Lebenskraft und bei Null setzte es einen Herzinfarkt mit tödlichem Ausgang. Momo begann also als Mädchen. Der Zufallsgenerator spie einen hohen Intelligenzquotienten aus, aber ihr Vater war ein schlimmer Säufer. Er schlug Kind und Frau, was sie im zartesten Alter bereits Lebensenergie kostete. Dumm gelaufen, da kann man nichts machen, dachte Momo. Weiter im Text. Trotz des hohen IQs schaffte sie es nur zur mittleren Reife. ‘Nur’ war etwas übertrieben, immerhin hatte sie einen Abschluss. Hiermit standen ihr verschiedene Berufe offen.

   Krankenschwester vielleicht? Ein toller Job, aber hart und die Kolleginnen konnten mobben wie die Tiere. Dann doch eher eine Automechanikerin? Momo versuchte einen Ausbildungsplatz also solche zu ergattern, doch kein Meister wollte sie haben. Laut Ereignisfeld geriet sie an eine Reihe alter Männer, die nicht einsehen konnten, dass Frauen und Technik sehr gut zusammenpassten. Die Herren ließen sich nicht überzeugen, also bekam sie im ersten Jahr nach der Schule keine Ausbildung. Das kostete Nerven und drei Lebenspunkte.

   In der Liebe schien es besser zu laufen. Sie fand einen wirklich reizenden Mann mit guten Manieren, der sie wirklich zu lieben schien. Dumm nur, dass der Zufallsgenerator eine in Alkohol getränkte Nacht inklusive ungeschütztem Sex erzeugte. Momo wurde somit ungewollt schwanger. Das veränderte natürlich alles. So schnell wie möglich wollte sie die Heirat, doch der junge Mann war nicht interessiert und setzte sich ins Ausland ab. Schöner Mist.

   Allein erziehend und ohne Ausbildung sah sie einer wenig rosigen Zukunft ins Gesicht. Sie beantragte Sozialhilfe, bekam sie und lebte mit einem Baby nahe des Existenzminimums. Bekloppte Männerwelt, dachte sie. Sie sparen an Frauen mit Babys. Nicht zu fassen.

   Eine Zeit lang ging es aufwärts, sie bekam ein paar nette Bekannte und die Familie half, wo sie nur konnte. Dann aber trat eine Frau in ihr Leben und Momo entdeckte laut Generator ihre lesbische Seite. Das auch noch. Sie war verliebt und musste sich entscheiden, ob sie sich auf etwas einließ oder nicht. Ja oder nein? Momo entschied sich dazu, ihr Gefühle zu unterdrücken. Das kostete zwar fünf Lebenspunkte, dafür wurde man aber nicht zu einer Geächteten.

   Beruflich war nichts mehr möglich, zumindest nicht im Augenblick. Dreimal in der Woche gab sie ihren Sohn bei ihren Eltern ab und ging putzen. Sie bemerkte, was sie ihren Arbeitgebern galt, was sie wiederum ein paar Lebenspunkte kostete. Diese Erfahrung kostete sie ebenso ihr Selbstwertgefühl und sie begann, sich selbst zu vernachlässigen. nicht mehr pfleglich mit sich um. Erst vernachlässigte sie sich, dann ihren Sohn.

   Nach dem ersten Drittel ihres Lebens begegnete sie einem Familienvater, der sie als Geliebte wollte. Momo willigte ein, denn der Kerl machte keine Schwierigkeiten und unterstützte sie finanziell. Sie kam sich schäbig vor, aber das Geld hob sie auf einen anderen Soziallevel. Auf diese Weise kam sie in einen neuen Modus und konnte es sich gut gehen lassen.

   Als der Junge groß wurde, zeigte sich, dass Momo es nicht geschafft hatte, ihn Selbstrespekt zu lehren. Woher auch? Er wurde straffällig, mehrfach sogar. Bald saß er in Jugendhaft und Momo alterte um 15 Lebenspunkte. Der Junge wurde älter und verließ das elterliche Haus.

   Zur Halbzeit war ihre Lebensenergie um mehr als die Hälfte geschrumpft. Der Generator ließ sich neu verlieben, was die Spalte etwas auffüllte. Diesmal entschied sich Momo für etwas Bleibendes, also heiratete sie den Mann, was sich ebenso positiv auswirkte. Dummerweise verwandelte sich der Gatte in einen kleinen Pascha, der sich umsorgt sehen wollte. Momo hatte die Wahl: Entweder ihr Avatar kam in Zukunft ohne emotionale Zuwendung zurecht oder sie bediente diesen faulen Sack von vorne bis hinten. Sie entschied sich für die erste Variante, schließlich hatten auch Pixel ihren Stolz. Nach fünf Jahren ließ sie sich scheiden und bezahlte dies mit einer gelinden Niedergeschlagenheit. Ihr Herz hatte Bodennebel und dies schlug sich auch in ihrer physischen Verfassung nieder.

   Als sie in diesem Zustand in auf ein Schicksalsschlag-Feld geriet, geschah es dann. Sie wurde magersüchtig und ein Fall für die Klapse. Ein halbes Jahr ging sie in eine geschlossene Einrichtung und wurde wieder aufgepäppelt. Danach blieb die Magersucht bestehen, aber zumindest war sie nicht mehr in Lebensgefahr.

   Dann geriet sie auf ein Ereignisfeld. Ihr Sohn brauchte Geld für Drogen. Himmel, hätten sie damals nur ein Kondom benutzt. Momo war nicht dumm genug, ihm welches zu geben, sie wollte ihn lieber zum Entzug überreden. Der Sohn reagierte, indem er ihre Wohnung kurz und klein schlug, ihr Geld stahl und ihr in den Bauch trat. Momo musste ins Krankenhaus.

   Das letzte Drittel ihres Lebens, in dessen Verlauf sie ihren Sohn nicht mehr wieder sehen würde, begann. Momos Avatar baute schnell ab, zu sehr hatte sie das Schicksal gebeutelt. Sie entwickelte jede körperliche Krankheit, vor der sich Frauen fürchteten und ganz am Ende war es ein aggressiver Brustkrebs. Das Spiel sagte, dies sei all die negative Energie schuld. Momo verstarb mit 56, noch bevor ihre Lebensenergie abgelaufen war. ‘Herzlichen Glückwunsch’, stand auf dem Bildschirm. ‘Sie haben Ihren Sohn überlebt’.

   Momo fuhr den Computer herunter und machte sich fertig fürs Bett. Es war ein aufregender Tag gewesen und sie war müde. Als sie unter der Decke lag, dachte sie über ihr Leben nach. Man durfte es nicht verschwenden und der kleinste Fehler konnte schreckliche Auswirkungen haben. Sie wollte unbedingt heiraten und viele, viele kleine, süße Kinder haben, aber zuerst aber würde sie sich ein eigenes Leben aufbauen, in das sie flüchten könnte, wenn einmal alles schief ging. Unabhängigkeit war die Vorsausetzung für alles, das empfand sie mit Gewissheit. Sie würde nicht wie ihr Avatar enden, sondern sich Zeit mit allem lassen. Egal, was die anderen sagten, auf ihre Freunde konnte sie immer zählen.

   Sie löschte das Licht und rückte das Kopfkissen zurecht. Ihre Eltern würden nicht mehr hereinkommen, wenn alles dunkel war, obwohl die Musik noch lief. Momo sah zum Fenster hinaus. Ihr Zimmer befand sich im Erdegeschoss, sodass sie in den Garten ihre Hauses schauen konnte. Alles war ruhig da draußen und diese Ruhe nahm bald von ihr Besitz. Ihr Atem ging ruhig und regelmäßig. Noch einmal ließ sie diesen Tag vor ihrem inneren Auge passieren. Es war unglaublich traurig gewesen, aber auch schön. Die vier Freunde waren näher zusammengerückt, ihre Bande waren stärker als zuvor. Das war ein gutes Gefühl, um damit einzuschlafen, also dachte sie daran. Ein leises Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus und so schloss sie die Augen. Nach einer Weile war sie dem Schlaf so nahe, dass sie nicht mehr sagen konnte, ob sie noch wach war oder bereits träumte.

   Ein merkwürdiges Geräusch drang zu ihr, es klang wie seltsam verzerrte Kinderstimmen. Sie richtete den Oberkörper auf und blinzelte in ein blaues Licht, welches durch den dünnen Vorhang sickert. Das Licht bewegte sich sonderbar, als stamme es aus verschiedenen Quellen. Momo schlug die Decke beiseite und streckte die Beine über die Matratze. Als sie stand, merkte sie, wie müde sie war. Geschlafen hatte sie noch nicht.

  Das Licht kam tatsächlich aus dem Garten und es stammte bestimmt nicht nur aus einer Quelle. Momo ging langsam vorwärts und trat vor das Fenster. Was sie dort erblickte, verschlug ihr den Atem. Der Garten bestand aus einem zehn mal zehn Meter großen Quadrat, durch den ein Weg aus weißen Kieseln führte. Der Weg endete von einem Tisch und drei Stühlen. In der Mitte des Rasens aber ragte ein Apfelbaum um zwei Meter in die Höhe. Momo klappte die Kinnlade herunter. Der Baum stand in voller Blüte. Seine Blätter waren grün und saftig und die Äpfel schimmerten im blauen Licht.

   Das Licht unterdessen stammte von einem Dutzend Wesen, die nicht größer waren als ein menschlicher Zeigefinger. Ihre Körper strahlten hell. Die winzigen Gestalten kletterten zwischen den Ästen und unterhielten sich mit fiepsigen Stimmen. Sie schnatterten und lachten. Momo riss die Augen auf. Wenn dies ein Traum sein sollte, so fühlte er sich überaus realistisch an.

   Momo lief zum Kleiderschrank und zog ihren knietiefen Mantel heraus. Das würde nicht viel helfen gegen die Kälte, aber wenigstens etwas. Natürlich vergaß sie ihr Handy nicht, mit welchem sie Fotos machen würde. Glauben würde ihr das sonst niemand. Sie verließ ihr Zimmer, lief die Diele entlang und ins Wohnzimmer. Markus und Anika hatten sich mittlerweile ins Schlafzimmer zurückgezogen. Wie immer hatten sie vergessen, den Plasma ganz auszustellen. Obwohl Momo gar keine Zeit dafür hatte, drückte sie den Knopf. Feen waren die eine Sache, Umweltschutz eine andere.

   Sie schob die Fenstertür zum Garten auf und trat vorsichtig einen Schritt ins Freie. Die leuchtenden Gestalten schienen sie nicht zu bemerken. Erst einmal schoss sie ein paar Fotos aus der Entfernung, ohne Blitzlicht selbstverständlich. Nachdem dies geschehen war, ging sie leise über den Rasen bis zum Weg. Unter ihren Füßen knirschten die Steine, aber auch das schreckte die Feen nicht auf. Momo ging weiter und erkannte, dass es sich nicht zu Feen handelte. Die kleinen Männer sahen aus wie nackte, dicke Chinesen. An ihren Armen und Beinen trugen sie Schwimmflossen. Sie stießen sich von einem Ast ab, ruderten mit den Gliedmaßen und schwammen durch die Luft zu einem anderen Ast. Dabei kicherten sie froh und aufgeregt.

   Momo trat noch einen Schritt näher und schoss noch mehr Fotos. Plötzlich wurde sie von einem Chinesen entdeckt. Der Mann mit dem winzigen Buddhabauch grinste breit und ahmte ihre Handbewegung nach. Er tat, als würde er sie fotografieren.

   “Na, mein Kleiner?” sagte Momo. “Was bist du denn für einer?”

   “Ich bin Ho”, fiepste der Mann.

   “Ho?”

   “Ja?” kam er aus zwölft quietschigen Kehlen.

   “Wir heißen alle Ho”, sagte der eine Ho.

   “Aha, so ist das. Und was genau macht ihr hier?”

   “Wir bringen alles zum Blühen”, sagte Ho voller Stolz.

   “Ja, das sehe ich.” Momo musste lächeln. “Ihr seid aus China hierher gekommen, um unsren
Apelbaum blühen zu lassen? Das war aber bestimmt eine lange Reise.”

   Ho vollführte eine unbestimmte Geste. “Nicht so weit. Ja, früher war es eine lange Reise über viele Gebirge, aber diesmal sind wir geflogen. Mit einem Flugzeug. Das war toll.”

   “So, in einem Flugzeug. Und wer genau hat euch mitgenommen? Oder habt ihr euch einfach ein Zwölferticket gekauft?”

   Ho schüttelte den Kopf und das enorme Doppelkinn. “Meister Alexander nahm uns mit sich. Alexander ist ein seltsamer Name, aber na ja. Er brachte uns nach Europa.”

   Momo sah um sich. “Ist er hier?”

   “Nein, nein, er muss nicht hier sein, wir sind ja da.”

   “Aha. Und warum genau seid ihr hier?”

   “Wir beschützen dich. Wir sind hier, um dich zu beschützen.”

   “Und vor wem genau beschützt ihr mich?”

   “Oooh.” Ho hob die Hände vors Gesicht, als wolle er sich vor der Sonne schützen. “Üble Geister sind unterwegs in diesen Tagen, üble Geister. Die Unsterblichen wandeln auf der Erde und sie haben nichts Gutes im Sinn. Eroberer sind sie und Vernichter. Frage nicht weiter, ich darf darauf nicht antworten. Ihre Name zu nennen, würde uns verraten.”

   “Wer sind denn diese Leute?”

   “China haben sie einst beschützt, das haben sie, aber heute wollen sie Macht und immer mehr Macht. Ich bin nur ein kleiner Schutzgeist und weiß nichts von solchen Dinge. Du kannst mich nicht fragen, ich weiß von nichts. Aber, sie werden sich nicht an diesen Ort trauen, solange wir hier sind.” Er zwinkerte. “Du kannst dich also beruhigt schlafen legen, solange wir da sind, wird dir nichts zustoßen. Die Anwesenheit der Ho verspricht Leben und Gedeihen, das mögen sie nicht. Sie werden sich dir nicht nähern, solange du im Haus bist.”

   “Aha? Und ihr werdet jetzt Wache halten?”

   “Genau. Wir leben jetzt in diesem Apfelbaum, er ist unser neues Zuhause.”

   Momo zog die Stirn kraus. “Man wird euch einfangen und in einem Zoo ausstellen, wenn ihr hier bleibt.”

    Ho kicherte wie Mickey auf Haschisch. “Nein, sie sehen uns nicht, nur du siehst uns. Du und deine Gefährten. Einen Ho sieht man nur, wenn man mit ihm rechnet, ansonsten ist er unsichtbar. Noch bist du jung und hältst uns für möglich, also erscheinen wird dir. So geht es zu in China.”

   “So, tatsächlich? Das ist wirklich merkwürdig.” Momo lächelte freundlich. “Es ist jedenfalls sehr nett von euch, mich zu beschützen. Vielleicht möchtet ihr ins Haus kommen und euch etwas aufwärmen?”

   “Das geht nicht. Wir wohnen jetzt in diesem Baum.”

   “Aber ihr tragt nur Lendenschurze.”

   “Dafür sind wir ordentlich fett, richtig?”

   “Richtig”, kam es aus elf Kehlen.

   “Fett hält warm”, sagte Ho. “Du bist wohl eher eine Bohnenstange. Du musst mehr essen, Diäten machen unschön. Willst du etwa keinen dicken Bauch?”

   Dicker Bauch? Nicht wirklich. “Nein, danke der Nachfrage. Ich esse schon, aber ich mäste mich nicht.”

   “Eine Frau muss Bug und Heck haben, damit sie gut im Wasser liegt, sagen die Chinesen. Iss mehr, dann heiratet dich ein chinesischer Edelmann.”

   “Ich überlege es mir. Möchtest du wirklich nicht mit hinein kommen?”

   “Nun”, sagte Ho. “Es ist schon ein wenig kühl. Wenn du mich als deinen persönlichen
Schutzgeist annimmst, kann ich mit hinein. Dann lebe ich in deiner Welt. Du kannst
allerdings nur einen Schutzgeist haben.”

   Momo sah die anderen an. Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen. Nun, es sei. Sie streckte Ho die offene Handfläche hin und ließ ihn aufsteigen. Sie spürte seinen
durchsichtigen Körper nicht, als er auf ihrer Haut ging, aber sie fühlte die Wärme seines Lichtes. Ho nahm Platz, unterschlug die Beine und machte ein zufriedenes Gesicht. “Das gefällt mir. Du riechst gut.”

   Momo musste grinsen. Sie verabschiedete sich von den anderen Ho und ging ins Haus zurück. Auf ihrem Zimmer hockte sie sich auf ihr Bett und betrachtete den dicken Chinesen eingehend. Er war wirklich ein kleiner Mensch, mit allem, was dazu gehörte. Seine Ohrläppchen waren auffällig groß geraten, in ihnen stecken goldene Ringe.

   “Was machen Ho so den ganzen Tag?” zeigte sie sich interessiert.

   Ho grinste breit. “Der Natur sind wir eine Zierde, das ist unsere Hauptaufgabe. Wir bringen alles zum Wachsen und umhegen Bäume und Blumen. Manchmal sprechen wir auch mit den Menschen, aber nur mit denen, die uns auch zuhören. Du hast ziemlich große Ohren für ein Mädchen.”

   Momo befingerte eines ihrer Ohren. Was war nicht in Ordnung damit? War sie hässlich? Oh Gott, sie war hässlich!

   “Große Ohren bedeuten einen einfühlsamen Charakter, darin liegt die wahre Schönheit”, schwärmte Ho. “Ich hatte mal eine Frau, die hatte ganz kleine Ohren und der musste ich alles zweimal erklären. Oh, das war nichts für schwache Nerven. Wir Naturgeister sind feinfühlige Wesen und niemand wiederholt sich gerne. Nun, ich habe sie an einen He verloren.”

   “He?”

   “Ja, so einen schlüpfrigen Wassergeist mit schrumpeliger Haut und Kiemen. Ist das vorstellbar? Würde man einen stattlichen Schutzgeist wie mich gegen jemanden eintauschen, der nach Fisch stinkt?”

   “Tja”, sagte Momo. Was sollte sie dazu sagen?

   “Wir Ho duften von Natur aus nach Jasmin, das schmeichelt die Nase und ist gesund für das Gemüt. Riechst du, was ich meine?”

   Momo roch gar nichts, doch Ho winkte sie zu sich. “Nur keine falsche Scheu. Her mit der Nase!”

   Momo schnüffelte an Ho und tatsächlich - er roch sehr angenehm. Ho unterdessen betrachtete ihre Nase von beiden Seiten und runzelte die Stirn.

   “Sie ist recht groß geraten, nicht wahr?”

   Groß? Das war ihr nie aufgefallen. War sie etwa wirklich zu groß? Riesengroß vielleicht? Oh Gott, sie war hässlich!

   “Nun, eine große Nase bedeutet einen ausgeprägten Spürsinn”, sagte Ho. “Sie ist ein Zeichen für Scharfsinn und Klugheit. Deine ist wirklich sehr hübsch.”

   “Hübsch?” fragte sie zaghaft.

   “Ja, hübsch groß. Jetzt musste du nur noch dick werden, dann heiratet dich ein chinesischer Edelmann.”

   “Oh.” Momo zupfte an ihren beiden dicken, roten Zöpfen. “Ich dachte, Chinesen mögen zierliche Damen.”

   “Ach was, zierlich. Nein, die wollen ordentlich was zu anfassen, am liebsten ein Walross. Etwas zum Knuddeln und Kuscheln.”

   “So?”

   Momo war nicht überzeugt, aber sie beließ es dabei. Sie setzte Ho auf der Decke ab und ging zum Schreibtisch. In einer der Schubladen fand sie die alte Handytasche, die man um den Hals tragen konnte. Sie benutzte sie nie, aber jetzt wusste sie, wozu sie gut sein würde. Ho konnte in ihr schlafen, falls Geister überhaupt schlafen mussten. Und sie konnte ihn um den Hals tragen. Sie zeigte ihm die Tasche und Ho grinste wie der Sonnenkönig.

   “Du willst mich um deinen Hals tragen?” Das Grinsen wurde noch breiter. “Unter deinem
Pullover? Das gefällt mir.”

   Momo nickte den Kopf seitlich ein und warf ihm einen schmalen Blick zu. “Unter meinem Pullover wirst du dich benehmen, mein kleiner Schutzgeist. Du wirst nichts anfasse und wenn ich merke, dass du dich nicht benimmst, hänge ich dich an einen Laternenpfahl und vergessen dich abzuholen. War das deutlich?”

   “Überaus deutlich.” Er hörte nicht auf zu grinsen. “Ich benehme mich, dafür ist mir immer kuschelig warm zwischen… zwischen Hemd und Pullover.”

   “Lass dir ja nichts einfallen!”

   “Nicht doch.”

   Momo atmete hörbar aus. “Also gut. Ich beschütze dich und du beschützt mich. Damit haben wir einen Deal.” Ob sie ihm die Hand schütteln konnte? Besser nicht. “Ich lege mich jetzt schlafen und du gehst bitte in die Tasche. Müssen Geister schlafen?”

   “Nein, aber ich träume gerne.”

   Ho hüpfte von der Decke, schwamm durch die Luft und landete vor den Tasche. Sie passte perfekt, im Nu steckte er drinnen und nur sein Kopf schaute heraus. Er lächelte selig. Es gefiel ihm.

   Momo legte ihn auf den Nachttisch und löschte das Licht. Hos blauer Schein tauchte alles in ein sanftes Licht. Momo schloss die Augen und schlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein. Irgendwie hatte sie es immer gewusst. Die Welt steckte voller Wunder.

4.9.10 00:57

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