Andastra - Teil 5

Freya, Momo und Patricia waren mit dem Fahrrad da, Tom musste zu Fuß gehen. Er hasste Fahrräder, was vor allem an seiner Leibesfülle lag. Nicht dick war er, aber ein wenig pummelig. Er kam schnell aus der Puste und hätte ohnehin nicht mit den Mädchen mithalten können.

   “Ich nehme die Bahn”, sagte er und winkte den dreien, während sie über den Bürgersteig um die Ecke fuhren. Nachdem sie verschwunden waren, drehte er sich um und ging die 200 Meter zur Bahnstation. Noch immer war er verärgert über jenes Missverständnis. Durch seine unbedachte Ausdrucksweise hatte er den Eindruck erweckt, Freya immer noch anziehend zu finden. Natürlich fand er sie anziehend, so wie beinahe jeder andere Junge auf der Schule, aber er wollte bestimmt nichts mehr von ihr. Wahrscheinlich hatte ihn allein Patricia falsch verstanden und nicht Freya. Pattie verstand ihn immer falsch.

   Merkwürdig, dass sich seine Gedanken ausgerechnet um dieses Thema drehten, wo die jüngsten Ereignisse doch viel wichtiger sein sollten. Was in aller Welt ging hier vor sich? Tom hatte nicht die geringste Ahnung, aber es war schon irgendwie unheimlich. Nun, es gab sicher für alles eine einleuchtende Erklärung, man durfte sich nicht in die Irre führen lassen. Am Besten, man entwickelte keine verrückten Theorien, bevor die Fakten geklärt waren.

   Die Bahn kam pünktlich und Tom hatte keine Probleme, einen Platz zu finden. Der Waggon war leer, er hatte ihn ganz für sich. Kurz bevor sich die Türen schlossen, stieg doch noch jemand ein. Tom liefen die Augen über. Wer war das denn? Eine nordische Schönheit stieg die Stufen hinauf. Die Frau war vielleicht Mitte 20 und ungeheuer stark gebaut. Breite Schulter und kräftige Beine. Tom konnte den Blick nicht abwenden, mal wieder typisch für ihn, dachte
er.

   Die Frau zog ein Ticket und sah sich nach einem Sitzplatz um. Auswahl gab es genug, doch sie kam genau auf Tom zu. Der Sechzehnjährige senkte den Blick und beschäftigte sich mit seinen Fingernägeln. Himmel, eine solch schöne Frau hatte er überhaupt noch nie gesehen. Von einem Augenblick auf den anderen wusste er, welchen Typ Frau er am meisten mochte.

   Sie ging an ihm vorüber und hinterließ einen unglaublichen Geruch. Tom  sog die Luft ein, aber das möglichst leise. Sie hatte seine Reaktion wohl nicht bemerkt, dachte, als sie an ihm vorüberging. Gerade, als er dies dachte, hielt sie inne, kam zurück und setzte sich auf den gegenüber liegenden Platz. Himmel, was sollte das den nun? Diese Nähe war Tom plötzlich unangenehm, er fühlte sich verlegen. War der Waggon nicht leer, musste sie sich ausgerechnet hierhin setzen? Tom schluckte einen Riesenbrocken hinunter.

   “Hallo”, sagte sie.

   “Hallo”, antwortete er. Seine Stimme war hoch du dünn. Oh Gott, sie hatte ihn angesprochen.

   “Wohnst du in dieser Stadt?” fragte sie.

   “Ja.”

   “Dann kennst du sicher die Maximilian Kolbe Schule?”

   Tom räusperte sich. “Ja, auf die gehe ich. Ich meine, ich gehe auf diese Schule.”

   Die Frau runzelte die Stirn. “Sprichst du mit meinem Knien?”

   “Was? Oh.” Tom hob den Blick. Was für ein wunderschönes Gesicht sie hatte. “Entschuldigung”, nuschelte er.

   Sie reichte ihm die Hand, er ergriff sie. Oh Gott, sie hatte ihn angefasst.

   “Ich bin nicht aus dieser Stadt und ich suche ein paar Kinder von dieser Schule. Du kannst mir sicher weiterhelfen. Mein Name ist übrigens Andastra, wie ist deiner?”

   “Andastra, wow. Ich meine, das ist ein schöner Name. Ich heiße Tom.”

   “Tom, aha.” Sie lächelte und Tom lief rot an. Als sie dies sah, wurde ihr Lächeln noch breiter. “Ich stamme aus dem skandinavischen Raum, deshalb der ungewöhnliche Name. Es ist übrigens ein merkwürdiger Zufall, dass du Tom heißt, denn eines der Kinder, die ich suche, heißt ebenso Tom. Vielleicht bist du es?”

   “Ich weiß nicht.” Tom hatte Probleme, einen klaren Gedanken zu fassen. “Ich meine, es gibt, glaube ich, keinen anderen Tom bei uns.”

   Gerade hatte er es ausgesprochen, da schalt er sich für seine Dummheit. Wie konnte er dieser Frau nur seine Identität offen legen? Wer weiß, was sie von ihm wollte? Hinter der erhabenen Schönheit konnte sich sonst wer verstecken. Oh Gott, jetzt sah sie ihm geradewegs in die Augen. Tom war wie hypnotisiert. Durfte sie das überhaupt, immerhin war er erst sechzehn.

   “Du hast schöne Augen, Tom. Ja, ich glaube, du bist genau der Junge, nach dem ich suche. Du hast drei Freundinnen, ist es nicht so?”

   Tom nahm sich vor, keine Auskünfte mehr zu erteilen, doch da öffnete sich sein Mund wie von selbst: “Ja. Drei, ganz genau.”

   “Wie heißen die jungen Damen?”

   “Freya, Momo und Patricia.”

   Sie lächelte gewiss. “Nun, ich habe mich nicht getäuscht, du bist es tatsächlich. Du musst wissen, ich habe eine lange Reise auf mich genommen, um einem von euch zu begegnen und sieh her - da sitzen wir beide und in der Bahn gegenüber. Ist das nicht ulkig?”

   “Was möchten Sie denn von uns?”

   “Oh, das besprechen wir dann. Ich finde, deine Freundinnen sollten auch anwesend sein, es geht ja euch alle an. Verrätst du mit etwas über die anderen drei? Irgendetwas?”

   Tom war eindeutig dagegen, etwas über seine Freund zu verraten, doch dem Klang ihrer Stimme musste er aus irgendeinem Grund folgen. Er war nicht in der Lage, sich gegen sie zu wehren. Wieder öffnete sich sein Mund: “Freya ist die Klügste unter uns, sie wird ein erstklassiges Abitur machen. Eigentlich verbringt sie dieses Jahr auf einer amerikanischen High School, aber ihr Freund ist verstorben und da hat sie zwei Tage frei bekommen. Ja, jetzt ist sie also hier im Lande.”

   “Das ist sehr interessant. Was ist mit den anderen?”

   “Momo ist unser Sprachgenie, sie ist die Beste in Deutsch. Sie schreibt Gedichte und will später mal schreiben. Sie veröffentlicht im Internet und ist eine ganz Liebe. Ja, Momo, das ist sie.”

   “Gut.” Andastra hielt ihn mit ihrem Blick gefangen. “Es müssen aber vier sein, alle zusammen.”

   “Ja, da ist noch Patricia, das Matheass. Sie ist eine gute Freundin, sehr verlässlich. Nur, dass sie immer etwas distanziert ist, sie lässt keinen an sich ran. Ich mag sie, obwohl wir uns meistens streiten. Sie versteht mich nicht.”

   “So?” Sie machte einen Schmollmund und Tom hatte das Gefühl, er müsse sterben. “Das ist schade für dich. Vielleicht hilft ja ein ausführliches Gespräch?”

   “Nein, wir sprechen nicht dieselbe Sprache. Genau Genommen stammen wir nicht einmal vom selben Planeten.”

   Andastra lächelte. Oh, mein Gott, dachte Tom. Vielleicht wollte er sich doch niemals verlieben. Das machte einen ja wahnsinnig.

   “Wo genau finde ich deine Freundinnen, wenn sie nicht gerade zur Schule gehen?”

   Das ging entschieden zu weit. Er konnte nicht einfach ihre Privatadressen preis geben, das ging nun wirklich nicht. Nein, das würde er nicht verraten. Andastra erkannte seinen Widerstand und lächelte eine volle Breitseite auf ihn ab. Sie lächelte ihn schwindelig, sie lächelte ihn weich und dann butterweich. Sie lächelte ihn halb um den Verstand und er hört ein merkwürdiges Rauschen in seinen Ohren. Wohl wusste er, wie eine Frau auf einen Teenager wirken konnte, aber das Wissen darum half ihm kein bisschen. Die armen Jungs, sagten die Mädchen immer. Sie hatten wohl Recht, zumindest was ihn anging.

   Tom wollte darauf nicht antworten, es gehörte sich einfach nicht. In Gedanken rief er sich zur Disziplin. Nein, er würde dieser Frau nicht antworten, auch wenn er für den Rest seines Lebens von ihr träumen müsste. Eigentlich musste es ein Gesetz gegen so etwas geben, dachte er. Wie kam sie dazu, ihm so etwas anzutun? Konnte man sehen, dass er noch Jungfrau war?

   “Ich kann die Adresse nicht rausgeben”, sagte er. “Die Anderen würden das nicht wollen.”

   “Oh, das ist aber schade”, sagte sie. “Ich würde sie so gerne noch heute besuchen, weißt du?”

   Der pummelige Junge begann zu schwitzen. Ihm war nicht wohl in dieser Situation, er fühlte sich wehrlos. Am Liebsten wäre er aufgesprungen und wie ein Neunjähriger davongelaufen. Warum tat er es nicht? Irgendetwas hinderte ihn. Andastra erkannte seinen Zustand und versetzte ihm Gnadenstoß. Ihre Hand landete auf seinem Oberschenkel.

   “Du würdest mir einen wirklich großen Gefallen tun”, sagte sie.

   Tom ließ alle Hoffnung fahren. Er war ihr nicht gewachsen, also gab er auf. Wieder öffnete sich sein Mund und er verriet alle drei Adressen. Auswendig kannte er sie und gab alles preis. Während er sprach, empfand er, ungerecht behandelt zu werden. Diese Frau war Mitte 20 und sah aus wie eine jener Damen, die für die meisten Männer unerreichbar blieben und er war eine pummelige Jungfrau, die ohne bestimmte Magazine nicht wüsste, wie Frauen unter ihren Klamotten aussahen. Das war wirklich unfair.

   Andastra zog ihre Hand zurück und überschlug die Beine. Gleichzeitig lehnte sie sich um eine Winzigkeit zurück und lächelte zufrieden. Sie hatte sich nicht verausgaben müssen, der Kleine war ein Witz. Nun also war es soweit. All die Jahrhunderte hindurch hatten sie vergeblich gesucht, doch nun endete alles. Das letzte Kapitel hatte begonnen.

   Die Bahn hielt und es war Toms Haltestelle. Als er sich erhob, stand auch sie auf und für einen Augenblick berührten sie sich. Tom war nun vollkommen verwirrt und entschuldigte sich, obwohl es ihre Schuld war. Sie ließ ihm den Vortritt und folgte ihm. Das wunderte Tom. Wollte sie wirklich einem der Mädchen einen Besuch abstatten, dann war dies nicht die richtige Haltestelle. Er wollte etwas sagen, doch dann beherrschte er sich. Sie sollte sehen, wie sie in einer fremden Stadt zurecht kam, er hatte ihr wirklich genug geholfen. Tom schämte sich, seine Freunde hintergangen zu haben.

   Er erreichte die offene Tür als Erster und stieg die Stufen hinab. Andastra sah ihm zu, blieb selbst aber oben stehen.

   “Tom?”

   Er drehte sich um.

   “Danke für deine Hilfe und guten Flug.”

   Tom nickte und ging weiter. Er ging den letzten Schritt und trat auf den Bürgersteig. Nun stand er im Freien. Etwas Massiges und ungeheuer Starkes schlug in seine Seite und ließ ihn taumeln. Einen, zwei, drei Schritte stolperte er seitwärts und rang um sein Gleichgewicht. Er blickte in die Richtung, aus der ihn dieser Schlag ereilte, aber da war nichts. Es dauerte eine Sekunde, bis er begriff, dass es der Wind war, der ihn vor sich hertrieb.

   Tom schrie auf, denn die Bö griff mit einer solchen Wucht nach ihm, dass er umgeworfen wurde und durch den Schneematsch über den Bürgersteig geschoben wurde. Er strampelte mit den Armen, bekam aber nichts zu fassen. Schnurgerade rutschte er auf eine viel befahrene Kreuzung zu. Nur noch wenige Meter und er würde vor ein Auto schlittern. In letzten Augenblick entdeckte er ein Verkehrsschild. Er streckte beide Hände aus und packte zu. Der Wind schob ihn weiter, doch er hielt sich fest. Das Metall war glitschig durch das gefrorene Eis, doch er ließ nicht locker. Der Wind riss an ihm und kniff in seine Augen.

   Tom ließ nicht los, doch da verstärkte sich der Wind und etwas Unglaubliches geschah. Für einen Augenblick wurde die Bö so stark, dass er vom Boden abhob. Nun, da er in der Luft hing, vermochte er nicht mehr, sich festzuhalten. Als ihm der Pfahl entglitt, flog er drei Meter weit und schlug hart mit dem Bauch auf. Er rutschte weiter und hüpfte über den Bordstein auf die Straße. Tom kam in den fließenden Verkehr, die Fahrer hupten wütend und stiegen in die Bremsen. Wie durch ein Wunder erreichte er wohlbehalten die andere Straßenseite. Dort prallte er seitlich gegen den Bordstein und holperte hinüber. Wieder schrie er, mehr wegen des Schreckens als aus Schmerzen. Während er weiterrutschte, überschlug er sich mehrfach seitlich, dann schließlich endete er auf dem Rücken und schlitterte mit den Füßen voran weiter.

   Vor ihm löste sich ein metallener Mülleimer aus seiner Halterung und holperte über den Bürgersteig. Offenbar wehte dieser Wind nur auf seiner Seite des Bürgersteigs und nur in seiner unmittelbaren Umgebung. Nur es schien betroffen zu sein und verschiedene Objekte in seiner Nähe. Alle möglichen Dinge wurden aufgewirbelt und mitgerissen. Getränkedosen flogen Tom um die Ohren, Radkappen lösten sich und rollten wie tödliche Geschosse an ihm vorbei. Ein Fahrrad überschlug sich in der Luft und schlug in die Windschutzscheibe eines Wagens. Der Rahmen blieb zitternd stecken. Tom rutschte weiter und weiter, bis er zur nächsten Kreuzung gelangte. Was er dort sah, verschlug ihm den Atem. Das würde er nicht überleben. Er schrie hell auf und schloss die Augen. Das war es dann, mit sechzehn schon sollte er sterben.

  Was er mit geschlossenen Augen nicht mitbekam war, dass er auf die Straße rutschte, unter einem Sattelschlepper hindurch fegte und wohlbehalten auf der anderen Seite hervorkam, obwohl der Schlepper zügig weiterfuhr. Der Fahrer bemerkte nichts von alledem, er fuhr beruhigt weiter. Tom derweil schrie und schrie, bis er wiederum schmerzhaft auf den nächsten Bordstein stieß. Himmel, er lebte noch, sonst würde es jetzt nicht so weh tun. Er öffnete die Augen und sah den Weihnachtsmann. Er grinste blöde und winkte mit einem losen Arm. Die mannshohe Plastikpuppe war schneller als er, also überflog sie ihn und war bald weit voraus.

   “Oh, mein Gott”, schrie Tom. “Der Weihnachtsmann!”

   Er warf einen Blick zwischen seine Beine nach vorne und erstarrte. Hinter der folgenden Straße kam keine weitere mehr. Er würde gegen eines dieser riesigen Schaufenster prallen und sich sämtliche Knochen brechen. Verzweifelt sah er nach einer Möglichkeit, um sich festzuhalten, doch da gab es nichts mehr. Nur der glatte Bürgersteig, die leere Straße und das Haus, auf welchem er aufschlagen würde. Nichts konnte er gegen sein nahendes Ende unternehmen. Tom rutschte vom Bordstein, flog einen Meter, schlug mit dem Rücken auf der Straße auf, rutschte weiter, prallte gegen den anderen Bordstein, hüpfte und flog wieder durch die Luft. Dann sah er, wie das Schaufenster auf ihn zuraste.

  Der metallene Mülleimer traf vor ihm auf und durchschlug das Fenster. Tom flog durch einen Regen aus Glassplittern. Die Bö trieb ihn in den Ausstellungsraum, dann schlug er auf etwas Weichem auf, rollte um die eigene Achse und blieb liegen. Plötzlich wurde alles still um ihn herum. Der Wind gelangte nicht in das Warenhaus. Tom hob den Kopf und las ein Schild: Matratzen und bis zu 75% reduziert.

   Er traute seinen Augen nicht. So viel Glück konnte einer alleine doch gar nicht haben. Und dann auch noch reduziert. Tom rappelte sich auf und sah um sich. Ihm war schwindelig, er rieb sich mit dem Handrücken über die Augen. Als er wieder klar sehen konnte, wanderte sein Blick zum Loch in der Scheibe. Es war nicht sehr groß, er hatte gerade hindurch gepasst.

   “Wow”, kam es aus Tom.

   Er stand von dem Matzratzenstapel auf und stand auf wackeligen Beinen. Sein erster Gedanke galt seinen Freundinnen. Er musste sie unbedingt warnen. Andastra war auf dem Weg zu ihnen.

2.9.10 15:36

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