Amyrthil - Teil 4

Trotz dieser Vorkommnisse trafen sich die vier Freunde eine halbe Stunde darauf
vor Patricias neu entdecktem Club. Das Blue Dream war eine ehemalige Tanzbar, die in einen Club umfunktioniert worden war. Spektakulärer Blickfang war eine Panoramawand aus Panzerglas, hinter der Regenbogenforellen schwammen. Auf dem Boden des Aquariums liefen rote Krabben und schnappten mit den Scheren. Im Hintergrund lief chillige Musik, synthetischer Pop zu einer geschmeidigen Frauenstimme. Zwei Klimaanlagen sorgten für ganz besonders saubere Luft und ein Hauch Lavendel schmeichelte die Nase.

   Freya und ihre drei Freunde saßen um einen gläsernen Tisch mit Fischmotiven und schnuppten an ihren Longdrinks. Am frühen Abend waren die Drinks noch bezahlbar, zu fortgeschrittener Stunde stiegen die Preise. Lounge- und Clubpreise nannten sie das hier. Im Augenblick zählten Loungepreise, was das Jungvolk anzog. Jeder im Club war zwischen 16 und 21, Schüler und Studenten. Freya war zum ersten Mal hier, sie genoss die lockere Atmosphäre. Die Bedienung trug uni blaue Anzüge mit korallengrünen Schlipsen.

   Momo hatte ihr liebstes Spielzeug mit sich, ihr Handy natürlich. Auf dem Bildschirm las sie Fragen ab, die Freya beantwortete. Momo hatte sich in den Kopf gesetzt, Freyas elementare Strömung zu ermitteln. War sie eine Feuerfrau? Nein wahrscheinlich eher nicht, zumindest nicht in diesen Tagen. Vielleicht eine Wasserbraut? Wasserwesen waren gefühlsbetont und kreativ. Sie konnten sich gut in andere Menschen einfühlen und an den Grund ihrer Seele sehen, stand dort. Andererseits waren sie unberechenbar und wechselhaft. Das würde schon auf Freya passen, aber Momo glaubte nicht so recht daran.

   Erde passte eher zu Patricia, Erde sprach für Bodenständigkeit und Stärke. Solche Menschen waren Realisten, sie erlebten die Welt der Sinne und glaubten nicht an das Spirituelle. Ja, das traf genau zu. Patricia glaubte nur an das, was sie sah. Außerdem war sie verlässlich und fest im Boden verankert. Nichts würde sie jemals umwerfen, so zumindest schien es. Wahrscheinlich was sie die stärkste von ihnen allen hier am Tisch.

   Feuer traf unbedingt auf Tom zu. Er war wirklich sehr leicht entflammbar und konnte sich wie ein kleiner Junge begeistern. Auch leidenschaftlich und immer ganz bei der Sache war er. Aber auch sprung- und wechselhaft und wenn eine Aufgabe ihn langweilte oder zu lange beanspruchte, verbrauchte sich seine Begeisterung schnell und er ließ von ihr ab. Das waren für gewöhnlich die Momente, in denen er sich mit Patricia stritt, die nämlich nie aufgab.

   Nun also, was war Freya für ein Elementwesen? Momo stellte weiter ihre Fragen, Freya beantwortete sie und Momo tippte eifrig auf die Tasten. Am Ende gab sie den Lösungsbefehl ein und wartete. Nach einem kurzen Augenblick erschien das Ergebnis: Luft.

   “Also”, sagte Momo. “Luftmenschen sind freiheitsliebend. Die haben vielseitige Interessen und einen scharfen Verstand. Hier steht, du bist aufgeschlossen, tolerant und kontaktfreudig. Stimmt sogar. Luftwesen sind Denker, sie erfassen die Wirklichkeit mit dem Verstand. Immerzu willst du dein Wissen mehren, um innerlich zu wachsen. Immer bereit, etwas Neues zu erfahren, stellst du dich jeder Herausforderung. Du liebst Herausforderungen und versuchst selbst das Unmögliche.”

   “Aha.” Freya sog am Strohhalm. “Sonst noch was?”

   “Yup, deine Lieblingsfarbe ist blau.”

   “Stimmt.”

   “Dein Lieblingstier ist ein Vogel.”

   “Adler.”

   “Du magst ruhige und spaceige Musik.”

   “Meistens.”

   Momo scrollte weiter. “Oh, ja. Luftmenschen verschaffen sich mit ihrer klaren und vorurteilsfreien Denkweise schnell den Überblick und sprühen vor Ideen. Sie sind immer für Überraschungen gut. Mit ihnen wird es nie langweilig.”

   “Das stimmt, so ist sie”, sagte Tom.

   Patricia nickt, obwohl sie nichts auf diesen Unsinn gab. Reine Zufallstreffer, dachte sie.

   “Also, das waren deine Stärken und hier kommen die Schwächen”, fuhr Momo fort. “Gefühle, die dir unlogisch erscheinen, verunsichern dich. Du kannst dich auf feste Beziehungen einlassen, aber du brauchst auch immer die Freiheit. Wenn dich jemand liebt, muss er auch deine Freiheit respektieren. Du bist niemandes Eigentum. Das ist eine Stärke, aber gleichzeitig eine Schwäche, denn du gibst dich nie ganz hin.”

   “Stimmt das?” Tom war erstaunt.

   Freya schüttelte den Kopf. Sie konnte sich definitiv voll und ganz hingeben. Oder doch nicht? Gab es noch mehr, was sie jemandem geben konnte? Im Augenblick war sie sich nicht ganz sicher und sie wollte jetzt lieber nicht darüber nachdenken. Diese Gedanken würden sie nur verletzen.

   “Das war alles?” fragte sie stattdessen.

   “Dein dir verwandter Geist ist die Sylphe. Du bist Sylphide. Weiß jemand, was das bedeutet?”

   Tom wusste es, die Leseratte: “Sylphide heißt, sie ist mädchenhaft und zierlich. Sylvani sind Naturgeister, die so leicht sind, dass sie schweben können. Sie sind wunderschön und anmutig. Ich finde das passt ganz gut zu Freya, sie ist auch anmutig. Sie hat so etwas elfenhaftes an sich.”

   “Himmel, Tom”, ging Patricia dazwischen. “Wann besorgst du dir endlich eine Freundin?”

   Tom lief rot an. Mensch, so hatte er es nun auch wieder nicht gemeint. Was er sagte, war nichts als die Wahrheit, warum verstanden ihn die Leute nicht? Vor allem, warum verstanden Mädchen ihn nicht? Sprach er Chinesisch?

   Eine etwa sechzehnjährige Chinesin betrat den Raum und sah mit forschendem Blick durch den Raum. Sie trug weiße und schwarze Kleidung und darüber einen Lederrock, der in knielange Lammelen unterteilt war und durch ein Band zusammengehalten wurden. Darüber trug sie eine aufgeplusterte Jacke. Ihr Blick wanderte langsam durch den Club und fand schließlich den Tisch, an dem die vier Freunde saßen. Mit langsamen Schritten kam sie näher. Sie nahm sich die Zeit, die Gesichter zu mustern. Europäer sahen fast alle gleich aus, das erschwerte die Sache ein wenig. Außerdem waren es gleich drei Mädchen, welche also war die richtige? Die Chinesin verließ sich ganz auf ihr Gefühl und fand, es müsse der Blondschopf sein. Sie hatte die passenden Augen. Genau so musste sie aussehen. Noch wusste das Mädchen nichts davon, aber sie selbst hatte einen Chinesen im Stammbaum.

   “Mein Name ist Amyrthil”, sprach die Chinesin, als sie wie aus dem Nichts am Tisch auftauchte.

   “Wow”, entschlüpfte es Tom. “Was für ein Name. Klingt nicht japanisch.”

   “Chinesisch”, sagte Amyrthil, lächelte und verbeugte sich. “Ich komme, um dir ein Geschenk zu überreichen. Wie ist dein Name?”

   “Meiner? Mein Name ist Freya. Freya Arntardt.”

   “Freya”, wiederholte die Chinesin. “Dein Name ist dir gerecht. Freya, ich bitte dich höflichst, diese Geschenk anzunehmen.” Sie zog ein längliches Objekt aus der Tasche, welches in ein grünes Seidentuch gehüllt war. “Es handelt sich um einen wertvollen Schatz, den zu geben, ein ehrenwerter Meister dir bereit ist. Sein Name ist Guo Tao, die kraftvolle Welle. Mit diesem Geschenk überbringt er dir folgende Botschaft: Du bist das Zhishi, der Wind im Morgengrauen. Mit dir erhebt sich eine neue Sonne und dir wird Macht zuteil. Du wirst herrschen oder nicht herrschen.” Sie legte eine kleine Pause ein. “Um über alles Weitere zu sprechen lädt dich mein Meister zu sich in seinen Palast ein. Es steht ein Flugzeug bereit, welches dich nach China zu ihm bringt. Er ersucht ehrerbietig um deine Gegenwart.”

   Freya war perplex.

   “Ich habe nicht richtig verstanden”, sagte sie. “Aus welchem Grund soll ich nach China reisen? Und warum ausgerechnet jetzt?”

   Amyrthil lächelte. “Wer nicht um die ganze Tiefe weiß, verrechnet sich und trifft die falsche Entscheidung. Mein Meister wird dich ganz oder gar nicht in informieren. Dies ist seine Entscheidung, ich bin seine Dienerin.”

   “Ich kann nicht nach China.” Freya sah sie aus runden Augen an. “Ich absolviere gerade mein High School Jahr in den Staaten, das will ich mir nicht entgehen lassen. Geht nicht, das gibt einen Riesenhaufen Ärger für mich.”

   “Ärger ist kein Ausdruck für das, was uns alle erwartet, wenn du nicht die richtige Entscheidung triffst”, erwiderte Amyrthil.

   “Was für eine Entscheidung?”

   “Du wirst handeln oder nicht handeln, eine andere Entscheidung existiert nicht. Handelst du nicht, wird die Welt über dich kommen, handelst du, ist es umgekehrt. Was du mit deiner Macht vollbringst, liegt ganz an dir.”

   Freya lächelte schief. “Welche Macht? Ich bin ein Schulmädchen, ich besitze keine Macht.”

   Amyrthil öffnete die Hände zu einer merkwürdigen Geste, als würde sie einen Ball halten. “Deine Macht liegt außerhalb deiner Wahrnehmung, denn du hast nicht gelernt, chinesisch zu denken. Selbst die heutigen Chinesen denken nicht mehr so, aber nichts gerät jemals in Vergessenheit. Du bist der Spross einer langen Reihe weiser Menschen. Du bist das Ende der Blume, die ihre Knospe zu öffnen vermag, wenn sie den richtigen Gärtner findet. Mein Meister ist der richtige Gärtner.”

   “So? Was bedeutet Zhishi?” fragte Freya.

   “Dir wird Wissen zuteil, wenn du die richtige Entscheidung triffst. Das Flugzeug ist zu jeder Zeit bereit für dich. Zu jeder Stunde wartet ein Pilot auf dein Eintreffen. Es ist die Halle sieben, wenn du kommen solltest. Der Flug nimmt nicht lange in Anspruch, du wirst sehr komfortabel reisen. Danach triffst du auf dem Privatflugplatz meines Meisters ein und möchtest dich in seinen Palast begeben. Dort findest du ihn - Guo Tao.”

   “Kraftvolle Welle”, wiederholte Freya. “Hat er mir ein Angebot zu machen?”

   “Ja, ein Angebot. Das wichtigste Angebot deines Lebens. Er wird dich erleuchten, auf eine Weise, die du noch nicht richtig begreifen kannst.”

   “Erleuchten.” Freya atmete tief ein und aus. “Wie lange wird das dauern?”

   “Es dauert, solange es dauert”, entgegnete die Chinesin. “Wenn du bereit bist, geht es schnell, wenn du nicht bereit bist, dauert es lange. Niemand weiß wie lange. Alles dauert seine Zeit, der Wille ist dem unterworfen. Ungeduld ist nutzlos.”

   “Ich bin nicht ungeduldig”, sagte Freya. “Es wäre nur gut zu wissen, wie lange ich beschäftigt sein würde, denn ich habe noch andere Verpflichtungen. Mein Abschluss, verstehst du? Das ist sehr wichtig für mich.”

   Amyrthil nickte. “Ich verstehe. Leider kann ich keine konkrete Aussage treffen, da es allein an dir liegt. Wenn du aber die richtige Entscheidung triffst, wirst du erkennen, dass dein Abschluss nicht mehr das Wichtigste in deinem Leben darstellt.”

   Freya wusste nicht, was sie denken sollte. Sie brauchte Zeit, um ihre Gedanken zu ordnen.

   “Ich lasse es mir durch den Kopf gehen. Halle sieben also?”

   Die Chinesin nickte.

   “Was ist das?” fragte Freya und zeigte auf das Geschenk.

   Amyrthil lächelte. “Es ist verborgen.”

   Freya nahm die Rolle auf und wickelte sie aus der Seide. Es war eine ganze Menge Seide, ein langes Halstuch. Schließlich kam eine Phiole zum Vorschein. Freya hielt sie gegen das Licht und blickte angestrengt hinein.

   “Sie ist leer.”

   “Nichts in dieser Welt ist leer”, sagte Amyrthil. “Darin befindet sich Luft von den Berggipfeln Tibets. Luft mit dem Öl der Feige versetzt zu deinem Wohlgeschmack. Verwende die Phiole nur, wenn es nötig ist. Sie ist ein Geschenk meines Meisters und somit sehr wertvoll.”

   “Luft”, sagte Tom. “Na, das passt doch.”

   Amyrthil verbeugte sich. “Ich verabschiede mich und warte beim Flugzeug. Auf Wiedersehen.” Mit diesen Worten wandte sie sich ab und durchquerte die Lounge. Nach wenigen Augenblicken war sie durch den Ausgang verschwunden.

   “Was war das denn für Eine?” fragte Tom.

   “Ich glaube nicht, dass sie aus China stammt. Da war kein Akzent zu hören, sie ist hier aufgewachsen”, gab Patricia zu bedenken.

   “Das bedeutet nicht, sie hätte gelogen”, entgegnete Tom.

   “Hat ja auch keiner behauptet.” Tom nervte Patricia. Konnte er sie nie richtig verstehen? “Ich meine nur, diese ganze Geschichte kommt mir seltsam erfunden vor. Vielleicht ist sie auf der Suche nach einem Geschenk für ihren mysteriösen Meister. Menschenhandel muss ja nicht immer in dieselbe Richtung gehen. Ich wette, es gibt Chinesen, die auf junge Europäerinnen stehen.”

   “Hach, du siehst wieder alles negativ”, sagte Tom.

   “Ach ja? Wie siehst du es denn?”

   Tom zuckte die Schultern. “Für mich klingt es nach einem Abenteuer. Stell dir vor, jemand bezahlt, um sie nach China zu kutschieren, ist doch großartig. Was spricht dagegen?”

   “Ein alter Fettsack, der sie begrapschen will, das spricht dagegen.”

   “Ach, immer siehst du alles von der schlechtesten Seite. Vielleicht ist ja was dran und Freya hat ein verborgenes Talent.”

   Patricia schüttelte den Kopf. “Ja, sie ist Klassenbeste und wird ein astreines Abitur machen. Reicht das nicht? Ich meine, das klang ja, als hätte sie irgendwelche magischen
Fähigkeiten, das ist doch lächerlich. Du wirst doch nicht darauf hereinfallen?”

   Freya wusste noch nicht, was sie davon halten sollte. In letzter Zeit tauchten eine Menge fremder Menschen in ihrem Leben auf. Morgen hatte sie eine Verabredung mit diesem Alexander und auch der wollte ihr ein Geheimnis enthüllen. Ob die beiden für denselben Meister eintraten? Alexander machte nicht den Eindruck, in jemandes Auftrag zu handeln, doch sicher sein konnte sie nicht. Was geschah mit ihr?

   Momo hatte nicht an dem Gespräch teilgenommen, weil sie mit ihrem Handy beschäftigt war.

   “Hey, ich habe Zhishi gegoogelt, aber ich weiß nicht, ob das auch das Richtige ist. Hier steht…”

   “Lass hören.” Tom war Feuer und Flamme.

   “Also, hier steht, es handelt sich um bittere Orange. Nein, das ist es wohl nicht.” Sie scrollte. “Ah, hier ist ein Wörterbuch.” Sie öffnete die Seite und gab das Wort ein. “Nix, das Buch kennt diesen Begriff nicht.”

   Patricia hatte es doch gewusst: “Die will dich verarschen. Du sollst nach China entführt werden, dass ist auch schon alles. Ihr Meister ist wahrscheinlich ein alter Geldsack, der seine Huren nicht mehr sehen kann.”

   “Oder es ist der Beginn eines fantastischen Abenteuers”, sagte Tom.

   Patricia warf ihm einen schmalen Blick zu. “Wie kommst du darauf, dass Freya dich daran
teilhaben lassen würde?”

   “Klar würde sie das. Würdest du doch, oder?”

   Freya seufzte. “Ich werde mich jetzt nicht dazu äußern. Falls ich auf diese Reise gehen sollte, würde ich euch gerne alle mitnehmen. Wolltet ihr mich denn begleiten, wenn ich euch darum bitte?”

   “Klar”, sagte Tom überflüssigerweise. “Klar, sofort.”

   Freya Blick glitt zu Momo.

   Momo sah nachdenklich aus. Nach einer Weile meinte sie: “Ich sehe zwar nicht, was das
alles bringen soll, aber wenn du mich fragst, dann begleite ich dich natürlich.”

   “Ihr seid doch alle verrückt”, kam es aus Patricia. “Wollt euch auf eine solch undurchsichtige Sache einlassen? Euch geht’s wohl nicht gut.”

   Nach diesen Worten trat Stille ein. Drei Augenpaare musterten Patricia.

   “Was?” fragte sie. “Was schaut ihr mich so an? Wollt ihr wissen, ob ich euch auf dieser bekloppten Reise begleiten würde?” Sie dachte für einen Augenblick nach. “Eigentlich bin ich ja nicht verrückt, wie bestimmte andere Personen an diesem Tisch, aber da Freya mich ausdrücklich bittet… Na, also gut. Wenn sie mich bittet, was sie noch nicht ausdrücklich getan hat, dann gehe ich auch mit. Aber nur unter dem Vorbehalt, dass sich jeder hier daran erinnert, dass es nicht meine Idee war. Wir kommen bestimmt in Schwierigkeiten.”

   “Toll”, sagte Tom. “Uns bringt niemand auseinander, soviel steht mal fest.”

   “Wir würden es bereuen. Besser wir bleiben hier”, meinte Patricia.

   Freya lächelte dankbar. Sie hatte wirklich die besten Freunde. Smiley, Smiley, Smiley. Freya nahm ihren Longdrink hoch und saugte am Strohhalm. Dabei richtete sie den Blick in die Lounge und sofort beunruhigte sie etwas. Es handelte sich mehr um ein unbestimmtes Gefühl als eine sichere Erkenntnis. Ihr war, als passe irgendetwas nicht ins Bild, als hätte sich etwas verändert, und das beunruhigte sie. War das nicht erstaunlich, dass es so etwas gab? Offensichtlich hatte ihr Verstand etwas bemerkt, doch anstatt ihr klar und deutlich anzuzeigen, worum es ging, bekam sie ein Gefühl, etwas sei nicht richtig. Was also war es? Die Gäste schienen noch dieselben zu sein, wie zuvor. Alles Jugendliche oder junge Erwachsene, wie nicht anders zu vermuten. Die Bedienung hatte sich auch nicht in neue Klamotten geschmissen, das wäre ihr auffallen. Vielleicht war jemand Neues dazugekommen, aber warum sollte sie das beunruhigen?

   Nein, es musste etwas ganz Anders sein, etwas viel Offensichtlicheres. Wenn sie dieses Gefühl hatte, dann gab es immer eine ganz Offensichtliche Veränderung. Ein großes Geheimnis versteckte man am Besten in voller Sicht, hieß es nicht so? Worin lag das Geheimnis? Sie schloss die Augen und tat so, als würde sie jeden Eindruck löschen. Dann öffnete sie sie wieder und sah sich noch einmal um.

   Die Fische! Sie bewegten sich nicht. Tatsächlich. Sie wirkten wie eingefroren. Freya erhob sich und ging zur Panoramascheibe. Je näher sie kam, desto merkwürdiger kam ihr das Wasser vor. Irgendwie staubig wirkte es, aber es handelte sich nicht um Staub. Man konnte nicht mehr so leicht hindurchschauen. Als sie vor das Panzerglas trat, hatte sie endgültige Gewissheit. Die Fisch waren wie in der Zeit angehalten, die Krabben ebenso. Freya legte die Hand an die Scheibe und zuckte zurück. Sie war eiskalt. Das ganze Becken war gefroren.

   Sie ging zurück zum Tisch und schulterte ihr Tasche.

   “Lasst uns von hier verschwinden”, sagte sie vollkommen außer sich.

   “Verschwinden?” fragte Tom. “Wir sind doch gerade erst angekommen.”

   “Dann gehen wir eben gleich wieder”, schnappte Freya.

   “Warum?” Momo wunderte sich.

   “Weil hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Packt ein, wir ziehen Leine.”

   Die drei sahen ihre Freundin erstaunt an.

   “Seht euch mal die Fische an!”

   Die drei taten, wie ihnen geheißen. Alle verstanden, was Freya meint.

   “Wenn wir gleich hinausgehen”, sagte sie, “dann berührt das Glas und ihr werdet feststellen, das Wasser ist gefroren. Ich scherze nicht, überzeugt euch selbst.”

   Die anderen drei überzeugten sich davon. Ohne ein Wort zu verlieren, bezahlten sie ihre Drinks und verließen das Blue Dream. Draußen auf der Straße versammelten sie sich im Kreis. Kalt war es geworden, selbst für diese Jahreszeit. Es schien ein strenger Winter zu werden, strenger, als jeder Winter, den sie je erlebt hatten. Das waren noch nicht allzu viele, aber immerhin. Die Kälte war stechende, als hätte die Luft Zähne.

   “Also, was ist jetzt?” fragte Tom.

   “Was wird da gerade gesehen haben, ist eigentlich unmöglich”, sagte Patricia. “Ich meine, es gibt sicher Kühlsysteme die ein Rieseaquarium in derart kurzer Zeit abkühlen, aber ganz sicher nicht in diesem Aquarium. Es ist also eigentlich unmöglich.”

   “Es gibt das Phänomen der spontanen Verbrennung. Vielleicht ist es hier etwas Ähnliches, nur umgekehrt”, mutmaßte Tom.

   “Was immer es war, es ist nicht normal. Wasser kühlt doch nicht so schnell ab”, fügte Momo hinzu.

   “Okay, lasst uns logisch vorgehen”, hob Patricia an. “Es gab heute zwei Erlebnisse mit Wasser, die durch nichts zu erklären sind. Das ist Fakt. Hinzu kommt diese Chinesin, die irgendetwas von einer bestimmten Macht redet, die wir nicht begreifen können, zumindest noch nicht. Ich bin die Letzte, die so etwas sagen sollte, aber hier gehen wirklich merkwürdige Dinge vor sich. Vielleicht ist es besser, es herauszufinden, bevor das Ganze zu einer Bedrohung ausartet.”

   Freya nickte. “Jeder muss Acht geben auf sich. Am Besten, ihr meidet Wasser, soweit es geht. Geht bloß nicht baden oder so. Ich finde, wir sollten jetzt alle nach Hause gehen. Geht nach Hause und morgen Treffen wir uns. Mein Treffen mit diesem Alexander Krusche ist morgen um zehn Uhr, also in der Früh. Mal sehen, was er mir zu sagen hat.”

   “Willst du da wirklich allein hin?” fragte Momo.

   “Ja, ich werde allein gehen”, antwortete Freya. “So war es schließlich ausgemacht und ich
halte mich ab Abmachungen.”

   “Dann viel Glück.”

   Damit war alles gesagt.

1.9.10 15:27

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen