Shu - Teil 9

Shu wickelte seinen langen Leib zu einer Schnecke zusammen und erhob sein Haupt wie eine Schlange, sodass er mit Freya auf Kopfhöhe sprechen konnte. Er lächelte mit scharfen Augen. Dann begann er: “Man kennt mich nicht nur unter dem Namen der Alte Mann sondern auch als den traurigen Drachen. Vor 3500 Jahren wurde ich geboren, aber ich wuchs ohne meine Eltern in der Obhut des gnadenvollen Herrschers Qin Shihuangdi auf. Um meine Einsamkeit nicht vollkommen zu machen, nahm der Meister einen anderen Drachen auf, meine Gefährtin. Auch du hast einen Gefährten verloren, ich vermag es in deinem Blick zu lesen. Ich empfinde deinen Schmerz und teile ihn.” Shu neigte den Kopf seitlich hustete ein paar Flammen, dann ging es weiter: “Verzeih, ich bin nicht unhöflich, es ist meine Krankheit. Nun, was wollte ich sagen? Oooh, Karma, ja. Karma spielt eine wichtige Rolle im Leben eines jeden Menschen. Karma bedeutet, ‘Was ich hier zu tun bin’. In diesem Land nennt man es Schicksal. Dein Karma bietet dir einen Weg durch ein stürmisches Meer, den du entweder gehen wirst oder nicht. Es kommt darauf an, ob du dein Schicksal annehmen wirst oder es von dir weist. Welchen Weg du wählst, liegt ganz bei dir, niemand kann für dich entscheiden. Entweder du begreifst dein Karma als Gefängnis und entfliehst oder du verstehst es als Angebot, welches du ergreifst. Wozu also bist du hier, womit möchtest du deinem Leben Sinn geben, ist die entscheidende Frage. Hast du sie dir schon jemals gestellt?”

   Freya nickte. Sie hatte sie sich gestellt, war aber zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Mit erst sechzehn Jahren standen ihr noch alle Wege offen. Genau genommen wusste sie nicht einmal, welchen Beruf sie ergreifen wollte. Berufen fühlte sie sich eigentlich zu gar nichts. Nie hatte sie von irgendeiner Beschäftigung gehört, von der sie augenblicklich wusste, das sie sie für den Rest ihres Lebens ausfüllen wollte. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt irgendetwas über eine solch lange Zeit tun wollte.

   “Ich sehe, du hast noch keine Antwort gefunden”, las Shu aus ihren Zügen. “Das kann bedeuten, du kennst dich noch nicht gut genug oder aber es bedeutet, du nichts gefunden hast, für das du leben würdest. In deinem Blick sehe ich, dass dein Karma weit stärker ist als das anderer Menschen. Dies kann nur einer bedeuten. Auf deinem Weg wirst du etwas finden, für das es sich nicht nur zu leben sondern auch zu sterben lohnt.”

   “Was kann das sein?” fragte Freya.

   “Das weißt di nicht?” Shu schnüffelte an Freya. “Nein, tatsächlich, du weißt es nicht. Nun gut, siehe in dich und stelle dir selbst die Frage. Wofür würdest du dein Leben geben?”

   “Für meinen Vater würde ich sterben und für meine Freunde”, entgegnete Freya. Sie sprach mit großer Gewissheit. “Und für Torben wäre ich gestorben, vor allem für ihn.”

   “Nun, du hast verstanden, was von Bedeutung ist im Leben”, stellte Shu fest. “Nichts desto trotz beschränkt sich deine Sicht auf die deinem Herzen sichtbare Wirklichkeit, also die Menschen, die du liebst. Gleichwohl sehe ich dein Karma als so groß an, dass sie die ganze Welt umfasst.”

   Alexander merkte auf: “Dann ist sie es wirklich?”

   Shu nickte. “Der Glanz um ihre Gestalt strahlt so hell, dass meine alten, müden Augen es nur schlecht ertragen, obgleich er schöner ist als alles, was ich bislang erblickte. Sie ist es, kein Zweifel. Sie ist die Auserwählte, geboren zu einem Zeitpunkt, da die Welt ihrer Bedarf.” Der Drachen bewegte sein Gesicht ganz nahe vor das ihre und sah ihr geradewegs ins Gesicht. “Furchtbare Zeiten werfen ihre Schatten und die Menschen sind nicht mehr wie der Grashalm, der sie einst waren. Wenn der Sturm weht, beugt sich der Weise wie ein Grashalm im Wind, wenn er nicht zerbrechen will. Der Sturm kommt, doch diese Welt ist nicht mehr biegsam wie zu Beginn aller Zeiten. Die Weisheit vergangener Tage ist vergessen. Alles, was du Zivilisation nennst, wird in diesem Sturm untergehen, alle, die du liebst, werden sterben, wenn du es nicht verhinderst. Großes Unheil, davon spreche wir hier.” Shu nahm Abstand von Freyas Gesicht und spie Flammen in den Raum. Er spie sie so, dass sie den Anschein erweckte, als würden sie einen unsichtbaren Holzstamm in Flammen setzen. Als er das Drachenmaul schloss, erstarben die Flammen nicht sondern blieben bestehen. Gleichwohl bildete der ‘Stamm’ Arme und Beine aus und verwandelte sich zu einem Menschen. Bald zogen sich die Flammen fast vollständig zurück, sodass nur die Silhouette des Menschen übrig blieb. Innerhalb der Silhouette entstanden sieben senkrecht übereinander durch den Körper reichende Feuerwirbel, vom Hüftboden bis zur Stirn. Die Flammen glommen in Freyas Augen.

   “In China ist seit langer Zeit bekannt”, hob Shu an, “dass der Mensch seine Kraft aus sieben Quellen bezieht und jede dieser Quellen einem Element verbunden ist. In Tibet heißen sie die Chakren wie auch in Indien. Hierdurch fließt die Kraft eines Menschen und verteilt sich wie durch Blutbahnen durch seinen gesamten Körper und sogar darüber hinaus.”

   Auf diesen Worte hin wuchsen feine Flammenlinien aus den Chakren und verästelten sich in den gesamten Körper. Die Verästelungen überschritten die Körpergrenzen jedoch nicht.

   “Was du hier siehst, ist der Geistkörper, der jedem Menschen inne wohnt oder wie es die Europäer nennen, der feinstoffliche Körper. Er besteht aus feinen Energiebahnen und kleinen und großen Wirbeln. Die sieben großen Wirbel sind die Chakren und sie stellen die menschliche Verbindung zu den sieben Elementen dar. Die vier Wirbel unterhalb des Sonnengeflechts sind in aufsteigender Reihenfolge den Elementen Erde, Wasser, Feuer und Wind verbunden. Diese vier Elemente sind ein Teil von dir und genauso real wie deine Gedanken. Darüber liegt das Chakra, welches dich mit dem Äther verbindet, ein weiteres Element. Das Kopf- und das Stirnchakra stellte deine Verbindung zum Geist dar und dem Universum selbst.”

   Shu nieste ganz fürchterlich und setzte einen Bonsai in Brand.

   “Oh”, entfuhr es ihm.

   Alexander schippte mit den Fingern und die Flammen erstarben.

   “Danke, mein Freund.” Shu räusperte sich. “Nun, wo war ich stehen geblieben? Oh, die Chakren. Nun die Macht eines Zhishi fließt ihm durch die Kenntnis der Chakren und ihrer Verbindung zu ihm zu. Zhishi und Tianshi erlernen meditative Disziplinen, die sie in der Lage versetzen, ihre Energien außerhalb ihres Körpers wirken zu lassen.” Die Energielinien in der flammenden Gestalt traten zu allen Seiten über die Hautgrenze ins Freie. Am stärksten waren jene Linien, die aus den Fingern stießen. Sie reichten am Weitesten. “Die Tianshi sind begabt, aber sie wurden durch keinen Meister unterrichtet. Sie vermögen eines dieser neumodischen Automobile durch die Luft zu werfen, aber nicht viel mehr. Zhishi hingegen vermögen unglaubliche Dinge. Ihnen unterstehen die Elemente in einer Weise, die bereits Weltreiche erschütterte. Kennst du die Geschichte von der chinesischen Armee, die in der Steppe Ostchinas einfach von der Bildfläche verschwand?”

   Freya schüttelte den Kopf.

   “Nun, wie verschwindet eine ganze Armee?” Shu schüttelte sich. “20000 Mann mit Pferden und Kanonen? Hunderte Planwagen und ein Tross aus 7500 Männern und Frauen? Sie wurden sprichwörtlich von der Erde verschluckt. Ein Zhishi öffnete die Erde und beseitigte diese Bedrohung. Dies ist die Macht, die den wenigen Auserwählten zuteil wird. Damals in den alten Tagen unterstanden alle Zhishi Chinas Herrschern. Nur äußerst selten wurden sie eingesetzt und immer im Geheimen.” Der Drachen holte tief Luft, bevor er mit beschwörenden Stimme weiter sprach. “Die Engel, Tianshi müssen ernst genommen werden, die Zhishi sollte man fürchten, doch die Meisterzhishi können eine Bedrohung für die gesamte Welt sein. Nur einmal in 1000 Jahren werden die Meisterzhishi geboren. Zwei werden geboren, ein Mann und eine Frau. Es sind immer zwei, zwei zu einer Zeit. Du, Freya bist der weibliche Anteil dieser Verbindung, dein Yang aber ist ein mächtiger und einflussreicher Mann, der weiß, das seine Zeit nun gekommen ist. Er wird die Welt verändern und sein allumfassendes Kaiserreich ausrufen. Die Welt hat kein Glück mit ihm, denn er ist wie jeder andere, der glaubt, die Welt verändern zu müssen, von dem Gedanken beseelt, dass, um das Neue zu schaffen, das Alte zunächst vernichtet werden muss. Er sieht sich in der Pflicht, die bestehenden Gesellschaften aufzulösen, um ein Weltreich unter seiner Herrschaft zu schaffen. Er träumt den Traum der Macht, einen alten und törichten Traum.”

   Freya hatte das Gefühl, sich setzen zu müssen. Das alles überstieg ihre Vorstellungskraft.

   “Unser Feind beherrscht genau wie du alle sieben Elemente, nicht nur eines, so wie Tianshi oder gewöhnliche Zhishi. Auch unser lieber Freund zu deiner Seite beherrscht allein das Feuer, nichts weiter.” Shu lächelte. “Er ist mein Meisterschüler, aber wahre Meister sind wir beide nicht. Du aber bist anders, junge Freya. Ich sehe deine Chakren, wie sie in alle Richtungen ausstrahlen, selbst in deinem gegenwärtigen Zustand schon. Unser Feind fürchtete dich zurecht und schickt seine Diener, dich zu töten.”

   Freya musst an ihre Freunde denken. Ob auch sie in diese Geschichte hineingezogen würden? Nun bereute sie es, die drei um Hilfe gebeten zu haben. Ob ihr Karma dem ihrem ähnelte? Ob sie Teil ihrer Geschichte waren?

   “Erzähle mir von diesem Feind, meinem Ebenbild”, sagte Freya.

   Shu schüttelte den Kopf in einer Weise, in der ein Pferd die Mähne schüttelte.

   “Chao Yong kam in einem winzigen Dorf in chinesischen Nirgendwo zur Welt”, hob er an. “Seine Mutter war eine Unehrenhafte, die durch der Dorfvorsteher, also dem Bürgermeister ihrer Ehre beraubt wurde. In den ländlichen Gegenden halten es  die Menschen manchmal nicht mit den Errungenschaften des modernen Humanismus und geben einer vergewaltigten Frau eher die Schuld als dem Täter. Chaos Mutter war eine solche Person, denn sie ging mit dem Kind einer solchen Schandtat schwanger. Unter normalen Umständen hätten die konservative Bürger dieses Dorfes verlangt, dass sie das Kind abtreibt, doch sie wollten das Kind haben, da sie seine Unschuld erkannte. Sie bekam den Jungen ohne ärztlichen Beistand ganz allein in einer Hütte am Rande des Dorfes. Der Junge war gesund, aber sein ganzes Leben lang sollte er als Bastard gelten. Der Dorfvorsteher erreichte sogar, dass die Mutter in eine schäbige Hütte außerhalb des Dorfes ziehen musste. Hätte sie ihn den Vater ihres gemeinsamen Kindes genannt, es hätte ihr Todesurteil bedeutet. Sie wäre bei einem bedauerlichen Unfall ums Leben gekommen und niemand hätte Fragen gestellt. Auch heute gibt es in den ländlichen Gegenden Menschen, die den chinesischen Philosophen bei ihrem Ruf nach Menschlichkeit kein Gehör schenken. Sie leben im Mittelalter und wissen es nicht besser.”

   “Das ist schrecklich”, sagte Freya.

   “Chao wuchs als Außenseiter aus, er musste sich auslachen lassen und wurde von Gleichaltrigen verprügelt. Nach den alten Vorstellungen gilt das Leben eines Bastards nichts, es wiegt weniger als das eines Ochsen. Mit diesem Wissen, nichts als Abfall zu sein, wuchs er am Rande der Gesellschaft auf. Er machte sich Tiere zu Freunden, denn sie zeigten keine Scheu vor ihm. Da er im Wald lebte, fand er immer neue Freunde. Du kannst dir diesen zarten Jungen als kleinen, naturverbundenen Menschen vorstellen, der sich nach und nach von den Menschen entfremdete. Ist es nicht auch so, dass Tiere sich oft menschlicher verhalten als die selbst ernannte Krone der Schöpfung?”

   “Ja.” Das war Freya auch schon aufgefallen.

   “Obwohl er von den Menschen verachtet wurde, wuchs er im Paradies auf”, fuhr Shu fort. “Seine Mutter hatte er allein für sich und die Tiere waren seine Freunde. Er besaß mehr Freunde als jeder andere Junge in seinem Alter und diese nahmen ihn, wie er war. Die Jahre verstrichen und Chao wuchs zu einem stattlichen,  jungen Mann heran. Er besuchte nie eine Schule, trotzdem ihn eine überaus hohe Intelligenz auszeichnete. Seine Mutter lehrte ihn Schrift und Sprache, Rechnen und die chinesische Kultur. Von ihr erfuhr er auch, wie grausam die Menschen sein konnten, wie herzlos.

   In der Zeit, als er erwachsen wurde, hatte ein Bauer Mitleid mit ihm und ließ ihn auf seinem Feld arbeiten. Chao war ein harter Arbeiter und als die anderen Bauern von seinem Fleiß erfuhren, wollten sie ihn alle haben. Er war recht beliebt, solange es um die Arbeit ging, zu Festen jedoch wurde er nie eingeladen.

   Das alles ertrug er klaglos, doch eines Tages kam seine Mutter nicht vom Feld zurück und er machte sich Sorgen. Sie konnte nicht zurückkommen, denn sie lag im Wald neben einem Pfad, nackt und mit aufgeschnittener Kehle. Chao fand einen Basthut neben ihrer Leiche, einen Basthut mit dem Zeichen einer angesehenen Familie im Dorf. Der Jüngste dieser Familie strich häufig mit seiner Bande durch den Wald, um seiner Mutter nachzustellen. Sie verhöhnten sie als Schlampe und kündigten mehrfach an, sie sich vorzunehmen, wenn sie nicht aufpassen würde. Sie waren in seinem Alter und Chao wollte sie lehren, so mit seiner Mutter zu sprechen, doch sie hielt ihn davon ab. Er sollte sich nicht wegen ihr schlagen.

   Nun lag ihre Leiche zu seinen Füßen und er hielt diesen Hut in den Händen. Das war der Augenblick, in dem seine Kräfte zum Vorschein kamen. Für einen Zhishi ist es von äußerster Wichtigkeit, womit er seine Kräfte verbindet. Die meisten verbinden sie mit der reinen Kunst im Umgang mit diesen Kräften, doch er verband nichts als unbändigen Zorn damit.

   Es geschahen schreckliche Dinge in diesem Dorf in jener Nacht. Der Fluss trat über die Ufer und wütete mit solcher Wucht, das sich das Wasser in einem Trichter aufrichtete und das ganz Dorf in die Höhe riss. Dann tat sich der Boden auf und das Dorf verschwand in der Tiefe. Alle Dörfler starben. Heute kündet allein ein trichterförmiger See von dieser Nacht. Am Grunde liegen die Trümmer von etwa zweihundert Häusern und eine beachtliche Anzahl menschlicher Knochen.

   Chao verschwand von der Bildfläche und tauchte Jahre darauf als erfolgreicher Geschäftmann wieder auf. Mit einer bestimmten Verbundenheit zum Element Erde lassen sich Bodenschätze leicht ermitteln. Die Fähigkeiten der Tianshi reichen dazu nicht aus und ein vorbildlicher Zhishi würde sich nie persönlich bereichern, doch er hatte keine Hemmungen. Er verfolgte einen Plan.

   Dieser Junge kam aus einem chinesischen Dorf im Nirgendwo, lebte mit Tieren zusammen ganz in Frieden und dann kommt er in unsere Realität, in der das Töten und Sterben an der Tagesordnung ist. Er sah viele Jungen, die ihre Mütter verloren hatten und viele, viele Grausamkeiten. Es muss ein regelrechter Schock gewesen sein, mit der modernen Welt konfrontiert zu werden. Stell dir ein unbedarftes Kind vor, dass die Augen öffnet und sie nicht mehr zu schließen vermag. Er litt unter dem, was er sah und dieses Leid verwandelte ihn in einen Fanatiker. Chao hält sich für den Auserwählten, er will die Menschheit ihrer Macht berauben und sie unter seiner Führung zum Frieden führen.”

   “Hierzu allerdings muss er erst die bestehenden Mächte zerschlagen, was einen weltweiten Krieg bedeutet”, fügte Alexander hinzu.

   Freya warf die Stirn in Falten. “So weit würde er gehen?” Ihr wurde kalt.

   “Er wird alles unternehmen, um die Herrscher der Welt zu stürzen”, sagte Shu. “Er wird die Welt in einen Krieg ziehen, wie es noch nie einen gegeben hat. In ihm wird die Menschheit einen Feind erleben, dem sie nicht gewachsen ist. Er und seine Diener sind zu allem bereit, sie sind vollkommen fanatisch.”

   “Das Problem mit diesen Leuten ist, dass sie glauben, die einzige Wahrheit zu besitzen”, merkte Alexander an. “Solche Menschen handeln oft kopflos und blind. Sie sind gefährlich, auch wenn sie nur das Beste wollen. Chao Yong sieht nur das Paradies, wie er es sich vorstellt und er glaubt, jedes Opfer ist gerechtfertigt, dieses Ziel zu erreichen. Das macht ihn so gefährlich, er denkt nicht mehr richtig.”

   Freya atmete hörbar aus. Es klang wie ein tiefes Seufzen.

   “Du fragst dich, wie du diesem Monster entgegentreten kannst”, erriet Alexander ganz richtig. “Deine Kräfte sind nicht geringer als seine, aber du bist viel jünger und verfügst über keinerlei Erfahrung. Deshalb ist es von größter Bedeutung, dass du dich nach China begibst und dich von Meister Guo Tao unterweisen lässt. Er ist der letzte der großen Meister, die starke Welle, was sei Name bedeutet. Zu ihm wirst du dich begeben, wenn du die Karma annimmst.”

   Freya wunderte sich über sich selbst. Obwohl ihr Weltbild zutiefst erschüttert  wurde, blieb sie ganz ruhig. Sie hatte immer gedacht, ihr würde schwindelig werden, wenn ihr jemand verriete, das es noch eine andere Wirklichkeit hinter der offensichtlichen gäbe, doch sie nahm es einfach hin und stellte ihre nächste Frage.

   “Wann soll dieser Krieg den beginnen?”

   “Die Vorbereitungen haben bereits begonnen”, erklärte Shu. “Chao rekrutiert Tianshi in großer Anzahl. Die meisten von ihnen sehen den Krieg als unausweichlich, also stellen sie sich auf die eine oder andere Seite. Auch wir werben um die jungen Leute. Es wird zu einer Schlacht kommen, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat. Allein, unsere Bemühungen werden kein wünschenswertes Ergebnis zeitigen, wenn wir nicht auch deine Unterstützung erhalten. Chao wird die bestehenden Zivilisationen vernichten, um sich zu dem zu erheben, was er für einen wohlwollenden Diktator hält. In seiner Vorstellung muss die Menschheit gereinigt werden, wenn nötig mit Gewalt. Er ist der mächtigste Menschen auf dieser Welt, er wird auch die westliche Welt mit Leichtigkeit unterwerfen.”

   Freyas Stirn lag in tiefen Falten. Langsam wurde ihr klar, wie groß die Bedrohung war. Was vermochte ein Mann, der als Jugendlicher ein ganzes Dorf in einem Orkan verschlang, als Erwachsener zu tun? Den Gewalten der Natur waren die Menschen nach wie vor hilflos ausgesetzt, wie sich immer wieder zeigte.

   “Wenn das so ist, möchte ich mit der Ausbildung sofort beginnen”, sagte Freya fest entschlossen.

   “Gut.” Shu nickte und schloss die Augen für einen Augenblick. “Dann begib dich zum Flughafen, dort wartet der Flieger auf dich. Meister Guo Tao erwartete dich in seinem Palast. Ich gebe dir Alexander an die Seite, er beschützt dich mit seinem Leben.”

   Alexander lächelte und verbeugte sich vor Shu.

   “Durch mich hast du erfahren, wer du bist, Freya”, sagte der Drachen. “Durch Meister Tao wirst du zu einer Zhishi. Er wird deine Kräfte erwecken und formen. Unbedingtes Vertrauen in deinen Meister ist hierzu vonnöten, du darfst keinen Zweifel an der Richtigkeit seines Unterrichts hegen. Vergiss das nicht, es ist nicht chinesisch, seinen Lehrer anzuzweifeln, ohne einen Grund hierfür zu haben. Auch wenn seine Lehren dir zunächst nicht einleuchten, musste du sie befolgen. Am Ende wird alles Sinn ergeben, denn er ist die Sonne unter den Meistern.”

   “Ich werde mich bemühen”, sagte Freya.

   Shu nickte. “Diese Unterredung ist beendet, alles wurde gesagt. Alexander weicht dir nicht mehr von der Seite, bis deine Mission beendet ist. Sein Feuer wird dich beschützen auf deiner Reise. Wenn das Schicksal euch gesonnen ist, trefft ihr morgen in China ein, ohne auf einen feindlichen Tianshi gestoßen zu sein. Seid auf der Hut.”

   Damit begab sich Shu wieder auf alle Viere und tapste zurück hinter sein Gebirge. Dort wartete eine wärmende Decke auf ihn. Freya öffnete den Mund, um sich zu bedanken, doch Alexander ergriff ihre Hand und drückte sanft zu.

   “Er ist den ihm bestimmten Weg gegangen, deswegen besteht kein Grund, sich zu bedanken”, flüsterte er in ihr Ohr. “Du würdest ihn beleidigen.”

   Freya verstand nicht gleich, doch dann nickte sie. Auch sie würde ihren Weg gehen.

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Long Shuangdong - Teil 8

Alexander begab sich als Erster auf die Kugel und Freya folgte ihm zögerlich. Zum Übergang von einer in die andere Schwerkraft reichte er ihr die Hand. Sie tat den Schritt von der Brücke auf die Kugeloberfläche und es war ganz einfach. Plötzlich stand sie seitlich vom Boden ab, gegen jedes Naturgesetz. Sie stand gewissermaßen auf dem Äquator, während der Nordpol zur Decke der Höhle zeigte. Aus ihrer Sicht heraus, hing nun jene Brücke von der Decke. “Erst einmal müssen wir etwas zu trinken organisieren”, sagte Alexander. Zuerst führte er Freya zum Nordpol, dort befand sich die Bar. Die Theke war kreisrund und im Inneren beschäftigten sich drei Kellerinnen mit den Aufträgen der Laufkellner. Alle trugen Kleidung, die an englische Schuluniformen erinnerten und alle waren sehr beschäftigt. Freya und Alexander ergatterten zwei Hocker vor dem Tresen. “Vertraust du mir?” fragte er. “Unbedingt.” Alexander bestellte zwei Gläser chinesischen Lycheewein, die ein Kellner prompt vor sie auf den Marmor stellte. Alexander bat, seinen gekühlt zu servieren und der Kellner glitt mit seiner Hand über das Glas. “Danke.” “Gern geschehen.” Für Freya hatte der Kellner eine besondere Überraschung parat. Er tippte mit dem Zeigefinger an das Glas und der Tee floss aufwärts aus dem Glas und verformte sich zu einer Rose. Die Rose öffnete ihre Knospe und zeigte ihre Blütenblätter. Freya liefen die Augen über, als sie das sah. Der Kellner nahm ein Schirmchen und steckte es in die Mitte der Blüte, worauf sich die Rose zurückzog und wieder zu einem gewöhnlichen Wein wurde. “Bitte, die Dame”, sagte der Mann und lächelte. “Danke.” Freya vermocht nicht zu lächeln. Der Kellner nickte ihr zu und entfernte sich. Freya unterdessen starrte auf ihr Glas und pustete auf die Oberfläche des Weines. Die Flüssigkeit verhielt sich vollkommen normal, es schien sich tatsächlich um Wein zu handeln. “Für Europäer schmeckt es zunächst ein wenig wässrig, aber wenn du den Geschmack erst einmal auf dem Gaumen hast, dann möchtest du gleich mehr davon”, erklärte Alexander. “Asiatische Spirituosen sind nur ganz wenig alkoholisch, deswegen kann man ruhig etwas mehr trinken. In China trinkt man Alkohol nicht, um sich zu berauschen, es geht allein um den Genuss. Chinesen schätzen den Genuss, den die meisten von ihnen leben nicht im Überfluss.” Freya drehte sich mit dem Oberkörper zu Alexander. Er sollte ihr eigentlich einige Fragen beantworten, stattdessen sprach er über Wein. Mit einem entsprechenden Blick sah sie ihn an. Alexander lächelte. “Also, diese besonderen Krieger von denen ich sprach”, hob er an. “Diese besondere Krieger nannten sich die Zhishi, was rein gar nichts mit bittere Orangen zu tun hat. Diese Leute existierten wirklich, es gibt sogar ein großer Relief im Palast meines Meisters. Damals waren es alles Chinesen, denn die Kunst der Zhishi war nur dort bekannt. Heutzutage rekrutiert der Meister seine Schüler aus aller Welt. Im Keller des Palastes gibt es ein Wasserorakel, welches bestimmte Orte auf der Welt zeigen kann. Dieser 3500 Jahre alten Brunnen ist angefüllt mit den Tränen eine Drachen, der seine Gefährtin vermisst. Long Shuangdong ist sein Name, wobei Long Drache heißt. Shuangdong ist der Name des Meisters, der ihn fand und aufzog. Nun, du schaust in diesen Brunnen und die Person, an die du am Meisten denkst, erscheint dir. Das ist sehr hilfreich, aber es dauert seine Zeit, ihren Wohnort zu finden, denn man sieht ja keine Adresse oder Landkarte. Torben fand dich auf diese Weise und sogleich verliebte er sich in dich. Es dauerte Jahre, bis wir wussten, wer du bist und wo wir dich finden.” Er nahm einen Schluck. “Das Orakel funktioniert nicht immer ganz korrekt, musst du wissen. Manchmal zeigt es einen möglichen Schüler für unseren Meister, manchmal aber auch eine Person, nach der wir uns sehnen, ohne davon zu wissen. Wir alle sind für jemanden geschaffen, auch wenn wir dieser Person noch nicht kennen. Da Torben sich bei deinem Anblick sofort in dich verliebte, war unser Meister der Meinung, es handle sich bei dir weniger um eine Schülerin, mehr um seinen persönlichen Schwarm. Torben allerdings war davon überzeugt, dass du eine Zhishi bist. Nichts konnte ihn davon abhalten, dass zu glauben. Er suchte nach dir. Immer wieder sah er in den Brunnen und versuchte einen Hinweis darauf zu ergattern, wo du leben würdest. Dann geschah etwas Unglaubliches. Einige der Schüler rebellierten gegen ihren Meister und es kam zu einem Kampf, bei dem der Palast zerstört wurde und beinahe alle von uns starben. Ein junger Schüler, den es nach Macht dürstete, stellte sich gegen Guo Tao und tötete diesen beinahe. Der Kampf wütete und der Berg stand in Flammen. Nachdem die Rebellion niedergeschlagen worden war, blieben nur wenige Überlebende. Der Meister hatte versagt, denn sein Ziel war, genug Schüler zu vereinen, um etwas wahrhaft Großes zu vollbringen. Ich darf dir nichts darüber verraten, aber es wird die Welt verändern, und das zum Besseren. Meister Tao hatte bereits aufgegeben, da entdeckte Torben dich. Er erkannte sofort, wer du bist, doch der Meister musste erst noch überzeugt werden. Nun, mittlerweile konnten wir ihn überzeugen und er möchte dich sehen.” Freya nahm einen Schluck des Weines. Er schmeckte tatsächlich etwas wässrig, doch schmeichelte er ihrem Gaumen. “Und wer bin ich?” fragte sie. “Ich möchte dich jemandem vorstellen”, entgegnete Alexander anstelle einer Antwort. “Wem?” “Einem alten Freund von mir, der nur um dich zu sehen den weiten Weg aus China gekommen ist. Er wartet im Inneren des Orb, also wollen wir?” Freya konnte nichts mehr erschrecken. Natürlich wollten sie. Sie rutschte vom Hocker und lächelte. Es konnte ja kaum verrückter kommen, dachte sie. Alexander führte sie vom Nordpol zurück zum Äquator. Sie passierten die Tanzfläche, auf dem sich die jungen Leute zu den pulsierenden Beats bewegten. Unter anderen Umständen hätte sich Freya zu ihnen gesellt, doch so folgte sie Alexander. Im Vorübergehen betrachtete sie die Frauen und Männer. Sie erkannte keinen von ihnen, trotzdem sie alle von hier zu sein schienen. Chinesen waren nicht unter ihnen. “Wer sind all diese Leute?” fragte sie. “Tianshi, das bedeutet Engel”, antwortete Alexander. “Es sind alles begabte Leute, die entweder keinen Meister gefunden haben oder keinen möchten. Die meisten organisieren sich in Gruppen und führen ein Leben jenseits der Regeln.” “Welcher Regeln?” “Der gesellschaftlichen Regeln. Sie streifen durch das Land und erledigen Aufgaben für bestimmte Leute zu bestimmten Preisen. Sie spionieren für Industrielle oder sie beschaffen Dinge die verloren gegangen sind oder einmal mehr verloren gegangen sind. Diese Leute können alles und da niemand mit ihrer Existenz rechnet, ist ihnen niemand gewachsen. Am ehesten könnte man sie als Glückritter bezeichnen.” Freya sah sich erstaunt um. “Wie viele gibt es von ihnen?” “Über den ganzen Erdball verteilt? Tausende. Sie sind keine ausgebildeten Zhishi, trotzdem sind ihre Fertigkeiten beachtlich. Wann immer sich Dinge zutragen, die nahezu unmöglich erscheinen, haben sie ihre Hände im Spiel. Erinnerst du dich an diesen spektakulären Unfall letzte Woche? Ich meine den auf der A1 als ein LKW durch die Absperrung brach, sich überschlug und gegen Bäume krachte?” “Ja, was ist damit?” “Der Laster krachte nicht gegen die Bäume, er landete auf einem Luftkissen. Die Landung bestand auch nicht aus Windel und dergleichen. Es handelte sich um illegale Ware, die hier verkloppt werden sollte. Die Tianshi hatte den Auftrag, den Wagen in den Graben zu setzen, ohne den Fahrer zu verletzen. Die Person musste den Laster von der Straße blasen, ihn auf einem Luftkissen verlangsamen und dann erst landete er im Graben vor den Bäumen. Archangel ist recht geschickt im Umgang mit dem Wind.” Alexander deutete auf eine 20jähriges Persönchen, nicht größer als einen Meter sechzig. Ihr Gesicht hatte tatsächlich etwas von einem Engel, sie erweckte nicht den Eindruck, einen Laster umwerfen zu können. Gekleidet war sie bauchfrei in knatschenge Lederkleidung. Sie war eine Rockerbraut, wie es schien. Vor ihrem inneren Auge sah Freya ein ganz in schwarz gekleidetes Persönchen auf einer schnittigen Yamaha neben einem Laster fahren. Das Persönchen deutete mit der Hand auf den Laster und der hob ab. “Das ist wirklich erstaunlich”, sagte Freya. Alexander lächelte und zeigte einen verräterischen Augenausdruck. Er wusste etwas, von dem sie nichts wusste. Für den Augenblick beließ er es dabei und führte sie weiter den Äquator entlang. In der Kugel gab es ein Tür im Boden. Man musste sich südlich stellen und einen Knopf mit dem Fuß betätigen. Alexander tat dies und die Tür teilte sich in den Mitte, um links und rechts in der Wand zu verschwinden. Freya blickte in einen Korridor aus blank poliertem Metall. Am anderen Ende gab es eine weitere Tür mit einem Handabdruckleser an der Wand. Alexander zeigte, wie einfach es war. Er trat einen Schritt in den Korridor und stand plötzlich auf dem Boden. Wieder hatten sich die Schwerkraftverhältnisse verändert. Nach kurzem Zögern tat sie es ihm gleich und stand neben ihm. Sie lächelte. “Daran muss man sich erst gewöhnen”, sagte sie. “Dabei hast du noch gar nichts gesehen”, sagte Alexander und durchquerte den Korridor. Er trat neben die Tür und setzte seine Hand unter Feuer. Die Flammen flossen über seine Finger, doch sie schienen ihn nicht zu verletzen. Er legte die Hand auf den Monitor des Lesegerätes und schon öffnete sich die Tür. Alexander löschte seine Hand bis auf die Spitze seines Zeigefingers. Mit ihm winkte er Freya, ihr zu folgen. Hinter der zweiten Tür befand sich ein zwanzig Meter durchmessender Kuppelraum, der von mehreren Lichtquellen sanft erleuchtet wurde. Nach Jasmin roch es hier und Weihrauch. Im vorderen Drittel des Raumes lag eine einen halben Meter breite Rinne durch die träge Wasser von einem Ende zum anderen floss. Über diesen symbolischen Fluss führte eine geschwungene Holzbrücke ohne Stufen. Sie führte auf einen Weg aus feinem Sand, der nach wenigen Schritten zu einem Pfad aus weißen Kieseln wurde. Der Pfad schlängelte sich zwischen einer Anzahl 50 Zentimeter hohen Bonsaibäumen hindurch. Links und rechts standen je ein Springbrunnen in der Form einer Pagode. Um einen schlängelte sich ein chinesischer Drachen, auf dem anderen saß eine merkwürdige, menschliche Gestalt mit dichtem Fell und zwei wuchtigen Hörnern auf dem Kopf. Hinter den beiden Pagoden waren die beiden Hälften einer traditionellen chinesischen Städtchens maßstabsgetreu nachgebaut. Der Weg teilte die beiden Hälften wie ein gewundener Fluss. Freya erkannte die Giebeldächer der traditionellen Häuser, die durch Fuhrwerke zerfurchten Wege und die Menschen auf den Straßen. Da sie sich seit etwas einer halben Stunde über nichts mehr wunderte, wunderte sie sich nun auch nicht darüber, dass die Menschen auf den Straßen, die Esel vor den Karren und die Tauben auf dem Dach bewegten, als ob sie echt wären. Sie mussten es sein, denn sogar die Mimik der Menschen war detailgetreu und nicht vom Original zu unterscheiden. Die Menschen gingen unbeschwert ihrem Tagwerk nach und schienen nicht zu bemerken, dass sich ganz in ihrer Nähe zwei Riesen aufhielten. Sie zogen ihre Esel, die wiederum die Karren zogen. Ein Schwertschleifer stand auf einem offenen Platz und beschäftigte sich den Langdolchen zweier Soldaten der Bürgerwehr. Am Rande des Platzes arbeitete ein Hufschmied in einer Hütte, die zu einer Seite ganz offen war. Gegenwärtig zankte er sich mit einem Kunden, der unzufrieden war. Freya allerdings bemerkte erst nach einer Weile, dass sie sich stritten, denn sie lächelten die ganze Zeit und verbeugten sich unentwegt voreinander. Das Singsang ihrer Stimmen drang bis zu ihren Ohren. Gleichzeitig liefen eine Gruppe Kinder über den Platz. Sie kreischten laut und ließen sich vom Dorftrottel jagen. Dem Mann steckten Äste im wirren Haar und er zog ein schlimmes Gesicht. Irgendwie brachte er es fertig, seine Unterlippe bis auf die Nase zu bringen. Schrecklich. Die Kinder waren ganz außer sich und liefen davon. In der Wäscherei saßen die Waschweiber zusammen und palaverten laut, giffelten über bestimmte Scherze und lachten rüde wie die Hafenarbeiter über bestimmte andere. “Was du hier siehst ist Huaxi, das Dorf zu Füßen des Berges, auf dem der Palast meines Meisters steht. Heute sieht es ganz anders aus, aber ein Teil der alten Häuser ist noch erhalten. So sah dieses Städtchen zu Zeiten jenes Herrschers Qin Shihuangdi aus. Qin gründete viele für damalige Verhältnisse moderne Dörfer. Er sandte Architekten in alle Winkel des Reiches, ein ganzes Heer sogar. Gebaut wurde in diesen Zeiten überall. Bis dahin lebten die Menschen außerhalb der großen Städten in schäbigen Lehmhütten. Diese Häuser mit den typischen Giebeldächern entstanden genau zu dieser Zeit. Es war eine Zeit des Wohlstands.” “Und diese Leute, die auf den Straßen leben?” fragte Freya. “Sie können nicht sterben, weil ihr Leben nicht vollendet ist. Wer mit einem unvollendeten Leben stirbt, gelangt in die Vorhölle und erhält eine Gestalt, die seinem Versagen entspricht. Ein Fluch lastete auf diesen Menschen, sie müssen leben, bis ihre Aufgabe erfüllt ist.” “Worin liegt ihre Aufgabe?” “Sie sollen die Zhishi empfangen und zu ihrer Vollendung geleiten. Das bedeutet, sie warten seit 3500 Jahren auf die Ankunft einer besonderen Zhishi, einer, die über mehr Macht verfügt, als jeder andere. In diesem Städtchen soll sie zu einem vollständigen Mitglied des Ordens werden, dazu existiert dieser Ort. Alle hier leben und arbeiten auf diese Ziel hin. Auch versorgen sie den Palast mit allem, was Meister und Schüler benötigen.” Alexander deutete auf das Ende des Weges, wo sich ein miniaturisiertes Gebirge um zwei reale Meter erhob. Die Wipfel standen weiß vom Schnee und ganz oben thronte ein Palast, der aus vier mächtigen Pagoden bestand, die quadratisch um einen Hof arrangiert waren. Im Hof befanden sich kleine Gebäude, wahrscheinlich für die Schüler. Sie lebten in den Wohnhäusern und lernten in den Pagoden, dachte Freya. Dies erschien Sinn zu ergeben. Freya und Alexander traten vor das Gebirge, dort wo der Pfad endete. Sie nahm einen merkwürdigen Geruch wahr. Zuerst vermochte sie nicht, ihn richtig einzuordnen, doch dann erschien es ihr, als röche es nach Kamillentee. Kamillentee mit Honig. Außerdem atmete jemand laut und rasselnd von der anderen Seite des Gebirges. Die Person schien männlich zu sein und etwas älter. Es klang nach einem alten, kranken Mann. Ganz jämmerlich klang er zudem, er schien sehr zu leiden unter seinem Zustand. Seufzen und eine Art gedämpftes Winseln drang von jenseits der Wipfel. Freya empfand Mitleid für den alten Herrn. “In China vermittelt die Ansprache einer Person einen Eindruck darüber, um wen es sich bei der Ansprache handelt. Du musst also deine Worte mit Bedacht wählen”, erklärte Alexander. Aha, dachte Freya. Mit Bedacht also. Nun gut. “Wie ist sein Name?” flüsterte sie. “Die Chinesen im Dorf nennen ihn den Alten Mann.” Freya wählte ihre Worte also mit Bedacht: “Sehr geehrte Herr Alter Mann. Mein Name ist Freya Arntardt. Ich komme zu Ihnen, um mehr über das mir zugedachte Schicksal zu erfahren. Ich wünsche Euren Rat, wenn dies nicht zuviel verlangt ist.” “Oooh”, stöhnte der alte Mann. “Komm später wieder.” Freya sah Alexander ratlos an. “Ein Chinese lässt sich immer überreden, aber man muss schon überzeugend sein”, sagte er. Freya nickte: “Lieber Herr Alter Mann, es wäre mir eine große Freude, Euch kennen zu lernen und auch Euren Rat zu vernehmen. An Eurer Weisheit teilzuhaben ist in diesem Augenblick mein größter Wunsch, denn ich bin mir nicht im Klaren darüber, wie mein Leben von diesem Zeitpunkt an verlaufen wird.” “Oooh”, antwortete der Alte Mann. “Ich bin krank, alt und müde und muss mein Leben in luftigen Höhen verbringen, so wie es für mich vorgesehen ist. Das Leben ist hart und steinig, aber wir lassen nicht davon ab. So sind die Geschöpfe.” Noch ein ratloser Blick. Wovon sprach dieser Alte? Alexander nickte ihr aufmunternd zu. “Nun”, machte sie weiter. “Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen, aber ich stelle mir viele Fragen über mich selbst und benötige dringend ein paar Antworten. Gerne möchte ich wissen, ob ich eine von diesen Leuten da draußen auf der Kugel bin oder sogar eine Zhishi. Ich möchte wissen, was in der Welt vor sich geht und welchen Platz ich in ihr einnehmen soll. Ich möchte es wissen, weil ich mir nicht gewiss bin, ob ich mir mein Schicksal annehmen oder ablehnen soll.” “Oooh, mir ist nicht gut. Komm später wieder, mir läuft die Nase.” “Ich bin ausdrücklich hier, um Euch zu treffen”, sagte Freya wahrheitsgemäß. “Oooh, mir ist so schwindelig”, kam es von der anderen Seite. “Hast du etwas mitgebracht, was mein Leid erleichtert?” “Nein, leider nicht”, erwiderte Freya. “Hätte ich gewusst, dass Ihr krank seid, hätte ich ein Geschenk mitgebracht.” “Du hast gar kein Geschenk mitgebracht?” vergewisserte sich der Alte Mann. “Nein, leider nicht.” “In China bringt man immer ein kleines Geschenk mit, wir haben eine regelrechte Geschenkkultur. Es gibt für jeden Anlass das richtige Geschenk. In diesem Fall wäre etwas von bleibendem Wert angebracht.” “Entschuldigung, das wusste ich nicht. Ist es trotzdem möglich, einen Rat einzuholen? Ich brauche wirklich Hilfe.” “Oooh nein, ich liege gerade so gemütlich unter meiner Decke, es ist so warm darunter. Komm später wieder hierhin, ich laufe bestimmt nicht weg.” “Sie ist bildhübsch und hat riesige Brüste”, sagte Alexander. Freyas Kopf ruckte herum. Für einen Augenblick dachte sie, sie müssen dem jungen Mann eine kleben, doch dann besann sie sich. Was hatte er da gerade gesagt? Sie waren kein bisschen riesig, sie waren vollkommen normal. Freya war schlank und nicht so sehr fraulich. Jedenfalls nicht so wie Momo. “Oooh?” kam es von der anderen Seite. “Wessen Stimme vernehmen meine geplagten Ohren? Ein alter Freund spricht zu mir. Was sagtest du? Riesig? Auf einmal geht es mir schon viel besser.” Ein tapsendes Geräusch wurde laut, dann erschien der alte Mann, indem er um das Gebirge kam. Freya riss die Augen auf, als sie sah, um wen es sich handelte. Ein etwa fünf Meter langer chinesischer Drachen kam hervor, den silberschuppigen Körper U-förmig aufgestellt. Er sah tatsächlich sehr alt aus, seine Augen waren tief und weise. In diesem Augenblick trugen sie allerdings einen bübischen Ausdruck. Wie eine Katze mit einem Buckel tapste er heran und nahm Freya in Augenschein. Das öffnete er den Mund mit den vielen nadelspitzen Zähnen: “Oooh, du hast übertrieben, mein Freund. Riesig sind sie nicht, aber wohlgeformt wie reife Äpfel.” Er beschnüffelte sie. “Sie ist eine wunderschöne Frau, kein Zweifel. Wie du siehst, haben Drachen nur etwa 30 Zentimeter lange Bein, doch ihr Menschen habt Oooh. Wundervolle Beine und so lange Arme. Drachen haben gar keine Arme, wie du sicher schon bemerkt hast. Und was für wundervoll langes Haar sie hat. Drachen haben gar kein Haar, außer in der Nase vielleicht.” Der Drachen richtet sich auf und sah ihr geradewegs ins Gesicht. “Hm, ein Gesicht wie aus Porzellan, makellos und ohne Schuppen. Vollendet, makellos. Volle Lippen, ein Kussmund. Eine süße kleine Stupsnase und ovale Augen über ebenso ovalen Wangenknochen, sehr schön. Grüne Augen mit einem leichten Gelbstich und darüber geschwungene Augenbrauen. Und eine hohe Stirn, was die Komposition vollkommen macht. Oooh, sie ist beinahe eine Chinesin.” Die gespaltene Zunge zuckte hervor und betastete ihr Gesicht. “Ihr Haut riecht nach Jasmin, ich liebe Jasmin. Um eine Spur bitter, aber das ist interessant bei einer Frau. Sie hat eine angenehme Persönlichkeit, aber sie hat ebenso Ecken und Kanten. Ein Mensch mit viel Charakter ist sie.” “Darf ich vorstellen, Long Shuangdong, der traurige Drachen”, sagte Alexander. "Freunde nennen mich Shu, Freya", sagte der Drachen.

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Enthüllungen - Teil 7

Am nächsten Morgen trafen sich Freya und Alexander im Cafe Pino. Freya ahnte nicht, dass dieses Cafe jenem Jugendtreff genau gegenüber lag, in dem Torben so gerne aushalf. Zunächst hielt sie dies für eine Geschmacklosigkeit, doch dann dachte sie, es könnte mehr dahinter stecken. Alexander wartete schon auf sie, obwohl sie fünf Minuten vor der Zeit war. Er saß an einem Fensterplatz im Cafe und winkte die Bedienung in der Sekunde zu sich, als Freya den Raum betrat. Freya glaubte, er habe den Italiener bestochen, denn der freundlichen junge Mann half ihr aus der Jacke und bedankte sich für den unerwarteten Sonnenschein in seinem Cafe.

   Freya setzte sich.

   “Schön, dass du kommen konntest”, sagte Alexander und dann an den freundlichen Italiener gewandt: “Einen Cappuccino für die Dame und einen Doppio für mich bitte.”

   Cappuccino, woher wusste er das? Konnte er Gedanken lesen? Draußen war es furchtbar kalt, selbst für diese Jahreszeit. Ein Cappuccino war jetzt genau das Richtige.

   “Wie geht es dir, Freya?”

   Sie lächelte. Es war schön, dass er nachfragte. “Schon viel besser. Wieder erwarten habe ich gut geschlafen. Ich musste nicht träumen, was ein Glück. Wahrscheinlich war alles etwas viel für mich. Ich bin eben nicht aus Stahl.”

   “Unsere Gefühle machen uns stark. Je schwächer du bist, desto stärker kannst du auch sein.” Alexander lächelte mit seinen vollem Lippen. “Ich glaube, ich muss mich entschuldigen. Mein Auftreten gestern war ein wenig forsch und auch der Zeitpunkt war nicht günstig gewählt. Ich wollte dich auf keinen Fall belästigen.”

   Freya winkte ab. “Es war keine Belästigung. Ich war nur etwas überrascht, von dir über Torben zu erfahren. Ich dachte, er hätte keine Geheimnisse vor mir.”

   “Nun, er schrieb mir häufig, wie sehr er dich liebte und wie sehr er es bedauere, dich nicht in alles einweihen zu können. Er wollte gewiss keine Geheimnisse vor dir haben, aber in erster Linie dachte er an deine Sicherheit. Torben glaubte, dass du nicht wissen solltest, was sich damals in China zugetragen hat.”

   Der liebenswürdige Kellner brachte den Cappuccino für die Damen und den Doppio für den Herrn. Freya bedankte sich und sogar ihr strahlendes Lächeln kam zurück. Es wärmte das Herz des Kellners, das konnte sie in seinem Gesicht lesen.

   Nachdem der Mann gegangen war, fuhr Torben fort: “Nun, da er tot ist, ändert sich alles. Es beginnt eine Zeit des Umbruchs für jeden für uns. Es hat etwas begonnen, dessen Ausgang nicht abzusehen ist.”

   Freya legte ihren Kopf seitlich. “Wie kommt es, dass die Menschen in letzter Zeit nur in Rätseln zu mir sprechen?”

   “Menschen? Wen hast du getroffen?”

   “Sie nannten sich Amyrthil, eine Chinesin in meinem Alter.”

   “Oh, sie.” Alexander riss das Briefchen auf und ließ den Zucker in seinen Doppio rieseln. “Ich dachte, ich finde dich vor ihr. Nun, unser Meister entsandte zwei Diener, dich zu finden. Ich bin nur einer von ihnen. Wir haben dich gesucht und wir haben dich gefunden, würde ich sagen.”

   “Wer seid ihr?”

   “Lass mich nicht in Rätseln antworten. Warum glaubst du, hat sich Amyrthil sich dir gegenüber nicht deutlich erklärt?”

   Freya zog die Stirn kraus. Warum nicht?

   “Weil du aufstehen und gehen würdest, verriete dir jemand die Wahrheit. Du würdest es schlicht nicht glauben. Um es zu verstehen, müsstest du chinesisch denken und bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Da im Augenblick die unseligen Kommunisten in diesem Land herrschen, weißt du nicht einmal, was es überhaupt bedeutet, chinesisch zu denken. Es ist ein sehr altes Land mit einer 7000jährigen Kultur. 7000 Jahren - in dieser Zeit könnte Deutschland 36 Mal gegründet werden und untergehen.”

    “Ich verstehe, aber ist es wirklich so unglaublich?”

   Alexander nickte. “Es existieren Dinge in dieser Welt, die sich mit dem europäischen Verstand nicht begreifen lassen. Hier ist alles so rational und bar jeder Wunderhaftigkeit. Hinter dieser Wahrheit existiert noch eine andere Welt, weit jenseits deines Vorstellungsvermögens.”

   “Klingt interessant.”

   “Es ist nicht gesagt, dass du bereit bist für diese Welt, aber ich denke, du solltest selbst entscheiden, ob sie zu deiner Realität gehören sollte oder nicht. Vor daher möchte ich dir erst einen Eindruck geben von dem, was geschehen ist. Ich meine, was mit Torben geschehen ist.”

   “Was ist geschehen?”

   Alexander deutete mit dem Kopf durch das Fenster auf das gegenüber liegende Gebäude. “Sehen heißt glauben. Ich möchte dir etwas zeigen.”

   Freya forschte dem jungen Mann durch die Züge. Irgendetwas an ihm schien vertraut. Er wirkte wie ein alter Bekannter auf sie, sie empfand, ihm vertrauen zu können.

   “Okay”, sagte sie. “Warum erzählst du mir nicht etwas über dich? Was machst du so?”

   Alexander lächelte verlegen. “Oh, es gibt nichts, womit ich mich brüsten könnte. Ich studiere Pädagogik in Berlin, zweites Semester. Auf dem Gymnasium wurde es mir schnell langweilig, da habe ich zwei Klassen übersprungen. Danach war ich mir nicht sicher, was ich studieren sollte. Geschichte interessiert mich sehr, aber die ist schon ziemlich trocken. Lieber möchte ich mit Kindern arbeiten. Eigentlich mache ich das schon.”

   “Tatsächlich?”

   “Ja, im Internet stieß ich auf ein paar Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren, die dort ihre Phantasiegeschichten bloggen. Ich schreibe selbst und gebe den jungen Leuten ein paar Tipps, wie ihre Texte besser funktionieren. Das macht wirklich Spaß, etwas an junge Menschen weiterzugeben. Mädchen sind toll.”

   “Und was schreibst du selbst?”

   “Ich schreibe über meine Kindheit, nichts Besonderes. Meine Mutter verstarb, als ich neun war und mein Vater hatte mit sich selbst Probleme. Sagen wir einfach, ich war froh, als ich auf eigene Beinen stand. Mit sechzehn bin ich von zu Hause in eine WG gezogen. Mein Vater dachte, ich könnte noch nicht auf eigenen Beinen stehen, aber es ging alles gut. Ich fand Freunde, die auch heute noch meine Freunde sind. Darauf folgte eine unglückliche Liebe und ein Ende mit Schrecken. Ich war für klare Verhältnisse, sie weniger. Im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass sie ihren Spaß daran hatte, sich umwerben zu lassen. Ich verdanke ihr einige schlaflose Nächte, außerdem habe ich mittlerweile viel Übung im Verfassen von Liebesgedichten.”

   “Das tut mir leid für dich”, sagte Freya.

   “Nun, das Ganze ist schon zwei Jahre Geschichte und seitdem übe ich mich in Enthaltsamkeit. Frauen bergen immer ein bestimmtes Risiko, denke ich, und ein gebranntes Kind scheut das Feuer.” Er nahm einen Schluck. “Nun, soviel zu meinem Leben an der Oberfläche. Hinter der bürgerlichen Fassade steckt noch eine andere Person. Du wirst das alles sehr merkwürdig finden.”

   Freya war ganz Ohr.

   “Darf ich dir etwas zeigen?” fragte er.

   “Sicher.”

   Alexander bat sie, auszutrinken, dann winkte er den freundlichen Italiener herbei und bezahlte für sie beide. Das Trinkgeld fiel recht üppig aus, der Mann bedankte sich. Danach verließen sie das Pino und traten auf die Straße. Freya fröstelte es. War es in diesen wenigen Minuten etwa kälter geworden?

   Er führte sie über die Straße, bis sie vor der verschlossenen Tür des Jugendtreffs standen. Freya fühlte sich nicht wohl an diesem Ort. Sie war nicht sicher, ob sie jemals wieder den Ort sehen wollte, an dem Torben ermordet worden war. Sie wusste überhaupt nicht, was sie davon halten sollte.

   “Du bist verunsichert”, stellte Alexander fest. “Wir müssen das nicht tun, aber es würde mir umständliche Erklärungen ersparen. Du glaubst mir nicht, wenn du dir das nicht anschaust. Ich verlange viel von dir, aber es gibt keine andere Möglichkeit.”

   “So? Meinst du?”

   “Wir müssen deinen störrischen, europäischen Verstand erst überzeugen. Es reicht nicht, dass du es verstehst, du musste es auch glauben. Außerdem ist es ein Teil deiner Geschichte, ich finde, du solltest es sehen.”

   “Okay.” Freya nickte den Kopf. Irgendetwas ließ sie vertrauen. Vielleicht lag es an seiner angenehm sonoren Stimme. “Dann gehen wir. Wie kommen wir hinein?”

   Alexander langte in die Jackentasche und zeigte einen Schlüssel zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann zerriss er die Polizeibanderole mit der Aufschrift ‘Betreten verboten’ und drehte den Schlüssel im Schloss. Die Tür öffnete sich und ging als Erster hinein.

   Drinnen war es dunkel, jemand hatte die Fenster von innen mit Pappe verklebt. Es musste die Polizei gewesen sein, denn normalerweise kam das nicht vor. Alexander drückte den Lichtschalter und zwei von eigentlich fünf Deckenlampen flackerten. Es waren jene, die nicht zerstört worden waren.

   Auf den Eingang zur Straße folgte gleich der Gemeinderaum. Freya hatte viel Zeit hier verbracht, aber was sie nun erblickte, hatte nichts mehr mit dem Ort gemein, den sie in Erinnerung hatte. Ungläubig ging ihr Blick durch den Raum, von einer Seite zur anderen.

   “Was ist hier geschehen?” flüsterte sie.

   “Mach dir selbst ein Bild. Was denkst du, ist hier geschehen?”

   Freya tat einen vorsichtigen Schritt auf die hölzernen Dielen und durchquerte den Raum langsam, indem sie sich zu allen Seiten umsah. Offensichtlich hatte ein Kampf stattgefunden, aber es konnte unter Umständen auch eine Schlacht gewesen sein. Kein Möbel stand mehr an seinem Platz, alles, sogar die schweren Schränke mit den Büchern und Bildbänder lagen kreuz und quer auf dem Boden verteilt. Freya musste über sie steigen, während sie voranging. Sogar der Billardtisch lag auf dem Kopf. Genau genommen steckte er zu einem Drittel in den Dielen und ragte quer in die Höhe. Einige der Kugeln lagen auf dem Boden verstreut, andere steckten in den Wänden. Sie steckten beinahe vollkommen im Mauerwerk, nur zu einem Drittel schauten sie noch heraus.

   Von den Kugeln in der Wand wanderte Freyas Blick zur Decke. In der Mitte klaffte ein Loch von einem Meter Durchmesser. Das herausgerissene Stück lag allerdings nicht unter dem Loch sondern in einer Ecke. Dabei handelte es sich nicht um Trümmer sondern um einen kompakten Block Beton. Er war mit solcher Wucht in der Ecke eingeschlagen, dass ein Stück Mauer herausgerissen worden war.

   Das Loch in der Decke war nicht der einzige Schaden am Mauerwerk. Alle vier Wände trugen Löcher und Risse, manche mehr als zehn Zentimeter tief. Auch im Boden gab es solche Risse. Von einer bestimmten Stelle klafften vier lange Risse quer durch den Raum, die den Anschein erweckten, als hätte jemand die vier Forken einer stählernen Rechen durch den Beton gezogen. Auch diese Risse gingen sehr tief.

   Langsam schritt Freya weiter und erreichte die Mitte des Gemeinderaumes. Hier stand ein Stuhl oder das, was davon übrig geblieben war. Das Plastik und selbst das Metallgestell waren zu einem seltsamen Klumpen geschmolzen. Man konnte erkennen, das es sich um einen Stuhl handelte, aber mit dem ursprünglichen Möbel hatte dieses Gebilde nichts mehr gemein. Das Metall der Beine war zu Pfützen geschmolzen und klebten auf dem Boden.

   Freya gelangte zum hinteren Teil des Raumes, dort wo sich früher eine kleine Theke befunden hatte. Hier gab es Wasser und Limonade für die Migrantenkinder und deren Freunde. Torben hatte oft hier gestanden und Kuchen auf viele kleine Teller verteilt. Nun war quasi nichts mehr übrig von dieser Theke: Es war, als hätte man sie aus dem Boden gerissen und fortgeworfen. Neben dem Eingang lag ein Haufe verschmorter Bretter, die wahrscheinlich die Theke gewesen sein mussten. Jemand hatte sie quer durch den Raum geworfen.

   Hinter der Theke befand sich ein verspiegeltes Regal, in dem Gläser und Teller standen und lagen, doch nun war nichts mehr davon übrig. Anstelle der Küchenwaren lag überall farbiger Staub auf den Regalböden verstreut. Selbst der Spiegel war verschwunden, dafür glitzerte ein Teil des Staubes merkwürdig. Freya tauchte einen Finger in die Häufchen. Es fühlte sich wie Mehl an.

   “Vorsicht”, sagte Alexander. “Das ist Glasstaub.”

   Freya zog den Finger wieder hervor und pustete ihn sauber.

   “Wie kann so etwas geschehen?” fragte sie.

   “Was denkst du?”

   Sie warf die Stirn in Falten. “Schall. Ein Geräusch könnte Glas zerstäuben.”

   “Sehr gut.” Alexander trat neben sie. “Du begreifst schnell. Genau so habe ich dich mir vorgestellt. Genau so hat er dich mir beschrieben.”

   Torben! Freya sah auf das Chaos vor sich und fühlte ihre heiße Tränen. Was immer hier gewütet hatte, Torben war dabei umgekommen Es musste schrecklich gewesen sein. Freya musste schlucken.

   “Es waren keine Rechtsradikalen”, sagte sie.

   “Nein. Das ist nur die offizielle Version für die Medien. Die Polizei braucht eine Version, um alles zu erklären. Die wirklichen Täter haben ein paar Symbole an den Wänden hinterlassen, um es ihnen leicht zu machen.”

   “Wer sind diese Leute?”

   Alexander lehnte sich gegen das Regal und stellte ein Knie auf. Dabei steckte er seine Hände in die Hosentaschen. Erst sah er zu Boden, dann zur anderen Seite des Raumes. Damit erweckte er den Eindruck, in weite Ferne zu blicken.

   “Ja, wer sind diese Leute? Vor 3500 Jahren errichtete Qin Shihuangdi das damals größte Reich der Welt. Im Gegensatz zu nahezu allen seinen Nachfolgern wollte er die Leibeigenschaft abschaffen, Sklaven befreien und ein Recht einsetzen, das für alle gleichermaßen Gültigkeit hatte. Die damaligen chinesischen Herrscher schlossen sich zu einer schlagfertigen Allianz zusammen, um ihn aufzuhalten. Es gab mehrere Schlachten, bei denen Qin einer mehrfachen Übermacht gegenüber stand. Bei einer der entscheidenden Schlachten lag das Truppenverhältnis bei sieben zu ein, aber trotzdem vermochte er, den Feind zu besiegen. Die Schlachten verliefen alle unter den schlechtesten Vorzeichen, doch immer ging er als Sieger hervor. Nachdem der letzte der aristokratischen Herrscher niedergeworfen war, entstanden Mythen, die seine unglaublichen Siege erklären sollten. Soldaten berichteten von einer Handvoll Krieger, die ganze Battalione vernichteten. Ihnen wurden mystische Kräfte nachgesagt, die sie aus den Geheimnissen der Natur ableiteten. Man sagte, sie verfügen über uraltes Wissen über die Beschaffenheit der Natur und können mit ihr kommunizieren und sie nach ihrem Willen verändern. Qin selbst stritt die Existenz einer Spezialeinheit in seinem Heer stets ab, nach seinen Worten gab es keine mystischen Krieger in seinen Reihen. Mehr noch, es bezweifelte, dass das Mystische unser Leben beeinflussen konnte, er galt als steinharter Realist.”

   “Die Natur beeinflussen”, wiederholte Freya. “Ist das der Zeitpunkt, an dem ich den Kopf schütteln und gehen sollte?”

   “Nein, nicht jetzt schon. Das hier ist nur ein kleiner Vorgeschmack.” Er deutete auf den Ausgang zur Küche. “Du musst wissen, dies ist nicht einfach nur ein Jugendtreff. Sind dir jemals die merkwürdige Besucher aufgefallen? Unsereins kleidet sich mitunter seltsam.”

   “Nein, mir ist niemand aufgefallen.”

   “Nun, womit der Europäer nicht rechnet, das sieht er nicht.” Alexander lächelte dünn. “Tatsächlich ist diese Einrichtung ein verborgener Zugang zu einer ganz anderen Welt, die sprichwörtlich unter dieser sichtbaren Welt liegt. Wir sollten ihr einen Besuch abstatten, dann kannst du mit dem Kopf schütteln.”

   Freya seufzte.

   “Es wird nicht schlimm”, sagte Alexander.

   Er winkte ihr zu und führte sie in die Küche. Der Kampf hatte ausschließlich im Gemeinderaum stattgefunden, hier war nichts zu Bruch gegangen. Alexander trat vor den Kühlschrank und öffnete ihn. Dann griff er hinein und tastete nach einem versteckten Schalter. Sekunden darauf erklang ein Geräusch, als würde Stein über Stein schleifen. Freya sah um sich, sie erwartete, dass ein Stück der Mauer im Boden verschwinden würde. Zu ihrer Überraschung geschah nichts dergleichen, obgleich sie das Geräusch recht genau lokalisieren konnte. Es schien von zwischen der Anrichte und einem schmalen Schrank zu kommen. Sie nahm den Bereich in Augenschein, doch nichts schien sich verändert zu haben.

  Alexander unterdessen warf die Kühlschranktür zu und kam zu ihr herüber. Er lächelte ihr zu und ging mitten durch den Wandabschnitt hindurch. Freya riss die Augen auf. Sollte eine normale Holographie nicht merkwürdige Lichtbrechungen erzeugen und irgendwie zittern? Die Wand sah vollkommen echt aus. Sie streckte die Hand aus und griff hinter die Tapete ins Leere.

   “Es ist ungefährlich”, kam es von der anderen Seite.

   Freya atmete einmal kräftig ein, dann trat auch sie durch die Wand. Sie kam unversehrt auf der anderen Seite an. Hier führte ein langer Gang aus Stein um wenigstens 100 Meter in das Erdereich. Der Gang fiel leicht ab, sodass man sich am Ende ungefähr im dritten Untergeschoss befinden würde. Er wurde von blauen Neolichtern an der Decke erhellt. Alexander lächelte Freya zu und ging voraus. Sie folgte ihm nach kurzem Zögern.

   “Das Orb liegt genau in der Mitte dieses Blocks, es führen insgesamt vier Wege von der Straße dorthin, von jeder Seite einer. Es ist ein Treff für Leute wie mich”, erklärte er.

   Sie gingen den Gang hinab, was endlos lange erschien. Einhundert Meter konnten eine große Entfernung sein, wenn man nicht wusste, was einem am Ende erwartete. Tatsächlich erwartete sie eine schwere Metalltür, die mit chinesischen Schriftzeichen beschrieben waren. Was von oben nicht zu erkennen war, war eine kleine Nische mit einem Tisch und einem bulligen Mann mit Glatze, der dahinter saß.

   “Hi”, sagte Alexander.

   Der Glatzkopf griff wortlos unter den Tisch und holte einen chinesischen Fächer hervor. Er klappte ihn auf und Freya erkannte eine Szene am Fluss. Eine nackte Chinesin saß mit dem Rücken zum Betrachter und kämmte ihr wundervoll langes Haar. Ein Reh sah ihr dabei zu. Alexander schnippte mit den Fingern und augenblicklich stand der Fächer in Flammen. Der Glatzkopf klappte ihn zusammen und wedelte mit ihm, bis die Flammen erloschen. Dann gab er ein Brummen von sich und nickte in Richtung Tür.

   “Danke”, sagte Alexander und verbeugte sich.

   Die Tür war durch zwei wuchtige Hebel gesichert, die links und rechts von einem Gelenk in der Mitte der Tür nach oben zeigten. Alexander ergriff sie gleichzeitig und bewegte sie in zwei Halbkreisen nach unten. Der Mechanismus schnappt mit einem metallischen Krachen ein, dann teilte sich die Tür in der Mitte und die beiden Hälften verschwanden links und rechts in der Wand.

   Wummernde Housemusik kam wie eine Welle über sie und rührte pulsierend in ihren Mägen. Alexander lächelte breit. Endlich zu Hause. Freya war nicht nach Lächeln, denn sie konnte kaum glauben, was sie sah. In der Mitte einer riesigen Höhle schwebte eine 40 Meter durchmessende, silbern polierte Kugel wie auf einem Magnetfeld. Offenbar herrschte an jeden Punkt dieser Kugel eine Anziehungskraft zur Mitte der Kugel, sodass man sich überall auf ihr frei bewegen konnte. Das Orb war eine Art runder Club mit Tanzfläche, eine kreisförmigen Bar und einem Loungebereich mit gemütlichen Stühlen und Tischen. Die Leute standen auf dem Kopf oder sie standen im rechten Winkel von den Seiten ab. Sie tanzten oder standen beieinander und plauderten. Ein DJ mit Irokesenfrisur und den unvermeidlichen Kopfhörern stand vor seinen Turntables und bewegte den Kopf rhythmisch.

   Über allem lag ein angenehmes Stimmengetümmel, die Musik schluckte nicht alles. Bei den Gästen schien es sich um ganz normale Leute zu handeln, wobei einige wie Mangafiguren aussahen. Die Mädchen waren wie japanische Girlies gekleidet, die Jungen steckten in schwarzen Anzügen. Überhaupt handelte es sich beinahe ausschließlich um junge Menschen, kaum jemand war älter als 30.

   “Das ist einer meiner Lieblingsclubs”, sagte Alexander. “In Berlin haben wir auch einen Orb, aber der ist viel größer und die Atmosphäre ist etwas unpersönlich. Ich liebe diesen kleinen, kuscheligen Clubs.”

   Klein kam Freya diese Kugel nicht gerade vor, aber Alexander war wohl Anderes gewohnt. Er nickte ihr zu. Von ihrer Position führte eine metallene Brücke bis zu der Kugel. Bevor man die Kugel betrat, wirkte noch die Erdanziehung, auf der Kugel selbst herrschten andere Gesetze. Alexander ging voraus.

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Ho - Teil 6

Momo hatte sich so sehr auf ein warmes Bad gefreut, nun aber war sie enttäuscht. Nach dem Erlebnis im Blue Dream wollte sie sich lieber nicht mit Wasser bedecken. Als sie die Wohnung betrat, hörte sie Stimmen aus dem Fernseher. Mutter und Vater saßen bei einem Film zusammen. Momo schlich an die Tür und warf einen Blick ins Wohnzimmer. Die beiden saßen brav nebeneinander auf der Couch, aßen Chips und tranken Weißwein. Die Knutscherei hatten sie sich für später aufgehoben, also konnte Momo ruhig eintreten.

   “Hallo”, sagte sie.

   Zuerst bekam Mutter einen Kuss auf die Wange, dann der Vater.

   “Du bist früh zurück. War es nicht schön?” erkundigte sich Markus.

   “Doch, wohl.”

   “Aber?” fragte Anika.

   “Nichts aber. Es war sehr schön, aber wir hatten schnell keine Lust mehr.”

   Momo hasste den Gedanken, Torbens Beerdigung vorzuschieben, aber in dieser Situation fiel ihr nichts Anderes ein. Sie schnappte Markus ein Chips aus der Schale und machte sich in ihr Zimmer auf.

   “Na, na, na”, sagte der Vater.

   “Ja, ja, ja”, kam es aus der Diele.

   Momo lächelte. Endlich war sie wieder zu Hause, der einzige Ort auf der Welt, an dem sie sich wirklich sicher fühlte. Alle Gefahren und Schrecken lagen weit hinter der Wohnungstür, der Haustür sogar. Hier war alles ruhig und friedlich. In ihrem Zimmer war es am Friedlichsten. Sie stellte das Licht an und griff nach der Fernbedienung für die Anlage. Sekunden darauf klang eine sanfte, männliche Stimme durch den Raum. Momo liebte Live Musik. Ein junger Sänger und seine Gitarre. Von einem Augenblick auf den anderen fühlte sie sich gut.

   Was würde sie mit dem Rest des Abends anfangen? Sie war ein Kind des neuen Jahrtausends, also setzte sie sich vor ihren Rechner. Eigentlich war ihr nicht nach einem Chat, sie wollte lieber surfen. Das Internet barg die absonderlichsten Dinge, man konnte jeden Tag etwas Neues entdecken. Ihre allerneueste Entdeckung bestand in einem Spiel, dem Spiel des Lebens. Das wollte sie gestern schon ausprobieren, aber nun hatte sie die Gelegenheit.

   Sie lud das Spiel und entschied sich, ihren Lebensweg als Frau zu beginnen. Ziel war es, möglichst alt zu werden. Jede Katastrophe kostete Lebenskraft und bei Null setzte es einen Herzinfarkt mit tödlichem Ausgang. Momo begann also als Mädchen. Der Zufallsgenerator spie einen hohen Intelligenzquotienten aus, aber ihr Vater war ein schlimmer Säufer. Er schlug Kind und Frau, was sie im zartesten Alter bereits Lebensenergie kostete. Dumm gelaufen, da kann man nichts machen, dachte Momo. Weiter im Text. Trotz des hohen IQs schaffte sie es nur zur mittleren Reife. ‘Nur’ war etwas übertrieben, immerhin hatte sie einen Abschluss. Hiermit standen ihr verschiedene Berufe offen.

   Krankenschwester vielleicht? Ein toller Job, aber hart und die Kolleginnen konnten mobben wie die Tiere. Dann doch eher eine Automechanikerin? Momo versuchte einen Ausbildungsplatz also solche zu ergattern, doch kein Meister wollte sie haben. Laut Ereignisfeld geriet sie an eine Reihe alter Männer, die nicht einsehen konnten, dass Frauen und Technik sehr gut zusammenpassten. Die Herren ließen sich nicht überzeugen, also bekam sie im ersten Jahr nach der Schule keine Ausbildung. Das kostete Nerven und drei Lebenspunkte.

   In der Liebe schien es besser zu laufen. Sie fand einen wirklich reizenden Mann mit guten Manieren, der sie wirklich zu lieben schien. Dumm nur, dass der Zufallsgenerator eine in Alkohol getränkte Nacht inklusive ungeschütztem Sex erzeugte. Momo wurde somit ungewollt schwanger. Das veränderte natürlich alles. So schnell wie möglich wollte sie die Heirat, doch der junge Mann war nicht interessiert und setzte sich ins Ausland ab. Schöner Mist.

   Allein erziehend und ohne Ausbildung sah sie einer wenig rosigen Zukunft ins Gesicht. Sie beantragte Sozialhilfe, bekam sie und lebte mit einem Baby nahe des Existenzminimums. Bekloppte Männerwelt, dachte sie. Sie sparen an Frauen mit Babys. Nicht zu fassen.

   Eine Zeit lang ging es aufwärts, sie bekam ein paar nette Bekannte und die Familie half, wo sie nur konnte. Dann aber trat eine Frau in ihr Leben und Momo entdeckte laut Generator ihre lesbische Seite. Das auch noch. Sie war verliebt und musste sich entscheiden, ob sie sich auf etwas einließ oder nicht. Ja oder nein? Momo entschied sich dazu, ihr Gefühle zu unterdrücken. Das kostete zwar fünf Lebenspunkte, dafür wurde man aber nicht zu einer Geächteten.

   Beruflich war nichts mehr möglich, zumindest nicht im Augenblick. Dreimal in der Woche gab sie ihren Sohn bei ihren Eltern ab und ging putzen. Sie bemerkte, was sie ihren Arbeitgebern galt, was sie wiederum ein paar Lebenspunkte kostete. Diese Erfahrung kostete sie ebenso ihr Selbstwertgefühl und sie begann, sich selbst zu vernachlässigen. nicht mehr pfleglich mit sich um. Erst vernachlässigte sie sich, dann ihren Sohn.

   Nach dem ersten Drittel ihres Lebens begegnete sie einem Familienvater, der sie als Geliebte wollte. Momo willigte ein, denn der Kerl machte keine Schwierigkeiten und unterstützte sie finanziell. Sie kam sich schäbig vor, aber das Geld hob sie auf einen anderen Soziallevel. Auf diese Weise kam sie in einen neuen Modus und konnte es sich gut gehen lassen.

   Als der Junge groß wurde, zeigte sich, dass Momo es nicht geschafft hatte, ihn Selbstrespekt zu lehren. Woher auch? Er wurde straffällig, mehrfach sogar. Bald saß er in Jugendhaft und Momo alterte um 15 Lebenspunkte. Der Junge wurde älter und verließ das elterliche Haus.

   Zur Halbzeit war ihre Lebensenergie um mehr als die Hälfte geschrumpft. Der Generator ließ sich neu verlieben, was die Spalte etwas auffüllte. Diesmal entschied sich Momo für etwas Bleibendes, also heiratete sie den Mann, was sich ebenso positiv auswirkte. Dummerweise verwandelte sich der Gatte in einen kleinen Pascha, der sich umsorgt sehen wollte. Momo hatte die Wahl: Entweder ihr Avatar kam in Zukunft ohne emotionale Zuwendung zurecht oder sie bediente diesen faulen Sack von vorne bis hinten. Sie entschied sich für die erste Variante, schließlich hatten auch Pixel ihren Stolz. Nach fünf Jahren ließ sie sich scheiden und bezahlte dies mit einer gelinden Niedergeschlagenheit. Ihr Herz hatte Bodennebel und dies schlug sich auch in ihrer physischen Verfassung nieder.

   Als sie in diesem Zustand in auf ein Schicksalsschlag-Feld geriet, geschah es dann. Sie wurde magersüchtig und ein Fall für die Klapse. Ein halbes Jahr ging sie in eine geschlossene Einrichtung und wurde wieder aufgepäppelt. Danach blieb die Magersucht bestehen, aber zumindest war sie nicht mehr in Lebensgefahr.

   Dann geriet sie auf ein Ereignisfeld. Ihr Sohn brauchte Geld für Drogen. Himmel, hätten sie damals nur ein Kondom benutzt. Momo war nicht dumm genug, ihm welches zu geben, sie wollte ihn lieber zum Entzug überreden. Der Sohn reagierte, indem er ihre Wohnung kurz und klein schlug, ihr Geld stahl und ihr in den Bauch trat. Momo musste ins Krankenhaus.

   Das letzte Drittel ihres Lebens, in dessen Verlauf sie ihren Sohn nicht mehr wieder sehen würde, begann. Momos Avatar baute schnell ab, zu sehr hatte sie das Schicksal gebeutelt. Sie entwickelte jede körperliche Krankheit, vor der sich Frauen fürchteten und ganz am Ende war es ein aggressiver Brustkrebs. Das Spiel sagte, dies sei all die negative Energie schuld. Momo verstarb mit 56, noch bevor ihre Lebensenergie abgelaufen war. ‘Herzlichen Glückwunsch’, stand auf dem Bildschirm. ‘Sie haben Ihren Sohn überlebt’.

   Momo fuhr den Computer herunter und machte sich fertig fürs Bett. Es war ein aufregender Tag gewesen und sie war müde. Als sie unter der Decke lag, dachte sie über ihr Leben nach. Man durfte es nicht verschwenden und der kleinste Fehler konnte schreckliche Auswirkungen haben. Sie wollte unbedingt heiraten und viele, viele kleine, süße Kinder haben, aber zuerst aber würde sie sich ein eigenes Leben aufbauen, in das sie flüchten könnte, wenn einmal alles schief ging. Unabhängigkeit war die Vorsausetzung für alles, das empfand sie mit Gewissheit. Sie würde nicht wie ihr Avatar enden, sondern sich Zeit mit allem lassen. Egal, was die anderen sagten, auf ihre Freunde konnte sie immer zählen.

   Sie löschte das Licht und rückte das Kopfkissen zurecht. Ihre Eltern würden nicht mehr hereinkommen, wenn alles dunkel war, obwohl die Musik noch lief. Momo sah zum Fenster hinaus. Ihr Zimmer befand sich im Erdegeschoss, sodass sie in den Garten ihre Hauses schauen konnte. Alles war ruhig da draußen und diese Ruhe nahm bald von ihr Besitz. Ihr Atem ging ruhig und regelmäßig. Noch einmal ließ sie diesen Tag vor ihrem inneren Auge passieren. Es war unglaublich traurig gewesen, aber auch schön. Die vier Freunde waren näher zusammengerückt, ihre Bande waren stärker als zuvor. Das war ein gutes Gefühl, um damit einzuschlafen, also dachte sie daran. Ein leises Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus und so schloss sie die Augen. Nach einer Weile war sie dem Schlaf so nahe, dass sie nicht mehr sagen konnte, ob sie noch wach war oder bereits träumte.

   Ein merkwürdiges Geräusch drang zu ihr, es klang wie seltsam verzerrte Kinderstimmen. Sie richtete den Oberkörper auf und blinzelte in ein blaues Licht, welches durch den dünnen Vorhang sickert. Das Licht bewegte sich sonderbar, als stamme es aus verschiedenen Quellen. Momo schlug die Decke beiseite und streckte die Beine über die Matratze. Als sie stand, merkte sie, wie müde sie war. Geschlafen hatte sie noch nicht.

  Das Licht kam tatsächlich aus dem Garten und es stammte bestimmt nicht nur aus einer Quelle. Momo ging langsam vorwärts und trat vor das Fenster. Was sie dort erblickte, verschlug ihr den Atem. Der Garten bestand aus einem zehn mal zehn Meter großen Quadrat, durch den ein Weg aus weißen Kieseln führte. Der Weg endete von einem Tisch und drei Stühlen. In der Mitte des Rasens aber ragte ein Apfelbaum um zwei Meter in die Höhe. Momo klappte die Kinnlade herunter. Der Baum stand in voller Blüte. Seine Blätter waren grün und saftig und die Äpfel schimmerten im blauen Licht.

   Das Licht unterdessen stammte von einem Dutzend Wesen, die nicht größer waren als ein menschlicher Zeigefinger. Ihre Körper strahlten hell. Die winzigen Gestalten kletterten zwischen den Ästen und unterhielten sich mit fiepsigen Stimmen. Sie schnatterten und lachten. Momo riss die Augen auf. Wenn dies ein Traum sein sollte, so fühlte er sich überaus realistisch an.

   Momo lief zum Kleiderschrank und zog ihren knietiefen Mantel heraus. Das würde nicht viel helfen gegen die Kälte, aber wenigstens etwas. Natürlich vergaß sie ihr Handy nicht, mit welchem sie Fotos machen würde. Glauben würde ihr das sonst niemand. Sie verließ ihr Zimmer, lief die Diele entlang und ins Wohnzimmer. Markus und Anika hatten sich mittlerweile ins Schlafzimmer zurückgezogen. Wie immer hatten sie vergessen, den Plasma ganz auszustellen. Obwohl Momo gar keine Zeit dafür hatte, drückte sie den Knopf. Feen waren die eine Sache, Umweltschutz eine andere.

   Sie schob die Fenstertür zum Garten auf und trat vorsichtig einen Schritt ins Freie. Die leuchtenden Gestalten schienen sie nicht zu bemerken. Erst einmal schoss sie ein paar Fotos aus der Entfernung, ohne Blitzlicht selbstverständlich. Nachdem dies geschehen war, ging sie leise über den Rasen bis zum Weg. Unter ihren Füßen knirschten die Steine, aber auch das schreckte die Feen nicht auf. Momo ging weiter und erkannte, dass es sich nicht zu Feen handelte. Die kleinen Männer sahen aus wie nackte, dicke Chinesen. An ihren Armen und Beinen trugen sie Schwimmflossen. Sie stießen sich von einem Ast ab, ruderten mit den Gliedmaßen und schwammen durch die Luft zu einem anderen Ast. Dabei kicherten sie froh und aufgeregt.

   Momo trat noch einen Schritt näher und schoss noch mehr Fotos. Plötzlich wurde sie von einem Chinesen entdeckt. Der Mann mit dem winzigen Buddhabauch grinste breit und ahmte ihre Handbewegung nach. Er tat, als würde er sie fotografieren.

   “Na, mein Kleiner?” sagte Momo. “Was bist du denn für einer?”

   “Ich bin Ho”, fiepste der Mann.

   “Ho?”

   “Ja?” kam er aus zwölft quietschigen Kehlen.

   “Wir heißen alle Ho”, sagte der eine Ho.

   “Aha, so ist das. Und was genau macht ihr hier?”

   “Wir bringen alles zum Blühen”, sagte Ho voller Stolz.

   “Ja, das sehe ich.” Momo musste lächeln. “Ihr seid aus China hierher gekommen, um unsren
Apelbaum blühen zu lassen? Das war aber bestimmt eine lange Reise.”

   Ho vollführte eine unbestimmte Geste. “Nicht so weit. Ja, früher war es eine lange Reise über viele Gebirge, aber diesmal sind wir geflogen. Mit einem Flugzeug. Das war toll.”

   “So, in einem Flugzeug. Und wer genau hat euch mitgenommen? Oder habt ihr euch einfach ein Zwölferticket gekauft?”

   Ho schüttelte den Kopf und das enorme Doppelkinn. “Meister Alexander nahm uns mit sich. Alexander ist ein seltsamer Name, aber na ja. Er brachte uns nach Europa.”

   Momo sah um sich. “Ist er hier?”

   “Nein, nein, er muss nicht hier sein, wir sind ja da.”

   “Aha. Und warum genau seid ihr hier?”

   “Wir beschützen dich. Wir sind hier, um dich zu beschützen.”

   “Und vor wem genau beschützt ihr mich?”

   “Oooh.” Ho hob die Hände vors Gesicht, als wolle er sich vor der Sonne schützen. “Üble Geister sind unterwegs in diesen Tagen, üble Geister. Die Unsterblichen wandeln auf der Erde und sie haben nichts Gutes im Sinn. Eroberer sind sie und Vernichter. Frage nicht weiter, ich darf darauf nicht antworten. Ihre Name zu nennen, würde uns verraten.”

   “Wer sind denn diese Leute?”

   “China haben sie einst beschützt, das haben sie, aber heute wollen sie Macht und immer mehr Macht. Ich bin nur ein kleiner Schutzgeist und weiß nichts von solchen Dinge. Du kannst mich nicht fragen, ich weiß von nichts. Aber, sie werden sich nicht an diesen Ort trauen, solange wir hier sind.” Er zwinkerte. “Du kannst dich also beruhigt schlafen legen, solange wir da sind, wird dir nichts zustoßen. Die Anwesenheit der Ho verspricht Leben und Gedeihen, das mögen sie nicht. Sie werden sich dir nicht nähern, solange du im Haus bist.”

   “Aha? Und ihr werdet jetzt Wache halten?”

   “Genau. Wir leben jetzt in diesem Apfelbaum, er ist unser neues Zuhause.”

   Momo zog die Stirn kraus. “Man wird euch einfangen und in einem Zoo ausstellen, wenn ihr hier bleibt.”

    Ho kicherte wie Mickey auf Haschisch. “Nein, sie sehen uns nicht, nur du siehst uns. Du und deine Gefährten. Einen Ho sieht man nur, wenn man mit ihm rechnet, ansonsten ist er unsichtbar. Noch bist du jung und hältst uns für möglich, also erscheinen wird dir. So geht es zu in China.”

   “So, tatsächlich? Das ist wirklich merkwürdig.” Momo lächelte freundlich. “Es ist jedenfalls sehr nett von euch, mich zu beschützen. Vielleicht möchtet ihr ins Haus kommen und euch etwas aufwärmen?”

   “Das geht nicht. Wir wohnen jetzt in diesem Baum.”

   “Aber ihr tragt nur Lendenschurze.”

   “Dafür sind wir ordentlich fett, richtig?”

   “Richtig”, kam es aus elf Kehlen.

   “Fett hält warm”, sagte Ho. “Du bist wohl eher eine Bohnenstange. Du musst mehr essen, Diäten machen unschön. Willst du etwa keinen dicken Bauch?”

   Dicker Bauch? Nicht wirklich. “Nein, danke der Nachfrage. Ich esse schon, aber ich mäste mich nicht.”

   “Eine Frau muss Bug und Heck haben, damit sie gut im Wasser liegt, sagen die Chinesen. Iss mehr, dann heiratet dich ein chinesischer Edelmann.”

   “Ich überlege es mir. Möchtest du wirklich nicht mit hinein kommen?”

   “Nun”, sagte Ho. “Es ist schon ein wenig kühl. Wenn du mich als deinen persönlichen
Schutzgeist annimmst, kann ich mit hinein. Dann lebe ich in deiner Welt. Du kannst
allerdings nur einen Schutzgeist haben.”

   Momo sah die anderen an. Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen. Nun, es sei. Sie streckte Ho die offene Handfläche hin und ließ ihn aufsteigen. Sie spürte seinen
durchsichtigen Körper nicht, als er auf ihrer Haut ging, aber sie fühlte die Wärme seines Lichtes. Ho nahm Platz, unterschlug die Beine und machte ein zufriedenes Gesicht. “Das gefällt mir. Du riechst gut.”

   Momo musste grinsen. Sie verabschiedete sich von den anderen Ho und ging ins Haus zurück. Auf ihrem Zimmer hockte sie sich auf ihr Bett und betrachtete den dicken Chinesen eingehend. Er war wirklich ein kleiner Mensch, mit allem, was dazu gehörte. Seine Ohrläppchen waren auffällig groß geraten, in ihnen stecken goldene Ringe.

   “Was machen Ho so den ganzen Tag?” zeigte sie sich interessiert.

   Ho grinste breit. “Der Natur sind wir eine Zierde, das ist unsere Hauptaufgabe. Wir bringen alles zum Wachsen und umhegen Bäume und Blumen. Manchmal sprechen wir auch mit den Menschen, aber nur mit denen, die uns auch zuhören. Du hast ziemlich große Ohren für ein Mädchen.”

   Momo befingerte eines ihrer Ohren. Was war nicht in Ordnung damit? War sie hässlich? Oh Gott, sie war hässlich!

   “Große Ohren bedeuten einen einfühlsamen Charakter, darin liegt die wahre Schönheit”, schwärmte Ho. “Ich hatte mal eine Frau, die hatte ganz kleine Ohren und der musste ich alles zweimal erklären. Oh, das war nichts für schwache Nerven. Wir Naturgeister sind feinfühlige Wesen und niemand wiederholt sich gerne. Nun, ich habe sie an einen He verloren.”

   “He?”

   “Ja, so einen schlüpfrigen Wassergeist mit schrumpeliger Haut und Kiemen. Ist das vorstellbar? Würde man einen stattlichen Schutzgeist wie mich gegen jemanden eintauschen, der nach Fisch stinkt?”

   “Tja”, sagte Momo. Was sollte sie dazu sagen?

   “Wir Ho duften von Natur aus nach Jasmin, das schmeichelt die Nase und ist gesund für das Gemüt. Riechst du, was ich meine?”

   Momo roch gar nichts, doch Ho winkte sie zu sich. “Nur keine falsche Scheu. Her mit der Nase!”

   Momo schnüffelte an Ho und tatsächlich - er roch sehr angenehm. Ho unterdessen betrachtete ihre Nase von beiden Seiten und runzelte die Stirn.

   “Sie ist recht groß geraten, nicht wahr?”

   Groß? Das war ihr nie aufgefallen. War sie etwa wirklich zu groß? Riesengroß vielleicht? Oh Gott, sie war hässlich!

   “Nun, eine große Nase bedeutet einen ausgeprägten Spürsinn”, sagte Ho. “Sie ist ein Zeichen für Scharfsinn und Klugheit. Deine ist wirklich sehr hübsch.”

   “Hübsch?” fragte sie zaghaft.

   “Ja, hübsch groß. Jetzt musste du nur noch dick werden, dann heiratet dich ein chinesischer Edelmann.”

   “Oh.” Momo zupfte an ihren beiden dicken, roten Zöpfen. “Ich dachte, Chinesen mögen zierliche Damen.”

   “Ach was, zierlich. Nein, die wollen ordentlich was zu anfassen, am liebsten ein Walross. Etwas zum Knuddeln und Kuscheln.”

   “So?”

   Momo war nicht überzeugt, aber sie beließ es dabei. Sie setzte Ho auf der Decke ab und ging zum Schreibtisch. In einer der Schubladen fand sie die alte Handytasche, die man um den Hals tragen konnte. Sie benutzte sie nie, aber jetzt wusste sie, wozu sie gut sein würde. Ho konnte in ihr schlafen, falls Geister überhaupt schlafen mussten. Und sie konnte ihn um den Hals tragen. Sie zeigte ihm die Tasche und Ho grinste wie der Sonnenkönig.

   “Du willst mich um deinen Hals tragen?” Das Grinsen wurde noch breiter. “Unter deinem
Pullover? Das gefällt mir.”

   Momo nickte den Kopf seitlich ein und warf ihm einen schmalen Blick zu. “Unter meinem Pullover wirst du dich benehmen, mein kleiner Schutzgeist. Du wirst nichts anfasse und wenn ich merke, dass du dich nicht benimmst, hänge ich dich an einen Laternenpfahl und vergessen dich abzuholen. War das deutlich?”

   “Überaus deutlich.” Er hörte nicht auf zu grinsen. “Ich benehme mich, dafür ist mir immer kuschelig warm zwischen… zwischen Hemd und Pullover.”

   “Lass dir ja nichts einfallen!”

   “Nicht doch.”

   Momo atmete hörbar aus. “Also gut. Ich beschütze dich und du beschützt mich. Damit haben wir einen Deal.” Ob sie ihm die Hand schütteln konnte? Besser nicht. “Ich lege mich jetzt schlafen und du gehst bitte in die Tasche. Müssen Geister schlafen?”

   “Nein, aber ich träume gerne.”

   Ho hüpfte von der Decke, schwamm durch die Luft und landete vor den Tasche. Sie passte perfekt, im Nu steckte er drinnen und nur sein Kopf schaute heraus. Er lächelte selig. Es gefiel ihm.

   Momo legte ihn auf den Nachttisch und löschte das Licht. Hos blauer Schein tauchte alles in ein sanftes Licht. Momo schloss die Augen und schlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein. Irgendwie hatte sie es immer gewusst. Die Welt steckte voller Wunder.

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Andastra - Teil 5

Freya, Momo und Patricia waren mit dem Fahrrad da, Tom musste zu Fuß gehen. Er hasste Fahrräder, was vor allem an seiner Leibesfülle lag. Nicht dick war er, aber ein wenig pummelig. Er kam schnell aus der Puste und hätte ohnehin nicht mit den Mädchen mithalten können.

   “Ich nehme die Bahn”, sagte er und winkte den dreien, während sie über den Bürgersteig um die Ecke fuhren. Nachdem sie verschwunden waren, drehte er sich um und ging die 200 Meter zur Bahnstation. Noch immer war er verärgert über jenes Missverständnis. Durch seine unbedachte Ausdrucksweise hatte er den Eindruck erweckt, Freya immer noch anziehend zu finden. Natürlich fand er sie anziehend, so wie beinahe jeder andere Junge auf der Schule, aber er wollte bestimmt nichts mehr von ihr. Wahrscheinlich hatte ihn allein Patricia falsch verstanden und nicht Freya. Pattie verstand ihn immer falsch.

   Merkwürdig, dass sich seine Gedanken ausgerechnet um dieses Thema drehten, wo die jüngsten Ereignisse doch viel wichtiger sein sollten. Was in aller Welt ging hier vor sich? Tom hatte nicht die geringste Ahnung, aber es war schon irgendwie unheimlich. Nun, es gab sicher für alles eine einleuchtende Erklärung, man durfte sich nicht in die Irre führen lassen. Am Besten, man entwickelte keine verrückten Theorien, bevor die Fakten geklärt waren.

   Die Bahn kam pünktlich und Tom hatte keine Probleme, einen Platz zu finden. Der Waggon war leer, er hatte ihn ganz für sich. Kurz bevor sich die Türen schlossen, stieg doch noch jemand ein. Tom liefen die Augen über. Wer war das denn? Eine nordische Schönheit stieg die Stufen hinauf. Die Frau war vielleicht Mitte 20 und ungeheuer stark gebaut. Breite Schulter und kräftige Beine. Tom konnte den Blick nicht abwenden, mal wieder typisch für ihn, dachte
er.

   Die Frau zog ein Ticket und sah sich nach einem Sitzplatz um. Auswahl gab es genug, doch sie kam genau auf Tom zu. Der Sechzehnjährige senkte den Blick und beschäftigte sich mit seinen Fingernägeln. Himmel, eine solch schöne Frau hatte er überhaupt noch nie gesehen. Von einem Augenblick auf den anderen wusste er, welchen Typ Frau er am meisten mochte.

   Sie ging an ihm vorüber und hinterließ einen unglaublichen Geruch. Tom  sog die Luft ein, aber das möglichst leise. Sie hatte seine Reaktion wohl nicht bemerkt, dachte, als sie an ihm vorüberging. Gerade, als er dies dachte, hielt sie inne, kam zurück und setzte sich auf den gegenüber liegenden Platz. Himmel, was sollte das den nun? Diese Nähe war Tom plötzlich unangenehm, er fühlte sich verlegen. War der Waggon nicht leer, musste sie sich ausgerechnet hierhin setzen? Tom schluckte einen Riesenbrocken hinunter.

   “Hallo”, sagte sie.

   “Hallo”, antwortete er. Seine Stimme war hoch du dünn. Oh Gott, sie hatte ihn angesprochen.

   “Wohnst du in dieser Stadt?” fragte sie.

   “Ja.”

   “Dann kennst du sicher die Maximilian Kolbe Schule?”

   Tom räusperte sich. “Ja, auf die gehe ich. Ich meine, ich gehe auf diese Schule.”

   Die Frau runzelte die Stirn. “Sprichst du mit meinem Knien?”

   “Was? Oh.” Tom hob den Blick. Was für ein wunderschönes Gesicht sie hatte. “Entschuldigung”, nuschelte er.

   Sie reichte ihm die Hand, er ergriff sie. Oh Gott, sie hatte ihn angefasst.

   “Ich bin nicht aus dieser Stadt und ich suche ein paar Kinder von dieser Schule. Du kannst mir sicher weiterhelfen. Mein Name ist übrigens Andastra, wie ist deiner?”

   “Andastra, wow. Ich meine, das ist ein schöner Name. Ich heiße Tom.”

   “Tom, aha.” Sie lächelte und Tom lief rot an. Als sie dies sah, wurde ihr Lächeln noch breiter. “Ich stamme aus dem skandinavischen Raum, deshalb der ungewöhnliche Name. Es ist übrigens ein merkwürdiger Zufall, dass du Tom heißt, denn eines der Kinder, die ich suche, heißt ebenso Tom. Vielleicht bist du es?”

   “Ich weiß nicht.” Tom hatte Probleme, einen klaren Gedanken zu fassen. “Ich meine, es gibt, glaube ich, keinen anderen Tom bei uns.”

   Gerade hatte er es ausgesprochen, da schalt er sich für seine Dummheit. Wie konnte er dieser Frau nur seine Identität offen legen? Wer weiß, was sie von ihm wollte? Hinter der erhabenen Schönheit konnte sich sonst wer verstecken. Oh Gott, jetzt sah sie ihm geradewegs in die Augen. Tom war wie hypnotisiert. Durfte sie das überhaupt, immerhin war er erst sechzehn.

   “Du hast schöne Augen, Tom. Ja, ich glaube, du bist genau der Junge, nach dem ich suche. Du hast drei Freundinnen, ist es nicht so?”

   Tom nahm sich vor, keine Auskünfte mehr zu erteilen, doch da öffnete sich sein Mund wie von selbst: “Ja. Drei, ganz genau.”

   “Wie heißen die jungen Damen?”

   “Freya, Momo und Patricia.”

   Sie lächelte gewiss. “Nun, ich habe mich nicht getäuscht, du bist es tatsächlich. Du musst wissen, ich habe eine lange Reise auf mich genommen, um einem von euch zu begegnen und sieh her - da sitzen wir beide und in der Bahn gegenüber. Ist das nicht ulkig?”

   “Was möchten Sie denn von uns?”

   “Oh, das besprechen wir dann. Ich finde, deine Freundinnen sollten auch anwesend sein, es geht ja euch alle an. Verrätst du mit etwas über die anderen drei? Irgendetwas?”

   Tom war eindeutig dagegen, etwas über seine Freund zu verraten, doch dem Klang ihrer Stimme musste er aus irgendeinem Grund folgen. Er war nicht in der Lage, sich gegen sie zu wehren. Wieder öffnete sich sein Mund: “Freya ist die Klügste unter uns, sie wird ein erstklassiges Abitur machen. Eigentlich verbringt sie dieses Jahr auf einer amerikanischen High School, aber ihr Freund ist verstorben und da hat sie zwei Tage frei bekommen. Ja, jetzt ist sie also hier im Lande.”

   “Das ist sehr interessant. Was ist mit den anderen?”

   “Momo ist unser Sprachgenie, sie ist die Beste in Deutsch. Sie schreibt Gedichte und will später mal schreiben. Sie veröffentlicht im Internet und ist eine ganz Liebe. Ja, Momo, das ist sie.”

   “Gut.” Andastra hielt ihn mit ihrem Blick gefangen. “Es müssen aber vier sein, alle zusammen.”

   “Ja, da ist noch Patricia, das Matheass. Sie ist eine gute Freundin, sehr verlässlich. Nur, dass sie immer etwas distanziert ist, sie lässt keinen an sich ran. Ich mag sie, obwohl wir uns meistens streiten. Sie versteht mich nicht.”

   “So?” Sie machte einen Schmollmund und Tom hatte das Gefühl, er müsse sterben. “Das ist schade für dich. Vielleicht hilft ja ein ausführliches Gespräch?”

   “Nein, wir sprechen nicht dieselbe Sprache. Genau Genommen stammen wir nicht einmal vom selben Planeten.”

   Andastra lächelte. Oh, mein Gott, dachte Tom. Vielleicht wollte er sich doch niemals verlieben. Das machte einen ja wahnsinnig.

   “Wo genau finde ich deine Freundinnen, wenn sie nicht gerade zur Schule gehen?”

   Das ging entschieden zu weit. Er konnte nicht einfach ihre Privatadressen preis geben, das ging nun wirklich nicht. Nein, das würde er nicht verraten. Andastra erkannte seinen Widerstand und lächelte eine volle Breitseite auf ihn ab. Sie lächelte ihn schwindelig, sie lächelte ihn weich und dann butterweich. Sie lächelte ihn halb um den Verstand und er hört ein merkwürdiges Rauschen in seinen Ohren. Wohl wusste er, wie eine Frau auf einen Teenager wirken konnte, aber das Wissen darum half ihm kein bisschen. Die armen Jungs, sagten die Mädchen immer. Sie hatten wohl Recht, zumindest was ihn anging.

   Tom wollte darauf nicht antworten, es gehörte sich einfach nicht. In Gedanken rief er sich zur Disziplin. Nein, er würde dieser Frau nicht antworten, auch wenn er für den Rest seines Lebens von ihr träumen müsste. Eigentlich musste es ein Gesetz gegen so etwas geben, dachte er. Wie kam sie dazu, ihm so etwas anzutun? Konnte man sehen, dass er noch Jungfrau war?

   “Ich kann die Adresse nicht rausgeben”, sagte er. “Die Anderen würden das nicht wollen.”

   “Oh, das ist aber schade”, sagte sie. “Ich würde sie so gerne noch heute besuchen, weißt du?”

   Der pummelige Junge begann zu schwitzen. Ihm war nicht wohl in dieser Situation, er fühlte sich wehrlos. Am Liebsten wäre er aufgesprungen und wie ein Neunjähriger davongelaufen. Warum tat er es nicht? Irgendetwas hinderte ihn. Andastra erkannte seinen Zustand und versetzte ihm Gnadenstoß. Ihre Hand landete auf seinem Oberschenkel.

   “Du würdest mir einen wirklich großen Gefallen tun”, sagte sie.

   Tom ließ alle Hoffnung fahren. Er war ihr nicht gewachsen, also gab er auf. Wieder öffnete sich sein Mund und er verriet alle drei Adressen. Auswendig kannte er sie und gab alles preis. Während er sprach, empfand er, ungerecht behandelt zu werden. Diese Frau war Mitte 20 und sah aus wie eine jener Damen, die für die meisten Männer unerreichbar blieben und er war eine pummelige Jungfrau, die ohne bestimmte Magazine nicht wüsste, wie Frauen unter ihren Klamotten aussahen. Das war wirklich unfair.

   Andastra zog ihre Hand zurück und überschlug die Beine. Gleichzeitig lehnte sie sich um eine Winzigkeit zurück und lächelte zufrieden. Sie hatte sich nicht verausgaben müssen, der Kleine war ein Witz. Nun also war es soweit. All die Jahrhunderte hindurch hatten sie vergeblich gesucht, doch nun endete alles. Das letzte Kapitel hatte begonnen.

   Die Bahn hielt und es war Toms Haltestelle. Als er sich erhob, stand auch sie auf und für einen Augenblick berührten sie sich. Tom war nun vollkommen verwirrt und entschuldigte sich, obwohl es ihre Schuld war. Sie ließ ihm den Vortritt und folgte ihm. Das wunderte Tom. Wollte sie wirklich einem der Mädchen einen Besuch abstatten, dann war dies nicht die richtige Haltestelle. Er wollte etwas sagen, doch dann beherrschte er sich. Sie sollte sehen, wie sie in einer fremden Stadt zurecht kam, er hatte ihr wirklich genug geholfen. Tom schämte sich, seine Freunde hintergangen zu haben.

   Er erreichte die offene Tür als Erster und stieg die Stufen hinab. Andastra sah ihm zu, blieb selbst aber oben stehen.

   “Tom?”

   Er drehte sich um.

   “Danke für deine Hilfe und guten Flug.”

   Tom nickte und ging weiter. Er ging den letzten Schritt und trat auf den Bürgersteig. Nun stand er im Freien. Etwas Massiges und ungeheuer Starkes schlug in seine Seite und ließ ihn taumeln. Einen, zwei, drei Schritte stolperte er seitwärts und rang um sein Gleichgewicht. Er blickte in die Richtung, aus der ihn dieser Schlag ereilte, aber da war nichts. Es dauerte eine Sekunde, bis er begriff, dass es der Wind war, der ihn vor sich hertrieb.

   Tom schrie auf, denn die Bö griff mit einer solchen Wucht nach ihm, dass er umgeworfen wurde und durch den Schneematsch über den Bürgersteig geschoben wurde. Er strampelte mit den Armen, bekam aber nichts zu fassen. Schnurgerade rutschte er auf eine viel befahrene Kreuzung zu. Nur noch wenige Meter und er würde vor ein Auto schlittern. In letzten Augenblick entdeckte er ein Verkehrsschild. Er streckte beide Hände aus und packte zu. Der Wind schob ihn weiter, doch er hielt sich fest. Das Metall war glitschig durch das gefrorene Eis, doch er ließ nicht locker. Der Wind riss an ihm und kniff in seine Augen.

   Tom ließ nicht los, doch da verstärkte sich der Wind und etwas Unglaubliches geschah. Für einen Augenblick wurde die Bö so stark, dass er vom Boden abhob. Nun, da er in der Luft hing, vermochte er nicht mehr, sich festzuhalten. Als ihm der Pfahl entglitt, flog er drei Meter weit und schlug hart mit dem Bauch auf. Er rutschte weiter und hüpfte über den Bordstein auf die Straße. Tom kam in den fließenden Verkehr, die Fahrer hupten wütend und stiegen in die Bremsen. Wie durch ein Wunder erreichte er wohlbehalten die andere Straßenseite. Dort prallte er seitlich gegen den Bordstein und holperte hinüber. Wieder schrie er, mehr wegen des Schreckens als aus Schmerzen. Während er weiterrutschte, überschlug er sich mehrfach seitlich, dann schließlich endete er auf dem Rücken und schlitterte mit den Füßen voran weiter.

   Vor ihm löste sich ein metallener Mülleimer aus seiner Halterung und holperte über den Bürgersteig. Offenbar wehte dieser Wind nur auf seiner Seite des Bürgersteigs und nur in seiner unmittelbaren Umgebung. Nur es schien betroffen zu sein und verschiedene Objekte in seiner Nähe. Alle möglichen Dinge wurden aufgewirbelt und mitgerissen. Getränkedosen flogen Tom um die Ohren, Radkappen lösten sich und rollten wie tödliche Geschosse an ihm vorbei. Ein Fahrrad überschlug sich in der Luft und schlug in die Windschutzscheibe eines Wagens. Der Rahmen blieb zitternd stecken. Tom rutschte weiter und weiter, bis er zur nächsten Kreuzung gelangte. Was er dort sah, verschlug ihm den Atem. Das würde er nicht überleben. Er schrie hell auf und schloss die Augen. Das war es dann, mit sechzehn schon sollte er sterben.

  Was er mit geschlossenen Augen nicht mitbekam war, dass er auf die Straße rutschte, unter einem Sattelschlepper hindurch fegte und wohlbehalten auf der anderen Seite hervorkam, obwohl der Schlepper zügig weiterfuhr. Der Fahrer bemerkte nichts von alledem, er fuhr beruhigt weiter. Tom derweil schrie und schrie, bis er wiederum schmerzhaft auf den nächsten Bordstein stieß. Himmel, er lebte noch, sonst würde es jetzt nicht so weh tun. Er öffnete die Augen und sah den Weihnachtsmann. Er grinste blöde und winkte mit einem losen Arm. Die mannshohe Plastikpuppe war schneller als er, also überflog sie ihn und war bald weit voraus.

   “Oh, mein Gott”, schrie Tom. “Der Weihnachtsmann!”

   Er warf einen Blick zwischen seine Beine nach vorne und erstarrte. Hinter der folgenden Straße kam keine weitere mehr. Er würde gegen eines dieser riesigen Schaufenster prallen und sich sämtliche Knochen brechen. Verzweifelt sah er nach einer Möglichkeit, um sich festzuhalten, doch da gab es nichts mehr. Nur der glatte Bürgersteig, die leere Straße und das Haus, auf welchem er aufschlagen würde. Nichts konnte er gegen sein nahendes Ende unternehmen. Tom rutschte vom Bordstein, flog einen Meter, schlug mit dem Rücken auf der Straße auf, rutschte weiter, prallte gegen den anderen Bordstein, hüpfte und flog wieder durch die Luft. Dann sah er, wie das Schaufenster auf ihn zuraste.

  Der metallene Mülleimer traf vor ihm auf und durchschlug das Fenster. Tom flog durch einen Regen aus Glassplittern. Die Bö trieb ihn in den Ausstellungsraum, dann schlug er auf etwas Weichem auf, rollte um die eigene Achse und blieb liegen. Plötzlich wurde alles still um ihn herum. Der Wind gelangte nicht in das Warenhaus. Tom hob den Kopf und las ein Schild: Matratzen und bis zu 75% reduziert.

   Er traute seinen Augen nicht. So viel Glück konnte einer alleine doch gar nicht haben. Und dann auch noch reduziert. Tom rappelte sich auf und sah um sich. Ihm war schwindelig, er rieb sich mit dem Handrücken über die Augen. Als er wieder klar sehen konnte, wanderte sein Blick zum Loch in der Scheibe. Es war nicht sehr groß, er hatte gerade hindurch gepasst.

   “Wow”, kam es aus Tom.

   Er stand von dem Matzratzenstapel auf und stand auf wackeligen Beinen. Sein erster Gedanke galt seinen Freundinnen. Er musste sie unbedingt warnen. Andastra war auf dem Weg zu ihnen.

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Amyrthil - Teil 4

Trotz dieser Vorkommnisse trafen sich die vier Freunde eine halbe Stunde darauf
vor Patricias neu entdecktem Club. Das Blue Dream war eine ehemalige Tanzbar, die in einen Club umfunktioniert worden war. Spektakulärer Blickfang war eine Panoramawand aus Panzerglas, hinter der Regenbogenforellen schwammen. Auf dem Boden des Aquariums liefen rote Krabben und schnappten mit den Scheren. Im Hintergrund lief chillige Musik, synthetischer Pop zu einer geschmeidigen Frauenstimme. Zwei Klimaanlagen sorgten für ganz besonders saubere Luft und ein Hauch Lavendel schmeichelte die Nase.

   Freya und ihre drei Freunde saßen um einen gläsernen Tisch mit Fischmotiven und schnuppten an ihren Longdrinks. Am frühen Abend waren die Drinks noch bezahlbar, zu fortgeschrittener Stunde stiegen die Preise. Lounge- und Clubpreise nannten sie das hier. Im Augenblick zählten Loungepreise, was das Jungvolk anzog. Jeder im Club war zwischen 16 und 21, Schüler und Studenten. Freya war zum ersten Mal hier, sie genoss die lockere Atmosphäre. Die Bedienung trug uni blaue Anzüge mit korallengrünen Schlipsen.

   Momo hatte ihr liebstes Spielzeug mit sich, ihr Handy natürlich. Auf dem Bildschirm las sie Fragen ab, die Freya beantwortete. Momo hatte sich in den Kopf gesetzt, Freyas elementare Strömung zu ermitteln. War sie eine Feuerfrau? Nein wahrscheinlich eher nicht, zumindest nicht in diesen Tagen. Vielleicht eine Wasserbraut? Wasserwesen waren gefühlsbetont und kreativ. Sie konnten sich gut in andere Menschen einfühlen und an den Grund ihrer Seele sehen, stand dort. Andererseits waren sie unberechenbar und wechselhaft. Das würde schon auf Freya passen, aber Momo glaubte nicht so recht daran.

   Erde passte eher zu Patricia, Erde sprach für Bodenständigkeit und Stärke. Solche Menschen waren Realisten, sie erlebten die Welt der Sinne und glaubten nicht an das Spirituelle. Ja, das traf genau zu. Patricia glaubte nur an das, was sie sah. Außerdem war sie verlässlich und fest im Boden verankert. Nichts würde sie jemals umwerfen, so zumindest schien es. Wahrscheinlich was sie die stärkste von ihnen allen hier am Tisch.

   Feuer traf unbedingt auf Tom zu. Er war wirklich sehr leicht entflammbar und konnte sich wie ein kleiner Junge begeistern. Auch leidenschaftlich und immer ganz bei der Sache war er. Aber auch sprung- und wechselhaft und wenn eine Aufgabe ihn langweilte oder zu lange beanspruchte, verbrauchte sich seine Begeisterung schnell und er ließ von ihr ab. Das waren für gewöhnlich die Momente, in denen er sich mit Patricia stritt, die nämlich nie aufgab.

   Nun also, was war Freya für ein Elementwesen? Momo stellte weiter ihre Fragen, Freya beantwortete sie und Momo tippte eifrig auf die Tasten. Am Ende gab sie den Lösungsbefehl ein und wartete. Nach einem kurzen Augenblick erschien das Ergebnis: Luft.

   “Also”, sagte Momo. “Luftmenschen sind freiheitsliebend. Die haben vielseitige Interessen und einen scharfen Verstand. Hier steht, du bist aufgeschlossen, tolerant und kontaktfreudig. Stimmt sogar. Luftwesen sind Denker, sie erfassen die Wirklichkeit mit dem Verstand. Immerzu willst du dein Wissen mehren, um innerlich zu wachsen. Immer bereit, etwas Neues zu erfahren, stellst du dich jeder Herausforderung. Du liebst Herausforderungen und versuchst selbst das Unmögliche.”

   “Aha.” Freya sog am Strohhalm. “Sonst noch was?”

   “Yup, deine Lieblingsfarbe ist blau.”

   “Stimmt.”

   “Dein Lieblingstier ist ein Vogel.”

   “Adler.”

   “Du magst ruhige und spaceige Musik.”

   “Meistens.”

   Momo scrollte weiter. “Oh, ja. Luftmenschen verschaffen sich mit ihrer klaren und vorurteilsfreien Denkweise schnell den Überblick und sprühen vor Ideen. Sie sind immer für Überraschungen gut. Mit ihnen wird es nie langweilig.”

   “Das stimmt, so ist sie”, sagte Tom.

   Patricia nickt, obwohl sie nichts auf diesen Unsinn gab. Reine Zufallstreffer, dachte sie.

   “Also, das waren deine Stärken und hier kommen die Schwächen”, fuhr Momo fort. “Gefühle, die dir unlogisch erscheinen, verunsichern dich. Du kannst dich auf feste Beziehungen einlassen, aber du brauchst auch immer die Freiheit. Wenn dich jemand liebt, muss er auch deine Freiheit respektieren. Du bist niemandes Eigentum. Das ist eine Stärke, aber gleichzeitig eine Schwäche, denn du gibst dich nie ganz hin.”

   “Stimmt das?” Tom war erstaunt.

   Freya schüttelte den Kopf. Sie konnte sich definitiv voll und ganz hingeben. Oder doch nicht? Gab es noch mehr, was sie jemandem geben konnte? Im Augenblick war sie sich nicht ganz sicher und sie wollte jetzt lieber nicht darüber nachdenken. Diese Gedanken würden sie nur verletzen.

   “Das war alles?” fragte sie stattdessen.

   “Dein dir verwandter Geist ist die Sylphe. Du bist Sylphide. Weiß jemand, was das bedeutet?”

   Tom wusste es, die Leseratte: “Sylphide heißt, sie ist mädchenhaft und zierlich. Sylvani sind Naturgeister, die so leicht sind, dass sie schweben können. Sie sind wunderschön und anmutig. Ich finde das passt ganz gut zu Freya, sie ist auch anmutig. Sie hat so etwas elfenhaftes an sich.”

   “Himmel, Tom”, ging Patricia dazwischen. “Wann besorgst du dir endlich eine Freundin?”

   Tom lief rot an. Mensch, so hatte er es nun auch wieder nicht gemeint. Was er sagte, war nichts als die Wahrheit, warum verstanden ihn die Leute nicht? Vor allem, warum verstanden Mädchen ihn nicht? Sprach er Chinesisch?

   Eine etwa sechzehnjährige Chinesin betrat den Raum und sah mit forschendem Blick durch den Raum. Sie trug weiße und schwarze Kleidung und darüber einen Lederrock, der in knielange Lammelen unterteilt war und durch ein Band zusammengehalten wurden. Darüber trug sie eine aufgeplusterte Jacke. Ihr Blick wanderte langsam durch den Club und fand schließlich den Tisch, an dem die vier Freunde saßen. Mit langsamen Schritten kam sie näher. Sie nahm sich die Zeit, die Gesichter zu mustern. Europäer sahen fast alle gleich aus, das erschwerte die Sache ein wenig. Außerdem waren es gleich drei Mädchen, welche also war die richtige? Die Chinesin verließ sich ganz auf ihr Gefühl und fand, es müsse der Blondschopf sein. Sie hatte die passenden Augen. Genau so musste sie aussehen. Noch wusste das Mädchen nichts davon, aber sie selbst hatte einen Chinesen im Stammbaum.

   “Mein Name ist Amyrthil”, sprach die Chinesin, als sie wie aus dem Nichts am Tisch auftauchte.

   “Wow”, entschlüpfte es Tom. “Was für ein Name. Klingt nicht japanisch.”

   “Chinesisch”, sagte Amyrthil, lächelte und verbeugte sich. “Ich komme, um dir ein Geschenk zu überreichen. Wie ist dein Name?”

   “Meiner? Mein Name ist Freya. Freya Arntardt.”

   “Freya”, wiederholte die Chinesin. “Dein Name ist dir gerecht. Freya, ich bitte dich höflichst, diese Geschenk anzunehmen.” Sie zog ein längliches Objekt aus der Tasche, welches in ein grünes Seidentuch gehüllt war. “Es handelt sich um einen wertvollen Schatz, den zu geben, ein ehrenwerter Meister dir bereit ist. Sein Name ist Guo Tao, die kraftvolle Welle. Mit diesem Geschenk überbringt er dir folgende Botschaft: Du bist das Zhishi, der Wind im Morgengrauen. Mit dir erhebt sich eine neue Sonne und dir wird Macht zuteil. Du wirst herrschen oder nicht herrschen.” Sie legte eine kleine Pause ein. “Um über alles Weitere zu sprechen lädt dich mein Meister zu sich in seinen Palast ein. Es steht ein Flugzeug bereit, welches dich nach China zu ihm bringt. Er ersucht ehrerbietig um deine Gegenwart.”

   Freya war perplex.

   “Ich habe nicht richtig verstanden”, sagte sie. “Aus welchem Grund soll ich nach China reisen? Und warum ausgerechnet jetzt?”

   Amyrthil lächelte. “Wer nicht um die ganze Tiefe weiß, verrechnet sich und trifft die falsche Entscheidung. Mein Meister wird dich ganz oder gar nicht in informieren. Dies ist seine Entscheidung, ich bin seine Dienerin.”

   “Ich kann nicht nach China.” Freya sah sie aus runden Augen an. “Ich absolviere gerade mein High School Jahr in den Staaten, das will ich mir nicht entgehen lassen. Geht nicht, das gibt einen Riesenhaufen Ärger für mich.”

   “Ärger ist kein Ausdruck für das, was uns alle erwartet, wenn du nicht die richtige Entscheidung triffst”, erwiderte Amyrthil.

   “Was für eine Entscheidung?”

   “Du wirst handeln oder nicht handeln, eine andere Entscheidung existiert nicht. Handelst du nicht, wird die Welt über dich kommen, handelst du, ist es umgekehrt. Was du mit deiner Macht vollbringst, liegt ganz an dir.”

   Freya lächelte schief. “Welche Macht? Ich bin ein Schulmädchen, ich besitze keine Macht.”

   Amyrthil öffnete die Hände zu einer merkwürdigen Geste, als würde sie einen Ball halten. “Deine Macht liegt außerhalb deiner Wahrnehmung, denn du hast nicht gelernt, chinesisch zu denken. Selbst die heutigen Chinesen denken nicht mehr so, aber nichts gerät jemals in Vergessenheit. Du bist der Spross einer langen Reihe weiser Menschen. Du bist das Ende der Blume, die ihre Knospe zu öffnen vermag, wenn sie den richtigen Gärtner findet. Mein Meister ist der richtige Gärtner.”

   “So? Was bedeutet Zhishi?” fragte Freya.

   “Dir wird Wissen zuteil, wenn du die richtige Entscheidung triffst. Das Flugzeug ist zu jeder Zeit bereit für dich. Zu jeder Stunde wartet ein Pilot auf dein Eintreffen. Es ist die Halle sieben, wenn du kommen solltest. Der Flug nimmt nicht lange in Anspruch, du wirst sehr komfortabel reisen. Danach triffst du auf dem Privatflugplatz meines Meisters ein und möchtest dich in seinen Palast begeben. Dort findest du ihn - Guo Tao.”

   “Kraftvolle Welle”, wiederholte Freya. “Hat er mir ein Angebot zu machen?”

   “Ja, ein Angebot. Das wichtigste Angebot deines Lebens. Er wird dich erleuchten, auf eine Weise, die du noch nicht richtig begreifen kannst.”

   “Erleuchten.” Freya atmete tief ein und aus. “Wie lange wird das dauern?”

   “Es dauert, solange es dauert”, entgegnete die Chinesin. “Wenn du bereit bist, geht es schnell, wenn du nicht bereit bist, dauert es lange. Niemand weiß wie lange. Alles dauert seine Zeit, der Wille ist dem unterworfen. Ungeduld ist nutzlos.”

   “Ich bin nicht ungeduldig”, sagte Freya. “Es wäre nur gut zu wissen, wie lange ich beschäftigt sein würde, denn ich habe noch andere Verpflichtungen. Mein Abschluss, verstehst du? Das ist sehr wichtig für mich.”

   Amyrthil nickte. “Ich verstehe. Leider kann ich keine konkrete Aussage treffen, da es allein an dir liegt. Wenn du aber die richtige Entscheidung triffst, wirst du erkennen, dass dein Abschluss nicht mehr das Wichtigste in deinem Leben darstellt.”

   Freya wusste nicht, was sie denken sollte. Sie brauchte Zeit, um ihre Gedanken zu ordnen.

   “Ich lasse es mir durch den Kopf gehen. Halle sieben also?”

   Die Chinesin nickte.

   “Was ist das?” fragte Freya und zeigte auf das Geschenk.

   Amyrthil lächelte. “Es ist verborgen.”

   Freya nahm die Rolle auf und wickelte sie aus der Seide. Es war eine ganze Menge Seide, ein langes Halstuch. Schließlich kam eine Phiole zum Vorschein. Freya hielt sie gegen das Licht und blickte angestrengt hinein.

   “Sie ist leer.”

   “Nichts in dieser Welt ist leer”, sagte Amyrthil. “Darin befindet sich Luft von den Berggipfeln Tibets. Luft mit dem Öl der Feige versetzt zu deinem Wohlgeschmack. Verwende die Phiole nur, wenn es nötig ist. Sie ist ein Geschenk meines Meisters und somit sehr wertvoll.”

   “Luft”, sagte Tom. “Na, das passt doch.”

   Amyrthil verbeugte sich. “Ich verabschiede mich und warte beim Flugzeug. Auf Wiedersehen.” Mit diesen Worten wandte sie sich ab und durchquerte die Lounge. Nach wenigen Augenblicken war sie durch den Ausgang verschwunden.

   “Was war das denn für Eine?” fragte Tom.

   “Ich glaube nicht, dass sie aus China stammt. Da war kein Akzent zu hören, sie ist hier aufgewachsen”, gab Patricia zu bedenken.

   “Das bedeutet nicht, sie hätte gelogen”, entgegnete Tom.

   “Hat ja auch keiner behauptet.” Tom nervte Patricia. Konnte er sie nie richtig verstehen? “Ich meine nur, diese ganze Geschichte kommt mir seltsam erfunden vor. Vielleicht ist sie auf der Suche nach einem Geschenk für ihren mysteriösen Meister. Menschenhandel muss ja nicht immer in dieselbe Richtung gehen. Ich wette, es gibt Chinesen, die auf junge Europäerinnen stehen.”

   “Hach, du siehst wieder alles negativ”, sagte Tom.

   “Ach ja? Wie siehst du es denn?”

   Tom zuckte die Schultern. “Für mich klingt es nach einem Abenteuer. Stell dir vor, jemand bezahlt, um sie nach China zu kutschieren, ist doch großartig. Was spricht dagegen?”

   “Ein alter Fettsack, der sie begrapschen will, das spricht dagegen.”

   “Ach, immer siehst du alles von der schlechtesten Seite. Vielleicht ist ja was dran und Freya hat ein verborgenes Talent.”

   Patricia schüttelte den Kopf. “Ja, sie ist Klassenbeste und wird ein astreines Abitur machen. Reicht das nicht? Ich meine, das klang ja, als hätte sie irgendwelche magischen
Fähigkeiten, das ist doch lächerlich. Du wirst doch nicht darauf hereinfallen?”

   Freya wusste noch nicht, was sie davon halten sollte. In letzter Zeit tauchten eine Menge fremder Menschen in ihrem Leben auf. Morgen hatte sie eine Verabredung mit diesem Alexander und auch der wollte ihr ein Geheimnis enthüllen. Ob die beiden für denselben Meister eintraten? Alexander machte nicht den Eindruck, in jemandes Auftrag zu handeln, doch sicher sein konnte sie nicht. Was geschah mit ihr?

   Momo hatte nicht an dem Gespräch teilgenommen, weil sie mit ihrem Handy beschäftigt war.

   “Hey, ich habe Zhishi gegoogelt, aber ich weiß nicht, ob das auch das Richtige ist. Hier steht…”

   “Lass hören.” Tom war Feuer und Flamme.

   “Also, hier steht, es handelt sich um bittere Orange. Nein, das ist es wohl nicht.” Sie scrollte. “Ah, hier ist ein Wörterbuch.” Sie öffnete die Seite und gab das Wort ein. “Nix, das Buch kennt diesen Begriff nicht.”

   Patricia hatte es doch gewusst: “Die will dich verarschen. Du sollst nach China entführt werden, dass ist auch schon alles. Ihr Meister ist wahrscheinlich ein alter Geldsack, der seine Huren nicht mehr sehen kann.”

   “Oder es ist der Beginn eines fantastischen Abenteuers”, sagte Tom.

   Patricia warf ihm einen schmalen Blick zu. “Wie kommst du darauf, dass Freya dich daran
teilhaben lassen würde?”

   “Klar würde sie das. Würdest du doch, oder?”

   Freya seufzte. “Ich werde mich jetzt nicht dazu äußern. Falls ich auf diese Reise gehen sollte, würde ich euch gerne alle mitnehmen. Wolltet ihr mich denn begleiten, wenn ich euch darum bitte?”

   “Klar”, sagte Tom überflüssigerweise. “Klar, sofort.”

   Freya Blick glitt zu Momo.

   Momo sah nachdenklich aus. Nach einer Weile meinte sie: “Ich sehe zwar nicht, was das
alles bringen soll, aber wenn du mich fragst, dann begleite ich dich natürlich.”

   “Ihr seid doch alle verrückt”, kam es aus Patricia. “Wollt euch auf eine solch undurchsichtige Sache einlassen? Euch geht’s wohl nicht gut.”

   Nach diesen Worten trat Stille ein. Drei Augenpaare musterten Patricia.

   “Was?” fragte sie. “Was schaut ihr mich so an? Wollt ihr wissen, ob ich euch auf dieser bekloppten Reise begleiten würde?” Sie dachte für einen Augenblick nach. “Eigentlich bin ich ja nicht verrückt, wie bestimmte andere Personen an diesem Tisch, aber da Freya mich ausdrücklich bittet… Na, also gut. Wenn sie mich bittet, was sie noch nicht ausdrücklich getan hat, dann gehe ich auch mit. Aber nur unter dem Vorbehalt, dass sich jeder hier daran erinnert, dass es nicht meine Idee war. Wir kommen bestimmt in Schwierigkeiten.”

   “Toll”, sagte Tom. “Uns bringt niemand auseinander, soviel steht mal fest.”

   “Wir würden es bereuen. Besser wir bleiben hier”, meinte Patricia.

   Freya lächelte dankbar. Sie hatte wirklich die besten Freunde. Smiley, Smiley, Smiley. Freya nahm ihren Longdrink hoch und saugte am Strohhalm. Dabei richtete sie den Blick in die Lounge und sofort beunruhigte sie etwas. Es handelte sich mehr um ein unbestimmtes Gefühl als eine sichere Erkenntnis. Ihr war, als passe irgendetwas nicht ins Bild, als hätte sich etwas verändert, und das beunruhigte sie. War das nicht erstaunlich, dass es so etwas gab? Offensichtlich hatte ihr Verstand etwas bemerkt, doch anstatt ihr klar und deutlich anzuzeigen, worum es ging, bekam sie ein Gefühl, etwas sei nicht richtig. Was also war es? Die Gäste schienen noch dieselben zu sein, wie zuvor. Alles Jugendliche oder junge Erwachsene, wie nicht anders zu vermuten. Die Bedienung hatte sich auch nicht in neue Klamotten geschmissen, das wäre ihr auffallen. Vielleicht war jemand Neues dazugekommen, aber warum sollte sie das beunruhigen?

   Nein, es musste etwas ganz Anders sein, etwas viel Offensichtlicheres. Wenn sie dieses Gefühl hatte, dann gab es immer eine ganz Offensichtliche Veränderung. Ein großes Geheimnis versteckte man am Besten in voller Sicht, hieß es nicht so? Worin lag das Geheimnis? Sie schloss die Augen und tat so, als würde sie jeden Eindruck löschen. Dann öffnete sie sie wieder und sah sich noch einmal um.

   Die Fische! Sie bewegten sich nicht. Tatsächlich. Sie wirkten wie eingefroren. Freya erhob sich und ging zur Panoramascheibe. Je näher sie kam, desto merkwürdiger kam ihr das Wasser vor. Irgendwie staubig wirkte es, aber es handelte sich nicht um Staub. Man konnte nicht mehr so leicht hindurchschauen. Als sie vor das Panzerglas trat, hatte sie endgültige Gewissheit. Die Fisch waren wie in der Zeit angehalten, die Krabben ebenso. Freya legte die Hand an die Scheibe und zuckte zurück. Sie war eiskalt. Das ganze Becken war gefroren.

   Sie ging zurück zum Tisch und schulterte ihr Tasche.

   “Lasst uns von hier verschwinden”, sagte sie vollkommen außer sich.

   “Verschwinden?” fragte Tom. “Wir sind doch gerade erst angekommen.”

   “Dann gehen wir eben gleich wieder”, schnappte Freya.

   “Warum?” Momo wunderte sich.

   “Weil hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Packt ein, wir ziehen Leine.”

   Die drei sahen ihre Freundin erstaunt an.

   “Seht euch mal die Fische an!”

   Die drei taten, wie ihnen geheißen. Alle verstanden, was Freya meint.

   “Wenn wir gleich hinausgehen”, sagte sie, “dann berührt das Glas und ihr werdet feststellen, das Wasser ist gefroren. Ich scherze nicht, überzeugt euch selbst.”

   Die anderen drei überzeugten sich davon. Ohne ein Wort zu verlieren, bezahlten sie ihre Drinks und verließen das Blue Dream. Draußen auf der Straße versammelten sie sich im Kreis. Kalt war es geworden, selbst für diese Jahreszeit. Es schien ein strenger Winter zu werden, strenger, als jeder Winter, den sie je erlebt hatten. Das waren noch nicht allzu viele, aber immerhin. Die Kälte war stechende, als hätte die Luft Zähne.

   “Also, was ist jetzt?” fragte Tom.

   “Was wird da gerade gesehen haben, ist eigentlich unmöglich”, sagte Patricia. “Ich meine, es gibt sicher Kühlsysteme die ein Rieseaquarium in derart kurzer Zeit abkühlen, aber ganz sicher nicht in diesem Aquarium. Es ist also eigentlich unmöglich.”

   “Es gibt das Phänomen der spontanen Verbrennung. Vielleicht ist es hier etwas Ähnliches, nur umgekehrt”, mutmaßte Tom.

   “Was immer es war, es ist nicht normal. Wasser kühlt doch nicht so schnell ab”, fügte Momo hinzu.

   “Okay, lasst uns logisch vorgehen”, hob Patricia an. “Es gab heute zwei Erlebnisse mit Wasser, die durch nichts zu erklären sind. Das ist Fakt. Hinzu kommt diese Chinesin, die irgendetwas von einer bestimmten Macht redet, die wir nicht begreifen können, zumindest noch nicht. Ich bin die Letzte, die so etwas sagen sollte, aber hier gehen wirklich merkwürdige Dinge vor sich. Vielleicht ist es besser, es herauszufinden, bevor das Ganze zu einer Bedrohung ausartet.”

   Freya nickte. “Jeder muss Acht geben auf sich. Am Besten, ihr meidet Wasser, soweit es geht. Geht bloß nicht baden oder so. Ich finde, wir sollten jetzt alle nach Hause gehen. Geht nach Hause und morgen Treffen wir uns. Mein Treffen mit diesem Alexander Krusche ist morgen um zehn Uhr, also in der Früh. Mal sehen, was er mir zu sagen hat.”

   “Willst du da wirklich allein hin?” fragte Momo.

   “Ja, ich werde allein gehen”, antwortete Freya. “So war es schließlich ausgemacht und ich
halte mich ab Abmachungen.”

   “Dann viel Glück.”

   Damit war alles gesagt.

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Patricia - Teil 3

Patricia hatte nichts anzuziehen. In solchen Augenblicken wünschte sie sich, ein Junge zu sein. Jeans, Hemd, Jacke, Schuhe mussten nur sauber sein. Sie als Frau hingegen musste es zustande bringen, eine harmonische Komposition zu erschaffen, die angenehm für das Auge des Betrachters, aber nicht um einen Deut sexy sein würde. Einerseits trafen sie sich zu einer kleinen Feier, andererseits war der Anlass durchaus nicht erfreulich. Heute wollte sie keinen Männern imponieren, es genügte, wenn sie passabel aussah, sehr passabel allerdings.

   Sie entschied sich für dezente Blautöne, eine Satinhose und ein Oberteil mit dezentem Ausschnitt. Dazu eine beinahe unsichtbare Kette, das war alles. Der mannshohe Spiegel in ihrem Zimmer zeigte sich zufrieden mit ihr. Okay, so konnte sie unter Menschen gehen.

   Ihr nächster Weg führte ins Wohnzimmer, wo Annegret, ihre Mutter seit Stunden vor der Glotze saß. Gab es eine Zeit am Nachmittag, zu der keine Soap lief? Anscheinend nicht, denn sie verbrachte fast ihre gesamte Freizeit mit diesen Episodengeschichten. Nichts anderes schien sie zu kümmern, sie verbrachte ihr halbes Leben mit diesen Serien. Annegret wusste mehr über diese Kunstfiguren als über die Menschen im Real Live, was manchmal auch für ihre Tochter zu gelten schien.

   Patricias Mutter sah nicht vom Bildschirm, als sie eintrat.

   “Mum?”

   “Ja, Liebes?”

   “Hast du mein Handy gefunden?”

   Annegret sah in ihre Richtung und lächelte schief. “Oh, ich weiß nicht mehr, wohin ich es gelegt habe. Wo soll ich suchen?”

   Für einen Augenblick wusste Patricia nicht, was sie dazu sagen sollte. Immerhin hatte ihre Mutter das Teil verbummelt. Erst ihr eigenes, dann ihres. Wohin verschwanden die Dinge nur immer? Erst Annegrets Armbanduhr, jetzt beide Handys. Patricia schluckte einen Riesenbrocken hinunter uns warf einen Blick in die Runde. Eigentlich hatte sie jetzt keine Lust, auf allen Vieren herumzukrabbeln und unter den Sofas nachzusehen, aber es blieb ihr nicht über. Sie brauchte ihr Handy, ohne ging gar nichts. Während sie suchte, ließ sich Annegret nicht stören. Anstatt zu helfen, versorgte sie ihre Tochter mit den neuesten Neuigkeiten aus der wunderbaren Welt der Soaps. Werner hatte doch tatsächlich mit Hannah angebandelt, aber wahrscheinlich nur, um seinem Freund eins auszuwischen. Er war nicht mehr grün mit Günther und die beiden redeten ja schon seit einer Woche nicht mehr miteinander. Außerdem spann die Chefin wieder ein Komplott gegen die Heldin der Geschichte, was äußerst spannend war. Chefin hatte ein Auge auf ihren Freund geworfen und suchte nach einem Grund, sie aus dem Betrieb zu scheuchen. Die wackere Heldin aber machte unerwartet Überstunden, um den Schaden wieder gut zu machen, das arme Mädchen. Dabei glaubte sie wirklich, sie hätte etwas falsch gemacht, dabei war sie hintergangen worden. Hach, wie schrecklich diese Chefin war.

   In Wahrheit war die Chefin die gute Seele hinter den Kulissen, dass wusste Annegret aus einem der vielen Serienheftchen, die sie zur Nacht las. Ja, hinter den Kulissen lief aber auch nicht alles glatt. Sie hatte den Eindruck, der schwule Kellner sollte aus den Show gemobbt werden. Schon lag ein Drehbuch vor, nach dem er bei einem Autounfall ums Leben kommen sollte. Das gefiel Annegret überhaupt nicht. Lieber sollte man einen Liebhaber für ihn einbauen, das wäre doch süß. Er könnte sich natürlich auch in Markus verlieben, der nicht schwul war und Homosexuelle nicht ausstehen konnte. Die beiden könnten platonische Freunde werden Markus könnte seinen Homophobie überwinden. Annegret hatte selbst eine Idee für ein Drehbuch. Dabei würde der schwule Kellern Markus das Leben retten und die beiden würden dicke Freunde.

   “Wäre das nicht toll?” fragte sie.

   “Was?” Patricia sah gerade unter den beiden Sesseln nach. “Ich weiß nicht. Mich interessieren diese Geschichten nicht. Willst du nicht lieber mal wieder unter Leute gehen und eigene Freunde haben?”

   Annegret griff nach der Zigarettenschachtel und klopfte einen Stängel heraus. Sie entzündete ihn und sog gierig.

   “Was soll ich unter Leuten? Wie lange ist das nun her? Schon vier Jahre. Denkst du, er wird jemals zurückkommen?”

   Himmel, dachte Patricia. Nein, ihr Vater würde nicht zurückkommen. Er hatte sich ins Nirgendwo verdrückt, ohne weitere Angaben. Niemand wusste, wo er sich aufhielt. Vor vier Jahren verschwand er spurlos, schrieb noch einen letzten Brief aus Berlin. Er habe seine große Liebe gefunden und wollte mit seinem alten Leben abschließen. Einfach abgehauen war er und nachdem dies geschehen war, zog Annegret sich in diese Traumwelt zurück. Vier Jahre war sie nicht mehr vor der Tür gewesen, außer zum Arbeiten.

   “Verdammt noch mal!” entfuhr es Patricia.

   Sie stand auf und wedelte mit einer Rechnung, die sie unter einem Sessel gefunden hatte. “Die sollte doch schon längst beglichen sein.”

   “Was ist das?” fragte Annegret mit zusammengekniffenen Augen.

   “Das ist eine Mahnung, du weißt genau, was das ist.” Patricia klang wieder sehr streng. Immerzu bekamen sie Ärger, weil ihre Mutter nachlässig war. “Die werden uns anzeigen, wenn wir die Rechnung nicht sofort begleichen. Es ist schon die zweite Mahnung.” Sie legte das Blatt auf den Wohnzimmertisch. “Unterschreib es wenigstens, damit ich es einwerfen kann.”

   Annegret nickte schuldbewusst. Auch sie wollte nicht schon wieder vor dem Amtsgericht landen. Sie steckte die Hand zischen zwei Sofakissen und stocherte ein wenig. Da war doch etwas. Plötzlich zog sie Patricia Handy hervor.

   “Sieh an”, sagte Annegret und lächelte fröhlich.

   “Sieh an”, wiederholte Patricia und rupfte das Teil aus ihrer Hand.

   Annegret suchte weiter und fand einen abgekauten Kuli. Sie unterschrieb zittrig und überreichte den Schein ihrer Tochter.

   “Danke. Haben wir die Handwerker auch schon bezahlt?”

   “Ja.”

   “Sicher?”

   “Aber ja.”

   “Na wenigstens.”

   Patricia ging noch einmal die Liste in ihrem Kopf durch. Was konnte ihre Mutter sonst noch vergessen haben? Bis auf diese eine waren sämtliche Rechnungen beglichen.

   “Hast du den Wagen schon abgeholt? Der Mechaniker hat gestern angerufen.”  

   Annegret antwortete mit einem überraschten Augenausdruck.

   “Also nicht. Das müssen wir morgen unbedingt machen, sonst berechnen die uns noch was für den Stellplatz. Ab heute parken wir offiziell privat auf dem Betriebsgelände, das mögen die vielleicht nicht. Ich erinnere dich heut Abend noch einmal und morgen erledigen wir das dann.”

   “Ja, gut. Erinnere mich, das ist gut. Gehst du noch einkaufen? Ich brauche Shampoo. Orange-Mango, du weißt schon. Die anderen ziepen so.”

   Patricia stemmte die Fäuste in ihre Hüften. “Nein, ich gehe heute nicht mehr einkaufen. Einkaufen ist morgen. Ich treffe mich mit meinen Freunden im Blue Dream.”

   Annegret blinzelte. “Warst du nich eben schon mit deinen Freuden zusammen?”

   “Das war die Beerdigung, jetzt treffen wir uns und quatschen ein bisschen. Wir müssen das ganze erst mal verarbeiten.”

   “Oh, ja, die Beerdigung.” Annegret lächelte. “War es denn schön?”

   Schön? Was sollte dass denn heißen? Ferien waren schön oder Erdebeerkuchen. Schön, na ja.

   “Es war eine würdige Veranstaltung”, antwortete sie. “Freya hat eine sehr gute Rede gehalten und auch Torbens Vater. Danach hatte sie einen kleinen Nervenzusammenbruch, aber es geht wohl schon wieder.”

   “Oh, das kann ich mir gut vorstellen. Maike hatte einen Nervenzusammenbruch, als ihr Mann beerdigt wurde. Das war auch sehr anrührend. Tatsächlich aber ist ihr Mann gar nicht tot, er ist mit ihrer besten Freundin nach Amerika abgehauen. Sie wird es sicher bald herausfinden, er hat nämlich einen Brief im Büro liegen lassen.”

   Für einen Augenblick sah Patricia ihre Mutter an. Ihr fiel nichts mehr ein zu dieser Frau, sie wusste nich, was sie mit ihr anstellen sollte. Vielleicht half ein weiteres Gespräch, aber sie hatten schon so viele. Patricia würde mit ihr zu einem Therapeuten gehen, aber das wollte sie nicht. Als sie ihrer Mutter dies vorschlug, brach sie in Tränen aus und jammerte, sie wolle Vater zurück haben. Er würde nicht zurück kommen, warum fand sie sich damit nicht endlich ab? Patricia hatte ihren Erzeuger längst in den Wind geschrieben und sich darüber hinaus fest vorgenommen, niemals von einem Kerl abhängig zu sein, nicht finanziell und vor allem nicht emotional. An die große Liebe glaubte sie nur unter bestimmten Bedingungen. Sie würde einen anständigen Mann finden und ihn unter keinen Umständen heiraten, da er sich dann wahrscheinlich in ein Arschloch verwandeln würde. Sie wollte einen für immer, was sie nicht wollte, war, sklavisch gebunden zu sein. Ihre Liebe würde sie ihrem Kind schenken, denn sie wollte unbedingt eines. Nicht jetzt natürlich, aber irgendwann.

   Patricia löste den Blick von ihrer Mutter und seufzte.

   “Ich gehe mich schminken, dann verschwinde ich”, sagte sie, indem sie das Wohnzimmer verließ. Ihr Weg führte zurück ins Badezimmer. Ein Blick in den Spiegel verriet, dass sie nicht viel geschlafen hatte. Der Gedanke an die Beerdingung hatte sie erst spät in der Nacht zur Ruhe kommen lassen. Torben war vielleicht so ein Mann gewesen, mit dem man durchs Leben gehen würde. Freya glaubte daran und Patricia hielt es für möglich.

   Sie musste sich abschminken, bevor sie neu auflegte. Sie griff in den Behälter mit den Wattebauschen und begann. Patricia achtet stets darauf, ihr natürliche Schönheit zu unterstreichen und nichts künstlich oder übertrieben wirken zu lassen. Die meisten Mädchen benutzten entweder nur Wasser oder sie übertrieben es so sehr, dass es billig wirkte. Kriegsbemalung war definitiv Out. Sie wirkte nie billig. Auch nun verzichtet sie eher, als dass sie auftrug. Weniger war mehr, vor allem, wenn man niemanden kennen lernen wollte. Es sollte ein ruhiger Abend in einem netten Club werden. Sie würden plaudern und der alten Zeiten gedenken. Einmal mehr stiftete Torben die Gemeinschaft, das würden sie alle zu würdigen wissen. Ein Abend in seinem Namen und seinem Angedenken sollte es werden. Eigentlich war es ein Grund zur Trauer, trotzdem freute sie sich darauf. Man konnte sich keine besseren Freunde wünschen, dachte sie. Freya, Momo und Tom gehörten zu den einzigen Menschen, denen sie wirklich vertraute. Vertrauen bedeutete viel in ihrem Leben.

   Während sie neu auflegte, drang ein gurgelndes Geräusch aus dem Abfluss. Oh, nein. Die Handwerker waren doch gerade erst im Haus gewesen, es sollte alles in Ordnung sein. Das Geräusch wurde lauter, dann riss es plötzlich ab. Patricia beugte sich vor und sah in den Abfluss. Zum Glück roch es nicht verdächtig, das fehlte noch. Sie wartete jeden Augenblick darauf, dass Wasser nach oben spülte, aber nicht dergleichen geschah. Stattdessen erklang ein Geräusch, als würde Metall über Stein schaben. Stein oder Keramik. Das Geräusch schien aus dem Inneren des Becken zu kommen. Patricias Blick wanderte aufwärts zur Armatur. Der Wasserkran bewegte sich. Sie wich zurück und starrte das Teil an. Nicht nur der Kran bewegte sich, die ganze Installation samt Griff ruckte hin und her. Sie bewegte sich in der Keramikpassung. Fast schien es so, als rühre jemand an ihr, doch das war absolut ausgeschlossen. Was aber würde dieses Metallding sich bewegen lassen?

   Es knallte laut und Patricia entging dem Angriff nur um Haaresbreite, indem sie sich zur Seite drehte. Der Wasserdruck sprengte die Armatur aus der Fassung. Das Metallding flog in die Dusche und zersplitterte eine Kachel. Aus dem Loch im Becken spritzte es bis an die Decke. Patricia sprang zum Haupthahn und drehte diesen zu. Die Fontäne erstarb.

   Sie sah sich das Loch im Becken und das in der Kachel an. Dann hob sie eine Augenbraue und sagte etwas, das jeder andere an ihrer Stelle auch gesagt hätte: “Interessant.”

   Mist. Hatten die Handwerker irgendwie Mist gebaut, das war doch nicht normal. Konnte sich ein solch hoher Druck überhaupt aufbauen, dass es die Armatur aus der Fassung riss? Himmel, das durfte doch nicht wahr sein. Ob das die Hausratsversicherung abdeckte? Und würde ihr jemand glauben, was sich soeben zugetragen hatte? Das alles schien ihr doch mehr als unwahrscheinlich. Würden dann nicht ständig solche Dinge geschehen, wenn der Wasserdruck so hoch war? Kaum.

   Wieder erklang jenes gluggerndes Geräusch, doch diesmal hinter ihr. Auf dem Absatz fuhr sie herum und sah, wie Wasser durch den Abfluss in die Wanne strömte. Es kam so schnell, das die Wanne in wenigen Augenblicken überlaufen würde. Wieder langte sie nach dem Haupthahn, nur um zu finden, dass sie tatsächlich abgedreht hatte. Sie drehte mit aller Kraft, aber weiter ging es nicht. Das Wasser derweil quoll weiter hervor und das so schnell, als hielte jemand 20 Gartenschläuche in die Wanne. Patricia riss die Augen auf. Das würde eine
Katastrophe geben.

   Da das Wasser nicht auf diese Weise gestoppt werden konnte, musst der Haupthahn im Keller abgedreht werden. Sie musste den Hausmeister alarmieren. Gut das ihr Handy eben wieder aufgetaucht war. Sie holte die Nummer aus dem Speicher und wählte sie. Als sie die Tasten drückte, geschah etwas wirklich Erstaunliches. Eine Bodenkachel begann zu wackeln. Sie bewegte sie um einen Zentimeter aufwärts, dann wurde sie durch einen feinen Wasserstrahl in mehrere Teile zerrissen. Der Strahl schoss senkrecht aufwärts und zerfetze Patricias Handy. Das Handy schien regelrecht zu platzen, mit solch hohem Druck durchschlug der Strahl das Teil. Für einen Moment regnete es Metall- und Plastikteile. Patricia wich einen Schritt zurück und starrte auf die zerstört Kachel zu ihren Füßen. Eine weitere Kachel begann zu zittern, diesmal die, auf der sie stand. Sie hüpfte rückwärts und stieß mit dem Rücken gegen das Fenster. Ein zweiter Wasserstrahl schoss in die Höhe und ließ Mörtel aus der Decke rieseln. Staub breitete sich im ganzen Badezimmer aus.

   Auf der gegenüber liegenden Seite neben der Tür platzte die Tapete auf und ein dritter nadelfeiner Strahl schoss quer durch den Raum. Einen Augenblick darauf trat fünf Zentimeter daneben noch ein Strahl heraus und dann noch einer. Es wurden immer mehr und sie kamen immer näher. Patricia glaubte nicht, was hier vor sich ging. Es konnte einfach nicht wahr sein.

   Der Heißwasserboiler riss es aus den Dübeln. Der Plastikkasten flog in hohem Bogen an Patricias Gesicht vorbei und krachte gegen die Wand. Das verdammte Teil landete auf ihren Füßen, aber sie schrie nicht. Die Schmerzen waren nicht so schlimm, außerdem würde nur ein Weichei schreien.

   Nun aber schoss ein dicker Wasserstrahl aus der Wand, an der eben noch der Boiler hing. Der Strahl trat mit ungeheuerem Druck hervor und explodierte auf der anderen Wand. Es spritzte in alle Richtungen und die vielen feinen Tröpfen verbreiteten sich durch das ganze Badezimmer. Wie dichter Nebel füllten sie den Raum, Patricia atmete sie. Während dies geschah, platzten immer neue, nadelfeine Strahlen aus der Wand. Es wurden immer mehr, indem sie langsam näher kamen.

   Patricia begab sich auf die Knie, um unter den feinen Strahlen hindurchzukrabbeln. Dies gelang problemlos, doch in der Mitte des Badezimmers schoss das Wasser aus der Leitung im Boden. Sie machte sich ganz schmal und krabbelte daran vorbei. Immer weiter ging es, bis sie schließlich die Tür erreichte. Ihre Hand tastete hinauf zur Klinke, dann zog sie sie auf. Auf diese weise rettete sie sich in die Diele. Dort erhob sie sich und starrte ins Badezimmer zurück. Die Wasserstrahlen waren verschwunden, nichts regte sich mehr. Patricia atmete heftig, indem sie gegen die Wand lehnte.

   In diesem Augenblick kam Annegret hinzu. Sie wunderte sich über den Lärm. Nach einem Blick auf das Schlachtfeld erschrak sie. Oh, Himmel. Was war denn hier geschehen?

   “An deiner Stelle würde ich das Bad jetzt nicht betreten”, sagte Patricia.

   Die Türklocke ging. Es war Freya, die sich Sorgen machte. Ihr Verdacht also bestätigte
sich, Patricia schwebte in Gefahr. Nun schien alles in Ordnung zu sein, doch das Bad sah schrecklich aus. Dreimal vergewisserte sich Freya, ob mit Patricia alles in Ordnung sei, doch die hatte sich nicht einmal richtig aufgeregt. Sie war die kühle Blonde. Patricia wunderte sich nur darüber, das Leitungen aus Metall durch Wasser durchlöchert werden konnten. Genau genommen hielt sie es für unmöglich. Selbstverständlich konnten sie an bestimmten Stellen durchgerostet sein, doch nicht an so vielen gleichzeitig. Außerdem würde sie annehmen, dass es durch ein Leck nur tropfen sollte und nicht derart spritzen. Das Ganze schien ihr mehr als merkwürdig.

   “Was ist nur geschehen?” fragte Freya.

   “Ich weiß auch nicht so recht.” Patricia zuckte die Schultern. “Vielleicht ist der Geist
des Wasser wütend auf mich.”

   “Geist des Wassers?” wiederholte Freya. “Meinst du das wirklich?”

   Patricia warf ihr einen schmalen Blick zu. Natürlich glaubte sie das nicht. Sie glaubte, was sie sah, nicht mehr und nicht weniger. Selbstverständlich gab es keine Geister, nicht in diesem Haus und nirgendwo. Für einen Augenblick machte es den Anschein, als hätte das Wasser seinen eigenen Willen, aber eben nur für einen Augenblick. Der Mensch war ein sinnsuchendes Wesen, also versuchte er, allem eine Absicht zu unterstellen. Patricia würde sich nicht auf irgendwelche mystische Spekulationen einlassen. Trotzdem war es mehr als nur unwahrscheinlich, dass einem der Heißwasserboiler entgegenkam, weil vielleicht etwas Überdruck in den Rohren herrschte.

   “Müssen wir jetzt die Handwerker rufen?” fragte Annegret in die Stille.

   Freya und Patricia warfen sich eine bestimmten Blick zu.

   “Ja, Mutter, das müssen wir wohl.”

   “Dann ziehe ich mich schnell um, man will ja keinen schlechten Eindruck machen.”

   Mit diesen Worten verschwand sie in ihrem Schlafzimmer. Nachdem die Tür sich geschlossen
hatte, verdrehte Patricia die Augen. Freya wollte etwas sagen, doch Pattie brachte sie mit der erhobenen Hand zum Schweigen.

   “Komm bloß nicht auf die Idee, unsere kleine Feier abzusagen. Ich werde heute Abend, also in wenigen Minuten Spaß haben und zwar viel Spaß. Das hier…” Sie nickte ins Badezimmer. “…hat sich erst einmal nicht zugetragen. Klar? Wir werden Spaß haben und uns entspannen. Wir trinken und wir rauchen und wir machen uns keine Gedanken. Ich rufe jetzt den Hausmeister an und erkläre ihm, was geschehen ist. Er wird es mir nicht glauben, deshalb erkläre ich es ihm noch mal. Danach wird er irgendeinen Notdienst anrufen und dann haben wir eben die Handwerker im Haus.”

   Sie tat, was sie sagte. Zuerst rief sie den Hausmeister über das Festnetz an und nachdem er gekommen war, um sich den ‘kleinen Wasserschaden’ anzuschauen, erklärte sie ihm zweimal, was sich zugetragen hatte. Der guter Mann glaubte es tatsächlich nicht, aber als er den Zustand des Bades sah, zog er die Stirn kraus. Es sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Kacheln waren aufgeplatzt und der Boiler lag neben dem Becken. Sehen heißt glauben, also tat er seinen Teil. Der Hausmeister versprach, dass gleich morgen die Handwerker kämen, um die Rohre zu begutachten. Heute jedenfalls konnten sie das Bad nicht mehr benutzen.

   Unglaublich, sagte er. So etwas hätte er in seinen 23 Jahren als Hausmeister noch nie gesehen. Ja, unglaublich.

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